Semenov ging einmal spazieren

Semenov's verlorene Stiefel

Semenov’s verlorene Stiefel

 

Märchen [1933]

Daniil Charms

Es war einmal ein Mann, der hieß Semenov. Semenov ging einmal spazieren und verlor sein Taschentuch. Semenov machte sich daran, das Taschentuch zu suchen und verlor die Mütze. Er machte sich daran, die Mütze zu suchen und verlor seine Jacke. Er machte sich daran, die Jacke zu suchen, verlor aber seinen Stiefel.

Na, – sagte sich Semenov, – wenn das so weitergeht, verliere ich noch alles. Ich gehe lieber nach Hause.

Also ging Semenov und verlief sich.

Nein, – sagte da Semenov, – ich setze mich lieber hin und bleib ein wenig sitzen.

So setzte sich Semenov auf einen Stein und er schlief ein.

 

Arkádi

Kloster Arkádi

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Hort des Widerstandes

Vom Gebeinhaus bis zum Haupttor waren es nur ein paar Schritte. Wir hatten Glück. Unser Ziel, eine Hauptattraktion auf der Insel, war um die Jahreszeit wie leer gefegt. Anfang April verirren sich nur wenige Menschen auf die Hochebene im Hinterland von Réthimnon auf Kreta, um das berühmte Kloster zu besuchen. Das Kloster und „Nationalheiligtum“ Arkádi.

Wie eng auf Kreta Kirche und Volk verbunden waren, spürte ich dort hautnah. In den Augen der Kreter ereignete sich hier 1866 der „heldenhafteste“ aller Kämpfe für die Freiheit der Insel.

Die Festlandgriechen hatten ihre Unabhängigkeit von den Osmanen bereits im Jahr 1821 erreicht, aber Kreta stand nach wie vor unter türkischer Besatzung. Widerstände wuchsen und wurden von Jahr zu Jahr stärker. Die Klöster und ihre Äbte zählten zu den wichtigsten Verbündeten der Insulaner und boten den Kämpfern Unterschlupf und Waffen, indem sie diese finanzierten. Die Klöster, anführend das Kloster Arkádi, waren regelrechte militärische Widerstandsnester.

1866 gab es eine tagelange Belagerung durch die türkische Armee. Man wollte endlich einen Schlussstrich unter den ewigen Widerstand ziehen. 15000 Soldaten belagerten das kleine Kloster. Ich versuchte mir das vorzustellen: dieser kleine Gebäudekomplex von Kloster und dem gegenüber eine solche Übermacht an bewaffneten Belagerer. Es überstieg meine Vorstellungskraft.

Es steht geschrieben, dass 325 kretische Männer bis zum letzten Mann gekämpft und über 800 Kreter, Männer, Frauen und Kinder, sich für den Freitod entschlossen hatten, um nicht abgemetzelt zu werden oder in Gefangenschaft zu geraten. Sie hatten sich in das Pulvermagazin des Klosters verschanzt und ein Freiheitskämpfer ( die vorhandenen Unterlagen sprechen von einem Freiheitskämpfer oder einem Abt Gabriel) feuerte einen Schuss in ein Pulverfass. Die Detonation war so gewaltig, dass bis auf ein Mädchen alle den Tod fanden.

Aber erst 30 Jahre später brachte dieses tragische Ereignis die politische Wende. 1898 zogen die letzten Türken ab und Kreta gehörte den Kretern.

Als ich vor der wieder aufgebauten Pulverkammer stand, alles war sehr ruhig um mich herum, noch nicht einmal ein Vogel war zu hören, da knarrte das Metalltürchen vor mir und wie von Geisterhand öffnete sie sich ein wenig. Ich wusste natürlich, dass das der Wind war, aber irgendwie spürte ich eine Beklommenheit und ich entschied, nicht weiter vorzugehen, um mir die Gedenktafel im Innern anzusehen. Ich stieg einige Stufen ins nächste Stockwerk hoch und entdeckte dort eine Galerie mit Schwaz-weiß-Aufnahmen, allesamt von Männern, teils in Mönchskutten, teils in kretischer Kleidung, die alle einen gemeinsamen Todestag hatten: den 9. November 1866.

Da musste ich den Klosterhof aufsuchen. Brauchte Licht und Luft, denn wenn auch alles weit weit zurückliegt, können Steine doch „sprechen“? Im Hof standen wunderschöne Blumen in alten Töpfen und ein Mönch, der mich wohl beobachtet hatte, brach von einem Olivenbaum einen Zweig ab, den er mir überreichte. Wir konnten uns in Sprache nicht verständigen, aber die Geste und seine Haltung sagten alles.

Als die Deutschen vom Himmel fielen

Ein letztes Mal mussten die Kreter im letzten weltweit großem Krieg um ihre Freiheit kämpfen. Am 20. Mai 1941 eroberten innerhalb von 10 Tagen deutsche Truppen die Insel. Das Unternehmen nannte sich „Merkur“. Über 8000 Fallschirmjäger ( Menschenopfer für den „Führer“: allein 4000 Fallschirmjäger starben hier) landeten auf der Insel und Hitlers Soldaten blieben bis zum Juli 1945. Sie bekämpften den kretischen Widerstand gnadenlos mit Mord und Folter. Die Schrecken dieser Zeit sind unvergessen.

In dem Buch „Wind auf Kreta“ von David McNeil Doren wird eine Aussage zitiert, die im Ungefähren so lautet: Steckt man eine Nadel in kretischen Boden und zieht sie wieder heraus, so färbt sich der Boden blutrot. Diese Worte beziehen sich allerdings auf die lange lange Inselgeschichte und nicht nur auf die jüngere Zeit!

In der Neuzeit angekommen

Ich bin mir sicher, ein Großteil der heutigen Kretaurlauber weiß überhaupt nichts von dieser Geschichte. Kreta’s Strände, Berge, Licht, Essen und Menschen verlocken sehr. Warum sich da traurige Gedanken machen?

Man sollte natürlich aufpassen und das Inselvolk nicht verklären. Die Kreter sind längst in der Neuzeit angekommen. Und kämpfen, trotz des Goldesels „Tourismus“, allerdings um Arbeitsplätze. Für die Jugend bedeutet das häufig: die Familien zurücklassen und auf das Festland umsiedeln. Der Fortschritt wird deshalb bei vielen unter die Devise gestellt: sei realistisch und pragmatisch; sieh den Touristen, vergiss den Menschen. Im Hinterland jedoch, nur ein paar wenige Kilometer von den Touristenhochburgen entfernt, begegnet man Kreter, mit intensivem Interesse an seinen Mitmenschen. Dort ist der Gast ein Geschenk.

jbs 2ooodreizehn

 Anmerkung: Der Inhalt des obigen Textes ist aus meiner Erinnerung heraus entstanden, sowie erlebten Begegnungen im April 2013.

Klaus Modick „Der kretische Gast“

David McNeil Doren „Wind auf Kreta“

Merian „Kreta“

kriti

Kefáli

Kefáli

gedanken an kriti

stell dir vor,

du bleibst.

weil

hinter jeder ecke

ein abenteuer wartet

und nachts,

auf dem wasser,

kleine rote sterne

tuckern,

die leise

silbrigen schwärmen

folgen,

wenn worte

flink wie kiesel

über das meer

springen

und am morgen

mit dem letzten kuß

ans ufer gespült,

leise verklingen.

dann stell dir vor,

du bleibst.

einfach.

zurück.

jbs 2ooodreizehn

Die Illusion vom Fliegen

„Die lange Liebe ist deshalb möglich – auch wenn sie glücklich ist – weil ein Mensch nicht leicht zu Ende zu besitzen, zu Ende zu erobern ist – es tun sich immer neue, noch unentdeckte Gründe und Hinterräume der Seele auf, und auch nach diesen streckt sich die unendliche Habsucht der Liebe aus. – Aber die Liebe endet, sobald wir das Wesen als begrenzt empfinden.“

Friedrich Nietzsche

Hans Zenegeler "Die größte Liebe aller Zeiten"

Hans Zengeler
„Die größte Liebe aller Zeiten“

 „Die größte Liebe aller Zeiten“

Im Unterschied zu vielen Autoren schreibt Hans Zengeler weniger zu politischen oder kriminalistischen Themen, sondern interessiert sich stark an den psychologischen und emotionalen Facetten seiner Figuren.

Hans Zengeler hegt große Sympathien. Diese gelten vor allem jenen Menschen, die durch bloßes Husten die Gefühlslage ihrer Mitmenschen durcheinander bringen. Es sind die Anti-Helden unserer Gesellschaft, die ihn faszinieren und die er präzise beobachtet, um sie hernach auf Papier zu verewigen. So geschehen mit Josef Bloch, Zengeler’s einsamen Helden, der nach dem „wer bin ich“ urkomisch sucht und es, vermeintlich, in einer Liaison mit einer Literaturprofessorin findet.

 Die Illusion vom Fliegen

Josef Bloch, seinerzeit ein 40-jähriger, in Trennung lebender Tag-und Nachtträumer, braucht Arbeit und Geld. Er findet einen Aushilfsjob als Chauffeur und wie der Zufall es will, gleich sein erster Auftrag katapultiert ihn punktgenau vor „… eine Erscheinung, eine Vision, eine Halluzination, ein überirdisches Wesen, ein Engel mit gelocktem Haar.“. Und genau in diesem, ironischen, Ton, mal himmelhochjauchzend, dann wieder zu Tode betrübt, lenkt Josef Bloch nicht nur einen Mercedes 260er SE durch die Stadt, sondern auch seine „größte Liebe aller Zeiten“.

Josef schwebt wie in einer Seifenblase. Größer wird diese von Seite zu Seite.

Josef, will ich ihm als Leserin zurufen, Josef , die Blase wird platzen und dann fällst Du tief und hart. Du kannst nicht fliegen!

Aber es nützt nichts, Josef Bloch steuert auf seine Katastrophe zu. Nach, gefühlt unendlichen, Liebesbeteuerungen und -nächten ist irgendwann auch der längste Kongress zu Ende, die Frau seines Herzens startet zurück in ihre Heimat und Josef Bloch landet. Landet äußerst schmerzhaft und unsanft. Und hart. Hart auf dem Boden der Tatsachen. Sein letztes Geld, nämlich gerade mal dreitausend D-Mark, seine letzten Ersparnisse, hat er für „die größte Liebe aller Zeiten“ verbraten und wenn nicht genau zu dem Zeitpunkt Ira, die wirklich größte Liebe aller Zeiten, was er allerdings zu dem Zeitpunkt nur noch nicht weiß, aufgetaucht wäre, wer weiß, wie das „Scheißleben“ sonst geendet wäre.

 Fazit

Die Handlung des Buches ist eigentlich ziemlich einfach gestrickt. Rückblickend erinnert sich der sympathische Anti-Held Josef Bloch an eine Liaison, die ihn kurzfristig emotional aus dem Gleichgewicht geworfen hat.

„Die größte Liebe aller Zeiten“ ist ein überaus menschlicher und lebensnaher Roman. Der unterhaltsame Stil verleiht auch mir kurzfristig Flügel und ich hadere mit meinen Gefühlen: soll ich dem Protagonisten nun einen Hinterntritt geben, damit er aufwacht oder soll ich mit ihm träumen? Ich entscheide mich für die Traumreise mit Josef Bloch und kehre erst dann in meinen Alltag zurück, als das letzte Wort verschluckt, bzw. gelesen ist.

Empfehlung: Sich auf den unwiderstehlichen Zengeler-Bloch-Gefühle-Sog einlassen, um vielleicht wie ich, nach den 198 Seiten sagen zu können: Lesen macht einfach Spaß!

Persönliche Kritik

Meine Begeisterung für Cover und Buchtitel hält sich in Grenzen. Würde ich nicht schon einige Romane des Autors Hans Zengeler kennen, diese Ausgabe hätte keinen Platz auf meiner Leseliste gefunden, weil mich Titel und Bild nicht ansprechen. Ein Cover ( sowie der Klappentext) schafft Orientierung, leitet ins Genre, in den Text und damit zu genau dem Grund, das Buch überhaupt erst zu kaufen. Die Buchhändlerin meiner Wahl staunte, als sie mir den Roman über den Verkaufstresen reichte und sie fragte, ob ich wirklich dieses Buch gemeint hätte. Ja! Ich hatte.

Auch wenn der erste äußere Eindruck auf Trivialliteratur und Kitsch hinweist, nein, der Inhalt dieses Buches ist weder trivial noch kitschig. Es ist ein sensibel genau beobachtetes Personenportrait, geschrieben mit Witz und Ironie, mit Sachkenntnis und mit einer gehörigen Portion Freude am Schreiben.

jbs
Mai 2ooodreizehn

Die kursiv gehaltenen Textstellen sind Zitate aus dem Buch „Die größte Liebe aller Zeiten“

„Bloch II“ von Hans Zengeler, erschienen im VAT-Verlag 2013

Nachtrag: Passagenverkürzung am 5. Juni 2013