Arkádi

Kloster Arkádi

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Hort des Widerstandes

Vom Gebeinhaus bis zum Haupttor waren es nur ein paar Schritte. Wir hatten Glück. Unser Ziel, eine Hauptattraktion auf der Insel, war um die Jahreszeit wie leer gefegt. Anfang April verirren sich nur wenige Menschen auf die Hochebene im Hinterland von Réthimnon auf Kreta, um das berühmte Kloster zu besuchen. Das Kloster und „Nationalheiligtum“ Arkádi.

Wie eng auf Kreta Kirche und Volk verbunden waren, spürte ich dort hautnah. In den Augen der Kreter ereignete sich hier 1866 der „heldenhafteste“ aller Kämpfe für die Freiheit der Insel.

Die Festlandgriechen hatten ihre Unabhängigkeit von den Osmanen bereits im Jahr 1821 erreicht, aber Kreta stand nach wie vor unter türkischer Besatzung. Widerstände wuchsen und wurden von Jahr zu Jahr stärker. Die Klöster und ihre Äbte zählten zu den wichtigsten Verbündeten der Insulaner und boten den Kämpfern Unterschlupf und Waffen, indem sie diese finanzierten. Die Klöster, anführend das Kloster Arkádi, waren regelrechte militärische Widerstandsnester.

1866 gab es eine tagelange Belagerung durch die türkische Armee. Man wollte endlich einen Schlussstrich unter den ewigen Widerstand ziehen. 15000 Soldaten belagerten das kleine Kloster. Ich versuchte mir das vorzustellen: dieser kleine Gebäudekomplex von Kloster und dem gegenüber eine solche Übermacht an bewaffneten Belagerer. Es überstieg meine Vorstellungskraft.

Es steht geschrieben, dass 325 kretische Männer bis zum letzten Mann gekämpft und über 800 Kreter, Männer, Frauen und Kinder, sich für den Freitod entschlossen hatten, um nicht abgemetzelt zu werden oder in Gefangenschaft zu geraten. Sie hatten sich in das Pulvermagazin des Klosters verschanzt und ein Freiheitskämpfer ( die vorhandenen Unterlagen sprechen von einem Freiheitskämpfer oder einem Abt Gabriel) feuerte einen Schuss in ein Pulverfass. Die Detonation war so gewaltig, dass bis auf ein Mädchen alle den Tod fanden.

Aber erst 30 Jahre später brachte dieses tragische Ereignis die politische Wende. 1898 zogen die letzten Türken ab und Kreta gehörte den Kretern.

Als ich vor der wieder aufgebauten Pulverkammer stand, alles war sehr ruhig um mich herum, noch nicht einmal ein Vogel war zu hören, da knarrte das Metalltürchen vor mir und wie von Geisterhand öffnete sie sich ein wenig. Ich wusste natürlich, dass das der Wind war, aber irgendwie spürte ich eine Beklommenheit und ich entschied, nicht weiter vorzugehen, um mir die Gedenktafel im Innern anzusehen. Ich stieg einige Stufen ins nächste Stockwerk hoch und entdeckte dort eine Galerie mit Schwaz-weiß-Aufnahmen, allesamt von Männern, teils in Mönchskutten, teils in kretischer Kleidung, die alle einen gemeinsamen Todestag hatten: den 9. November 1866.

Da musste ich den Klosterhof aufsuchen. Brauchte Licht und Luft, denn wenn auch alles weit weit zurückliegt, können Steine doch „sprechen“? Im Hof standen wunderschöne Blumen in alten Töpfen und ein Mönch, der mich wohl beobachtet hatte, brach von einem Olivenbaum einen Zweig ab, den er mir überreichte. Wir konnten uns in Sprache nicht verständigen, aber die Geste und seine Haltung sagten alles.

Als die Deutschen vom Himmel fielen

Ein letztes Mal mussten die Kreter im letzten weltweit großem Krieg um ihre Freiheit kämpfen. Am 20. Mai 1941 eroberten innerhalb von 10 Tagen deutsche Truppen die Insel. Das Unternehmen nannte sich „Merkur“. Über 8000 Fallschirmjäger ( Menschenopfer für den „Führer“: allein 4000 Fallschirmjäger starben hier) landeten auf der Insel und Hitlers Soldaten blieben bis zum Juli 1945. Sie bekämpften den kretischen Widerstand gnadenlos mit Mord und Folter. Die Schrecken dieser Zeit sind unvergessen.

In dem Buch „Wind auf Kreta“ von David McNeil Doren wird eine Aussage zitiert, die im Ungefähren so lautet: Steckt man eine Nadel in kretischen Boden und zieht sie wieder heraus, so färbt sich der Boden blutrot. Diese Worte beziehen sich allerdings auf die lange lange Inselgeschichte und nicht nur auf die jüngere Zeit!

In der Neuzeit angekommen

Ich bin mir sicher, ein Großteil der heutigen Kretaurlauber weiß überhaupt nichts von dieser Geschichte. Kreta’s Strände, Berge, Licht, Essen und Menschen verlocken sehr. Warum sich da traurige Gedanken machen?

Man sollte natürlich aufpassen und das Inselvolk nicht verklären. Die Kreter sind längst in der Neuzeit angekommen. Und kämpfen, trotz des Goldesels „Tourismus“, allerdings um Arbeitsplätze. Für die Jugend bedeutet das häufig: die Familien zurücklassen und auf das Festland umsiedeln. Der Fortschritt wird deshalb bei vielen unter die Devise gestellt: sei realistisch und pragmatisch; sieh den Touristen, vergiss den Menschen. Im Hinterland jedoch, nur ein paar wenige Kilometer von den Touristenhochburgen entfernt, begegnet man Kreter, mit intensivem Interesse an seinen Mitmenschen. Dort ist der Gast ein Geschenk.

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 Anmerkung: Der Inhalt des obigen Textes ist aus meiner Erinnerung heraus entstanden, sowie erlebten Begegnungen im April 2013.

Klaus Modick „Der kretische Gast“

David McNeil Doren „Wind auf Kreta“

Merian „Kreta“

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2 Kommentare zu “Arkádi

  1. Vielen Dank für diese wunderschönen Bilder und den geschichtlichen Ausblick! Ich war noch nicht auf Kreta und denke dabei zuerst an die griechische Mythologie, an Ariadne und Theseus, den Minotaurus … Aber wie wichtig auch die neuere Geschichte ist, wurde mir hier beim Lesen klar, und wie wenig man davon weiß! Danke für die so gut beschriebenen Eindrücke und das dadurch mögliche Eintauchen in Geschichte und Flair einer wunderschönen Insel. (Ich will da schon lange mal hin …)

  2. Danke Dir!
    Ich war 1982 ( vielleicht war es auch ’81 ) schon einmal auf Kreta. Und mir ist es diesmal (anfangs) genauso wieder ergangen … so wie Du es beschreibst: die griechische Mythologie ist im Kopf allgegenwärtig.
    Insbesondere ja Knossos. Wobei Knossos leider ein Walt-Disney-Verschnitt geworden ist. Anders erlebt man es in Phaistos.
    Die absolute Nebensaison lässt allerdings vieles in einem anderen Licht erscheinen.
    Auf dem Felsen, von dem Daedalus und Ikarus in die Freiheit fliegen wollten, auf dem bin ich gestanden und habe über das libysche Meer geblickt, ganz wie einst vielleicht Vater und Sohn. Dieses Gefühl war wirklich einmalig. Denn die Sage ist dermaßen verinnerlicht und literarisch unendlich verarbeitet ( also von Autoren, Philosophen usw.; nicht von mir ) und dann stehst du plötzlich genau dort.
    Und abends, beim Erzählen, holte mich die Gegenwart ganz flugs ein, denn, so erzählte der Vermieter, der Arabische Frühling schwappte akustisch und optisch übers Meer ( Luft-und Schiffverkehr). Luftlinie bis zum libyschen Festland sind es ca. 300 Kilometer. Man hatte auf der Insel ganz berechtigt Sorgen und Ängste. Jetzt war allerdings alles ruhig. Bis auf den Wind. Der erreichte in der ersten Woche bis zu Windstärke 8 und der tobte ununterbrochen an die sechs Tage.
    Das Du dies alles bald selbst sehen und erleben kannst wünsche ich Dir! Jassu und kalinichta!

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