Augen in der Großstadt

"Du gehst dein Leben lang auf tausend Straßen;"

Du gehst dein Leben lang auf tausend Straßen

Augen in der Großstadt

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
da zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? vielleicht dein Lebensglück…
vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang, die
dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hast’s gefunden,
nur für Sekunden…
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück…
Vorbei, verweht, nie wieder.

Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Er sieht hinüber
und zieht vorüber …
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das?
Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.

Kurt Tucholsky 1930

aus: Kurt Tucholsky, Gedichte Rowohlt-Verlag, Seite 689<

Caroline Peters rezitiert „Augen in der Großstadt“ von Kurt Tucholsky

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten/frankfurter-anthologie/gedichtlesungen/frankfurter-anthologie-kurt-tucholsky-augen-in-der-grossstadt-12038079.html

aus:  Frankfurter Allgemeine – Frankfurter Anthologie – Bilder und Zeiten

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2 Kommentare zu “Augen in der Großstadt

    • Ich habe auf diesen Tag gewartet! Und wie! 😉

      Es gibt wirklich wunderbare Lyriker, sei es in der Vergangenheit oder in der Neuzeit, aber der Tucholsky gehört zu den ganz Großen. Einfach grandios. Seine politische und satirische Lyrik, wunderbar. Ja! Und das sie zeitlos ist, ob er das damals so gewusst, bzw. geahnt hat? Auf jeden Fall mahnen seine Texte, seine Verse an die Verantwortung des Einzelnen vor der Geschichte aller Menschen. ( Damit habe ich mir schon ein wenig die Frage beantwortet 😉 )

      Obiges könnte ich immer und immer wieder wie ein Mantra rezitieren, wenn ich es dabei nur im Kopf auswendig behalten könnte. Aber … klappt nicht.
      Vor Jahren hatte ich bei einer Fortbildung im Elsass einen Mann kennen gelernt, der hatte die Gabe, fast alle ( zumindest machte er so den Eindruck auf mich) Ringelnatzgedichte auswendig wiederzugeben. Und dann auch noch mit richtiger Betonung. Er war an dem Abend der Star in der Gruppe ( das geplante Nachgespräch der Fortbildung fiel Ringelnatz zum Opfer 😀 ).

      Übrigens … an dieser Stelle: Habe mir Wedekind’s Lulu im Antiquariat bestellt. Sowie von Langemeyer Erläuterungen und Dokumente! Ich danke sehr für diesen Gedankenanstoß!

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