Perecin setzte sich auf einen Knopf …

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Perecin setzte sich auf einen Knopf, und mit diesem Moment veränderte sich sein Leben jäh. Aus einem nachdenklichen, stillen Menschen wurde Perecin zu einem ausgemachten Tunichtgut. Er ließ sich einen Schnurrbart wachsen und schnitt ihn in der Folgezeit überaus ungleich, so dass die eine Schnurrbarthälfte immer länger war als die andere. Auch wuchs ihm der Schnurrbart irgendwie schräg. Perecin anzuschauen wurde unmöglich. Außerdem zwinkerte er widerwärtig mit einem Auge und hatte ein Zucken in der Wange. Eine Zeitlang begnügte sich Perecin mit kleinen Gaunereien: er verbreitete Klatsch, denunzierte, betrog die Straßenbahnschaffner, indem er für einen Fahrschein in allerkleinsten Kupfermünzen bezahlte und regelmäßig zwei, manchmal auch drei Kopeken zu wenig zahlte.

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Einmal ging ich aus dem Haus und ging in die Eremitage. Mein Kopf war voller Gedanken an die Kunst. Ich ging durch die Straßen, bemüht, die abstoßende Wirklichkeit nicht zu sehen.

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aus: Daniil Charms „Die Kunst ist ein Schrank“, Friedenauer Presse Berlin, 1992

„Tage der Nemesis“

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Bildquelle: NDR.de
https://www.ndr.de/kultur/buch/tipps/Martin-von-Arndt-Tage-der-Nemesis-,tagedernemesis102.html

„Weltweit wird dieser Tage des Völkermordes an den Armeniern vor 100 Jahren gedacht. Der 24. April 1915 gilt als Auftakt des Genozids. Damals begannen in Konstantinopel staatlich angeordnete Deportationen.

Wie viele Menschen in den folgenden Monaten auf Todesmärschen und Massenerschießungen ums Leben kamen, ist nicht abschließend geklärt. Schätzungen gehen von 800.000 bis 1,5 Millionen aus. Der deutsch-ungarische Schriftsteller Martin von Arndt hat den Völkermord an den Armeniern und einige seiner Nachwirkungen in einem historischen Kriminalroman verarbeitet. „Tage der Nemesis“ heißt das Buch.“ NDR 21.04.2015

An für sich müsste sich der Verlag sowie ungezählt viele Pressestimmen zu dem Buch „Tage der Nemesis“ von Martin von Arndt äußern. Jedoch, wohin ich schaue, (fast) nichts ist in den Medien von diesem hochinteressanten, spannendem und gut recherchiertem Buch zu lesen.
Eine Stelle habe ich dann doch noch gefunden und zwar vom NDR.
Wer als Ergänzung zu Franz Werfels Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ Lektüre zum Armenienthema sucht, sei „Tage der Nemesis“ warm empfohlen.

Eine sehr gute Rezension von Lothar Struck auf „Glanz und Elend“

http://www.glanzundelend.de/…/martin-von-arndt-nemesis.htm

Ein wunderschön nachdenkliches musikalisches Stück. Inspiration mein älterer Sohn:

Skizze

Skizze

Still ist es hier. Und Vormittag. Versunken im Gras und umgeben von stillem Geläut ungezählter Narzissen schlummern Findlinge. Kleine. Und etwas größere. Ich gehe in die Knie. Puste Myriaden von Staubkörner in die Luft, langsam erkenne ich Namen. Namen, denen ein alter Klang anhaftet: Walter Theophile, Egon und Alfred Rutkowsky, Franz Prakenings, Werner Ahrens, Otto Petersen und vielen anderen Unbekannten. Mit meinem Fotoapparat halte ich sie nun auch fest. Diesen und diesen und diesen … plötzlich ein Motorengeräusch. Ich blicke auf. Ein Mann hält mit seiner Vespa vor dem Zaun. Zieht den Helm vom Kopf. Ein großes Fragezeichen durchquert sein faltiges Gesicht. „Suchen Sie wen?“ Drei Worte, die zwischen Baumstämme über Findlinge säuseln. „Nein, niemanden. Hier, dieser stille Hain … beim vorbei wandern saß ein Rotkehlchen auf dem Stein. Dort.“ Mein Zeigefinger zeigt nach Norden. Oder Westen? Egal. „Ich sah Namen. Und Zahlen. 1914. 1915. 1916. Fand gemeißelte Buchstaben: gestorben in Somme, verm. in Russland, gefallen in Frankreich. Waren die Musketiere und Gefreiten einst Fischer? Wer hatte nach ihrem Tod diesen Hain angelegt? Gibt es Nachfahren?“
„Bleiben Sie,“ ruft er mir zu, stülpt den Helm über sein schütteres Haar, „bleiben Sie zehn Minuten hier. Ich bin gleich wieder zurück. Ich hole etwas von daheim!“ Er wendet sein Zweirad. Sekunden später hat ihn der Wald verschluckt. Nur aufgewirbelter Staub erinnert an die Szene und der Staub, der trollt sich auch. Legt sich wie ein morbides Tuch darüber.
In der Ferne Donnergrollen. Ich hebe meinen Kopf um fünfundvierzig Grad. Durch laublose Kronen schimmert ein blauer Himmel. Azur so weit dort oben. Weit. Und dann, wieder ein Grollen. Spielen Riesen mit rund geschliffenen Findlingen in einem Schiffsbauch auf hohlen Planken Billard? Genau. So. Ist es. Genauso hört es sich an. Doch ich weiß es besser. In der Nähe des stillen Hains befindet sich ein Truppenübungsplatz. Und die Nachfahren derer, deren Namen ich auf Film banne, üben Krieg. Oder Verteidigung. Oder doch Krieg. Alle in frischen Tarnanzügen. Und festen warmen Stiefeln. Und moderner Technik. Viele von ihnen mit einem BMI von über fünfundzwanzig.
Der alte Mann mit der Vespa knarrt zurück an den Hain. Zieht den Helm vom Kopf. Das Fragezeichen ist verschwunden. Er lacht mich an. Freundlich! Winkt. Ich soll mich zu ihm auf die Waldbank setzen. „Endlich jemand, der sich für Geschichte interessiert!“ Er öffnet eine Plastiktüte und zieht … einen Bildband über Luftaufnahmen von Schlösser und Herrenhäuser aus Schleswig-Holstein heraus.

Still ist es hier. Und Vormittag. Versunken im Gras und umgeben von stillem Geläut ungezählter Narzissen schlummern: Grabsteine.

jbs

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Verpuuß di! Vom Übersetzen.

„Nase hoch beim Übersetzen. Man übersetzt nicht wie eine Raupe, die sich durch ein Blatt frisst, man übersetzt den Satz aus dem Vogelflug. Es geht um das Ganze.“ Dies ist eine von ungezählt treffenden Aussagen von Swetlana Geier, der legendären Übersetzerin aller großen Werke Dostojewskis. Dies bezieht sich auf Übersetzungen von einer Sprache in die andere.

Anders sieht es bei der Mundartsprache aus. Diese ins Hochdeutsche zu übertragen, hieße, laut dem Lyriker Klaus Groth: „Uns übersetzen heißt die Farbe von unseren Gemälden wischen, um derentwillen wir nach der Mundart griffen; denn sonst hätten wir ja sämtlich nur selber es gleich hochdeutsch schreiben können. Wir wollen vielmehr der deutschen Literatur etwas zuführen, was die schriftdeutsche für sich nicht geben kann, wir wollen die hochdeutsche erweitern zu einer allgemein deutschen.“

Heute entdeckte ich in einem norddeutschen Antiquariat an der Ostsee eine kleine Anthologie: „Niederdeutsche Lyrik, 1945 – 1968“ Herausgeber Rudolf Syring, 1968 im Fehrs-Gilde Verlag, Hamburg-Wellingsbüttel.

Sie enthält plattdeutsche Gedichte von Autoren aus dem gesamten niederdeutschen Sprachraum aus der Zeit von 1945 bis 1968.

Verpuuß di! von Jep Nissen Andersen beschreibt Schnelllebigkeit, Zeit, die läuft, Zeit die jagt, die nicht zur Ruhe kommt. Und wie er sie für eine Stunde anhalten will.

Verpuuß di!

De Tiet, de löppt, – de Tiet, de jaagt, –

De Avend al den Morgen plaagt:

Dat tickt un tackt

Un stampt un dröhnt;

Dat summt un brummt

Un jankt un stöhnt;

Dat Rad regeert op Schritt un Tritt, –

De arme Minsch mutt mit – mutt mit, –

Kömmt ni to Ruh!

– – – – – – –

De Snee daut weg, – de Vörjahrhrsdroom

Stiggt ut de Eer in Busch un Boom;

Dat gröönt un blöht

Un singt und fleit,

De wiede Welt

Voll Wunner steit

Un röppt: „Oh, Minsch, – kumm in mien Schoot,

Hool an dat Rad en lüttje Stoot, –

Verpuuß di mal!“
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Louvre

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Musée du Louvre, Paris
Veröffentlicht am 25. September 2013 von dasgedichtblog
von Wolfgang Oppler

Auf einer Fläche
von der Größe neuner
Fußballfelder
buhlen fünfunddreißigtausend
herausragende Kunstwerke
aus sämtlichen Epochen
menschlichen Kulturschaffens
um meine Aufmerksamkeit.

Würde ich jedem Exponat
fünf Sekunden widmen,
wäre ich in knapp neunundvierzig
Stunden durch.

Lieber schenke ich
meine Aufmerksamkeit
einer weiteren Tasse Kaffee,
klein, schwarz, stark,
und lasse mir die Sonne
auf die Nase brennen
in dem winzigen Straßencafé
in der Rue Mouffetard.

© Wolfgang Oppler, Unterschleißheim