Wolfgang Herrndorf

Am 26.August 2013 ist Wolfgang Herrndorf in Berlin gestorben. Er wurde 48 Jahre alt.

Ich mal mir ein Tor zum Himmel ... Morgen bin ich wieder da ... Wolfgang Herrndorf 2ooodreizehn

Ich mal mir ein Tor zum Himmel … Morgen bin ich wieder da … Wolfgang Herrndorf 2ooodreizehn

Auf seinem Blog „Arbeit und Struktur“ schrieb er am 30.04.2013:
http://web.archive.org/web/20130723083000/http://www.wolfgang-herrndorf.de/

Wenn das Lächeln meine Seele streichelt
Was ich mir wünsche ist ein Clown
Ich mal mir ein Tor zum Himmel
Fliege nicht eher als bis dir Federn gewachsen sind
Wie ein Schiff im Sturm
Morgen bin ich wieder da
Und trotzdem mal ich mir ein Lächeln ins Gesicht.

Wolfgang Herrndorf

tschick

von jbs eingestellt auf dem Blog „lou-salome“ am 17.08.2011

Vor drei Wochen besuchte ich unsere Stadtbücherei, um Reiseführer für den anstehenden Urlaub auszuleihen. Da fiel mir im Vorbeigehen am Regal für aktuelle Lektüre der Titel „tschick“ ins Auge. Auf dem Buchrücken las ich: 

„Man lacht viel, wenn man „tschick“ liest, aber ebenso oft ist man gerührt, gelegentlich zu Tränen. Es ist ein Buch, das einen Erwachsenen rundum glücklich macht und das man den Altersgenossen seiner Helden jederzeit schenken kann.“ Gustav Seibt, Süddeutsche Zeitung.

Und nun? dachte ich. Die Bücherliste für den zweiwöchigen Urlaub ist doch eh schon viel zu lang und nun noch ein „Jugendroman“?
Wer hatte dieses Buch geschrieben? Wolfgang Herrndorf? Kenne ich nicht. In Hamburg geboren, Jahrgang 1965 (ich gehöre auch zur 60iger Generation), ist mit dem Deutschen Erzählerpreis ausgezeichnet ( und gibt nicht gerne Interviews ( was ich im nachhinein ergoogelt hatte)). Ich wurde neugierig. Auf „tschick“ und das angekündigte „Roadmovie“ zweier Gymnasiasten. Meine zwei Söhne sind schon etwas über das Alter der beiden Protagonisten hinaus, aber noch nicht lange. Und so interessierte es mich schon, wie schreibt ein fast fünfzigjähriger Mensch über Jugendliche in dem Alter. Das Buch landete also auch in meinen Korb und sollte die erste Urlaubslektüre werden. 

Wolfgang Herrndorf, Jahrgang 1965, erzählt in seinem 254 Seiten langem Roman „tschick“, 2010 im Rohwolt-Verlag erschienen, ein atemloses Roadmovie zweier 15-jähriger Schüler, die sich mit einem gestohlenen Lada auf den Weg in die Walachei begeben, um den Großvater von Tschick zu besuchen.

Tschick schließt den alten Wagen kurz, Maik räumt die Speisekammer seiner Eltern leer, zwei auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Jugendliche starten ihre Reise: 

„ Das ist nur ein Wort, Mann“, sagte ich ( Maik) und trank den Rest von meinem Bier. „Walachei ist nur ein Wort! So wie Dingenskirchen. Oder Jottwehdeh.“ 

Hier müsste ich nun beginnen mit nacherzählen, beschreiben und … schwärmen. Denn etwas anderes als schwärmen kann ich nach dieser Lektüre nicht. Keine Seite dieses Buches ist langweilig oder langatmig. Sei es der gescheiterte Versuch, sich durch 

„ Er legte beide Schlafsäcke als Kissen auf den Fahrersitz, setzte meine Sonnenbrille wieder auf, schob sie ins Haar, steckte eine Zigarette in seinen Mundwinkel und klebte sich zuletzt schwarzes Isolierband ins Gesicht, um einen Kevin-Kurányi-Bart zu simulieren. Er sah allerdings nicht aus wie Kevin Kurányi, sondern wie ein Vierzehnjähriger, der sich Isolierband ins Gesicht geklebt hat.“ 

zu verkleiden und als achtzehnjährige auszugeben, oder die Orientierung in Richtung Walachei zu behalten, auch wenn man dabei in einem Weizenfeld landet und nicht mehr über die Halme hinausgucken kann 

„ … Das Feld ging leicht bergauf. Wir fuhren kleine Kurven und Schnörkel und stießen auf eine Schneise, die wir eine Minute zuvor selbst gepflügt hatten. Ich schlug vor, Tschick sollte versuchen, unsere Namen in den Weizen zu schreiben, sodass man sie von einem Hubschrauber aus lesen konnte oder später bei Google-Earth.. Schon beim Querbalken vom T verloren wir die Übersicht. Wir fuhren einfach nur herum, krochen immer weiter einen Hügel hinauf, und als wir ganz oben waren, war das Feld plötzlich zu Ende.“

Weiter geht es mit der ewigen Suche nach Essbarem und nach Benzin. Dabei lernen sie die unterschiedlichsten Menschen kennen und müssen sich immer wieder vor der Polizei verstecken, damit ihre Reise kein vorzeitiges Ende nimmt. 
Es kommt, wie es kommen muss, die Fahrt endet abrupt, Maik findet sich im Krankenhaus wieder und Tschick in einem Heim. Aber hier ist noch nicht der Schluß der Geschichte, man darf noch ein wenig weiterlesen. Und ist froh darum, weil man Maik und Tschick nicht alleine lassen möchte.

Nach der Lektüre war mir klar, hier auf meinem Blog etwas über dieses Buch zu schreiben, eventuell Parallelen zu ziehen. Oder in die Tiefe dieses Romans zu gehen. 
Ich will es aber nicht mehr. Das Buch „Tschick“ liest sich so unbeschwert, so unkompliziert, so sympathisch, trotz seines aktuellen Bezugs zu u.a. Migration, Alkoholismus, Partnerschaft und Schulalltag. 
Vergleiche täten diesem Werk unrecht, weil „Tschick“ einfach „Tschick“ ist. 

jbs 17.08.2011

Textstellen aus dem Buch sind kursiv geschrieben und mit Anführungszeichen markiert!

Interview mit Wolfgang Herrndorf in der FAZ vom 31.01.2011

http://www.faz.net/artikel/C30437/im-gespraech-wolfgang-herrndorf-wann-hat-es-tschick-gemacht-herr-herrndorf-30326213.html

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Auf den Weg kommt es an oder Kasslatter spielt

Sylvie gab Gas und mit ihr lachte die ganze Straße.

Sylvie gab Gas und mit ihr lachte die ganze Straße.

Textsplitter

Auf den Weg kommt es an oder Kasslatter spielt

Der Kasslatter leckte an seiner Oberlippe. Er holte tief Luft und äußerte dann mit sonor anschwellender Stimme, schon vom ersten Moment geahnt zu haben, welcher Art ihr Leben wäre. Und er würde sich wundern, bildete sie sich wirklich ein, er würde sie mit nach Milano nehmen, nur ihrer schönen Augen wegen?
Sylvie schluckte. Dann entschied sie sich dafür, dass er sich über sie lustig mache und drehte nervös an ihren Korkenzieherlocken. Sie brauchte ihn. Sie käme von diesem gottverlassenem Ort nämlich nicht mehr weg und die länger werdenden Schatten diverser Straßenlaternen kündigten unaufhaltsam das Dunkel an.

Ja, wisperte Kasslatter, während durch den Tankrüssel Super schwefelfrei rauschte, er sei nämlich auf der Flucht vor zwei Spaniern. Denen hätte er beim Glücksspiel sozusagen die Hosen ausgezogen. Fünfzehntausend Euro! Ob sie sich das vorstellen könne? Fünfzehntausend! Und anstatt sofort das Weite zu suchen, weil die beiden nämlich gemerkt hatten, das seine Karten gezinkt waren, sei er am nächsten Tag wieder in die Spielhölle, ein zweites Mal sein Glück, wie er es nannte, zu versuchen. Dabei hätte er sich an eine alte Regel halten sollen, niemals, aber auch niemals Spieler zweimal hochzunehmen. Trotzdem ist er hin. Halt ein psychopathisches Manko seiner Natur, wider besseres Wissens zu handeln. Und nun seien sie natürlich hinter ihm her. Da könne er keine Tramper mitnehmen.

Sylvie sah ein seltsames Flackern in seinen Augen, während er den Asphalt rauf und runter schaute, aber es war weit und breit niemand zu sehen. Die Tankstelle lag tatsächlich gottverlassen. An einer Kreuzung. In irgendeinem Niemandsland. Kasslatter schien zu begreifen, warum die Fremde, die sich mit Sylvie vorgestellt hatte, sich penetrant in seiner Nähe aufhielt. Hier einmal als Tramper abgestellt, komme man nicht so schnell wieder weg.

Hmm, Sylvie schwankte zwischen Jubelgefühlen und Habacht. Ihre Wangen wölbten sich, sie verschluckte ein Grinsen und hüstelte, ja, das würde sie kennen. Genauso war es nämlich gewesen, als sie ihre Jungfernschaft verloren hatte. Sie hatte es nicht gewollt und hatte es dennoch gemusst.

Diesmal schluckte Kasslatter. Er imitierte ein Husten, um etwas Zeit zu gewinnen. Okey, okey, okey! Überzeugt! Sie können mit! Hier, mein Geldbeutel, gehen sie zahlen! Ich passe auf!

Da riss Sylvie den Kasslatter an sich und küsste ihn minutenlang.
Exquis! stöhnte der. Errötete jäh und schob sie sachte Richtung Kassierer.
Mit weit ausgestreckten Armen, Kasslatter’s Portemonnaie in der einen Hand, in der anderen Hand, für den Wartenden nicht zu erkennen, ein schwarzes Etwas, tanzte Sylvie Richtung Kasse.
Zweimal voll, kicherte sie dem Tankwart entgegen. Zahlte und schlüpfte durch die Hintertür auf die Rückseite des Gebäudes direkt hinein in ihr wartendes Auto.

Sie schlug sich mehrmals lachend auf die Oberschenkel, klatschte einmal in die Hände, dankte ihrem Jadebuddha, der, statt unter dem Bodhi-Baum zu sitzen, vor ihr auf der Konsole klebte und dabei weise seine Augen geschlossen hielt. Dann fuhr sie los.
Im Rückspiegel sah sie Kasslatter, wie er begriff und wild in ihre Richtung gestikulierte.
Sylvie gab Gas und mit ihr lachte die ganze Straße.

© jbs 2ooodreizehn

Weiße Wand und ein neues Außenhirn

So langsam, so ganz langsam käme sie wieder an, meinte er und erzählte von der weißen wand. hinten, im hasenbachtal. den unerhört schrillschönen pfiffen einzelner murmel, die, auf ihrem hinterteil säßen und braune runde nasen in die luft streckten, immer auf der hut. wache haltend.
und dann sei doch alles ganz schnell gegangen. schneller als ihr lieb war. als sie sich umwandte, nach rechts und auch nach links, huschten schattenspiele auf grünen matten vorbei. szenenwechsel im zeitraffer. die weiße wand wurde langsam grau.
und ob sie es auch sah? wie sie da lag? ohne kette und völlig frei? vorm tal wache haltend wie ein hund? wiederkäuend.
und wie oft j. zurückgeschaut hat, ohne zu erstarren. sie hat sich ein außenhirn wachsen lassen, damit alles platz hat, was ihr an größe begegnet ist.

jbs 2ooodreizehn

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Abstieg von der Weißen Wand durch das Hasenbachtal ins Ahrntal hinunter, 2013.

Abstieg von der Weißen Wand durch das Hasenbachtal ins Ahrntal hinunter, 2013.