Auf den Weg kommt es an oder Kasslatter spielt

Sylvie gab Gas und mit ihr lachte die ganze Straße.

Sylvie gab Gas und mit ihr lachte die ganze Straße.

Textsplitter

Auf den Weg kommt es an oder Kasslatter spielt

Der Kasslatter leckte an seiner Oberlippe. Er holte tief Luft und äußerte dann mit sonor anschwellender Stimme, schon vom ersten Moment geahnt zu haben, welcher Art ihr Leben wäre. Und er würde sich wundern, bildete sie sich wirklich ein, er würde sie mit nach Milano nehmen, nur ihrer schönen Augen wegen?
Sylvie schluckte. Dann entschied sie sich dafür, dass er sich über sie lustig mache und drehte nervös an ihren Korkenzieherlocken. Sie brauchte ihn. Sie käme von diesem gottverlassenem Ort nämlich nicht mehr weg und die länger werdenden Schatten diverser Straßenlaternen kündigten unaufhaltsam das Dunkel an.

Ja, wisperte Kasslatter, während durch den Tankrüssel Super schwefelfrei rauschte, er sei nämlich auf der Flucht vor zwei Spaniern. Denen hätte er beim Glücksspiel sozusagen die Hosen ausgezogen. Fünfzehntausend Euro! Ob sie sich das vorstellen könne? Fünfzehntausend! Und anstatt sofort das Weite zu suchen, weil die beiden nämlich gemerkt hatten, das seine Karten gezinkt waren, sei er am nächsten Tag wieder in die Spielhölle, ein zweites Mal sein Glück, wie er es nannte, zu versuchen. Dabei hätte er sich an eine alte Regel halten sollen, niemals, aber auch niemals Spieler zweimal hochzunehmen. Trotzdem ist er hin. Halt ein psychopathisches Manko seiner Natur, wider besseres Wissens zu handeln. Und nun seien sie natürlich hinter ihm her. Da könne er keine Tramper mitnehmen.

Sylvie sah ein seltsames Flackern in seinen Augen, während er den Asphalt rauf und runter schaute, aber es war weit und breit niemand zu sehen. Die Tankstelle lag tatsächlich gottverlassen. An einer Kreuzung. In irgendeinem Niemandsland. Kasslatter schien zu begreifen, warum die Fremde, die sich mit Sylvie vorgestellt hatte, sich penetrant in seiner Nähe aufhielt. Hier einmal als Tramper abgestellt, komme man nicht so schnell wieder weg.

Hmm, Sylvie schwankte zwischen Jubelgefühlen und Habacht. Ihre Wangen wölbten sich, sie verschluckte ein Grinsen und hüstelte, ja, das würde sie kennen. Genauso war es nämlich gewesen, als sie ihre Jungfernschaft verloren hatte. Sie hatte es nicht gewollt und hatte es dennoch gemusst.

Diesmal schluckte Kasslatter. Er imitierte ein Husten, um etwas Zeit zu gewinnen. Okey, okey, okey! Überzeugt! Sie können mit! Hier, mein Geldbeutel, gehen sie zahlen! Ich passe auf!

Da riss Sylvie den Kasslatter an sich und küsste ihn minutenlang.
Exquis! stöhnte der. Errötete jäh und schob sie sachte Richtung Kassierer.
Mit weit ausgestreckten Armen, Kasslatter’s Portemonnaie in der einen Hand, in der anderen Hand, für den Wartenden nicht zu erkennen, ein schwarzes Etwas, tanzte Sylvie Richtung Kasse.
Zweimal voll, kicherte sie dem Tankwart entgegen. Zahlte und schlüpfte durch die Hintertür auf die Rückseite des Gebäudes direkt hinein in ihr wartendes Auto.

Sie schlug sich mehrmals lachend auf die Oberschenkel, klatschte einmal in die Hände, dankte ihrem Jadebuddha, der, statt unter dem Bodhi-Baum zu sitzen, vor ihr auf der Konsole klebte und dabei weise seine Augen geschlossen hielt. Dann fuhr sie los.
Im Rückspiegel sah sie Kasslatter, wie er begriff und wild in ihre Richtung gestikulierte.
Sylvie gab Gas und mit ihr lachte die ganze Straße.

© jbs 2ooodreizehn

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