Konrads Geständnis – Eine eindringlich erzählte Vertriebenengeschichte

Nach knapp vier Jahren möchte ich aus gegebenem Anlass zur Flüchtlingsdebatte die Buchbesprechung zu „Konrads Geständnis“ von Hans Zengeler nochmals veröffentlichen.

Siehe hier auf dem Blog lou-salome

Konrads Geständnis

ein Roman von Hans Zengeler
Verlag Shaker Media 2011, 235 Seiten

Bildquelle: http://www.literaturport.de/fileadmin/_processed_/csm_3868586741_66d395046a.jpg

Hans Zengeler beschreibt die Zeit nach Gründung der Bundesrepublik ab 1950 und wirft einen kritischen Blick auf die Integrations- und Asylpolitik speziell in Baden-Württemberg. Menschen, wie sein Protagonist Konrad Stachowiak mussten hart kämpfen. Parolen wie :“Badens schrecklichster Schreck, der neue Flüchtlingstreck!“ machten Stimmung gegen Integration.

Der mecklenburgerische Stachowiak stellt eine ausgeprägte Charakterfigur dar, der als einzelnes Individuum mit seinem Einzelschicksal für alle schutzsuchenden Menschen dasteht. Sein Anwalt Hägele dagegen, der sein Freund hätte werden können, löst sich in Farblosigkeit auf.
Ein raffiniert ausgestatteter Roman mit Gegenüberstellung gesellschaftlicher und sozialer Verhältnisse der Nachkriegszeit. Bis in die Gegenwart hinein.

Ich bin bei der erneuten Lektüre von Hans Zengelers Roman „Konrads Geständnis“ auf diese bedeutungsvolle Textstelle gestoßen:

„… , der schnelle Wechsel der Gefühle, eine Fahrt von der Gegenwart durch die Vergangenheit in die Zukunft hinein, … „

Gegenwart

In dem Kapitel wird anfangs die Autofahrt des Anwalts Hägele über die Schwäbische Alb zum Bodensee beschrieben. Hägele bearbeitet gegenwärtig einen Fall von Waffenraub. Der einsitzende Konrad Stachowiak hatte sich selbst angezeigt, nicht weil er Reue zur Tat empfinden würde, sondern weil er der Gesellschaft u.a. deren irrwitzige Asylpolitik vor Augen führen will. Konrad Stachowiak war ein früherer Klassenkamerad des Verteidigers und später in derselben Kaserne wie Hägele stationiert.

Fühlbar einsam hangelt sich der Pflichtverteidiger Hägele durch seine Tage. Seine Ehefrau Vera ist mit dem gemeinsamen Kind aus der Wohnung ausgezogen und will sich nach vielen Ehejahren von ihm trennen. Mit übermäßigem Alkoholkonsum, Tagträumen und mühseligem Aktenstudium seines neuen Falles kämpft Hägele sich durch das Jetzt.

Vergangenheit

Mächtig holt ihn dann plötzlich die Vergangenheit ein. Während und nach den Gesprächen mit Konrad im Sprechzimmer des Gefängnisses durchlebt er die Zeit der Rucksackdeutschen, so wie es sein Mandant selbst erlebt hatte. Es vollzieht sich ein Rollentausch, den der Einsitzende Konrad Stachowiak beim Abschied seines Pflichtverteidigers grinsend kommentiert:

„Er habe noch nie eine so eindringlich erzählte Vertriebenengeschichte gehört.“

Flüchtlinge wurden in (nicht nur) schwäbischen Städten in eigens eingerichteten Stadtteilen ( noch heute weisen Straßennamen wie Deutscher Osten, Danziger Straße, Stettiner Straße, Sachsenweg usw. darauf hin) untergebracht und als lästige Durchfresser und Schmarotzer angesehen. Die Chance auf bessere Schulbildung und sozialem Aufstieg war fast aussichtslos.
Intelligenz und Dickköpfigkeit ermöglichten dem jungen Stachowiak, das Gymnasium zu besuchen, auf dem er vom ersten Tag an nicht einen Freund bekommen sollte. Er gehörte einfach nicht dazu. Er war ein Flüchtling, ein Rucksackdeutscher, der sein Hab und Gut in einem Rucksack in eine neue unbekannte „Heimat“ schleppte:

„Die Rucksackdeutschen, die Flüchtlinge, die Heimatvertriebenen, die Umsiedler, wie auch immer man sie nennen mag, die Asylanten und Asylbewerber gibt es überall, die kommen nirgendwo richtig an.“
S. 68

Nach der Schulzeit ging es für den mecklenburgischen Konrad weiter mit Widerständen und Barrieren, diesmal in der Bundeswehrkaserne in Engsten. Als absoluter Aussenseiter versuchte er die Schikanen und Diskriminierungen seiner Kameraden auszuhalten. Nur durch die Lektüre hochgeistiger Literatur wie z.B die Duineser Elegien, überstand er eine zeitlang diese menschliche Hölle. Dann wurde ein Klinikaufenthalt in einer Psychiatrie notwendig.

Zukunft

Zukünftig will der Anwalt Hägele sich beruflich verbessern und strebt eine Karriere in dem renommierten Anwaltsbüro Dr. Mehringer an. Das die dortigen Gepflogenheiten und Machenschaften nicht seinen Vorstellungen entsprechen, merkt Hägele sehr schnell.

Fazit

Fünf Erzählstränge ( 1. Stachowiak -> Hägele; 2. Dr. Mehringer -> Hägele; 3. Hägele -> Vera; 4. Gegenwart -> Vergangenheit; 5. Asylanten) bilden einen Zopf dieses erzählerisch und bildlich glaubwürdig erzählten Romans. Der Autor Zengeler muss ein sehr guter Menschenkenner und Beobachter sein. Wie kaum jemand anderem gelingt es ihm in „Konrads Geständnis“ die große existentielle Bedrohung darzustellen: Verlust von Achtung und Würde eines Menschen.

Man darf sich als Leser nicht in die Irre führen lassen. Konrads Geständnis ist nicht das Geständnis des inhaftierten Stachowiak, sondern …
… hier mag sich der interessierte Leser selbst eine Meinung bilden.

Mir hat dieser Zengeler-Roman, der übrigens Ende der achtziger Jahre erstmals verlegt wurde, sehr gut gefallen. Zengeler beweist sich als ein Meister subtiler Emotionen und insistierenden Infragestellungen bestehender Strukturen.
Diese Lektüre ist unbedingt weiterzuempfehlen. Hans Zengeler hält mit ihr ein Stück Geschichte fest.

Immer noch aktuell

Das große Thema Asyl, Vertriebene und Flüchtlinge konfrontiert uns aktuell bis in die heutige Zeit. Tagesthemen sind und waren, um nur ein paar Beispiele zu nennen:

– Anfang der 90iger Jahre kamen Asylsuchende aus den umkämpften Gebieten des ehemaligen Jugoslawien in die europäischen Nachbarländer
– die Ausschreitungen in Hoyerswerda 1991
– bis heute suchen Menschen aus dem Irak und Afghanistan Asyl in den EU-Ländern Schutz
– Boatpeople aus Afrika oder Asien suchen die Lizenz für menschenwürdiges Leben.

Die in fett kursiv geschriebenen Textstellen sind Zitate aus obigem Buch.
Nachtrag eines Links und minimale technische Verbesserung am 21.09. und am 22.09.2011

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Siebzehnjährige Zikade – Oder „Weltlied“ von Leopold Federmair

Von Zikaden

28. August. Seit jenem Freitag geht mir das Zikadenbild nicht mehr aus dem Kopf. Ein Zepter liegt auf einer Bank. Vor der Bank im Erdreich zwei Löcher aus denen Zikaden krabbeln, um im Baum hinter, über der Bank ein Weltlied zu singen. Sieben Tage lang. Und es ist ihnen gleich, ob sie von Mensch oder Tier verstanden werden oder auch nicht. Siehe: Weltlied von Leopold Federmair

Kurzinformationen zum Autor

Einerseits könnte diese Skizze die Wiedergabe eines genauen Naturbeobachters sein. Daraufhin weist die die explizite Beschreibung der Erdlöcher: daumennagelgroß und die Tiefe sei nicht mehr als eine Daumenlänge unter der Erde. Sodann der enorme Geräuschpegel des Zikadengesangs im Baum über dem Kopf des Autors. Und es scheint den Insekten gleich zu sein, ob sie verstanden werden oder nicht, sie singen unbeirrt, was das Zeug hält. Ein Weltlied. Immerhin haben sie nicht viel Zeit. Laut Autor sieben Tage.

Andererseits wäre es möglich, dass die sieben Tage Gesang für die Entstehung der Welt gesehen werden könnten. Das Zepter, ein Teil von Krönungsinsignien, liegt ruhend auf einer Bank: lt. Schöpfungsgeschichte vollendete Gott am siebenten Tag das Werk, das er geschaffen hatte, und an diesem Tag ruhte er (2,2); am Anfang schuf Gott Himmel und Erde ( Himmel = Baum; Erde = Erdreich unter dem Baum).

Federmairs flüchtig entworfene Zeichnung lässt sich auch als Parabel verstehen. Nach Jahren der Stille kriechen in biblischen Ausmaße Unruhestifter ans Tageslicht und verkünden, wenn auch unverstanden, ihr ureigenstes Weltlied – Weltbild.

Im Tierreich werden lt. Knaurs Insektenbuch 1968 von Walter Forster, Seite 66, über 5000 Zikadenarten beschrieben. Wobei eine Mehrzahl noch unbekannt sein dürfte. Beeindruckend ist besonders die Siebzehnjährige Zikade Nordamerikas. Je nach klimatischen Verhältnissen schlüpfen alle dreizehn bis siebzehn Jahre aus den Larven Zikaden, die, seither unterirdisch lebend, die Erdoberfläche erklimmen, Bäume erklettern, um sich dort fortzupflanzen. Der Kreis schließt sich, indem sie Eier legen, aus denen Larven schlüpfen, die wiederum auf die Erde fallen, sich vergraben und die nächsten drei – bis siebzehn Jahre unterirdisch hausen ( Dreizehn und siebzehn sind Primzahlen; Wissenschaftler wollen herausgefunden haben, dass in diesen Jahren Prädatoren geburtenschwache Jahre aufweisen und somit hat der Zikadennachwuchs weniger Feinde während ihrer kurzen Lebens-und Fortpflanzungsdauer).

jbs 2ooofünfzehn

Die blaue Blume

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(c) jbs 2ooofünfzehn

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Die blaue Blume

Joseph von Eichendorff

Ich suche die blaue Blume,
Ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, dass in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh.

Ich wandre mit meiner Harfe
Durch Länder, Städt und Au’n,
Ob nirgends in der Runde
Die blaue Blume zu schaun.

Ich wandre schon seit lange,
Hab lang gehofft, vertraut,
Doch ach, noch nirgends hab ich
Die blaue Blum geschaut.

Erläuterungen, Hintergrund, Bedeutung, Ursprung

Die blaue Blume (der Romantik) versinnbildlichte für Novalis(Friedrich von Hardenberg, 1772−1801) die Sehnsucht nach der Einheit von Realität und Traumwelt, Möglichem und Mystik, Verstand und Empfindung durch realitätsüberschreitende vielschichtige Sinneswahrnehmungen. Zitat