Flaneur von Franz Hodjak

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Flaneur

Schon wenn du um die nächste Ecke
biegst, bist du ein anderer, eine Art
Deserteur aus einem Gleichgewicht, das

es noch zuvor gab. Der Himmel ist
anders eingegrenzt, die Demonstranten
wirken entschlossener, obwohl das Ziel

genau so vag ist wie in der Straße, aus
der du gerade abgebogen bist. Die Madonna
spricht spanisch, und eine Dohle setzt sich

auf einen verlorenen Damenschuh, als wollte
sie ein Stück Einsamkeit abwenden. Die Musen
sind mit Bombenanschlägen beschäftigt. Das

Haarstudio heißt Salon für Haararchitektur.
Begnadete Reporter fragen, ob jemand eine
Reise in die Welt Wassili Kandinskys gewinnen

möchte, außer einem Schwulen will das
niemand. Die Erhabenheit wedelt sich Genialität
zu, mit chinesischem Fächer, ein Sinnbild

des freien Marktes. Nach jeder Ecke
sind es stets andere Leben, in die du
eintrittst und die nicht dir gehören, sondern

den Gegenständen, Ereignissen, Vorgängen,
deren Anblick dich verwandelt.

aus: Franz Hodjak

[ Sonnenverschlupfer ]

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(c) jbs 2tausend17 „Ein Sonnenverschlupfer“

Heinrich Heine

Das Fräulein stand am Meere

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! Sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.

(1844)

Lebensleiter

Lebensleiter

Ein Mensch gelangt, mit Müh und Not,

Vom Nichts zum ersten Stückchen Brot.

Vom Brot zur Wurst geht’s dann schon besser;

Der Mensch entwickelt sich zum Fresser

Und sitzt nun, scheinbar ohne Kummer,

Als reicher Mann bei Sekt und Hummer.

Doch sieh, zu Ende ist die Leiter:

Vom Hummer aus geht’s nicht mehr weiter.

Beim Brot, so meint er, war das Glück. –

Doch findet er nicht mehr zurück.

Eugen Roth

aus: Das Eugen Roth Buch, Seite 30, Carl Hanser Verlag 1966

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Auf dem Gipfelplateau des Schöneck im Sarntal erwarten einem über 100 sehenswerte Gestalten. Aus Steinplatten sind sie aufgetürmt die „Stoanernen Mandln“. Seit einem halben Jahrtausend stehen sie rund ums Kreuz und bewachen die „Große Reisch“. Mannshoh warten sie auf und lassen sich bewundern. Gerichtsprotokolle aus dem frühen Jahr 1540 besagen, dass zwischen den Steinfiguren Hexentänze und Teufelsfeiern veranstaltet wurden. Ob man dem Glauben schenken will, sei einem selbst überlassen. Die mystische Atmosphäre und der geheimnisvolle Zauber hier oben trägt einiges zu der fantastischen Aussicht bei.

Die Erklärung zu obiger Aufnahme führt einen in eine völlig andere Geschichte, jedoch passen die Steinernen Männchen auch ganz gut zur „Lebensleiter“.

Hans Ludwig Pfeiffer

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Die Hammelherde ( Ein jeder ein Mensch … in der Masse nur ein Teil einer Hammelherde) 1976 (1997) Hans Ludwig Pfeiffer

[…] Etwa ab 1968 begann Pfeiffer sein Alterswerk, ein völlig neuartiges Œuvre, er „fegt alles, was nach künstlerischen Denkvorschriften aussieht, beiseite“ und entwickelte ohne Rücksicht auf modische Trends einen eigenen Stil. „Er revoltiert im Sinne des Dadaismus, angeekelt von den Lügen seines Zeitalters und des ihm herum vollzogenen Lebens, die er entlarven will.“ Es entstanden Bilder, Plastiken und Objekte, zum Beispiel Die große Blabla-Maschine. Sein Hauptwerk ist das „Evolutionsdrama der Menschheit“ mit dem Titel Theatrum Mundi, „ein satirisch-düsteres Weltpanoptikum […] von neobarocker Sinnlichkeit“ […] weiterlesen hier

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Die „Große Blabla-Maschine“ von Hans Ludwig Pfeiffer ist sein Schlüsselwerk. Im Alter von 67 Jahren schuf er ein Objekt, das als Persiflage auf den Kulturbetrieb zu verstehen ist: eine „Kulturklapper“, die – bei mechanischem Betrieb – dem Publikum das Kunstblabla einhämmert. […]

entdeckt im Wasserschloss Glatt

 

Asparagus

Asparagus

Wenn im Mai bläst Pan die Flöte,
Weil es Wonnemonat ist,
Schießt der Spargel auf vom Beete,
Das gedüngt mit Pferdemist.

Morgens kommen weiße Köpfe
Aus der grauen Erd‘ heraus.
Mittags schleicht schon aus Töpfen
Wundersamer Duft ums Haus.

Ach, welch eine schöne Gabe
Hast Du, Herr, uns da bestellt!
Wenn ich einen Spargel habe,
Habe ich die ganze Welt!

Julie Schrader