Buchbetrachtung 1-2021

„Beinahe Alaska“ von Arezu Weitholz – mare Verlag 2020
Eine Buchbetrachtung von J. Bürkle

Nachdem ich einige Verse Fischlyrik von Arezu Weitholz im Internet entdeckt und mir diese sehr gut gefallen hatten ( allein die Idee, Fische poetisch in Szene zu setzen, gefiel mir), nahm ich die Empfehlung meiner Buchhändlerin dankend an, den neuen Roman „Beinahe Alaska“ von obiger Autorin unbedingt zu lesen.

Expiditionskreuzfahrt ins Nördliche Eismeer

Arezu Weitholz erzählt darin von einer Schiffsreise mit einem Kreuzfahrschiff Richtung Nordpolarkreis. Das Thema und streckenweise der Inhalt erinnert an den 2008 verstorbenen Autor David Wallace Foster und seinen Roman “Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“. Aber auch an Bergsveinn Birgissons „Die Landschaft hat immer Recht“.

Lyrischer Roman

Aus einer Reportage wirkt Weitholz einen lyrischen Roman und erzählt darin wunderschön beschreibend:
vom Verabschieden,
vom Suchen,
vom Erkennen,
von Wolken-, Meer- und Inselfarben in weiß, blau, grau, braun, nochmals blau und grün.
(Das Blau in ihrem Farbkasten war am Ende ihrer Reise so gut wie aufgebraucht).
Von schwerer Krankheit,
von egoistischem ( Erzähl- )Verhalten Mitreisender.
Von Stürmen, Wellengängen, Seekrankheit, nackten Klippen, kahlen Inseln, endlosen Weiten, Einsamkeit, orangefarbenen Anoraks (getragen von Reiseteilnehmer*innen bei Landbesuchen), Farbenspielen im Himmel.
Von Kindern, die in fremden Familien leben müssen, von ruinösen Lebensverhältnissen in einsamen Dörfern.

Von Stimmungen, die wie das Wetter im Nordmeer wirken:

z.B. auf Seite 112 […] Ich schaute aus dem Fenster auf das wogende Meer. Bei dem ganzen Gemecker würden die Leute vergessen, seekrank zu werden. Dunkelgraue Wolkenbänke zogen an uns vorbei, bald würde der Wind sie verdrücken, es würde regnen und noch mehr schaukeln. Wir hatten jetzt schon Beaufort 10, der Wind blies mit 25 Metern pro Sekunde. [… ] ,dünne Schaumwände wurden vom Wind fortgepeitscht, und neben dem Schiffsrumpf war ein Gebrodel, als würde die See kochen.“

Es ist in weiten Teilen die Geschichte einer allein reisenden Frau, die gerne fotografiert und malt. Und die auf der Suche nach Ruhe und Verstehen ist.

Kritik an bestehende Umweltzerstörung

Dabei hält Arezu Weitholz mit Kritik nicht hinter dem Zaun:

Kritik an den Ausverkauf der Natur durch Kreuzfahrschifffahrt und deren Teilnehmer*innen.
Kritik an Umweltzerstörung offenen Auges.
Kritik an falsche politische Entscheidungen – gesellschaftliches Versagen an der Urbevölkerung.
Ohnmacht gegenüber schwerer Krankheiten.
Kritik an finanzieller Ungleichheit in der Gesellschaft.
Kritik an „Schubladendenken“.

Ein schöner Roman mit leisen und lauten Tönen

Es ist ein leiser lauter Roman inmitten ablehnender und trotzdem großartiger mächtiger Naturkulisse.
Wer Dokumentationen und Reiseberichte mag, dem wird der neue Roman von Arezu Weitholz „Beinahe Alaska“, erschienen im mare-Verlag 2020, sehr gut gefallen.

jbs 1-2021

https://www.mare.de/beinahe-alaska-8640

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s