Imre Kertész

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Der Literaturnobelpreisträger Imre Kertész ist im Alter von 86 Jahren nach längerer Krankheit in Budapest gestorben. 

Nachruf – zeitonline – kultur

László F. Földényi schrieb in einer Laudatio auf den Schriftsteller und Holocaustüberlebenden:

[…] Warum halte ich ihn für einen bedeutenden, einen großen Schriftsteller? In einem Satz gesagt: weil er sich auf das Risiko einlässt, jeder Meinung seine eigene entgegenzusetzen. Worüber er auch schreibt – ob über die Freiheit, die Persönlichkeit, die Absurdität der Welt, die Labyrinthe des Glücks, den Tod, die Transzendenz -, er versteht es mit erstaunlichem Geschick, sich aus den Fallen verknöcherter Anschauungen herauszubeißen. […]

 

Tanka

“Kalt ist’s heute!”
sag ich, und zurück
kommt
“Kalt ist’s heute!”
… diese Wärme,
dass da einer ist,
der Antwort gibt!

Tawara Machi

siehe auch hier: schriftwechsel 2tausend13

Tanka wurden oft verwendet, um jeder Art von Anlässen einen würdigen Abschluss zu geben. So wurde auch besonderer Wert auf die Schönheit des Gedichtes und die ästhetische Form gelegt. Entsprechendes Papier, Tinte, Schönschrift und eine symbolische Zugabe, wie ein Zweig oder ein Blatt wurden verwendet.

Wechselnde Gesichter

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(c) jbs 2tausend16  Ein Gesicht folgt einem Gesicht … 

 

Wechselnde Gesichter von Cherbel Dagher

Ein Gesicht folgt einem Gesicht.

Es liegt in einem verschleierten Gesicht.

Ein Gesicht ohne Spiegel

gelangt nicht ans Fenster,

hat nur eine Farbe

und ein sanftes Rauschen im Verborgenen des Wassers.

Ich habe ein Gesicht,

das in meiner Tasche versteckt ist

und dem ich nur im Geheimen näher komme.

 

aus: Daedalus – Fliegende Wörter 2012

 

 

Wie Zachaeus

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Wie Zachaeus

Es handelt sich darum,

auf den Maulbeerbaum zu klettern

um den Herrn zu sehen, wenn er vorübergeht.

Leider bin ich kein Kletterer und auch

wenn ich auf Zehenspitzen stand,

habe

ich

ihn

nie

gesehen.

Eugenio Montale

war ein italienischer Schriftsteller und lebte von 1896 bis 1981.

1975 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.  Weiterlesen

Nis Randers

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Nis Randers

Krachen und Heulen und berstende Nacht,
Dunkel und Flammen in rasender Jagd –
Ein Schrei durch die Brandung!

Und brennt der Himmel, so sieht man’s gut.
Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut;
Gleich holt sich’s der Abgrund.

Nis Randers lugt – und ohne Hast
Spricht er: „Da hängt noch ein Mann im Mast;
Wir müssen ihn holen.“

Da fasst ihn die Mutter: „Du steigst mir nicht ein!
Dich will ich behalten, du bliebst mir allein,
Ich will’s, deine Mutter!

Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn;
Drei Jahre verschollen ist Uwe schon,
Mein Uwe, mein Uwe!“

Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach!
Er weist nach dem Wrack und spricht gemach:
„Und seine Mutter?“

Nun springt er ins Boot und mit ihm noch sechs:
Hohes, hartes Friesengewächs;
Schon sausen die Ruder.

Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz!
Nun muss es zerschmettern …! Nein, es blieb ganz! …
Wie lange? Wie lange?

Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer
Die menschenfressenden Rosse daher;
Sie schnauben und schäumen.

Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt!
Eins auf den Nacken des anderen springt
Mit stampfenden Hufen!

Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt!
Was da? – Ein Boot, das landwärts hält –
Sie sind es! Sie kommen!

Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt …
Still – ruft da nicht einer? – Er schreit’s durch die Hand:
„Sagt Mutter, ’s ist Uwe!“

Otto Ernst
Otto Ernst, eigentlich Otto Ernst Schmidt geb. 1862, gest. 1926, war ein deutscher Dichter und Schriftsteller.