Ich nannte ihn Krawatte

Japanischer Ahorn

Japanischer Ahorn

„Kalt ist’s heute!“
sag ich, und zurück
kommt
„Kalt ist’s heute!“
… diese Wärme,
dass da einer ist,
der Antwort gibt!

Tawara Machi …
… Jahrgang 1962 ist eine japanische Lyrikerin, Übersetzerin, Schriftstellerin.
Obiges Tanka ist dem Postkartenkalender „Fliegende Wörter“ 2012 entnommen.

Tanka wurden oft verwendet, um jeder Art von Anlässen einen würdigen Abschluss zu geben. So wurde auch besonderer Wert auf die Schönheit des Gedichtes und die ästhetische Form gelegt. Entsprechendes Papier, Tinte, Schönschrift und eine symbolische Zugabe, wie ein Zweig oder ein Blatt wurden verwendet.

Auf diesem Video kann man Machi Tawara hören, wie sie auf japanisch eines ihrer Werke vorliest:

Machi Tawara reading her words

Milena Michiko Flašar

„Wer in einem Lachen nichts anderes als ein Lachen hört, der ist taub.“

Eine weitere, zu beachtende junge Schriftstellerin ist in meinen Augen Milena Michiko Flašar.
Sie wurde 1980 in St. Pölten, Österreich, geboren und ist die Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters.
Ihr Buch “ Ich nannte ihn Krawatte“, 2012 im Wagenbachverlag erschienen, lohnt sich sehr zu lesen.

Hikikomori und Salaryman

Der Inhalt des Buches beschreibt eine immer intensiver werdende Begegnung-Beziehung zweier Männer. Der Jüngere der beiden Japaner, der zwanzigjährige Taguchi Hiro, will sich anfangs auf gar keine Begegnung einlassen. Er gehört zu den vielen tausenden Personen in Japan, die als Hikikomori bezeichnet werden. Es sind Menschen, die sich freiwillig in ihrer Wohnung oder ihrem Zimmer einschließen und den Kontakt zur Gesellschaft auf ein Minimum reduzieren.

“ … Nach wie vor ging es mir darum, für mich zu sein. Ich wollte niemandem begegnen. Jemanden zu begegnen bedeutet, sich zu verwickeln. Es wird ein unsichtbarer Faden geknüpft. Von Mensch zu Mensch. Lauter Fäden. Kreuz und quer. Jemandem zu begegnen bedeutet, Teil seines Gewerbes zu werden, und dies galt es zu vermeiden.“

Taguchi Hiro verstrickt sich in diesen Gedanken, der Tod einer Schulkameradin wirft ihn aus der Bahn. Sie wurde so sehr in der Schule gemobbt, dass sie den Freitod wählte. Und obwohl Taguchi sie mochte, half er ihr nicht. Nach dem Freitod des Mädchens zog Taguchi sich immer mehr zurück. Er bricht den Kontakt zu seinen Eltern ab, er wird ein Hikikomori. Und dann kommt doch irgendwann ein Tag, der den Wendepunkt in seinem Leben einläuten wird.
Er verlässt das Haus.
Drückt sich auf Straßen herum, findet in einem Park eine Bank, auf der er den ganzen Tag sitzt, tagelang, wochenlang, nur mit kurzen Unterbrechungen, um im Elternhaus zu schlafen und zu essen.

Und plötzlich ist er nicht mehr allein auf seiner Parkbank. Ein etwas älterer Herr, ein Salaryman, so bezeichnet man in Japan männliche Firmenangestellte, der tagein tagaus in gleichbleibender Ruhe seine Zeitung liest, sein Bentō auspackt und isst und sogar auf der Bank schläft, wird sein täglicher Begleiter.

Die Lüge

Der Salaryman erzählt von seiner Ehe, seiner liebevollen Frau, seinem behinderten Kind, das er nie angenommen hatte und das früh starb. Von der Isolation, in die sich das Ehepaar zurückzog, um den Schmerz auszuhalten. Und davon, dass er seinen Arbeitsplatz verloren habe und seiner Frau nichts davon erzählt hätte.

Was ich sagen möchte. Die Lüge hat ihren Preis. Einmal gelogen, findet man sich in einem anderen Raum. Man lebt unter einem Dach, hält sich in denselben Zimmern auf, schläft im selben Bett, wälzt sich unter einer Decke. Die Lüge aber frisst sich mitten hindurch. Sie ist ein Graben. Unüberbrückbar. Sie macht, dass ein Haus in zwei Teile zerfällt. Und wer weiß, ob es sich mit der Wahrheit nicht ebenso verhält?

Kleines Fazit für großartigen Text

Zwei Aussenseiter finden sich im Roman. Erzählen sich ihre Lebensgeschichte, die für den Einen ein endgültiger Abschied wird, für den Anderen ein Anfang.

Einmal mit dem Buch begonnen, dem wird es schwer fallen, es zwischendurch abzulegen, um Alltägliches zu erledigen. Am Besten ist es, sich für die 136 Seiten einen Zeitpunkt auszusuchen, der es einem ermöglicht, diese poetische Sozialstudie in einem Rutsch durchzulesen.

Lesung Milena Michiko Flasar „Ich nannte ihn Krawatte“
(Wagenbach Verlag), Literaturhaus Salzburg, Mai 2012
Veranstalter: Verein Literaturhaus

Die in kursiv gehaltenen Textstellen sind Zitate aus obig genanntem Buch.aus: Lou Salome Blog vom 4 November 2012
http://nietzsche.twoday.net/stories/tanka-machi-flaar/

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s