Buchbetrachtung: „Wie wir töten, wie wir sterben“ von Martin von Arndt

kreta – anatoli (c) jbs 2021

Das ist mutig!

Der Schriftsteller Martin von Arndt hat sich in seinem neuen Buch „Wie wir töten. Wie wir sterben“, Verlag ars vivendi, 2021, dem Algerienkrieg im 20. Jahrhundert angenommen und erzählt u.a. in diesem Roman, der in die Kategorie „Thriller“ fällt, wie Frankreich und Algerien nach wie vor zu ihrer gemeinsamen, leidvollen Vergangenheit stehen. Und der Autor geht über einen der blutigsten Kolonialkonflikten hinaus. Parallel gibt er Einsichten in die Gräueltaten der NS-Zeit und der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung.

Niemandem gefällig sein

Dem Autor von Arndt gelingt dies, in dem er zwei Agenten, der eine aus Deutschland/Essen, der andere aus Israel ( eingereist nach Deutschland ), mit heiklen Aufträgen bestückt. Sie sollen nach einem Kriegsverbrecher ( an französischen Soldaten ) und einem ehemaligen KZ-Kommandanten in Deutschland suchen und diese dann festsetzen.

Immer wieder wechselt von Arndt die Perspektiven – einmal aus der Sicht vom „italienisch-amerikanisch-deutschem“ Agenten Dan Vanuzzi; dann im nächsten Kapitel übernimmt Epharim Rosenberg die Rolle des Häschers.
Beide Protagonisten sind nicht nur Jäger, sie sind auch Opfer. Sie leiden an und durch ihre Vergangenheit und beide (traurigen) Helden führen einen unermüdlichen Kampf: die unerschütterliche Suche nach den Verbrechern und Mördern des vergangenen Jahrhunderts, um diese vor Gericht verurteilt zu sehen.

Red Herring

„Verschlupft“ man sich in die Erzählung, dann fällt es nicht schwer, die Spur aufzunehmen, die Martin von Arndt vorlegt. Sie führt den Leser:in allerdings unweigerlich in ein Labyrinth, aus dem es heißt, sich heraus zu hangeln, zu kombinieren, zu verstehen und – sich dann doch zu irren.

Das Gleichnishafte der Stimmungsbilder

Gegenpol zur hart abgebildeten Realität bilden lyrische Naturschilderungen, Wetterkapriolen, Landschaftsbilder – ein feines Gewebe aus Gefühlen und Stimmungen. Der Autor berührt mit diesen beschriebenen nachdenklich poetischen Atmosphären. Man darf sich jedoch auch hier nicht täuschen lassen! Es sind keine Idyllen vorzufinden. Vielleicht möchte der Autor auf Überlebenskraft und Zähigkeit hinweisen, ohne belehren zu wollen.

Es ist mutig, niemanden gefällig zu sein!

Erneut hat von Arndt das Genre Thriller genutzt, um gegen das Vergessen anzuschreiben. Mit dem Abzielen auf reißerische Spannungseffekte und der Gestaltung historischer Personen und Ereignisse mit unterschiedlich starker Fiktionalisierung liest sich Geschichte spannend und die interessierte Leserschaft macht sich nach der Lektüre vielleicht gerne auf den Weg zur Sekundärliteratur.

Auf jeden Fall kann der Schauplatz für den nächsten literarischen Geschichtsfeldzug von Martin von Arndt mit Spannung erwartet werden!

janette bürkle 2021

Quellen:
https://arsvivendi.com/Buch/Titel/9783747203293-Wie-wir-toeten-wie-wir-sterben

https://www.bpb.de/internationales/europa/frankreich/152531/algerienkrieg

https://www.deutschlandfunk.de/der-algerienkrieg-gegen-die-franzoesische-kolonialmacht-100.html

https://elibrary.utb.de/doi/book/10.36198/9783838511276

Sekundär gelesen:

Mit der Besetzung Algiers wurde im Jahr 1830 das zweite Kolonialreich Frankreichs begründet. Algerien wurde in die drei Départements Algier, Constantine und Oran aufgeteilt und im Jahr 1848 zu einem integralen Bestandteil des französischen Mutterlandes erklärt. …

Zum 50. Jahrestag des Waffenstillstands zwischen Frankreich und Algerien im März 2012 verzichteten der französische und der algerische Präsident auf eine gemeinsame Erinnerungszeremonie. Was offiziell mit dem Wahlkalender in beiden Ländern begründet wurde, belegt das nach wie vor schwierige Verhältnis, das Frankreich und Algerien zu ihrer gemeinsamen, leidvollen Vergangenheit haben. Nach einer langen Phase der Verdrängung verläuft der Aufarbeitungsprozess in Frankreich bis heute stockend. Der Algerienkrieg, der bis zu einer gesetzlichen Anerkennung des Begriffs im Jahr 1999 offiziell lediglich als die „Ereignisse von Algerien“ bezeichnet wurde, prägt das kollektive Gedächtnis der Franzosen und beeinflusst bis heute die französische Politik.

Auch die algerische Bevölkerungsmehrheit besaß die Staatsangehörigkeit des Mutterlandes, doch blieben ihr die vollen französischen Bürgerrechte verwehrt, darunter insbesondere das aktive und passive Wahlrecht jenseits von Regionalgremien. Diese politische Ungleichheit und die wirtschaftliche Diskriminierung der algerischen Bevölkerung führten zu Spannungen in der Gesellschaft, die sich ab dem Jahr 1945 immer häufiger in Protesten und Aufständen entluden. Sie wurden von der französischen Armee gewaltsam niedergeschlagen, bis die Unruhen im November 1954 erstmals zeitgleich mehrere Landesteile erfassten. Eine Attentatsserie, die von der wenige Monate zuvor in Kairo gegründeten Nationalen Befreiungsfront Algeriens (FLN) koordiniert wurde, markierte den Beginn eines langen Befreiungskrieges, der erst mit der Unabhängigkeit Algeriens im Jahr 1962 ein Ende fand.

( aus: bpb 21.01.2013)

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