Michael Hamburger – Eiche

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Eiche

Langsam der Wuchs, spät das Öffnen der Blätter,
Und das volle Blatt dunkel, nüchtern,
Süß weder Blüte noch Frucht
Höchstens grober Zunge des Hähers, Eichhörnchens, Wildschweins,

Hat die Eichel Impuls nach unten, jeder Zweig wankt,
Ragt jetzt, zuckt jetzt hinaus, knickt zurück,
Nur die Masse des unteren Stamms wahrt
Einen geraden Kurs, nur das Laub insgesamt
Rundet aus Zickzack und Knoten eine Form.

Aber wo andere Bäume, selbst die spätbelaubende Esche,
Langsame Walnuß, weitverzeigte Buche und Linde
Im Sommerwind schwingen, Pappel sich neigt und Weide,
Steht allein Eiche kompakt, versteckt in Stille
Blaue Aststücke, die Brand oder Pilz befiel;
Und bewahrt für den Tod ihren konstanteren Stoff.

Über breite vierhundertjahralte Dielen
Uneben, doch kaum vom Gebrauch, kann ich gehen
Und in nichteichenen Worten, solchen meiner minderen Zeit,
Jene bezeichnen die gar kein Monument waren
Sondern Nützlichkeit nur, und die Minderung bezeichnen,
Den Verlust jenes geduldigen Baums, Verlust allen Könnens
Das der Geduld entsprach, hartes Holz so zu formen
Dass es den Handwerker, es den Verwender überdauert;
Wie Drame aus Eiche, wurmstichig,
Dieses Haus stützen, wenn Verputz und Ziegel bröckeln,
In Eichenholzrahmen das Bleiglas passt
Aber neue Fenster, neue Türen, Billigware, wieder und wieder
verfaulten.

aus: Baumgedichte von Michael Hamburger, FolioVerlag 2009, Seite 33-35
In einer Übersetzung aus dem Englischen von Peter Waterhaus

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