Morgentöne von Paul Scheerbart

An den Weltrand gehen. TGV-Streckenbild - Stuttgart-Paris März 2ooofünfzehn

An den Weltrand gehen.
TGV-Streckenbild – Stuttgart-Paris
März 2ooofünfzehn

Morgentöne

Guten Morgen! schreit das Menschentier;

Und mancher Schuft trinkt jetzt noch Bier.

~~~

Guten Morgen! schreit auch der Tyrann;

Früh fängt Er zu regieren an.

~~~

An den Weltrand will ich heute gahn;

Dort will ich einmal Fliegen fahn.

~~~

Guten Morgen! schreit der Kriegersmann;

Ach, der ist immerzu im Tran.

~~~

Guten Morgen! schreit man dort und hier;

Und meine Uhr schlägt schon halb vier.

~~~

Und mancher Schuft trinkt jetzt noch Bier;

Guten Morgen! schreit das Menschentier.

~~~

Paul Scheerbart

Paul Carl Wilhelm Scheerbart wurde 1863 in Danzig geboren und starb 1915 in Berlin.

Ernst Rowohlt veröffentlichte 1908 Paul Scheerbarts „Katerpoesie“, aus diesem Rarissimum in der Bücherwelt ist „Morgentöne“ entnommen.

johannisnacht

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johannisnacht

feuersonnenrad
knistert
züngelt
leckt 
über stoppelfelder
tanzen 
bloße Füße
leicht 
weißen tauben 
gleich
feuerblüten 
lösen fibeln 
im wind

johannisbeeren
reifen
platzen

kometen im fall
blühen auf 
süßen lippen

jbs 2oooelf

Lilith oder der lange Abschied

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Lilith oder der lange Abschied

Sein Briefkasten frisst üblicherweise nur schmale Briefe, Briefe die Rechnungen enthalten. Nur bunte Werbeblätter lockern die Eintönigkeit der Postzustellungen ab, deshalb klebt auch nicht der Hinweis auf dem Kasten: Keine Werbung einwerfen!

Heute sieht Wieland schon von weitem, das sich ein dicker brauner Umschlag durch den Briefkastenschlitz drängt.
Wohnungskündigung, Lebensmittelrechnungen, Arztrechnungen und Krankenberichte, Formularlabyrinthe für Arbeitsanträge.
Gedanken um den unbekannten Inhalt überschlagen sich, ungeduldig reißt er den Brief aus dem Kasten.
Seine rechte Hand gleitet zwischen Bierflaschen, Korn, Pumpernickel, Milch und Harzer Rolle in die Einkaufstüte. In ihrer Tiefe findet er was er sucht und schließt damit die Wohnungstür auf.
Trotz Neugier auf den Inhalt der Postsendung räumt er erst in der Küche die Einkäufe weg.
Dieser 21. Juni ist wie eh und je so heiß, dass die Verderblichkeit der Nahrung schon am Ausgang des Supermarktes beginnt.
Und mit der Ordnung nimmt es Wieland sehr genau, auch damit, dass immer zwei, drei Flaschen Bier gekühlt sind. Zwei kleine Gläser Korn nimmt er jetzt gleich zu sich, damit er einen klaren Kopf behält, denn wer weiß, was ihm der Inhalt des Briefes bringen wird.
Drei Flaschen Bier in der einen Hand, den Brief in der Anderen setzt er sich in seinen Lieblingssessel.
Der Tisch neben ihm steht so, dass er ihn jederzeit, ohne dabei aufstehen zu müssen, um 180° drehen kann. Er stellt die Flaschen darauf ab, legt den Brief auf seinen Schoß und zieht den Tisch über seine Knie.
Von diesem Platz aus hat er eine wunderbare Übersicht: geradeaus steht der viereckige Kasten, der ihm den Blick in die weite Welt öffnet. Das Fenster dahinter bietet ihm Aussicht auf die Wohnungen der Nachbarn, die er besonders nachts gerne beobachtet. In drei Jahren konnte er die Gewohnheiten der Hausbewohner gut kennen lernen, auch wenn er ihnen persönlich nie begegnet ist.
Sein Sessel ist genial, er umschließt ihn, wiegt ihn in Sicherheit während er alles um sich herum beobachten kann und der Alkohol, der seit einiger Zeit sein bester Freund ist, macht ihm die Trennung von Lilith leichter.
Telefonläuten.
Wielands Stirn legt sich in Runzeln, die schwarzen Augenbrauen treffen sich gekrümmt über dem Nasenrücken, seine Augen verengen sich.
Wieder Telefonläuten.
Wer mag ihn jetzt anrufen. An diesem Tag. Mitten drin im Jahr.
Immer noch Telefonläuten.
Es ruft ihn doch seit drei Jahren so gut wie niemand an. Warum heute?
Wieland überlegt zu lange. Beim Abheben des Hörers vernimmt er nur noch einen metallischen Klick.
Stille.
Stille auch im Zimmer, fast.
Das Ticken der Wanduhr ist die einzige Unterbrechung.
Wieland seufzt, nimmt das Bier zur Hand, öffnet die Flasche, kickt den Kronkorken geübt in eine Konservendose, die unterhalb des Fernsehers steht.
Alles hat seine Ordnung!
Er setzt die Flasche sicher an den Mund und innerhalb von Sekunden ist sie leer.
Nun die Zweite geöffnet, sein Kehlkopf hüpft beim Schlucken auf und ab, diesmal jedoch lässt er einen Rest übrig.
Die Hitze.
Der Alkohol.
Wieland merkt kaum, wie er in einen Dämmerzustand fällt.
Seine Gedanken kreisen eine kurze Zeit um den seltsamen Brief , aber der kann warten, im Moment schafft er es nicht, sich zu konzentrieren.

Lilith.
So hatte er seine Frau gerne genannt. Es lag auf der Hand, dass er sie so nennen musste, denn vor Jahren lernte er sie in einer Johannisnacht kennen. Alten Sagen nach tanzen Elfe und Trolle in der Lithanacht und sie war eine Elfe für ihn.
Ihre Ehe sollte jedoch keinen guten Start haben. Es zog Lilith in die Stadt, weit weg von der bisher gewohnten Ländlichkeit, hinein in den Puls der Zeit. Und Wieland zerbrach an dem Leben in der Großstadt, es war für ihn ein Kulturschock, Lilith dagegen blühte auf. Es dauerte nicht lange und sie hatten sich auseinandergelebt. Das Schlimmste für ihn war, dass sie keine Familie wollte und als sie eines Tages anrief, um ihm mitzuteilen, dass sie jemand anderes kennen gelernt habe, da brach seine Welt zusammen.
Wieland hob nicht einmal seinen Kopf als sie ihre Sachen zusammenräumte. Er saß ganz still in seinem Sessel, hörte wie sie ging und es war ihm unbegreiflich, dass sie seine Gefühle nicht spürte.
Manchmal kommt es ihm vor, als sei er seit diesem Tag nicht mehr vom Sessel aufgestanden.
Langsam wird die Lichtgestalt zum Schatten, dann ist sie ganz verschwunden.
Er löst sich von diesem Alptraum, greift nach der Flasche um den letzten Rest zu schlucken. Die nächste Flasche ist schnell geöffnet, der mittlerweile warme Inhalt findet seinen Weg.
Mühsam setzt er sich im Sessel auf und fasst nach dem Kuvert. Es wird Zeit, den Inhalt zu lesen.
Sein rechter Zeigefinger schiebt sich unter die zugeklebte Falz, unregelmäßig reißt er den Brief auf, steckt die Hand hinein, um die inliegenden Papiere herauszuziehen.
Da klingelt es an der Haustür.
Wieland erstarrt.
Was ist das heute für ein Tag?
Es kann nicht an der Hitze liegen! Das Klingeln bildet er sich nicht ein.
Es klingelt wieder.
Ihm bleibt nichts anderes übrig, er schiebt den Tisch zurück, erhebt sich schwerfällig aus der Tiefe seiner zweiten Heimat und trottet zur Tür.
Bevor er öffnet, fährt er mit beiden Händen durch das Haar, nun steht er einem Mann gegenüber, der ihm entfernt bekannt vorkommt.
„Hansson,“ stellt sich dieser vor, „meine Frau und ich wohnen seit vier Wochen neben ihnen. Wir möchten heute die Sonnwendfeier am Stadtrand besuchen, hätten sie Zeit und Lust mitzukommen?“
Wieland lächelt gequält.
„Sonnwendfeier?“
„Ja, Sonnwendfeier. Johannisfeuer. Heute ist der 21. Juni!“
„ Nun, ich bin nicht darauf eingestellt,“ versucht Wieland sich herauszureden.
„Darauf muss man sich nicht einstellen, man geht einfach hin und feiert mit!“
Wielands Gedanken überschlagen sich, soll er zusagen?
Eine innere Stimme erinnert ihn an den Brief, an das mittlerweile kühle Bier im Kühlschrank, an seinen Sessel, an seine Ruhe.
Ihm entfährt ein: „ Ja, danke für die Einladung. Wann fahren wir?“

Im Auto sind die Fenster geöffnet, der Fahrtwind lässt die hitzegeschwängerte Luft etwas erträglicher werden. Unter Wielands Hemd klebt der geöffnete ungelesene Brief. Später wird er sich etwas Zeit nehmen, um endlich den Inhalt zu entdecken.
Hanssons Ehefrau bemüht sich um ein Gespräch mit Wieland, der ihnen die Gegend erklären soll.
Nur Wieland ist nicht nach Reden zumute, Frau Hansson bemerkt das ziemlich schnell und genießt die Autofahrt auch ohne Stadtführung.
Am Stadtrand angekommen macht sich schon die Dämmerung breit.
Meterhohe aufgebaute Holzscheite werden angezündet und das Fest beginnt.
Wieland stellt sich ganz dicht an das Feuer, er will sehen, wie das Feuer das Holz frisst, wie dann nichts mehr übrig bleibt, außer Asche.
Den Hanssons wird die Nähe des Feuers zu heiß, sie entschuldigen sich bei Wieland, wollen sich ein wenig die Tänze anschauen.
Aber Wieland schwitzt auch, es ist nicht nur die Hitze um ihn herum, der braune Umschlag, der brennt ihm ein Loch in die Brust.
Er zieht ihn hervor, faltet ihn auseinander und hält ein Dutzend ungeöffneter Briefe in der Hand, die ihm sehr bekannt vorkommen. Damit hat er nicht gerechnet.
Auf jedem prangt ein Poststempel: Ungeöffnet an den Absender zurück!.
Ohne nachzudenken und mit einem riesigen Schwung katapultiert er die eigenen Wehrmutsbriefe in das Johannisfeuer. Die Flammen greifen lechzend nach dem Papier, Funken fliegen durch die Luft, das Feuer brüllt.
Auch Wieland brüllt.


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Monolog VII

Monolog VII

nonsense and no nonsense

Ich weiß, wie man zu Pferde sitzt.
Ich verstehe auch, tote Fliegen vom Lampenschirm zu pusten.
Und noch etwas verstehe ich.
Wie man Marmeladengläser ausleckt, ohne dass meine Nase kleben bleibt.
Übrigens, in meinem Garten klettern Bohnen, bevor sie springen.
Und mir gefällt die Vorstellung, das sich der Wald öffnet, sobald man durch ein mit Tau beperltes Spinnennetz geht.
Denke dir, was du willst!
Auch ich denke mir meinen Teil.
Mit der linken Hand werfe ich mir jetzt eine Himbeere in den Mund.
Kraule mit der rechten den Kater.
~~~
Selbst im Frei wird der Kopf nicht frei.
Eine Frau rudert.
Charon wird übernehmen.
Es ist doch noch viel zu früh!
Seele …
schöpf Lethe’s heiteres Nass.
Und trink.
Ich vergesse
dich nicht!

Goodwin – Sand

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Aufnahme: j. bürkle 2015 – kreta – bucht von spinalonga

Goodwin-Sand
von Theodor Fontane

Das sind die Bänke von Goodwin-Sand,
sie sind nicht Meer, sie sind nicht Land,
sie schieben sich, langsam, satt und schwer,
wie eine Schlange hin und her.

Und die Schiffe, die mit dem Sturm gerungen
und die schäumende Wut der Wellen bezwungen,
und die gefahren über die Welt,
unzertrümmert, unzerschellt,

Sie sehen die Heimat, sie sehen das Ziel,
da schiebt sich die Schlange unter den Kiel
und ringelt Schiff und Mannschaft hinab,
zugleich ihr Tod, zugleich ihr Grab.

Die See ist still, die Ebb‘ ist nah,
Mastspitzen ragen hier und da,
und wo sie ragen in die Luft,
da sind es Kreuze über der Gruft;

Ein Kirchhof ist’s, halb Meer, halb Land, –
das sind die Bänke von Goodwin-Sand.

Das Gedicht Goodwin Sand von Theodor Fontane aus dem Jahr 1847 beschreibt die Sandbänke als Grab für Schiffe und Männer: „ein Kirchhof ist’s, halb Meer, halb Land.“

Auf Wikipedia findet man u.a. folgende Information:

„Die Goodwin Sands sind eine Kette von Sandbänken an der Mündung der Straße von Dover, etwa 5,5 km östlich von Deal in Kent, England. Sie sind berüchtigt für die zahlreichen Schiffbrüche, die sich dort ereignet haben.

Die Goodwin Sands sind einer der größten Schiffsfriedhöfe der Welt; Schätzungen zufolge sind dort etwa 2.000 Schiffe verloren gegangen. Die Gefährlichkeit der Sandbänke auch für moderne Schiffe liegt an ihrer Lage, am großen Tidenhub, den durch die Gezeiten verursachten, starken Strömungen und der schweren Brandung bei schlechtem Wetter, von der auch große und stabile hölzerne Schiffe in kurzer Zeit zerschlagen wurden. Auch moderne Schiffe aus Stahl waren und sind oft nicht mehr zu retten. Bei komplett auf dem Sand liegenden Schiffsrümpfen bilden sich durch die starken Strömungen tiefe Ausspülungen unter Bug und Heck, die dazu führen, dass sie in der Mitte auseinanderbrechen; Schiffe, die sich an einer Kante der Sandbänke festgefahren haben, werden durch einen Tidenhub von bis zu sechs Metern solchen Belastungen ausgesetzt, dass sie ebenfalls oft auseinanderbrechen. Während Wracks an den Rändern der Goodwins oft in tieferes Wasser abrutschen, werden komplett im Sand liegende Schiffe regelrecht „verschluckt“, weil sie in den durch die Strömungswirbel um ihren Rumpf entstehenden Ausspülungen versinken. … “