Im Feld – Joachim Zelter

Das ist Kunst! Klack!

Die Bücher vom Tübinger Autor Joachim Zelter sind immer wieder eine große Lesefreude!

Am Samstag, den 3. März 2018, stellte er sein neues Buch vor: „Im Feld – Roman einer Obsession“.

Verlag Klöpfer&Meyer, Tübingen, 2018.

Treffpunkt und Vorlesestart war das ehemalige Kino Löwen in Tübingen.

Der Verlag lud ein.

Das Zimmertheater lud ein.

Auch „Nichtgerneleser“ waren willkommen …

Ich hatte über Facebook davon erfahren und fuhr mit dem Wagen läppische 87,5 Kilometer, da ich live dabei sein wollte, wenn Frank Staiger alias Joachim Zelter seine 345 Kilometer lange Rennradtour mit über 4367 Höhenmetern vorstellt.

Später rechnete ich daheim ungläubig nach, denn es ist menschlich kaum vorstellbar, dass man an einem Tag mit dem Fahrrad z.B. die Zugspitze mit 2962 HM und den Vesuv mit 1281 HM bewältigen kann. Ich lernte an dem Abend im Löwen: man kann.

Aber nur, wenn man u.a. die Zeit nicht aus dem Auge verliert.

Man steigt also in die Pedale, klack-klack-klack, immer wiederkehrendes Schlagwort aus der Erzählung, die diese noch schneller werden lässt und fährt bestenfalls in einem Peloton mit und zwar im Windschatten des Vordermanns, in Zweierreihen, dem Gruppenführer immer nach.

Geschwindigkeitsrausch

Wir Zuhörer sitzen schon längst im Sattel und warten auf den ersten Satz, der noch nicht erahnen lässt, in welch einen Bann man gezogen, ja geradezu in welch einen Geschwindigkeitsrausch man in den nächsten 60 Minuten versetzt wird ( Zitat Petra Afonin, Schauspielerin, Buchrückentext).

Joachim Zelter sitzt vor uns auf der Bühne hinter einem kleinen unscheinbaren Tisch, schwarze Tücher hängen in Bahnen von Gerüsten auf das Parkett, statt der Fahrradwasserflasche steht ein Glas Mineralwasser vor ihm, ungezählte Scheinwerfer ersetzen die Sonne am Himmel und Zelter gibt das Tempo vor. Ähnlich wie Landauer. Der Gruppenführer. Der Randonneur. Allerdings wesentlich sympathischer. Und wir sitzen in Zwölferreihen, lassen uns ohne Windschatten auf die Himmelfahrtrennradtour ein.

Anfangs in der mittleren Gruppe, im 27-Stundenschnitt, im Verlauf des Abends im 30-Schnitt, noch später mindestens im ( gefühlten) 45-Schnitt. Noch unwissend folgen wir ihm von Freiburg über den Rhein in das Elsass hinein, bergauf-bergab, immer die Vogesen im Blick. Und bevor er abdreht, um mit uns wieder Richtung Breisgau zu fahren, nimmt er wie sein zweiter Protagonist Landauer Anlauf, um mit „seiner“ Gruppe den Grand Ballon, diverse Pässe und um zu guter Letzt auch noch die gefürchtete Landauer Rampe zu bezwingen. In all den unendlich vielen Serpentinen, Steigungen und Gefällen entfernt sich Frank Staiger gedanklich häufig vom Peloton und lässt sein Leben Revue passieren. Mantraähnlich tritt er währenddessen in die Pedalen. Unermüdlich. Anfangs noch gleichmäßig. Dann immer schneller und schneller werdend. Rauf. Runter. Rauf. Runter. Ein mechanisch aufgezogenes Uhrwerk. Stillstand ausgeschlossen. Seine Mitfahrkameraden, zu Beginn der Tour noch vollständig an der Zahl, eine Rennradgemeinschaft.

An diesem Punkt spürt der Zuhörer und Leser wie Zelter mit dieser neuen Erzählung ein Schnippchen zu schlagen weiß. Er nimmt den Zuhörer und Leser nicht nur mit auf eine nicht enden wollende Rennradtour an einem Himmelfahrtstag – warum kommt mir beim „mitradeln“ im Peloton der ähnlich anmutende Begriff „Himmelfahrtskommando“ in den Sinn? Zelter weiß warum. (Alles Absicht! Alles Absicht!) Auch zieht er den Zuhörer und Leser, ähnlich wie beim Mitradeln, oder sollte man besser von Kampfradeln sprechen, in einen nicht enden wollenden Lesesog, aus dem man erst Erlösung findet, wenn der letzte Buchstabe seine Umdrehung im Kopf vollendet und sich aus den Neuronen gelöst hat.

Klack! Klack!

Und Zelter wäre nicht Zelter, wenn er dem Roman nicht eine entscheidend tiefe Ebene gegeben hätte:

Gesellschaftspolitische Parabel

Der Klappentext des Buches bringt es auf den Punkt:

[…] Virtuos erzählt Joachim Zelter die Sogwirkung eines rastlosen Pelotons: das Zusammenwirken von Fahrrad, Mensch und sozialer Gruppe. Ein Räderwerk der Tempoverschärfungen, der Höhenmeter und der immer größer werdenden Distanzen, ein fortwährendes Weiter und immer weiter so. Am Ende handelt Zelters neuer Roman von uns allen: von Anpassung und Bereitwilligkeit, von Leistungsdruck und subtiler Tempoverschärfung, von der Unfähigkeit, auch nur eine Pedalumdrehung auszulassen. Es ist der Roman einer Besessenheit. […]

Nach Ende der Lektüre klappe ich die Buchdeckel – Klack! Klack!- aufeinander und warte auf einen erlösenden Ton. Kein Trillerpfeifenbefehl, wie ihn Landauer benutzte, um eine Weiterfahrt zu signalisieren, sondern auf ein leises fernes Bimmeln, ähnlich dem einer Zimbel. Ein Zimbelklang, der erinnert, wie intensiv das Leben in langsam wachsenden Ringen sein kann.img_6500-e1520261031629.jpg

[ … ] … ruhig bleiben. Atmen nicht vergessen. [ … ] Rhythmus halten. Runter schalten und Lächeln. [ … ]

jbs

2tausend18

Die in kursiv gehaltenen Sätze sind Zitate aus dem Buch oder dem Klappentext/Buchrücken entnommen.

Nachtrag: Korrekturen am 06.03.2018

whale rider

Künstlerin: Magdalena Graf, 2017
(c) photo by jbs, 2021

haiku [153]

mystische laute
unter einem wellenkamm
buckelwalgesang

jbs 2021

Vor mehr als tausend Jahren soll ein legendärer Walreiter das Meer überquert und den Ort Whangara an der neuseeländischen Küste gegründet haben. Mit Paikea, Pai genannt, erhält zum ersten Mal ein Mädchen den Namen des Walreiters – entgegen der Tradition. – Der neuseeländisch-deutsche Film (2002) basiert auf dem Roman „The Whale Rider“ von Witi Ihimaera. ( Zitat aus ARTE-TV )

Auf „ARTE“ bis zum 25.02.2021 noch aufrufbar:
https://www.arte.tv/de/videos/036114-000-A/whale-rider/

brömstrup [11]

karawane mit unbestimmtem ziel

es soll ein kleiner spaziergang werden. aus dem tal zur hochebene mit dem blick gen alb, hohenstaufen, aasrücken und kaltem feld. und ab und zu eine fotoaufnahme, mal hier mal dort, nichts bestimmtes. daheim am bildschirm entdeckt brömstrup dann doch das eine und andere, vorher gar nicht bewusst aufgenommene. wie zum beispiel trockenstielige sonnenblumen mit hängenden köpfen. alle zotteln in gleichem takt in eine richtung. und dann schreitet ein wanderer ins bild. mit gleichem kurs, aber mit welchem ziel?
brömstrup denkt nicht weiter darüber nach. er genießt den moment, bildet den schluss der reisegruppe und biegt nach einer weile gen schneewald ab.