Das Tal des Espingo

Paul Heyse

Das Tal des Espingo

1. Sie zogen zu Berg, an den Bächen dahin,
Maurisches Volk, reisig und stolz,
Auf Kampf mit den Franken stand ihr Sinn,
In Fähnlein ging’s an den Bächen dahin,
Drin Schnee der Pyrenäen schmolz.

2. In der feuchten Schlucht ihre Mäntel wehn,
Scharf von den Höh’n tönet der Wind.
Ihre Lanzen drohn, ihre Augen spähn;
Kein baskischer Hut in den Klippen zu sehn,
Und die Baskenpfeile die fliegen geschwind.

3. Sie reiten über den ganzen Tag
Traurigen Pfad, hastigen Ritt.
Endlos dünkt sie der Tannenhag,
Und das Maultier braucht schon der Geißel Schlag,
Und das schnaufende Roß geht müden Schritt.

4. Da neigt sich der Weg. Aus den Klüften wild
Plötzlich gesenkt führt er zu Tal.
Da liegt zu Füßen, ein schimmernd Bild,
An die Berge geschmiegt das weite Gefild;
Falter fliegen im Sonnenstrahl.

5. Der Abend wie lau, und die Wiesen wie grün!
Ulmengezweig wieget die Luft.
Jasmin und gelbe Narzissen blühn
Und die Halden entlang die Rosen glühn –
Die Näh’ und Weite schwimmen in Duft.

6. Da wird den Mauren das Herz bewegt.
Seliger Zeit gedenken sie,
Wo sie Haurans schlanke Gazelle erlegt,
Wo sie Märchen gelauscht und der Liebe gepflegt
Und die Rosen gepflückt von Engadi.

7. Und sie steigen hinab, und es lös’t sich das Heer.
Liebliche Luft säuselt sie an:
Wie in Rosenhainen um Bagdad her,
Wo die Schwüle lindert der Hauch vom Meer,
So haucht aus dem Grunde der See heran.

8. Ihre klugen Sorgen – wie bald sie vergehn!
Waffen und Wehr werfen sie ab.
Ihre Sinne berauscht wie von Wiedersehn;
Sie schweifen umher, wo die Rosen stehn,
Sie tauchen zum Bad in den See hinab.

9. O Heimatwonne! die Wachen im Zelt
Lauschen mit Neid dem Jubel umher.
So friedlich dünkt sie die schöne Welt,
Es lockt sie hinaus in das duftige Feld,
Und die wachen sollen – sie wachen nicht mehr.

10.Sie wachen nicht mehr. Es wacht in der Nacht
Tücke, der Nacht lauerndes Kind.
Sie schleicht sich hervor aus der Waldung sacht,
Sie kriecht zu den Zelten – habt Acht, habt Acht!
Die Baskenpfeile die fliegen geschwind.


11. Zu spät! Zu nah grause Gefahr.
Waffententblößt, unter Rosenrot
Zu Boden sinken sie Schar um Schar.
O seliger Traum, der so tückisch war!
O Heimatwonne, du brachtest den Tod!

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