Was es alles gibt

Was es alles gibt

Da gibt es die, die schlagen
Da gibt es die, die rennen
Da gibt es die, die zündeln
Da gibt es die, die brennen

Da gibt es die, die wegsehn
Da gibt es die, die hinsehn
Da gibt es die, die mahnen:
Wer hinsieht, muss auch hingehn

Da gibt es die, die wissen
Da gibt es die, die fragen
Da gibt es die, die warnen:
Wer fragt, wird selbst geschlagen

Da gibt es die, die reden
Da gibt es die, die schweigen
Da gibt es die, die handeln:
Was wir sind, wird sich zeigen.

Robert Gernhardt
(1937-2006)

Das Gedicht ist dem „Daedalus Postkartenkalender – Fliegende Wörter 2013“ entnommen.

Frei nach „Ich, der Dieb“ von Spartak Kulikow

Kein Tag ohne Gedicht oder täglich einmal Bashô

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Phantasie ist etwas Feines, kann aber auch eine Menge Probleme bereiten, etwa wenn man zu viele märchenhafte Ritterromane gelesen hat und sich plötzlich für einen Dieb hält, der Erinnerungen, Gestirne und zuckende Herzen gestohlen hat.
Und wer übertrifft mich?
Ich bleib‘ bis zum Ende den Freunden, dem fliegenden Pfeil der Kraniche treu. Vergiss alles!
Sorg dich nicht!
Verdamm den Kleinmut!
In meiner Hand presse ich die Weiten zusammen und befehle dem sündigsten Fleisch, jasmingleich zu blühen!
In den Nebel geh ich.
Meine Taschen sind gefüllt mit Pfeifen für Vogelstimmen.
Ich stehle Erinnerungen,
Augen,
tauglitzerndes Gras.
Wer übertrifft mich an Eigensinn,
mich
und das Rauschen der Birken?

Frei nach „Ich, der Dieb“ von Spartak Kulikow

Der Weihnachtsstern

Der Weihnachtsstern

Im frostigen Winter war eine Gegend – gewöhnt an Glut
mehr als an Kälte, an Fläche mehr als an Berge – offenbar gut
für die Geburt des Kindes, das da kam zu retten die Welt.
Der Schnee fiel in solchen Mengen, wie er nur in der Wüste fällt.

Dem neugeborenen Kind kam alles gewaltig vor:
die Brust der Mutter, die Nüstern des Ochsen, Kaspar, Melchior,
Balthasar und deren Geschenke, die man hineintrug. Den Kern
bildete aber das Kind selber. Und das war der Stern.

Aufmerksam, ohne zu zwinkern, durch Wolken, die dünn und vag,
hat von fern auf das Kind, das da in der Krippe lag,
vom anderen Ende des Kosmos, kaum wahrnehmbar,
der Stern in die Höhle geschaut. Der das Auge des Vaters war.

Joseph Brodsky
24. Dezember 1987

Joseph Brodsky

Als er im Jahr 1987 den Nobelpreis für Literatur erhielt, bedankte er sich mit den Worten: „Ein großer Schritt für mich, ein kleiner Schritt für die Menschheit.“ Der zum Amerikaner gewordene Russe Brodsky war der sarkastisch-elegische Apoll der modernen Poesie. Aus drei Teilen setze er sich zusammen, sagte er: „aus Antike, Literatur des Absurden und dem Jungen aus dem Wald“. Die Legierung hat ihn die harten Jahre (bis 1972) in der Sowjetunion überstehen lassen; die Konstellation Poet kontra Imperium brachte ihm Gefängnis, Irrenhaus, Verbannung und schließlich Zwangsexilierung ein. Schon die Verse des 20jährigen hatten seine lyrikliebenden Landsleute hingerissen. Die Sprache sei nicht das Instrument des Dichters, sagte Brodsky, sondern der Dichter sei ihr Gefäß: Aus dem stiegen berückende, auch bedrückende Wörter-Welten im klassischen Stil, reich an mythologischen Anspielungen und finsterem Witz. Die USA hatten Brodsky mit einem Stipendium empfangen, er lehrte an verschiedenen Universitäten und wurde 1991 zum „poeta laureatus“ Amerikas gekürt. Joseph Brodsky starb am 28. Januar in New York an Herzversagen.

Die kursiv gehaltene Textstelle ist aus: Der Spiegel 6/1996
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-8872284.html

Es gibt zwar viele Welten, viele Sonnen – aber wir haben nur diese eine Erde.

Weihnachten

Es gibt zwar viele Welten, viele Sonnen – aber wir haben nur diese eine Erde.

Liebe Blogbesucher und liebe Blogbesucherinnen, Ihnen und Euch allen wünsche ich gesunde und friedliche Weihnachtstage!

Mark Knopfler – Brothers in arms

Diese nebelverhangenen Berge sind jetzt mein Zuhause.
Aber meine Heimat ist da unten,
im flachen Land – dort wird immer meine Heimat bleiben.
Irgendwann werdet ihr zurückkehren,
in eure Täler und auf eure Höfe,
und werdet nicht mehr darauf brennen,
Waffenbrüder zu sein.

Ich habe euer Leid gesehen,
hier, auf den Schlachtfeldern
habe ich eure Feuertaufe erlebt.
Und als die Schlacht heftiger wurde,
als ich schwer verwundet wurde,
in all diesem Schrecken und in der Gefahr
seid ihr mir beigestanden.
Ihr, meine Waffenbrüder.

Es gibt zwar viele Welten, viele Sonnen –
aber wir haben nur diese eine Erde.
Und doch ist es so, als lebten wir
in verschiedenen Welten.

Die Sonne ist zur Hölle gefahren,
und der Mond steigt auf.
Lasst mich Euch Lebewohl sagen.
Jeder Mensch muss sterben.
Aber es steht in den Sternen geschrieben,
und in jeder Linie in euren Handflächen:
Wir sind Narren, wenn wir Krieg führen
gegen unsere Brüder.

Kulisse

Ob etwas tatsächlich am Ende schön, angenehm und positiv zu bewerten ist, zeigt sich erst in der Auseinandersetzung mit widrigen Umständen. Oder mit Schnurre’s Bild gesprochen: Erst im Regen erweist sich, wie echt die Farben sind. Erst dann wird erkennbar, ob etwas Bestand hat, oder ob es nur eine Scheinwirklichkeit, eine Täuschung, eben „Kulisse“ ist.

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Kulisse

Regen –
Regen rauscht auf den Rummel.
Das Glücksrad verliert seine Farbe,
der Würfelbecher wird klebrig;
in der Schießbude schlafen die Schüsse.
Wills keiner mehr wagen?
Will keiner mehr würfeln?
Will keiner mehr drehn?
Regen-
Regen rauscht auf den Rummel.

Wolfdietrich Schnurre
aus: Kassiber/Neue Gedichte, Suhrkamp Verlag 1964

Monderwartung im Hafen von Tsuruga

LIII. Monderwartung im Hafen von Tsuruga
von Matsuo Bashô (1689; 1702 als Abschrift im Druck erschienen )

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Die Mondnacht war von einmaliger Klarheit. Ob er wohl morgen Abend genauso scheinen würde, fragte ich unseren Gastgeber. Er erwiderte: „Nach der Erfahrung unserer Gegend ist das schwer zu sagen – wer weiß das schon, ob morgen der Nachthimmel wolkenlos oder bedeckt sein wird?“ Er bot uns Reiswein an und dann gingen wir, der Gottheit in Kehi unseren Nachtbesuch abzustatten – jener, die des Chûai-Tennôs Gedenken wahrt. Den Tempel umgeisterte etwas Göttliches. Durch die Zweiglücken sickerte Mondlicht und die Sandfläche vor dem Allerheiligsten sah aus, als wäre sie frostüberzogen.
„In uralten Zeiten ging der Heilige Yugyô der zweiten Generation, seinem Gelübde entsprechend eifrig ans Werk: mähte eigenhändig Gras, schaffte Erde und Steine herbei und trocknete Sümpfe aus. Seither reißt die Schar der Pilger nicht ab. Seinem mustergültigen Beispiel eifern heute noch viele seiner Anhänger nach: sie holen immer aufs neue Sand und streuen ihn vor den Tempel. Man nennt sie daher „Yugyôs Sandschlepper“ – erzählte unser Gastfreund.

Tsuki kiyoshi
Yugyô no moteru
sago no ue

Über jenem Sand,
den Meister Yugyô schleppte,
leuchtet der volle Mond.

Am 15., dem Vollmondtag, regnete es, wie unser Gastgeber vorausgesagt hatte!

Meigetsu ya
Hokkoku-biyori
sadame-naki

Den Vollmond schauen?
Beim launischen Wetter unserer
nördlichen Provinz?

Anmerkung:
Den Vollmond schauen …

Diese banale Frage, recht mager für ein Gedicht, ist nur in seinem Textzusammenhang zu verstehen. Die Dichter sehnen sich nach Schönwetter, weil ihnen die Mondschau sehr wichtig ist. Besonders für Bashô, der auch früher schon lange Reisen unternommen hatte, nur um an einer gewissen Stelle, an einem geeigneten, spektakulären Ort, den Mond zu schauen. Die hier angesprochene Landschaft Japans aber ist, zum großen Leidwesen aller, wegen ihres wechselhaften Klimas ganz und gar für Mondschau-Veranstaltungen ungeeignet. Bashô wiederholt in diesem Gedicht eigentlich nur, was der Gastgeber ihm schon gesagt hatte.

Zitiert aus: Bashô, Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland, Seite 322, Handbibliothek Dieterich, 1985