Monderwartung im Hafen von Tsuruga

LIII. Monderwartung im Hafen von Tsuruga
von Matsuo Bashô (1689; 1702 als Abschrift im Druck erschienen )

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Die Mondnacht war von einmaliger Klarheit. Ob er wohl morgen Abend genauso scheinen würde, fragte ich unseren Gastgeber. Er erwiderte: „Nach der Erfahrung unserer Gegend ist das schwer zu sagen – wer weiß das schon, ob morgen der Nachthimmel wolkenlos oder bedeckt sein wird?“ Er bot uns Reiswein an und dann gingen wir, der Gottheit in Kehi unseren Nachtbesuch abzustatten – jener, die des Chûai-Tennôs Gedenken wahrt. Den Tempel umgeisterte etwas Göttliches. Durch die Zweiglücken sickerte Mondlicht und die Sandfläche vor dem Allerheiligsten sah aus, als wäre sie frostüberzogen.
„In uralten Zeiten ging der Heilige Yugyô der zweiten Generation, seinem Gelübde entsprechend eifrig ans Werk: mähte eigenhändig Gras, schaffte Erde und Steine herbei und trocknete Sümpfe aus. Seither reißt die Schar der Pilger nicht ab. Seinem mustergültigen Beispiel eifern heute noch viele seiner Anhänger nach: sie holen immer aufs neue Sand und streuen ihn vor den Tempel. Man nennt sie daher „Yugyôs Sandschlepper“ – erzählte unser Gastfreund.

Tsuki kiyoshi
Yugyô no moteru
sago no ue

Über jenem Sand,
den Meister Yugyô schleppte,
leuchtet der volle Mond.

Am 15., dem Vollmondtag, regnete es, wie unser Gastgeber vorausgesagt hatte!

Meigetsu ya
Hokkoku-biyori
sadame-naki

Den Vollmond schauen?
Beim launischen Wetter unserer
nördlichen Provinz?

Anmerkung:
Den Vollmond schauen …

Diese banale Frage, recht mager für ein Gedicht, ist nur in seinem Textzusammenhang zu verstehen. Die Dichter sehnen sich nach Schönwetter, weil ihnen die Mondschau sehr wichtig ist. Besonders für Bashô, der auch früher schon lange Reisen unternommen hatte, nur um an einer gewissen Stelle, an einem geeigneten, spektakulären Ort, den Mond zu schauen. Die hier angesprochene Landschaft Japans aber ist, zum großen Leidwesen aller, wegen ihres wechselhaften Klimas ganz und gar für Mondschau-Veranstaltungen ungeeignet. Bashô wiederholt in diesem Gedicht eigentlich nur, was der Gastgeber ihm schon gesagt hatte.

Zitiert aus: Bashô, Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland, Seite 322, Handbibliothek Dieterich, 1985

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