Der Ho-Chi-Minh-Pfad und „Monsieur Linh und die Gabe der Hoffnung“

 

 

ho chi minh pfad

Bildquelle: http://swrmediathek.de/img/9/2/2/922177a1ef52f8359408e66348e24a1c

Am Wochenende zeigte das SWR-Fernsehen einen Film von Karin Feltes:

Länder-Menschen-Abenteuer Vietnam – Auf dem Ho-Chi-Min-Pfad

http://www.swr.de/lma/laender-menschen-abenteuer-vietnam-auf-dem-ho-chi-min-pfad/-/id=100886/did=12920948/nid=100886/1fclj63/index.html

 

Hintergründe zum Ho-Chi-Minh-Pfad lassen sich auf Planet Schule – Wissenspool nachlesen:

http://www.planet-schule.de/wissenspool/vietnamkrieg/inhalt/hintergrund.html

 

IMG_0092 - Kopie

Und aus der Feder von Philippe Claudel stammt das Buch:

„Monsieur Linh und die Gabe der Hoffnung“ 

2010 stellte ich eine Buchbesprechung auf meinem Blog „lou-salome“ bei twoday ein:

 „Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“

Franz Kafka

Philippe Claudel, Jahrgang 1962, ist ein französischer Schriftsteller. 2006 erschien von ihm das Buch „ Monsieur Linh und die Gabe der Hoffnung“ im Rowohlt Verlag.

Zuerst ist man verwirrt, da „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ von Eric Emmanuell Schmitt längst Eingang in unseren Kopf bekommen hat – und nun ein fast gleicher Buchtitel?
Im Original heißt der Roman von Philippe Claudel „ La petite fille de Monsieur Linh“ ( „Die Enkeltochter des Monsieur Linh“).
Es liegt nahe, dass aus verkaufstaktischen Gründen der französische Buchtitel nicht für den deutschen Buchmarkt übernommen wurde.

Die Geschichte erzählt von einem Greis aus asiatischem Raum, der mit seiner erst ein paar Wochen alten Enkelin als Flüchtling nach Frankreich kommt. Völlig geruchlos empfindet er diese Welt, in der er sich zurecht finden muss, weil er für seine kleine Enkelin aus der zerbombten Heimat geflohen ist.
Schon nach drei Seiten ( auf Seite 10 des Buches) erahnt der Leser, auf was er sich emotional einlassen wird:

„ Der alte Mann ist losgelaufen. Außer Atem ist er beim Reisfeld angekommen, von dem nur noch ein riesiges, mit plätscherndem Wasser gefülltes Loch übrig war, und am Rand des Kraters lag der aufgerissene Kadaver eines Büffels. Sein Joch war zerknickt worden wie ein Strohhalm. Dort fand er auch die Leichname seines Sohnes und dessen Frau sowie, ein paar Schritte weiter, die Kleine, mit weit aufgerissenen Augen, in Windeln gewickelt, unversehrt, und neben ihr eine Puppe, ihre Puppe, so groß wie sie selbst, der eine Explosion den Kopf abgerissen hatte. Das kleine Mädchen war zehn Tage alt. Ihre Eltern hatten sie Sang diû genannt, was in der Sprache ihres Heimatlandes >> süßer Morgen << bedeutet.“

Monsieur Linh fühlt sich leer, einsam und entwurzelt. Nur die Gegenwart seiner Enkelin und die damit verbundene Aufgabe, ihr jeden Tag einen neuen Morgen zu zeigen, hält ihn am Leben.
Nach anfänglicher Zurückgezogenheit inmitten seiner Leidensgenossen in einem Flüchtlingsheim, fasst er Mut und geht auf die Straße zum Spazieren gehen. Immer mit Sang diû auf dem Arm.
So vergehen viele Wochen im gleichen Trott, Monsieur Linh lernt „seine“ Straße immer besser kennen, aber die Einsamkeit, trotz Enkelin, bleibt. Gegenwärtige Alltagsbilder, die er bei seinen Spaziergängen beobachtet, vermischen sich mit Erinnerungen aus seiner Heimat.

„ Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, drängen sich zahllose Familien am Eingang des Parks, andere kommen heraus. Die beiden bunten, lärmenden Ströme fließen ineinander und bilden große Strudel wie jene, die man in der Regenzeit im Fluss der Schmerzen unweit des Dorfes sieht.
Der Fluss heißt so, weil der Legende nach …“ Seite 45.

Und dann kommt der Tag, der das Leben von Monsieur Linh erneut verändern wird. Er lernt Monsieur Bark kennen. Einen großen kräftig gebauten Franzosen, der von Statur her das Gegenteil vom klapperdürren Linh ist. Während Bark eine Zigarette nach der anderen raucht, erzählt er Monsieur Linh vom Tod seiner Frau, vom Leben ohne sie und ohne Kinder, von seinem Einsatz als Soldat in (wahrscheinlich) Indochina und die damit verbundenen Greueltaten. Monsieur Linh versteht nicht ein Wort der fremden Sprache, aber er spürt die Wärme, die von der anfangs noch unbekannten Person ausgeht. Und so entwickelt sich eine intensive Freundschaft zwischen den beiden Männern, die auch nicht aufhört, als Monsieur Linh von den Behörden abgeholt wird und in ein am Stadtrand gelegenes Altenheim gesteckt wird.

Von dort versucht Monsieur Linh auszubrechen, was ihm aber erst nach einem missglücktem Versuch gelingt.
Die Erzählung läuft am Ende auf ihren Höhepunkt zu, in dem der Greis mit seiner Enkelin auf der verzweifelten Suche nach seinem Freund Bark durch die riesige Stadt irrt, ihn zum Schluß dann tatsächlich auf der Straßenseite endeckt, auf der ihre gemeinsame Bank steht, die ihnen wochenlang als Treffpunkt gedient hatte.
Philippe Claudel lässt seine Erzählung mit einer gelungenen Schlußpointe enden.

Man könnte meinen, manche der vorangegangenen Rezensenten haben nicht ganz Unrecht, wenn sie in ihrer Kritik die manchmal kitschig anmutenden Szenen erwähnen. Leider kann ich zu wenig französisch, ich hätte das Büchlein nämlich dann in der Sprache gelesen, in der es entstanden ist. Ich bin mir sicher, dass die Übersetzung nicht ganz glücklich verlaufen ist und somit könnte tatsächlich obig beschriebener Eindruck erweckt werden.
Aber Beschreibung von Krieg und Massakern kann nie kitschig sein, nur aufs Äußerste tragisch.
Länder-oder Städtenamen werden übrigens nie genannt und doch wird dem genauen Leser das Massaker von My Lai vom 16. März 1968 vor Augen geführt.

Philipp Claudel’s Sprache ist einfach und klar. Aber auch raffiniert. Eindrücklich erzählt er von einem im Herzen zutiefst verletzten Menschen, der nach schlimmsten Kriegserlebnissen entwurzelt wird und trotzdem die Hoffnung nicht verliert, weil ihm die Sorge um das Enkelkind Grund gibt, weiterzuleben.
Mit den >>Großen Gefühlen, wie Tod und Trauer, Verzweifelung, aber auch Fürsorge, Freundschaft und Liebe<< beschreibt Claudel die Großvaterrolle und die Freundschaft zwei alter Männer.

Claudel’s kleines literarisches Werk gehört in die Reihe von Alessandro Barrico’s „Seide“ und „Novecento“ sowie Eric Emmanuell Schmitt’s „Die Dame in Rosa“ und „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“.

Wenn sich der Verlag für eine andere Umschlaggestaltung entschieden hätte, dann wäre alles rund gewesen.
jbs 2010

Die kursiv gehaltenen Textstellen sind aus dem Buch zitiert.

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Bildquelle: http://cover.allsize.lovelybooks.de.s3.amazonaws.com/monsieur_linh_und_die_gabe_der_hoffnung-9783499242045_xl.jpg

 lou-salome:  http://nietzsche.twoday.net/stories/die-axt-fuer-ein-gefrorenes-meer/

 

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An-Kündigung

Am ersten April kündige ich mein Profil beim Onlineanbieter ‚amazon‘. In dem Zusammenhang werde ich auch alle meine dort eingestellten Buchbesprechungen löschen.

Diese Buchbesprechungen findet man jedoch weiterhin auf meinen Blogs #lou-salome# bei twoday und auf #schriftwechsel# bei wordpress.

Martin von Arndt

„Der Tod ist ein Postmann mit Hut“
http://nietzsche.twoday.net/stories/der-fischtopf-lief-ueber/

„Oktoberplatz“
http://nietzsche.twoday.net/stories/oktoberplatz/

 

Immo Sennewald

„Blick vom Turm“

http://nietzsche.twoday.net/20121204/

„Raketenschirm“

https://schriftwechsel.wordpress.com/2013/04/09/wolkenzuge-und-raketenschirm/

 

Marion Tauschwitz

„Der Gesang der Schneckenhäuser“

http://nietzsche.twoday.net/stories/das-netz-ist-zerrissen-und-wir-sind-frei/

 

Hans Zengeler

„Roßkuren“

„Gestorben wird später“

„In einer erdfernen Welt“

„Konrads Geständnis“

„Die größte Liebe aller Zeiten“

„Das letzte Geheimnis“

http://nietzsche.twoday.net/topics/Zengeler-Rezensionen/

„Das letzte Geheimnis“

https://schriftwechsel.wordpress.com/2013/10/13/das-letzte-geheimnis/

 

Imre Török

„Insel der Elefanten“

http://nietzsche.twoday.net/stories/insel-der-elefanten/

 

Gabi Saler

„Der Bär, der auf einer Mülltonne saß“

https://schriftwechsel.wordpress.com/2013/09/03/eine-figur-freund-werden-lassen/

Grindelwald von Lothar Struck

grindelwald


In einem Zusammenspiel erlebter Geschehnisse und imaginierten Szenen entwickelt Lothar Struck ein Bildnis seines Vaters, der 2013 hundert Jahre alt geworden wäre. Struck wählt dafür ein neueres Genre der Prosa, die Autofiktion, frz.: ego-fiction1, um seine Erinnerungen auf 70 Seiten in „Grindelwald“ fest zu halten.

 „Die Wahrheit ist, dass ihm auf Erden nicht zu helfen war“ – diesen abgewandelten Kleist-Satz wählte ich als Motto auf der Todesanzeige. … Kindheit während des Ersten Weltkriegs, Steckrübenwinter, fragile politische Lage, eltern- vielleicht freundelos, nächster Krieg. Das Spielen als Suche. … „2

Wie sah das Leben dieses Mannes aus, der bis zu seinem Krebstod spielsüchtig war? Struck begibt sich auf Spurensuche. Anhand von alten Briefen, Fotos, Erinnerungsstücken und Rückblenden verknüpft er sie mit seiner Existenz.

Aus vielen Einzelszenen portraitiert Struck seinen Vater, dem er in frühen Kinderjahren oft den Tod gewünscht hatte. Zum Beispiel, wenn dieser an Weihnachtsfesten nicht den Weg nach Hause zur Frau und den Söhnen gefunden hatte. Statt dessen mit den gesamten Einnahmen eines „Messekaufmanns“ zu verschwinden. Der Familie keine Nachricht über seinen neuen Aufenthaltsort mitzuteilen. Das Geld u.a. bei den Weihnachtsrennen in Paris-Vincennes zu verspielen oder in einer Spielhölle zu versumpfen ( der Vater hat allerdings nie getrunken!). Dieses wiederholt pathologische Spielen beherrschte den Vater und führte zum Verfall von sozialen und materiellen Verpflichtungen sowie zur Zerrüttung familiärer Werte.

Fand der Vater nach längerer Zeit den Weg in die kleine gemeinsame Dachwohnung zurück, bettelte und flehte er um ein ein „Wieder-aufgenommen-werden in die Familie“,der Standardsatz: „Ich habe einen Fehler gemacht.“ fand bei Strucks Mutter kein Gehör mehr. Zu regelmäßig ließ er sie und die Söhne in Ungewissheit und in ihrer Verzweiflung, wie das Alltagsleben weitergehen soll, allein. Selbst der voraussehbare exitus letalis seiner Krebskrankheit hielt ihn nicht vom Spielen ab.

 Ob der Autor aus dem Gefühl heraus, dem Vater etwas schuldig zu sein, „Grindelwald“ geschrieben hat?

… was er falsch gemacht hatte, wussten wir, aber was hatten wir falsch gemacht? Auf diese Frage war ich erst gekommen, als er todgeweiht, als es ‚zu spät‘ war und die taktvolle Abwicklung dieses Daseins Priorität hatte. Aber wer weiß die oder mindestens eine Antwort?“3

Ich kenne den Autor Lothar Struck und sein Blog „Begleitschreiben“ seit einigen Jahren aus dem Netz. Ich verfolge dort in unregelmäßig regelmäßigen Abständen seine Buchrezensionen, je nachdem, welches Werk er vorstellt. Deshalb interessierte mich, wie der Rezensent Struck Worte in Prosa kleidet.

Sie haben mich sehr gefesselt. Ich hätte gerne mehr gelesen. 

 Und ich hätte gerne auf „schriftwechsel“ ausführlicher über den Inhalt dieses Buches geschrieben. Nur geht das nicht, es zählt ja nur siebzig Seiten. Die muss ich den Lesehungrigen überlassen.

Hochbrisant finde ich derzeit die Gerichtsverhandlung eines deutschen Fußballfunktionärs, der wegen Steuerhinterziehung angeklagt ist und unter Börsensucht leidet. Sein Satz: (reumütig und verzweifelt): „ Ich habe eine große Torheit begangen, einen Riesenfehler, den ich so gut wie möglich korrigieren will.“4  nehme ich als Stereotype wahr. Eine Parallelität zum Protagonisten von „Grindelwald“ drängt sich auf.

Ich wünsche „Grindelwald“ und dem wunderbar aufgestellten und interessanten Verlag „Mirabilis“, in dem die Autofiktion im Februar 2014 erschienen ist, einen guten Start in die große weite Welt des Buches.

 „Grindelwald“ von Lothar Struck, Mirabilis Verlag, 2014, 10.90 Euro

http://www.mirabilis-verlag.de/literarisches-programm/product/view/3/9.html

Die kursiv gehaltenen Textstellen sind Zitate aus obigem Buch.

 1„… Die Autofiktion, wie Doubrovsky sie versteht, beruht auf zwei Prinzipien. Das eine ist rechtfertigender Art: Jedermann darf heutzutage seine Autobiographie schreiben, das Genre ist nicht mehr den großen Geistern reserviert, welche die Geschichte gestreift hat. Vorbei die Zeiten Rousseaus, Chateaubriands, Goethes oder Malraux‘, mit denen sich das kommune Volk schwerlich identifiziert. Doch dies allein genügt nicht: Damit die Rechnung aufgeht, muss alles erzählt werden, im Detail und möglichst direkt. … Die Autofiktion indessen verzichtet auf diese Distanzierung; sie visiert etwas an, das jenseits der Literatur liegt und sich häufig in seiner televisiven Performance erfüllt. …“ 

aus:Neue Zürcher Zeitung, „Die Fallen der Vorstellungskraft“ Autofiktion – ein Begriff und seine Zweideutigkeit(en) von Barbara Villiger Heilig, 2003

2Lothar Struck aus „Grindelwald“, Seite 53

3aus: „Grindelwald“, Seite 57

4aus: Zeit online – Sport vom 1.Mai 2013: http://www.zeit.de/sport/2013-05/uli-hoeness-steuern-schuld