Meine Reise mit der „Sibylle“ von Pär Lagerkvist in die Gegenwart

Lagerkvist

Die Sibylle

Vor ein paar Wochen entdeckte meine Freundin in einem Antiquariat das Buch „Die Sibylle“ von Pär Lagerkvist. Zu meiner großen Freude legte sie mir den Roman ins Gepäck, bevor ich mich auf den Heimweg machte. Sie hat sicher nicht ahnen können, welch eine Reise sie in meinem Kopf damit auslösen würde.

Im Zentrum dieser erschreckenden, fast skandalösen Fabel, stehen zwei Personen: Die delphische Sibylle und der ruhelose Wanderer, die beide auf ihre Weise erfahren haben, wie verhängnisvoll es ist, einem Gott zu begegnen.

Der zu ewiger Wanderung verurteilte Jude Ahasver kommt nach Delphi.

( Der Legende nach darf er bis zum Ende der Welt nirgends ruhen und muss unstet über die Erde wandern (bis er erlöst wird), als Strafe dafür, dass er Christus verhöhnt oder geschlagen oder ihm bei seinem Gang zur Kreuzigung eine kurze Rast versagt hat.)

Mit der Frage nach seinem Fluch und seinem Schicksal stößt er in Delphi bei den Orakelpriestern allerdings auf Schweigen. Diese Frage könne man keinem Orakel stellen.

Jedoch weist ihm ein Bettler aus der nahe gelegenen Stadt einen Weg ins Gebirge zu einer Greisin, einer alten Seherin, die mit ihrem schwachsinnigen Sohn vereinsamt über dem Delphitempel in der Wildnis lebt und lange Jahre als die Orakelpriesterin überhaupt im Volk hoch angesehen war.

Sie erzählt dem ewigen Wanderer als Antwort ihre eigene Geschichte.

Und ich? Ich selbst?

Ich wurde sonderbar aufgeregt, als ich davon hörte. Auserwählt? War ich auserwählt? Hinauf in den Tempel gerufen? Hinauf zu dem Gott?

Auserwählt zu seinem Werkzeug, um sein Wort, das er mir gab, zu verkünden, erfüllt von seinem Geiste, von heiliger Verzückung hingerissen?

Ich? Ich dazu auserwählt?

Das rührte alles in mir auf, es erschreckte mich, es ängstigte und vernichtete mich – und es erfüllte mich mit einem grenzenlosen Glück. … „ S. 55 + S. 66

Die alte Orakelpriesterin vermittelt dem einsamen Wanderer ein Bild vom innersten Heiligtum Apollons, einer dreckigen Erdhöhle tief unter dem Tempel. Angstvoll hatte sie einst im Gottesbrautkleid nach ihrer Benennung zur Pythia diesen Schlund betreten, in dem es fürchterlich nach Ziegenmist stank, Schlangen die Höhle bewohnten und beißender Qualm ihre Sinne benebelt hatten. Mit Fastentagen und berauschendem Lorberrblättergenuß fiel sie an Festtagen in Trance und mit qualvollen Entzückungen, die sie im Atem ihres Gottes erlebte, konnten ihr zwar ein unfassbares, allerdings immer nur kurzes Glück, aber nie die ersehnte Sicherheit geben.

Eine irdische tatsächliche Liebe verändert ihr Leben. Sie vergisst ihr Keuschheitsgelübde und wird ihrem Gott untreu. Dafür rächt er sich auf grausige Art. Er vergewaltigt sie in der Gestalt eines schwarzen Ziegenbockes und in der gleichen Zeit stirbt ihr Geliebter auf geheimnisvolle Weise.

Die Delphipriester kennen keine Gnade.

Sie wird verstoßen.

Sie flieht ins Gebirge und gebärt in der Einsamkeit einen Sohn, der zu einem stummen, grauhaarigem Mann heranwächst und mit seinem ewig lächelndem, flaumbedeckten Kindergesicht, abgewandt, in einem halbdunklen Winkel, zusammengekrümmt in ihrer gemeinsamen nassen Hütte sitzt.

Während sie zu dem einsamen Wanderer spricht, verlässt der Sohn unauffällig die Behausung. Die Sibylle und Ahasver folgen ihm und sehen, wie seine Fußspur sich zum Berggipfel hin verflüchtigt. Es ist so, wie sie immer geahnt und gefürchtet hat: Er ist der Sohn des Gottes, und „der Vater hat ihn zu sich heimgeholt.“

Für Ahasver erscheint hinter dieser Szene der „andere Gottessohn“, der sein Leben mit grausamem Fluch zerstörte. Die beiden Menschen verstummen vor der unbegreiflichen Manifestation des Gottes.

Die delphische Sibylle und der ruhelose Wanderer haben beide auf ihre Art erfahren, wie verderblich es ist, einem Gott zu begegnen. Sie, die aus aller Gemeinschaft ausgestoßen wurden und sich eine unendlich lange Zeit vergeblich bemühten, das unbegreifliche zu deuten, das übermächtig in ihr Dasein eingegriffen und ihr Lebensglück zerstört hat. Sie gewinnen nun auf einmal im Gespräch von Mensch zu Mensch tiefere Einsicht.

In diesem Buch spannt Pär Lagerkvist einen kühnen Bogen von der christlichen Welt zur Antike. Gut verständlich und einfach gestaltet sich seine Sprache. Durch immer wiederkehrende intensive Orakelbeschreibungen wird die religiöse Obszession verstärkt, unter der die Orakelpriesterin Sibylle während ihrer aktiven Zeit als Pythia litt. Ihre fanatische Liebe zu ihrem Gott wirkt beängstigend und wird mit betörender Einfachheit von Lagerkvist erzählt.

Pär Fabian Lagerkvist, geboren 1891 und gestorben 1974, war ein schwedischer Schriftsteller und Dichter. Im Jahr 1951 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Er veröffentlichte mehrere Romane, u.a. den weltbekannten Roman „Barabbas“, der auch mehrfach verfilmt wurde. Seine Bücher kennzeichnen sich vor allem durch religiöse Aspekte und die Differenz zwischen Gut und Böse aus.

Unweigerlich drängt sich nach obiger Lektüre die Frage nach der Existenz (eines) Gottes und die Existenz von Religionen auf.

André Comte-Sponville, ein zeitgenössischer französischer ehemaliger Professor für Philosophie an der Sorbonne, widmet sich in seinem Buch „Woran glaubt ein Atheist? – Spiritualität ohne Gott“ u.a. dem Thema der Definition und der Frage nach der Existenz Gottes.

Keine Wissenschaft der Welt weiß darauf Antwort, und keine wird je eine wissen. Das ist aber kein Grund, auf das Nachdenken darüber zu verzichten. Keine Wissenschaft kann uns sagen, wie wir leben und wie wir sterben sollen. Das ist auch kein Grund, irgendwie zu leben und irgendwie zu sterben.“

Und weiter: „Er fängt mit dem Einfachsten an. Gott steht per definitionem über uns. Für die Religionen trifft das nicht zu. Sie sind menschlich – allzu menschlich, wie manche meinen – und solche der Erkenntnis ebenso zugänglich wie der Kritik.Gott, falls es ihn gibt, ist transzendent. Die Religionen sind Teil der Geschichte, der Gesellschaft, der Welt ( also immanent).

Gott gilt als vollkommen. Keine Religion könnte das je sein.

Die Existenz Gottes ist ungewiss. Die der Religionen nicht. Daher sind die Fragen, die sie aufwerfen, weniger ontologischer als definitorischer und soziologischer Natur: Nicht, ob sie existieren ( leider machen sie manchmal den Eindruck, als täten sie es nur allzu gern!), ist die Frage, sondern, was sie sind und ob man darauf verzichten kann. Sie lässt sich allerdings nicht beantworten, ohne dass man die andere wenigstens streift.

(Seite 15)

Ist es verwunderlich, wenn ich obige Texte lese, dass ich an die hochbrisanten Nachrichten aus Syrien, Irak und sehr viel anderen Staaten denken muss? Dass wegen politisch schwachen und korrupt geführten Regierungen Staaten zerfallen und damit nicht mehr in der Lage sind, ihre Bevölkerung zu schützen, sich religiöse Fanatiker auf einen blutigen Weg machen, um ihren Gott als Supergötzen darzustellen, Gott auf Erden zu spielen und sich dabei völlig von der Religion Islam entfernen?

Milad Karimi, ein afghanisch-deutscher Religionsphilosoph, fächert im Politischen Feuilleton vom 21.1.2014 im Deutschlandradio auf, warum die IS ( Islamischer Staat ) – Terrorgruppe letztendlich Gott selbst verleugnen. Sie würden nicht etwa ihre Religion terroristisch interpretieren, sondern ihren Terror religiös.

Noch einmal zu Comte-Sponville.

In seinem Vorwort spricht André Comte-Sponville ( „Woran glaubt ein Atheist“; Diogenes Verlag, 2009, Seite 9) von einer …

Wiederkehr der Religion. Wie dies von beeindruckendem, manchmal besorgniserregendem Ausmaß zu beobachten ist. Dabei denkt man zunächst an die muslimischen Länder. Aber es deutet alles darauf hin, dass der Westen gegen dieses Phänomen, auch wenn es anders auftritt, keineswegs gefeit ist. Eine Wiederkehr der Spiritualität wäre nur zu begrüßen. Eine Wiederkehr des Glaubens kein Problem. Aber eine Wiederkehr des Dogmatismus, des Obskurantismus, des Fundamentalismus, ja des Fanatismus? Nichts wäre schlimmer, als ihnen das Terrain zu überlassen. Der Kampf für die Aufklärung geht weiter, und er war selten so dringlich, denn die Freiheit steht auf dem Spiel.

Gegen die Religion kämpfen?

Nein, das wäre der falsche Gegner. Besser für die Toleranz, für die Trennung zwischen Kirche und Staat, für die Freiheit des Glaubens und des Unglaubens. Den Geist kann niemand für sich allein in Anspruch nehmen. Die Freiheit auch nicht.

jbs 2ooovierzehn

Textquellen:

„Die Sibylle“ von Pär Lagerkvist, Ein Buch der Arche in der Nymphenburger Verlagshandlung, 1957

Deutschlandradio Kultur

http://www.deutschlandradiokultur.de/religion-gott-als-supergoetze.1005.de.mhtml?dram%3Aarticle_id=300877

Rezension Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.02.1958, S. BuZ5; Grete Schüddekopf

http://www.gbv.de/dms/faz-rez/580208_FAZ_0055_BuZ5_0002.pdf

Literatur-Nobelpreisträger 1951

http://www.literatur-nobelpreis.de/1951-paer-lagerkvist-1891-1974/

Ahasver

http://www.lesekost.de/themen/hhl07a.htm

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