Skizze

Skizze

Still ist es hier. Und Vormittag. Versunken im Gras und umgeben von stillem Geläut ungezählter Narzissen schlummern Findlinge. Kleine. Und etwas größere. Ich gehe in die Knie. Puste Myriaden von Staubkörner in die Luft, langsam erkenne ich Namen. Namen, denen ein alter Klang anhaftet: Walter Theophile, Egon und Alfred Rutkowsky, Franz Prakenings, Werner Ahrens, Otto Petersen und vielen anderen Unbekannten. Mit meinem Fotoapparat halte ich sie nun auch fest. Diesen und diesen und diesen … plötzlich ein Motorengeräusch. Ich blicke auf. Ein Mann hält mit seiner Vespa vor dem Zaun. Zieht den Helm vom Kopf. Ein großes Fragezeichen durchquert sein faltiges Gesicht. „Suchen Sie wen?“ Drei Worte, die zwischen Baumstämme über Findlinge säuseln. „Nein, niemanden. Hier, dieser stille Hain … beim vorbei wandern saß ein Rotkehlchen auf dem Stein. Dort.“ Mein Zeigefinger zeigt nach Norden. Oder Westen? Egal. „Ich sah Namen. Und Zahlen. 1914. 1915. 1916. Fand gemeißelte Buchstaben: gestorben in Somme, verm. in Russland, gefallen in Frankreich. Waren die Musketiere und Gefreiten einst Fischer? Wer hatte nach ihrem Tod diesen Hain angelegt? Gibt es Nachfahren?“
„Bleiben Sie,“ ruft er mir zu, stülpt den Helm über sein schütteres Haar, „bleiben Sie zehn Minuten hier. Ich bin gleich wieder zurück. Ich hole etwas von daheim!“ Er wendet sein Zweirad. Sekunden später hat ihn der Wald verschluckt. Nur aufgewirbelter Staub erinnert an die Szene und der Staub, der trollt sich auch. Legt sich wie ein morbides Tuch darüber.
In der Ferne Donnergrollen. Ich hebe meinen Kopf um fünfundvierzig Grad. Durch laublose Kronen schimmert ein blauer Himmel. Azur so weit dort oben. Weit. Und dann, wieder ein Grollen. Spielen Riesen mit rund geschliffenen Findlingen in einem Schiffsbauch auf hohlen Planken Billard? Genau. So. Ist es. Genauso hört es sich an. Doch ich weiß es besser. In der Nähe des stillen Hains befindet sich ein Truppenübungsplatz. Und die Nachfahren derer, deren Namen ich auf Film banne, üben Krieg. Oder Verteidigung. Oder doch Krieg. Alle in frischen Tarnanzügen. Und festen warmen Stiefeln. Und moderner Technik. Viele von ihnen mit einem BMI von über fünfundzwanzig.
Der alte Mann mit der Vespa knarrt zurück an den Hain. Zieht den Helm vom Kopf. Das Fragezeichen ist verschwunden. Er lacht mich an. Freundlich! Winkt. Ich soll mich zu ihm auf die Waldbank setzen. „Endlich jemand, der sich für Geschichte interessiert!“ Er öffnet eine Plastiktüte und zieht … einen Bildband über Luftaufnahmen von Schlösser und Herrenhäuser aus Schleswig-Holstein heraus.

Still ist es hier. Und Vormittag. Versunken im Gras und umgeben von stillem Geläut ungezählter Narzissen schlummern: Grabsteine.

jbs

2tausend15

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