Bilder. Nur Bilder.

Bilder. Nur Bilder.

Ein Schiff in der Fahrrinne. Bunte Drachen im Wind. Ein Kind auf einem Bobbycar an der Mole. Segelmasten an Segelmasten. Eine Seejungfrau hängt unter einem Balkon, Gallionsfigur moderner Architektur. Sonnenstrahlen, die am Spätnachmittag auf den Kristallen vom Sandstrand Reflektion üben. Eine Katze, die mit den Resten einer Makrele liebäugelt. Eine Frau, die mit nassen Haaren im Strandkorb träumt. Zwei Jugendliche mit Dreadlocks. Möwengeschrei und wildes Durcheinander in der Luft. Eine Eierschale im Seegras, zerbrechlich und hellblau. Ein bunt gestreifter Wasserball, ans Ufer gespült.

Eine Hündin, schreckhaft, ängstlich. Ein Mann und eine Frau, eng umschlungen. Ein Wärter trägt einen blauen Overall. Aus schwarzen Boxen schallen sonore Töne. Ein Affe hangelt sich von Ast zu Ast zum Käfigdach. Hängt kopfüber.

Eine alte Frau auf einer Bank, ein Brot in der Hand. Eine Eintrittskarte auf dem Boden. Ein erster Kuss.

Sanfter Regen setzt ein.

Vom Pfirsichblütenquell

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Die wundersame Geschichte vom Pfirsichblütenquell

von Tao Yüan-ming

* 365, gest. 427

Inselverlag, 1992, Seite 69

In der Epoche Taiyüan des Kaisershauses Dschin fuhr ein Fischer aus Wuling ein Flüßchen hinauf. Als er nun so in Gedanken verloren dahinruderte, gewahrte er mit einemmal zu seinem größten Erstaunen, dass er mit seinem Kahn in einen Hain von blühenden Pfirsichbäumen geraten war, die in einer Tiefe von mehreren hunderten Schritt die Ufer des Flüsschens säumten. Nur Pfirsichbäume gab es hier, deren Blüten wie ein rosafarbener Regen auf das frische grüne Gras herniederschauerten. Neugierig, wie weit sich dieser Hain noch hinziehen möge, ruderte er weiter. Als sich die Bäume schließlich lichteten, fand er hier auch die Quelle, von der das Flüsschen seinen Ursprung nahm. Ein Fels ragte darüber empor mit einer Höhlung im Gestein, durch welche Licht hindurchzuschimmern schien. Der Fischer stieg aus dem Kahn und zwängte sich durch den Spalt, der sich nach ein paar Dutzend Klaftern plötzlich erweiterte und den Blick auf ebenes Land freigab. Schmucke Häuschen standen dort inmitten grünender Felder, Maulbeerhaine und Bambuswäldchen, die Kreuz und Quer durchflochten von einem Netz von Ackerrainen und Gemarkungen. In dem Dörfchen tummelte sich gackernd Federvieh in Scharen, und von Hof zu Hof bellten die Hunde einander zu. Die Männer und Frauen, die auf den Feldern arbeiteten, trugen Gewänder von einer merkwürdig fremdländischen Art, wie er sie noch nie gesehen hatte. Mit frohen Mienen wandelten Greise umher; und Kinder mit aufgebundenem Haar, das wie Hörnchen vom Kopf abstand, gingen munter ihren Spielen nach.

Die Leute erschraken sehr, als sie des Fischers ansichtig wurden. Aber nachdem er ihnen gesagt, woher er komme, und noch gar manche Frage beantwortet hatte, nahmen sie ihn mit in ihr Dorf, brachten Wein herbei und schlachteten Hühner, um ein Gastmahl für ihn zu bereiten.

Alsbald hatte sich die Nachricht von der Ankunft des Fremdlings im ganzen Dorf herumgesprochen, und nun kamen alle und bestürmten ihn mit Fragen. Über sich selbst erzählten sie ihm, dass ihre Vorfahren in den Wirren Zeiten der Tschin-Dynastie mit Frau und Kind und Anverwandten in diese abgelegene Gegend geflohen seinen und dass seither keiner von ihnen den Ort verlassen habe. So lebten´sie denn vollends abgeschieden von der Außenwelt und wußten nicht einmal, daß das Haus Tschin schon vor Jahrhunderten gestürzt worden sei und das Haus Han danach den Kaiserthron bestiegen habe, geschweige denn, daß sie je etwas von den Dynastien Wei und Dschin gehört hätten. Als ihnen dann der Fischer alles, was er über die Ereignisse der Welt wußte, mitteilte, lauschten sie mit trübseligen Mienen und manchem Seufzer des Bedauerns seinen Worten.

Jeder wollte ihn zu Gast haben, und so wurde er von einer Familie nach der anderen in ihr Haus gebeten und mit Wein und Speisen reichlich bewirtet. Als er sich nach ein paar Tagen wieder zur Heimkehr anschickte, baten ihn die Leute, nichts über ihre Zufluchtsstätte draußen in der Welt laut werden zu lassen. Alsdann kroch er durch die Höhle zurück, fand seinen Kahn wieder und ruderte heimwärts auf dem Wege, auf dem er gekommen war. Unterwegs aber kennzeichnete er die Strecke, indem er Markierungen zurückließ.

Nach seiner Rückkunft ging der Fischer geradewegs zum Präfekten der Provinz und berichtete ihm von seinem sonderbaren Erlebnis. Dieser schickte ihn auch sogleich wieder aus und gab ihm als Begleitung noch ein paar seiner Leute mit.

Aber vergeblich suchten sie den Markierungen zu folgen. Sie verirrten sich und konnten den Weg nicht mehr finden.

Die Geschichte des Fischers kam auch Liu Zi-dschi aus Nanyang, einem gelehrten Mann von lauterem Charakter, zu Ohren. Voll freudiger Erwartung rüstete er sich sogleich zur Reise. Aber auch ihm war das Glück abhold; denn bald danach erkrankte er und verschied. Seitdem hat sich niemand mehr bemüht, das verschollene Dorf wieder aufzufinden.

Die Sprachenauseinanderdriftung

Sprachen-aus-einander-driftung

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Seit letzter Woche schleicht sich bei mir eine Handkebegeisterung ein.

Handke stellt die Legende von Babylon auf den Kopf. Was für eine wunderbare Herausforderung, die Vielfältigkeit der Sprache. Es sei, so sagt er im Interview u.a.

„… Es ist ein großer Moment gewesen, wo die vielen Sprachen entstanden sind, und auf diese Weise ist die Bilderwelt immer fruchtbar, indem durch Vergleiche zwischen den verschiedenen, zwischen den Tausenden Sprachen des Turmbaus von Babel … Es ist eine große, segensreiche Geschichte gewesen. Nicht der Turmbau, aber die Sprachenauseinanderdriftung – oder wie man das nennt!“

zitiert aus: Die Sprachenauseinanderdriftung – Peter Handke und Lojze Wieser im Gespräch mit Frederick Baker – Seite 58/59 – Wieser Verlag 2010

 

avara von Kimmo Pohjonen & Kronos Quartett