Kein Tag ohne Gedicht oder Täglich einmal Bashô

Der Aussage vom ehemaligen Hanser Verlag-Verleger Michael Krüger: „ … dass ein Tag ohne die Lektüre eines Gedichts ein verlorener Tag ist.“ stimme ich gerne zu. Auf seine Frage hin: „ Dass er es nicht verstehe, dass Leute zwar hintereinander dicke, langweilige amerikanische Romane lesen, es aber als Zumutung empfinden würden, ein Gedicht von Lukrez oder Celan zu lesen. Warum das so sei? Wie diese Egalisierung des Geschmacks entstehen würde?“ weiß auch ich keine Antwort.

Matsuo Bashô ( 1644 - 1694 )

Matsuo Bashô
( 1644 – 1694 )

Lyrik ist die subjektivste der Gattung literarischer Texte und sehr formenreich. Sie tritt schon sehr früh als Bestandteil ritueller Zeremonien in unserer Menschheitsgeschichte auf. Um 1500 v.u.Z. finden sich erste schriftliche Zeugnisse der Lyrik in China, später auch in Japan ( Haiku, Tanka … insbesondere schätze ich die Haiku-Lyrik des Matsuo Bashôs (1644-1694) … dazu später noch einen Text und ein Haiku).

Das Gilgamesch-Epos, das erste Großepos der Weltliteratur, aufgeschrieben auf 12 Tontafeln, wurde um 1200 v.u.Z von einem Dichter in akkadischer Sprache verarbeitet. Gilgamesch lebte wahrscheinlich tatsächlich als König von Uruk im Zweistromland. Er suchte den Weg zur Unsterblichkeit. Seine Taten und Erlebnisse bilden den Inhalt dieses Monumentalgedichts.

Aus Indien stammen aus der Zeit um 1000 v.u.Z. die ältesten indischen Hymnen.
„Die Bhagavadgita ist das schönste, ja vielleicht das einzig wahrhaft philosophische Gedicht, das alle uns bekannten Literaturen aufzuweisen haben …“ resümierte Wilhelm von Humboldt ( 1767 – 1835 ).

Sonnengesang des Echnaton

Sonnengesang des Echnaton

Von der altägyptischen Lyrik, die uns auf Papyrus Liebes-, Arbeits,- Trink- und Götterlieder überlieferte, sei besonders der Sonnengesang des Echnaton zu erwähnen. Ein literarisches Kunstwerk, dessen Inhalt bis heute Gültigkeit hat. Schon die ersten Verse weisen auf einen hohen Wissensgrad des Pharaos Amenhotep IV. Echnaton hin ( um 1350 v.u.Z. ):

Schön erscheinst du im Horizont des Himmels, du lebendige Sonne, die das Leben bestimmt! Du bist aufgegangen im Osthorizont und hast jedes Land mit deiner Schönheit erfüllt. Schön bist du, groß und strahlend, hoch über allem Land. Deine Strahlen umfassen die Länder bis ans Ende von allem, was du geschaffen hast. Du bist Re, wenn du ihre Grenzen erreichst und sie niederbeugst für deinen geliebten Sohn. Fern bist du, doch deine Strahlen sind auf Erden; du bist in ihrem Angesicht, doch unerforschlich ist dein Lauf. …

Die arabische Lyrik, die persische Lyrik, die spanische und die griechische Lyrik, überhaupt die europäische Lyrik bis vorerst hin zur althochdeutschen Phase, verbindet lange lyrische Traditionen. Entstanden aus Mythos diente sie zunächst kultisch-religiösen Zwecken und entwickelte sich später hin zu weltlichen Themen, wobei sie dort eine große politische und soziale Rolle, insbesondere in den griechischen Stadtstaaten, spielte.

Neuzeitliche Literaten, die sich nicht nur ausschließlich der Prosa widmeten, sind z.B. der großartige Kurt Tucholsky oder der sog. Gebrauchslyriker und einmalige Erich Kästner. Weitere „jüngere“ Lyriker werde ich, ähnlich wie obigen Text in Kurzform, in einem neuen Beitrag aufführen.

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Die kursiv gehaltenen Textstellen sind Zitate aus:

Kein Tag ohne Gedicht … http://www.welt.de/print-welt/article578190/Kein-Tag-ohne-Gedicht.html

Der große Sonnengesang von Echnaton
http://www.mein-altaegypten.de/internet/Alt_Aegypten_2/echnaton/atonhymne.htm

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Monolog I

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Monolog I

Sieben Marktstände nach dem Schönschreiber, vor dem Badezelt, inmitten von rot und grün beleuchteten Lindenstämmen, hängen Felle wie zum Trocknen in der Luft. Metallener Glöckchenklang webt sich durch eine Menge, die den fernen Tönen eines Martinshorns keine Konkurrenz machen. Man wird regelrecht getragen, vorbei, rundherum, geradeaus. Fenster alter Fachwerkhäuser sind eingepackt in Tannenwedel, goldene Aluminumsterne und breite rote Schleifen stecken tief in deren Grün. Erinnern an geöffnete Kalendertürchen, aus denen die Schokolade längst herausgenascht ist und nun leuchtende Kerzen das ständige Treiben unterhalb ihrer kalten Nasen festhält. Fein geschnitzte Schlangenköpfchen an langen gedrehten Holzhälsen tragen ellenlange Zeltbahnen, Innenleben aus der Mittelalterzeit umhüllend. Filzbehütete Silberschmiede wachen über Gold und Silber, Fibeln, Ringe und mehr. 
Harte Schläge aus der Nachbarschaft. Ein Ledergürtel wird bearbeitet, gelöchert. In Aussicht auf neue Besitzer mit breiten oder schmalen Hüften.
Rauchiger Holzfeuergeruch kriecht über den Platz. Blicke richten sich zu einer Hexenküche, aus der wundersame Düfte hungrige Nasen umschmeicheln. Es bleibt nicht aus, man wird zum Holzlöffel greifen, ihn in eine wohlgefüllte Schale mit fetter Suppe tauchen, Holzofenbrot stippen und essen. Wirte schenken Glühwein aus. Heiß. Vor diesen Ständen muss man besonders lang anstehen. Und dann umschwirren Myriaden von Feuerfunken für kurze Zeit hunderte Schattenköpfe, bevor nach Mitternacht endlich Ruhe einkehren wird. 

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Michael Hamburger – Eiche

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Eiche

Langsam der Wuchs, spät das Öffnen der Blätter,
Und das volle Blatt dunkel, nüchtern,
Süß weder Blüte noch Frucht
Höchstens grober Zunge des Hähers, Eichhörnchens, Wildschweins,

Hat die Eichel Impuls nach unten, jeder Zweig wankt,
Ragt jetzt, zuckt jetzt hinaus, knickt zurück,
Nur die Masse des unteren Stamms wahrt
Einen geraden Kurs, nur das Laub insgesamt
Rundet aus Zickzack und Knoten eine Form.

Aber wo andere Bäume, selbst die spätbelaubende Esche,
Langsame Walnuß, weitverzeigte Buche und Linde
Im Sommerwind schwingen, Pappel sich neigt und Weide,
Steht allein Eiche kompakt, versteckt in Stille
Blaue Aststücke, die Brand oder Pilz befiel;
Und bewahrt für den Tod ihren konstanteren Stoff.

Über breite vierhundertjahralte Dielen
Uneben, doch kaum vom Gebrauch, kann ich gehen
Und in nichteichenen Worten, solchen meiner minderen Zeit,
Jene bezeichnen die gar kein Monument waren
Sondern Nützlichkeit nur, und die Minderung bezeichnen,
Den Verlust jenes geduldigen Baums, Verlust allen Könnens
Das der Geduld entsprach, hartes Holz so zu formen
Dass es den Handwerker, es den Verwender überdauert;
Wie Drame aus Eiche, wurmstichig,
Dieses Haus stützen, wenn Verputz und Ziegel bröckeln,
In Eichenholzrahmen das Bleiglas passt
Aber neue Fenster, neue Türen, Billigware, wieder und wieder
verfaulten.

aus: Baumgedichte von Michael Hamburger, FolioVerlag 2009, Seite 33-35
In einer Übersetzung aus dem Englischen von Peter Waterhaus

Münsterland I

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Münsterland I

Herbsttage früher:
Dämmerzustände,
die Schemen, die Geister,
der Nebel, der kriecht und kommt,
das Grauen über den Feldern.

Kinder schlagen Birnen von Bäumen
und essen gierig das holzige Zeug.
Ihre runden Augen im Ungefähren.

Ein Viehtopf glüht in niedriger Kate,
der beizende Qualm, der Dunst von Wurzeln
und Rüben.

Weit, weit draußen der hohe Karren und
das Pferd, das Gerippe, die lautlose,
mähliche Bewegung durch den schwarzen Sand.

Der Bauer im Feld, schwarz, die Sense
langsam geschwungen.

Ein Wort, ein Zuruf durch den Nebel,
die Sichel, das Pferd, das Gespenst,
der hohe Karren versinkt.

Der Wind und die Gestalt im Ungenauen,
der Mann, die erhobene Hand,
das Erstarren.

Der Bauer versunken im Nebelmeer,
das falbe Pferd, das Pferd, das flieht,
das weiße Pferd, das war und nicht mehr ist.
Nur noch
die Sage vom Pferd, vom weißen Pferd
über den Wolken am Hellweg, am
Hellweg, ja

Winfried Pielow

aus:
Verhältniswörter
Gedichte
J. G. Bläschke Verlag Darmstadt 1972
Seite 16

Winfried Pielow – Vita

Geboren am 19. Mai 1924 in Tungerloh/Pröbsting bei Gescher. Winfried Pielow wuchs zunächst im Münsterland auf, bis er durch eine Versetzung seines Vaters nach Marienwerder/Westpreußen kam. Dort machte er 1942 das Kriegsabitur. Von 1942 bis 1945 erlebte er Arbeitsdienst, Wehrmacht, Gefangenschaft. 1946/47 begann er eine Ausbildung zum Volksschullehrer und schloss ein Studium der Germanistik, Anglistik und Pädagogik in Münster an, dass er 1951 mit der Promotion beendete. Ab 1954 war Winfried Pielow Assistent an der Pädagogischen Hochschule Alfeld. 1960 wurde er Dozent und von 1963 bis zu seiner Emeritierung 1989 lehrte er als Professor für Didaktik der Deutschen Sprache und Literatur an der Pädagogischen Hochschule Münster, dann an der Universität Münster. Er lebt in Laer.

weitere Informationen zum Autor Pielow findet man hier: NRW Literatur im Netz
http://www.nrw-literatur-im-netz.de/datenbank/autoren/164-pielow-winfried.html