Der Weihnachtsstern

Der Weihnachtsstern

Im frostigen Winter war eine Gegend – gewöhnt an Glut
mehr als an Kälte, an Fläche mehr als an Berge – offenbar gut
für die Geburt des Kindes, das da kam zu retten die Welt.
Der Schnee fiel in solchen Mengen, wie er nur in der Wüste fällt.

Dem neugeborenen Kind kam alles gewaltig vor:
die Brust der Mutter, die Nüstern des Ochsen, Kaspar, Melchior,
Balthasar und deren Geschenke, die man hineintrug. Den Kern
bildete aber das Kind selber. Und das war der Stern.

Aufmerksam, ohne zu zwinkern, durch Wolken, die dünn und vag,
hat von fern auf das Kind, das da in der Krippe lag,
vom anderen Ende des Kosmos, kaum wahrnehmbar,
der Stern in die Höhle geschaut. Der das Auge des Vaters war.

Joseph Brodsky
24. Dezember 1987

Joseph Brodsky

Als er im Jahr 1987 den Nobelpreis für Literatur erhielt, bedankte er sich mit den Worten: „Ein großer Schritt für mich, ein kleiner Schritt für die Menschheit.“ Der zum Amerikaner gewordene Russe Brodsky war der sarkastisch-elegische Apoll der modernen Poesie. Aus drei Teilen setze er sich zusammen, sagte er: „aus Antike, Literatur des Absurden und dem Jungen aus dem Wald“. Die Legierung hat ihn die harten Jahre (bis 1972) in der Sowjetunion überstehen lassen; die Konstellation Poet kontra Imperium brachte ihm Gefängnis, Irrenhaus, Verbannung und schließlich Zwangsexilierung ein. Schon die Verse des 20jährigen hatten seine lyrikliebenden Landsleute hingerissen. Die Sprache sei nicht das Instrument des Dichters, sagte Brodsky, sondern der Dichter sei ihr Gefäß: Aus dem stiegen berückende, auch bedrückende Wörter-Welten im klassischen Stil, reich an mythologischen Anspielungen und finsterem Witz. Die USA hatten Brodsky mit einem Stipendium empfangen, er lehrte an verschiedenen Universitäten und wurde 1991 zum „poeta laureatus“ Amerikas gekürt. Joseph Brodsky starb am 28. Januar in New York an Herzversagen.

Die kursiv gehaltene Textstelle ist aus: Der Spiegel 6/1996
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-8872284.html

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