Grindelwald von Lothar Struck

grindelwald


In einem Zusammenspiel erlebter Geschehnisse und imaginierten Szenen entwickelt Lothar Struck ein Bildnis seines Vaters, der 2013 hundert Jahre alt geworden wäre. Struck wählt dafür ein neueres Genre der Prosa, die Autofiktion, frz.: ego-fiction1, um seine Erinnerungen auf 70 Seiten in „Grindelwald“ fest zu halten.

 „Die Wahrheit ist, dass ihm auf Erden nicht zu helfen war“ – diesen abgewandelten Kleist-Satz wählte ich als Motto auf der Todesanzeige. … Kindheit während des Ersten Weltkriegs, Steckrübenwinter, fragile politische Lage, eltern- vielleicht freundelos, nächster Krieg. Das Spielen als Suche. … „2

Wie sah das Leben dieses Mannes aus, der bis zu seinem Krebstod spielsüchtig war? Struck begibt sich auf Spurensuche. Anhand von alten Briefen, Fotos, Erinnerungsstücken und Rückblenden verknüpft er sie mit seiner Existenz.

Aus vielen Einzelszenen portraitiert Struck seinen Vater, dem er in frühen Kinderjahren oft den Tod gewünscht hatte. Zum Beispiel, wenn dieser an Weihnachtsfesten nicht den Weg nach Hause zur Frau und den Söhnen gefunden hatte. Statt dessen mit den gesamten Einnahmen eines „Messekaufmanns“ zu verschwinden. Der Familie keine Nachricht über seinen neuen Aufenthaltsort mitzuteilen. Das Geld u.a. bei den Weihnachtsrennen in Paris-Vincennes zu verspielen oder in einer Spielhölle zu versumpfen ( der Vater hat allerdings nie getrunken!). Dieses wiederholt pathologische Spielen beherrschte den Vater und führte zum Verfall von sozialen und materiellen Verpflichtungen sowie zur Zerrüttung familiärer Werte.

Fand der Vater nach längerer Zeit den Weg in die kleine gemeinsame Dachwohnung zurück, bettelte und flehte er um ein ein „Wieder-aufgenommen-werden in die Familie“,der Standardsatz: „Ich habe einen Fehler gemacht.“ fand bei Strucks Mutter kein Gehör mehr. Zu regelmäßig ließ er sie und die Söhne in Ungewissheit und in ihrer Verzweiflung, wie das Alltagsleben weitergehen soll, allein. Selbst der voraussehbare exitus letalis seiner Krebskrankheit hielt ihn nicht vom Spielen ab.

 Ob der Autor aus dem Gefühl heraus, dem Vater etwas schuldig zu sein, „Grindelwald“ geschrieben hat?

… was er falsch gemacht hatte, wussten wir, aber was hatten wir falsch gemacht? Auf diese Frage war ich erst gekommen, als er todgeweiht, als es ‚zu spät‘ war und die taktvolle Abwicklung dieses Daseins Priorität hatte. Aber wer weiß die oder mindestens eine Antwort?“3

Ich kenne den Autor Lothar Struck und sein Blog „Begleitschreiben“ seit einigen Jahren aus dem Netz. Ich verfolge dort in unregelmäßig regelmäßigen Abständen seine Buchrezensionen, je nachdem, welches Werk er vorstellt. Deshalb interessierte mich, wie der Rezensent Struck Worte in Prosa kleidet.

Sie haben mich sehr gefesselt. Ich hätte gerne mehr gelesen. 

 Und ich hätte gerne auf „schriftwechsel“ ausführlicher über den Inhalt dieses Buches geschrieben. Nur geht das nicht, es zählt ja nur siebzig Seiten. Die muss ich den Lesehungrigen überlassen.

Hochbrisant finde ich derzeit die Gerichtsverhandlung eines deutschen Fußballfunktionärs, der wegen Steuerhinterziehung angeklagt ist und unter Börsensucht leidet. Sein Satz: (reumütig und verzweifelt): „ Ich habe eine große Torheit begangen, einen Riesenfehler, den ich so gut wie möglich korrigieren will.“4  nehme ich als Stereotype wahr. Eine Parallelität zum Protagonisten von „Grindelwald“ drängt sich auf.

Ich wünsche „Grindelwald“ und dem wunderbar aufgestellten und interessanten Verlag „Mirabilis“, in dem die Autofiktion im Februar 2014 erschienen ist, einen guten Start in die große weite Welt des Buches.

 „Grindelwald“ von Lothar Struck, Mirabilis Verlag, 2014, 10.90 Euro

http://www.mirabilis-verlag.de/literarisches-programm/product/view/3/9.html

Die kursiv gehaltenen Textstellen sind Zitate aus obigem Buch.

 1„… Die Autofiktion, wie Doubrovsky sie versteht, beruht auf zwei Prinzipien. Das eine ist rechtfertigender Art: Jedermann darf heutzutage seine Autobiographie schreiben, das Genre ist nicht mehr den großen Geistern reserviert, welche die Geschichte gestreift hat. Vorbei die Zeiten Rousseaus, Chateaubriands, Goethes oder Malraux‘, mit denen sich das kommune Volk schwerlich identifiziert. Doch dies allein genügt nicht: Damit die Rechnung aufgeht, muss alles erzählt werden, im Detail und möglichst direkt. … Die Autofiktion indessen verzichtet auf diese Distanzierung; sie visiert etwas an, das jenseits der Literatur liegt und sich häufig in seiner televisiven Performance erfüllt. …“ 

aus:Neue Zürcher Zeitung, „Die Fallen der Vorstellungskraft“ Autofiktion – ein Begriff und seine Zweideutigkeit(en) von Barbara Villiger Heilig, 2003

2Lothar Struck aus „Grindelwald“, Seite 53

3aus: „Grindelwald“, Seite 57

4aus: Zeit online – Sport vom 1.Mai 2013: http://www.zeit.de/sport/2013-05/uli-hoeness-steuern-schuld

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s