Kulisse

Ob etwas tatsächlich am Ende schön, angenehm und positiv zu bewerten ist, zeigt sich erst in der Auseinandersetzung mit widrigen Umständen. Oder mit Schnurre’s Bild gesprochen: Erst im Regen erweist sich, wie echt die Farben sind. Erst dann wird erkennbar, ob etwas Bestand hat, oder ob es nur eine Scheinwirklichkeit, eine Täuschung, eben „Kulisse“ ist.

IMG_0064

Kulisse

Regen –
Regen rauscht auf den Rummel.
Das Glücksrad verliert seine Farbe,
der Würfelbecher wird klebrig;
in der Schießbude schlafen die Schüsse.
Wills keiner mehr wagen?
Will keiner mehr würfeln?
Will keiner mehr drehn?
Regen-
Regen rauscht auf den Rummel.

Wolfdietrich Schnurre
aus: Kassiber/Neue Gedichte, Suhrkamp Verlag 1964

Monderwartung im Hafen von Tsuruga

LIII. Monderwartung im Hafen von Tsuruga
von Matsuo Bashô (1689; 1702 als Abschrift im Druck erschienen )

IMG_1151
Die Mondnacht war von einmaliger Klarheit. Ob er wohl morgen Abend genauso scheinen würde, fragte ich unseren Gastgeber. Er erwiderte: „Nach der Erfahrung unserer Gegend ist das schwer zu sagen – wer weiß das schon, ob morgen der Nachthimmel wolkenlos oder bedeckt sein wird?“ Er bot uns Reiswein an und dann gingen wir, der Gottheit in Kehi unseren Nachtbesuch abzustatten – jener, die des Chûai-Tennôs Gedenken wahrt. Den Tempel umgeisterte etwas Göttliches. Durch die Zweiglücken sickerte Mondlicht und die Sandfläche vor dem Allerheiligsten sah aus, als wäre sie frostüberzogen.
„In uralten Zeiten ging der Heilige Yugyô der zweiten Generation, seinem Gelübde entsprechend eifrig ans Werk: mähte eigenhändig Gras, schaffte Erde und Steine herbei und trocknete Sümpfe aus. Seither reißt die Schar der Pilger nicht ab. Seinem mustergültigen Beispiel eifern heute noch viele seiner Anhänger nach: sie holen immer aufs neue Sand und streuen ihn vor den Tempel. Man nennt sie daher „Yugyôs Sandschlepper“ – erzählte unser Gastfreund.

Tsuki kiyoshi
Yugyô no moteru
sago no ue

Über jenem Sand,
den Meister Yugyô schleppte,
leuchtet der volle Mond.

Am 15., dem Vollmondtag, regnete es, wie unser Gastgeber vorausgesagt hatte!

Meigetsu ya
Hokkoku-biyori
sadame-naki

Den Vollmond schauen?
Beim launischen Wetter unserer
nördlichen Provinz?

Anmerkung:
Den Vollmond schauen …

Diese banale Frage, recht mager für ein Gedicht, ist nur in seinem Textzusammenhang zu verstehen. Die Dichter sehnen sich nach Schönwetter, weil ihnen die Mondschau sehr wichtig ist. Besonders für Bashô, der auch früher schon lange Reisen unternommen hatte, nur um an einer gewissen Stelle, an einem geeigneten, spektakulären Ort, den Mond zu schauen. Die hier angesprochene Landschaft Japans aber ist, zum großen Leidwesen aller, wegen ihres wechselhaften Klimas ganz und gar für Mondschau-Veranstaltungen ungeeignet. Bashô wiederholt in diesem Gedicht eigentlich nur, was der Gastgeber ihm schon gesagt hatte.

Zitiert aus: Bashô, Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland, Seite 322, Handbibliothek Dieterich, 1985

Kein Tag ohne Gedicht oder Täglich einmal Bashô

Der Aussage vom ehemaligen Hanser Verlag-Verleger Michael Krüger: „ … dass ein Tag ohne die Lektüre eines Gedichts ein verlorener Tag ist.“ stimme ich gerne zu. Auf seine Frage hin: „ Dass er es nicht verstehe, dass Leute zwar hintereinander dicke, langweilige amerikanische Romane lesen, es aber als Zumutung empfinden würden, ein Gedicht von Lukrez oder Celan zu lesen. Warum das so sei? Wie diese Egalisierung des Geschmacks entstehen würde?“ weiß auch ich keine Antwort.

Matsuo Bashô ( 1644 - 1694 )

Matsuo Bashô
( 1644 – 1694 )

Lyrik ist die subjektivste der Gattung literarischer Texte und sehr formenreich. Sie tritt schon sehr früh als Bestandteil ritueller Zeremonien in unserer Menschheitsgeschichte auf. Um 1500 v.u.Z. finden sich erste schriftliche Zeugnisse der Lyrik in China, später auch in Japan ( Haiku, Tanka … insbesondere schätze ich die Haiku-Lyrik des Matsuo Bashôs (1644-1694) … dazu später noch einen Text und ein Haiku).

Das Gilgamesch-Epos, das erste Großepos der Weltliteratur, aufgeschrieben auf 12 Tontafeln, wurde um 1200 v.u.Z von einem Dichter in akkadischer Sprache verarbeitet. Gilgamesch lebte wahrscheinlich tatsächlich als König von Uruk im Zweistromland. Er suchte den Weg zur Unsterblichkeit. Seine Taten und Erlebnisse bilden den Inhalt dieses Monumentalgedichts.

Aus Indien stammen aus der Zeit um 1000 v.u.Z. die ältesten indischen Hymnen.
„Die Bhagavadgita ist das schönste, ja vielleicht das einzig wahrhaft philosophische Gedicht, das alle uns bekannten Literaturen aufzuweisen haben …“ resümierte Wilhelm von Humboldt ( 1767 – 1835 ).

Sonnengesang des Echnaton

Sonnengesang des Echnaton

Von der altägyptischen Lyrik, die uns auf Papyrus Liebes-, Arbeits,- Trink- und Götterlieder überlieferte, sei besonders der Sonnengesang des Echnaton zu erwähnen. Ein literarisches Kunstwerk, dessen Inhalt bis heute Gültigkeit hat. Schon die ersten Verse weisen auf einen hohen Wissensgrad des Pharaos Amenhotep IV. Echnaton hin ( um 1350 v.u.Z. ):

Schön erscheinst du im Horizont des Himmels, du lebendige Sonne, die das Leben bestimmt! Du bist aufgegangen im Osthorizont und hast jedes Land mit deiner Schönheit erfüllt. Schön bist du, groß und strahlend, hoch über allem Land. Deine Strahlen umfassen die Länder bis ans Ende von allem, was du geschaffen hast. Du bist Re, wenn du ihre Grenzen erreichst und sie niederbeugst für deinen geliebten Sohn. Fern bist du, doch deine Strahlen sind auf Erden; du bist in ihrem Angesicht, doch unerforschlich ist dein Lauf. …

Die arabische Lyrik, die persische Lyrik, die spanische und die griechische Lyrik, überhaupt die europäische Lyrik bis vorerst hin zur althochdeutschen Phase, verbindet lange lyrische Traditionen. Entstanden aus Mythos diente sie zunächst kultisch-religiösen Zwecken und entwickelte sich später hin zu weltlichen Themen, wobei sie dort eine große politische und soziale Rolle, insbesondere in den griechischen Stadtstaaten, spielte.

Neuzeitliche Literaten, die sich nicht nur ausschließlich der Prosa widmeten, sind z.B. der großartige Kurt Tucholsky oder der sog. Gebrauchslyriker und einmalige Erich Kästner. Weitere „jüngere“ Lyriker werde ich, ähnlich wie obigen Text in Kurzform, in einem neuen Beitrag aufführen.

jbs 2ooovierzehn

Die kursiv gehaltenen Textstellen sind Zitate aus:

Kein Tag ohne Gedicht … http://www.welt.de/print-welt/article578190/Kein-Tag-ohne-Gedicht.html

Der große Sonnengesang von Echnaton
http://www.mein-altaegypten.de/internet/Alt_Aegypten_2/echnaton/atonhymne.htm

Monolog I

IMG_9129

Monolog I

Sieben Marktstände nach dem Schönschreiber, vor dem Badezelt, inmitten von rot und grün beleuchteten Lindenstämmen, hängen Felle wie zum Trocknen in der Luft. Metallener Glöckchenklang webt sich durch eine Menge, die den fernen Tönen eines Martinshorns keine Konkurrenz machen. Man wird regelrecht getragen, vorbei, rundherum, geradeaus. Fenster alter Fachwerkhäuser sind eingepackt in Tannenwedel, goldene Aluminumsterne und breite rote Schleifen stecken tief in deren Grün. Erinnern an geöffnete Kalendertürchen, aus denen die Schokolade längst herausgenascht ist und nun leuchtende Kerzen das ständige Treiben unterhalb ihrer kalten Nasen festhält. Fein geschnitzte Schlangenköpfchen an langen gedrehten Holzhälsen tragen ellenlange Zeltbahnen, Innenleben aus der Mittelalterzeit umhüllend. Filzbehütete Silberschmiede wachen über Gold und Silber, Fibeln, Ringe und mehr. 
Harte Schläge aus der Nachbarschaft. Ein Ledergürtel wird bearbeitet, gelöchert. In Aussicht auf neue Besitzer mit breiten oder schmalen Hüften.
Rauchiger Holzfeuergeruch kriecht über den Platz. Blicke richten sich zu einer Hexenküche, aus der wundersame Düfte hungrige Nasen umschmeicheln. Es bleibt nicht aus, man wird zum Holzlöffel greifen, ihn in eine wohlgefüllte Schale mit fetter Suppe tauchen, Holzofenbrot stippen und essen. Wirte schenken Glühwein aus. Heiß. Vor diesen Ständen muss man besonders lang anstehen. Und dann umschwirren Myriaden von Feuerfunken für kurze Zeit hunderte Schattenköpfe, bevor nach Mitternacht endlich Ruhe einkehren wird. 

jbs 2oooelf

Michael Hamburger – Eiche

IMG_9559

Eiche

Langsam der Wuchs, spät das Öffnen der Blätter,
Und das volle Blatt dunkel, nüchtern,
Süß weder Blüte noch Frucht
Höchstens grober Zunge des Hähers, Eichhörnchens, Wildschweins,

Hat die Eichel Impuls nach unten, jeder Zweig wankt,
Ragt jetzt, zuckt jetzt hinaus, knickt zurück,
Nur die Masse des unteren Stamms wahrt
Einen geraden Kurs, nur das Laub insgesamt
Rundet aus Zickzack und Knoten eine Form.

Aber wo andere Bäume, selbst die spätbelaubende Esche,
Langsame Walnuß, weitverzeigte Buche und Linde
Im Sommerwind schwingen, Pappel sich neigt und Weide,
Steht allein Eiche kompakt, versteckt in Stille
Blaue Aststücke, die Brand oder Pilz befiel;
Und bewahrt für den Tod ihren konstanteren Stoff.

Über breite vierhundertjahralte Dielen
Uneben, doch kaum vom Gebrauch, kann ich gehen
Und in nichteichenen Worten, solchen meiner minderen Zeit,
Jene bezeichnen die gar kein Monument waren
Sondern Nützlichkeit nur, und die Minderung bezeichnen,
Den Verlust jenes geduldigen Baums, Verlust allen Könnens
Das der Geduld entsprach, hartes Holz so zu formen
Dass es den Handwerker, es den Verwender überdauert;
Wie Drame aus Eiche, wurmstichig,
Dieses Haus stützen, wenn Verputz und Ziegel bröckeln,
In Eichenholzrahmen das Bleiglas passt
Aber neue Fenster, neue Türen, Billigware, wieder und wieder
verfaulten.

aus: Baumgedichte von Michael Hamburger, FolioVerlag 2009, Seite 33-35
In einer Übersetzung aus dem Englischen von Peter Waterhaus