Der Kornmesser von Südfall – Ein Märchen aus Uthlande

Dieses kleine Märchen gestattet einen Blick in die wundersame Welt der Uthlande. Es öffnet den Zugang zu dieser einmaligen schönen Landschaft mit ihren mitunter etwas schrulligen und verschroben wirkenden Menschen.

GP - Sonnenuntergang in Dänemark 2007

GP – Sonnenuntergang in Dänemark 2007

Der Kornmesser von Südfall

Dort, wo heute die kleine Hallig als karges Eiland aus dem Meer aufragt, lag vor langen Zeiten das so einst so große und reiche Rungholt. Die Stadt ging in den Fluten der Nordsee unter, erzählt man sich heute noch, wegen ihrer lasterhaften Lebensweise, ihres protzigen Reichtums und weil sie Gott lästerte.

Nun wohnte einmal auf Südfall ein Halligbauer, der als besonders listiger Mann galt. Zudem war er geizig und teilte nur ungern, auch dann nicht, wenn ein einsamer Schiffer an seine Hallig verschlagen wurde. Er nutzte die Abgeschiedenheit seiner Wohnstatt aus und ließ sich für jede Gastlichkeit teuer bezahlen. In seiner kleinen Schankstube verlangte er überhöhte Preise, wenn jemand bei ihm einkehrte. Vielleicht hatte ihm das Schicksal schwere Stunden beschert und aus dem vielleicht einst guten Wesen wurde ein hartherziger Geselle. Er konnte sich manches selbst nicht erklären. So war er über die Jahre schwierig geworden und konnte es nur in der Einsamkeit seiner Hallig aushalten. Nur seine Frau stand alle Jahre treu und tapfer zu ihm.

Eines Tages fand Rasmus, so nannte man ihn, einen Totenschädel im Watt. Den hob er auf und nahm ihn mit auf seine Warft. Zu der Zeit fand man nicht selten Totengebeine in diesem Gebiet. Es waren die untergegangenen Rungholtleute, die das Meer nach und nach freigab. Es wunderte Rasmus aber, dass seine Frau angesichts dieses Schädels inständig flehte, er möge ihn wieder aus dem Haus bringen, dorthin, wo er ihn gefunden habe. Aber Rasmus hörte nicht auf seine Frau, sondern stellte den Totenkopf in ein Regal seines Schankraumes, wo schon allerlei wunderliche Sachen standen. IMG_6173

Es geschah an einem Abend.

Über die See spannte sich die Dämmerung, eine trübe dunkle Nordseedämmerung. Es war die Stunde, in der Ebbe und Flut um die Herrschaft ringen. Ein eigentümliches Zischen und Rieseln stieg aus der schlammigen Tiefe auf und kam seltsam fern und doch nah durch die stille Luft, wurde stärker und lauter. Wie jauchzende Sieger sangen weit draußen die kommenden Wasserwellen. Rasmus saß, wie so oft, allein in seiner Schankstube und dachte nach. Die Türe stand auf und draußen summte ein kläglicher Wind und Rasmus war, als hörte er eine Musik und wußte nicht, wo die wohl herkommen mochte. Da sah er einen fremden Mann auf seine Warft zuschreiten. Der trug einen Schlapphut, war mit einem Wams bekleidet und hatte lange Stulpstiefel an. Auf den Rücken hatte er eine Geige gebunden. Allzu fremdartig schien die Gestalt, so dass Rasmus erschrak, was man von ihm nicht so leicht sagen konnte. In der offenen Tür blieb der Fremde stehen, grüßte nicht, nahm aber seine Geige, fing darauf zu spielen an und sang dazu das Lied, welches so anfängt:

O wüster Sünder, denkst du nicht,

was dein verruchtes Leben

an einem großen Weltgericht

für Lohn dir werde geben.

Rasmus war vor Angst gelähmt, als der Fremde auf den Totenschädel zuging, ihn nahm, auf den Tisch stellte und sich ihm gegenüber setzte, von Angesicht zu Angesicht.

Ich bin gekommen, Bruder“, sagte der Fremde, „dir deine bösen Gedanken zu vertreiben und um dich zu erlösen, denn du hast mich gefunden und ich will es dir lohnen.“

Durch die Musik und das Spielen des Liedes war die Frau hellhörig geworden und in den Schankraum geeilt, wo der Fremde anfing zu erzählen:

In dem alten Rungholt lebten einst zwei Brüder. Der Ältere war ein guter Rechner und der andere ein Musikant. Den Rechner stellte der Rat von Rungholt ein als Kornmesser, doch den Jüngeren wollte man nicht haben, weil seine Musik eine fromme war und seine Weisen so her und lieblich, als wenn die Engel im Himmel selber die Spielleute wären. Eine solche Musik passte nicht in das alte Rungholt, wo mehr geflucht und getrunken und in den Schänken Gassenhauer gespielt wurden. Der Musikant beschloss deshalb, seine Heimatstadt zu verlassen und sein Glück bei Hofe des Herzogs zu suchen, wo ein gesellschaftliches Treiben war und feinsinnige, kulturbeflissene Menschen lebten. Er nahm deshalb seine Geige und seinen Stock und ging auch alsbald. Sein älterer Bruder gab ihm noch ein Stück des Weges das Geleit. Als man nun bei Fedderingmann Capell vel Riep gekommen war, wo ein Fährmann über das Fallstief setzen musste, nahmen sie voeinander Abschied. Der Jüngere gab dem Älteren die Hand und sagte: „ Bruder, wir werden uns in dieser Welt nicht mehr sehen. Aber einst zu deinem Begräbnis werde ich kommen. Lass mich dann nur Gutes von dir hören.“

So schieden sie voneinander. 

Alte Buhnen

Alte Buhnen

Es schien aber, als sei ein guter Engel von dem Älteren gewichen, denn der begann sie alle zu betrügen, den Rat von Rungholt, die Reeder und Schiffer und auch das Volk. Er maß mit falschen Gewichten und wurde heimlich ein reicher Mann. Das ging viele Jahre gut und niemand merkte etwas. Der Kornmesser war geschickt in seinem Tun und führte nach außen ein untadeliges Leben im gegensatz zu vielen anderen Rungholtern.

Nach guten Jahren kommen schlechte, und eine große Teuerung überfiel das Land. Die Schiffe der Hanse blieben aus und der blanke Hans nagte immer wieder an den Deichen. Der Kornmesser lieh Geld in der ganzen Gegend und die Leute wurden ihm schuldig. Da mochten die Schuldner kommen, denen er in teureneiten einen Vorschuss geleistet hatte. Er kannte kein Erbarmen, so sehr sie auch bettelten und er kannte wenig Geduld mit denen, die zinsfällig wurden. Einigen ließ er die einzige Kuh aus dem Stall holen und anderen die Schiffe an die Kette legen. Manchen trieb es fort ins Elend und die Leute meinten, es würden ihrer und ihrer Kinder Tränen ihm noch auf seiner Seele brennen. Sie würden ablaufen wie das Regenwasser von einem Ziegeldach.

Freunde hatte dieser Mann keine. Aber er war mächtig und selbst der Rungholter Rat vermochte nichts gegen ihn auszurichten. Seine Advokaten waren mit allen Wassern gewaschen. Man seufzte über seine Hartherzigkeit und betete zu Gott, er möge sie von ihrem Übel erlösen.

In einer Nacht hörte man ihn dann fürchterlich schreien in seinem Hause, und am Morgen lag er tot im Bett, das ganze Gesicht blau unterlaufen. Beweint hat ihn niemand.

Auf seiner Beerdigung ging es dann auch seltsam zu. Wie man den Sarg ins Grab lässt, kam ein Fremder gegangen, drängte sich durch die Menge der Schaulustigen und warf drei Handvoll Erde auf den Sarg. Er war der einzige, der nasse Augen hatte. Das war der Bruder, der alt geworden war und auch grau. Seine Geige hatte überhängen wie früher. Als das Grab fertig war, steckte er das Kreuz darauf und ging mit den Leuten fort vom Friedhof. Dann hörte er ein böses Gerücht und alle Schlechtigkeiten, die sein Bruder zu Lebzeiten verübt hatte. Das ging ihm sehr zu Herzen. Wie er genug und übergenug gehört hatte, wanderte er zu dem Ort, wo er seinen Bruder noch einmal weichmütig gesehen hatte und mit guten Vorsätzen.

Der Fährmann am Fallstief war alt geworden, so alt, dass er seine Jahre zählen konnte. Er siechte dahin. Der Geiger pflegte ihn. Man hörte ihn singen und spielen, jeden Morgen und jeden Abend.

Der Kornmesser aber, so sagt man, konnte im Grab keine Ruhe finden. Auf dem Speicher maß er oft ganze Nächte hindurch das Korn. Immer und immer wieder. Er kehrte zusammen und hob die Säcke an. Einmal waren Leute auf dem Dachboden und redeten von ihm. Plötzlich war er da und die Leute rannten eilig die Treppe hinab und einer brach sich ein Bein.

Später kam eine große Sintflut. Ein Sturm war gewachsen und die Flut ging viele Ellen über die Deiche. Alles Land wurde überschwemmt. Das Meer riss Rungholt mit sich fort und sieben Kirchspiele, auch den Hafen Niedamm und Fedderingmann Capell vel Riep. Viele, viele Menschen fanden den nassen Tod, auch der Geiger in dem Fährhause.

Das Meer gibt und nimmt. Jahrhunderte später entstand die heutige kleine Hallig Südfall. Sie musste sich opfern, damit Rungholt darunter lebt. Man fand Töpfe und Gebeine, metallene Becken und eiserne Schwerter. An manchen windstillen Tagen hörte man in der Ferne eine leise Musik zum Läuten der Glocken in der Tiefe.“

Dem Rasmus war, als hätte er geträumt. Als er sich die Augen rieb, verschwand der Fremde so plötzlich im Dunst des Watts wie er aufgetaucht war. Der schiefergraue Schlick wurde schon blank. An einigen Stellen blinkerten große Wasserlachen, die langsam größer und größer wurden.

Von diesem Tage an war der Halligbauer Rasmus ein anderer Mensch geworden. Er war großzügig und hilfsbereit. Seine Mitmenschen konnten sich die Veränderung seines Wesens nicht erklären. Er wilderte nicht mehr im Watt, schlug keine Seehundbabys tot und verkaufte keine Felle mehr. Jeder wurde freundlich und gastlich bei ihm aufgenommen. 

Südfall - Georg Kullik

Südfall – Georg Kullik

Den Totenschädel nahm er und brachte ihn dahin zurück, wo er ihn gefunden hatte. Noch viele Jahre lebte er auf Südfall. Eines Abends aber wurde er auf dem Rückweg zu seiner Hallig mit seinem Gespann von der Flut überrascht. Er war versehentlich auf ein falsches Licht zugefahren. Die Pferde hat er noch ausgespannt. Man fand sie am nächsten Tag grasend am Deich. Rasmus aber folgte seinem Bruder in das nasse Element und in die Ewigkeit.

vogelkönigaus: „Der Vogelkönig von Beenshallig ein Wattenmärchen und andere Geschichten“ von Georg Kullik neu und anders erzählt. Verlag Dieter Broschat, Nordstrand und Hohenwestedt, 1990, Seite 37 -41.

Konrads Geständnis – Eine eindringlich erzählte Vertriebenengeschichte

Nach knapp vier Jahren möchte ich aus gegebenem Anlass zur Flüchtlingsdebatte die Buchbesprechung zu „Konrads Geständnis“ von Hans Zengeler nochmals veröffentlichen.

Siehe hier auf dem Blog lou-salome

Konrads Geständnis

ein Roman von Hans Zengeler
Verlag Shaker Media 2011, 235 Seiten

Bildquelle: http://www.literaturport.de/fileadmin/_processed_/csm_3868586741_66d395046a.jpg

Hans Zengeler beschreibt die Zeit nach Gründung der Bundesrepublik ab 1950 und wirft einen kritischen Blick auf die Integrations- und Asylpolitik speziell in Baden-Württemberg. Menschen, wie sein Protagonist Konrad Stachowiak mussten hart kämpfen. Parolen wie :“Badens schrecklichster Schreck, der neue Flüchtlingstreck!“ machten Stimmung gegen Integration.

Der mecklenburgerische Stachowiak stellt eine ausgeprägte Charakterfigur dar, der als einzelnes Individuum mit seinem Einzelschicksal für alle schutzsuchenden Menschen dasteht. Sein Anwalt Hägele dagegen, der sein Freund hätte werden können, löst sich in Farblosigkeit auf.
Ein raffiniert ausgestatteter Roman mit Gegenüberstellung gesellschaftlicher und sozialer Verhältnisse der Nachkriegszeit. Bis in die Gegenwart hinein.

Ich bin bei der erneuten Lektüre von Hans Zengelers Roman „Konrads Geständnis“ auf diese bedeutungsvolle Textstelle gestoßen:

„… , der schnelle Wechsel der Gefühle, eine Fahrt von der Gegenwart durch die Vergangenheit in die Zukunft hinein, … „

Gegenwart

In dem Kapitel wird anfangs die Autofahrt des Anwalts Hägele über die Schwäbische Alb zum Bodensee beschrieben. Hägele bearbeitet gegenwärtig einen Fall von Waffenraub. Der einsitzende Konrad Stachowiak hatte sich selbst angezeigt, nicht weil er Reue zur Tat empfinden würde, sondern weil er der Gesellschaft u.a. deren irrwitzige Asylpolitik vor Augen führen will. Konrad Stachowiak war ein früherer Klassenkamerad des Verteidigers und später in derselben Kaserne wie Hägele stationiert.

Fühlbar einsam hangelt sich der Pflichtverteidiger Hägele durch seine Tage. Seine Ehefrau Vera ist mit dem gemeinsamen Kind aus der Wohnung ausgezogen und will sich nach vielen Ehejahren von ihm trennen. Mit übermäßigem Alkoholkonsum, Tagträumen und mühseligem Aktenstudium seines neuen Falles kämpft Hägele sich durch das Jetzt.

Vergangenheit

Mächtig holt ihn dann plötzlich die Vergangenheit ein. Während und nach den Gesprächen mit Konrad im Sprechzimmer des Gefängnisses durchlebt er die Zeit der Rucksackdeutschen, so wie es sein Mandant selbst erlebt hatte. Es vollzieht sich ein Rollentausch, den der Einsitzende Konrad Stachowiak beim Abschied seines Pflichtverteidigers grinsend kommentiert:

„Er habe noch nie eine so eindringlich erzählte Vertriebenengeschichte gehört.“

Flüchtlinge wurden in (nicht nur) schwäbischen Städten in eigens eingerichteten Stadtteilen ( noch heute weisen Straßennamen wie Deutscher Osten, Danziger Straße, Stettiner Straße, Sachsenweg usw. darauf hin) untergebracht und als lästige Durchfresser und Schmarotzer angesehen. Die Chance auf bessere Schulbildung und sozialem Aufstieg war fast aussichtslos.
Intelligenz und Dickköpfigkeit ermöglichten dem jungen Stachowiak, das Gymnasium zu besuchen, auf dem er vom ersten Tag an nicht einen Freund bekommen sollte. Er gehörte einfach nicht dazu. Er war ein Flüchtling, ein Rucksackdeutscher, der sein Hab und Gut in einem Rucksack in eine neue unbekannte „Heimat“ schleppte:

„Die Rucksackdeutschen, die Flüchtlinge, die Heimatvertriebenen, die Umsiedler, wie auch immer man sie nennen mag, die Asylanten und Asylbewerber gibt es überall, die kommen nirgendwo richtig an.“
S. 68

Nach der Schulzeit ging es für den mecklenburgischen Konrad weiter mit Widerständen und Barrieren, diesmal in der Bundeswehrkaserne in Engsten. Als absoluter Aussenseiter versuchte er die Schikanen und Diskriminierungen seiner Kameraden auszuhalten. Nur durch die Lektüre hochgeistiger Literatur wie z.B die Duineser Elegien, überstand er eine zeitlang diese menschliche Hölle. Dann wurde ein Klinikaufenthalt in einer Psychiatrie notwendig.

Zukunft

Zukünftig will der Anwalt Hägele sich beruflich verbessern und strebt eine Karriere in dem renommierten Anwaltsbüro Dr. Mehringer an. Das die dortigen Gepflogenheiten und Machenschaften nicht seinen Vorstellungen entsprechen, merkt Hägele sehr schnell.

Fazit

Fünf Erzählstränge ( 1. Stachowiak -> Hägele; 2. Dr. Mehringer -> Hägele; 3. Hägele -> Vera; 4. Gegenwart -> Vergangenheit; 5. Asylanten) bilden einen Zopf dieses erzählerisch und bildlich glaubwürdig erzählten Romans. Der Autor Zengeler muss ein sehr guter Menschenkenner und Beobachter sein. Wie kaum jemand anderem gelingt es ihm in „Konrads Geständnis“ die große existentielle Bedrohung darzustellen: Verlust von Achtung und Würde eines Menschen.

Man darf sich als Leser nicht in die Irre führen lassen. Konrads Geständnis ist nicht das Geständnis des inhaftierten Stachowiak, sondern …
… hier mag sich der interessierte Leser selbst eine Meinung bilden.

Mir hat dieser Zengeler-Roman, der übrigens Ende der achtziger Jahre erstmals verlegt wurde, sehr gut gefallen. Zengeler beweist sich als ein Meister subtiler Emotionen und insistierenden Infragestellungen bestehender Strukturen.
Diese Lektüre ist unbedingt weiterzuempfehlen. Hans Zengeler hält mit ihr ein Stück Geschichte fest.

Immer noch aktuell

Das große Thema Asyl, Vertriebene und Flüchtlinge konfrontiert uns aktuell bis in die heutige Zeit. Tagesthemen sind und waren, um nur ein paar Beispiele zu nennen:

– Anfang der 90iger Jahre kamen Asylsuchende aus den umkämpften Gebieten des ehemaligen Jugoslawien in die europäischen Nachbarländer
– die Ausschreitungen in Hoyerswerda 1991
– bis heute suchen Menschen aus dem Irak und Afghanistan Asyl in den EU-Ländern Schutz
– Boatpeople aus Afrika oder Asien suchen die Lizenz für menschenwürdiges Leben.

Die in fett kursiv geschriebenen Textstellen sind Zitate aus obigem Buch.
Nachtrag eines Links und minimale technische Verbesserung am 21.09. und am 22.09.2011

Siebzehnjährige Zikade – Oder „Weltlied“ von Leopold Federmair

Von Zikaden

28. August. Seit jenem Freitag geht mir das Zikadenbild nicht mehr aus dem Kopf. Ein Zepter liegt auf einer Bank. Vor der Bank im Erdreich zwei Löcher aus denen Zikaden krabbeln, um im Baum hinter, über der Bank ein Weltlied zu singen. Sieben Tage lang. Und es ist ihnen gleich, ob sie von Mensch oder Tier verstanden werden oder auch nicht. Siehe: Weltlied von Leopold Federmair

Kurzinformationen zum Autor

Einerseits könnte diese Skizze die Wiedergabe eines genauen Naturbeobachters sein. Daraufhin weist die die explizite Beschreibung der Erdlöcher: daumennagelgroß und die Tiefe sei nicht mehr als eine Daumenlänge unter der Erde. Sodann der enorme Geräuschpegel des Zikadengesangs im Baum über dem Kopf des Autors. Und es scheint den Insekten gleich zu sein, ob sie verstanden werden oder nicht, sie singen unbeirrt, was das Zeug hält. Ein Weltlied. Immerhin haben sie nicht viel Zeit. Laut Autor sieben Tage.

Andererseits wäre es möglich, dass die sieben Tage Gesang für die Entstehung der Welt gesehen werden könnten. Das Zepter, ein Teil von Krönungsinsignien, liegt ruhend auf einer Bank: lt. Schöpfungsgeschichte vollendete Gott am siebenten Tag das Werk, das er geschaffen hatte, und an diesem Tag ruhte er (2,2); am Anfang schuf Gott Himmel und Erde ( Himmel = Baum; Erde = Erdreich unter dem Baum).

Federmairs flüchtig entworfene Zeichnung lässt sich auch als Parabel verstehen. Nach Jahren der Stille kriechen in biblischen Ausmaße Unruhestifter ans Tageslicht und verkünden, wenn auch unverstanden, ihr ureigenstes Weltlied – Weltbild.

Im Tierreich werden lt. Knaurs Insektenbuch 1968 von Walter Forster, Seite 66, über 5000 Zikadenarten beschrieben. Wobei eine Mehrzahl noch unbekannt sein dürfte. Beeindruckend ist besonders die Siebzehnjährige Zikade Nordamerikas. Je nach klimatischen Verhältnissen schlüpfen alle dreizehn bis siebzehn Jahre aus den Larven Zikaden, die, seither unterirdisch lebend, die Erdoberfläche erklimmen, Bäume erklettern, um sich dort fortzupflanzen. Der Kreis schließt sich, indem sie Eier legen, aus denen Larven schlüpfen, die wiederum auf die Erde fallen, sich vergraben und die nächsten drei – bis siebzehn Jahre unterirdisch hausen ( Dreizehn und siebzehn sind Primzahlen; Wissenschaftler wollen herausgefunden haben, dass in diesen Jahren Prädatoren geburtenschwache Jahre aufweisen und somit hat der Zikadennachwuchs weniger Feinde während ihrer kurzen Lebens-und Fortpflanzungsdauer).

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Die blaue Blume

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(c) jbs 2ooofünfzehn

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Die blaue Blume

Joseph von Eichendorff

Ich suche die blaue Blume,
Ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, dass in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh.

Ich wandre mit meiner Harfe
Durch Länder, Städt und Au’n,
Ob nirgends in der Runde
Die blaue Blume zu schaun.

Ich wandre schon seit lange,
Hab lang gehofft, vertraut,
Doch ach, noch nirgends hab ich
Die blaue Blum geschaut.

Erläuterungen, Hintergrund, Bedeutung, Ursprung

Die blaue Blume (der Romantik) versinnbildlichte für Novalis(Friedrich von Hardenberg, 1772−1801) die Sehnsucht nach der Einheit von Realität und Traumwelt, Möglichem und Mystik, Verstand und Empfindung durch realitätsüberschreitende vielschichtige Sinneswahrnehmungen. Zitat