Nis Randers

Krka-Wasserfälle 110808 047-001
Nis Randers

Krachen und Heulen und berstende Nacht,
Dunkel und Flammen in rasender Jagd –
Ein Schrei durch die Brandung!

Und brennt der Himmel, so sieht man’s gut.
Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut;
Gleich holt sich’s der Abgrund.

Nis Randers lugt – und ohne Hast
Spricht er: „Da hängt noch ein Mann im Mast;
Wir müssen ihn holen.“

Da fasst ihn die Mutter: „Du steigst mir nicht ein!
Dich will ich behalten, du bliebst mir allein,
Ich will’s, deine Mutter!

Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn;
Drei Jahre verschollen ist Uwe schon,
Mein Uwe, mein Uwe!“

Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach!
Er weist nach dem Wrack und spricht gemach:
„Und seine Mutter?“

Nun springt er ins Boot und mit ihm noch sechs:
Hohes, hartes Friesengewächs;
Schon sausen die Ruder.

Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz!
Nun muss es zerschmettern …! Nein, es blieb ganz! …
Wie lange? Wie lange?

Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer
Die menschenfressenden Rosse daher;
Sie schnauben und schäumen.

Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt!
Eins auf den Nacken des anderen springt
Mit stampfenden Hufen!

Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt!
Was da? – Ein Boot, das landwärts hält –
Sie sind es! Sie kommen!

Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt …
Still – ruft da nicht einer? – Er schreit’s durch die Hand:
„Sagt Mutter, ’s ist Uwe!“

Otto Ernst
Otto Ernst, eigentlich Otto Ernst Schmidt geb. 1862, gest. 1926, war ein deutscher Dichter und Schriftsteller.

Der Sand ein Leopard – Parujr Sewak

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(c) jbs 2tausendsechzehn

Der Sand ein Leopard

Ich bin auch der,

Der versteht,

Warum der Sand schweigt und schweigt.

Er denkt zurück an die Sintfluten

Vor Zeiten,

Deren stiller Zeuge er ist.

Und wenn der böse Wind

Mit seinen armen Nerven spielt,

Ihn erinnernd

An seine ruhmreiche Vergangenheit, verloren

Und an seine Gegenwart, nicht zu beneiden,

Wird jäh der Sand ein Leopard,

Zerkratzt

Die frechen Augen des Windes

Und auch die der Menschen.

Und auch die der Menschen,

Wenn sie ihre Vergangenheit vergessen.

 

15.XII.59

Jerewán, Aus dem Zyklus „Leih mir dein Ohr“

Obiges Gedicht ist zitiert aus: „Und sticht in meine Seele“ von Parujr Sewak, Verlag Hans Schiler, Seite 23

Dem Klappentext entnommen:

[…] Mit Empathie und Ehrfurcht betrachtet Sewak die historische Vergangenheit seines Volkes, die sowohl voll Leid als auch ruhmreich ist. Sein größtes lyrisches Werk widmet er der traurigsten Seite Armeniens.

In den Werken des Dichters nimmt jedoch die Liebeslyrik einen außerordentlichen Platz ein. Parujr Sewak erschafft eine ureigene Welt der Liebe, reich an Offenbarungen und Entdeckungen. Er lässt kein Gefühl aus, weder die große Sehnsucht, noch den Schmerz, seine Schlaflosigkeit. Er schätzt sich glücklich zu lieben und zählt doch zugleich die Tage vor dem Wiedersehen. […]

 

Parujr Sewak ( sein ursprünglicher Familienname war Ghasarjan) wurde am 24. Januar 1924 geboren und starb am 17. Juni 1971; er ist heute der beliebteste Dichter Armeniens. (Zitatende)