Iiro Rantala & Alain Claude Sulzer

Gestern entführte mich in einem Konzert ein begnadeter Jazzpianist in eine andere Welt. Es war überhaupt nicht schwer, die hiesige für kurze Zeit zu verlassen. Man musste sich nur auf das Tastenspiel einlassen, Augen schließen und schon schwebte man wie Rantalas Töne am gelöschten Licht der Lüster hinaus in eine durch seine Musik kurzfristig sichtbar gewordene Parallelwelt.

Iiro Rantala ist ein finnischer Komponist und Jazzpianist und wurde 1970 in Helsinki geboren.iiro rantala

Heute hörte ich auf youtube einige seiner Stücke nach, u.a. die Aria und Goldbergvariation von Johann Sebastian Bach, die Rantala arrangiert hat. Und die Goldbergvariationen verknüpfe ich sofort mit Alain Claude Sulzer und seinem Buch „Aus den Fugen“, zu dem ich im September 2012 eine Buchbesprechung auf meinem alten Blog lou-salome veröffentlicht hatte und die ich im Anschluss des Videos hier auf „schriftwechsel“ kopieren werde.

„Iiro Rantala ist zur Zeit sicher einer der interessantesten europäischen Jazzpianisten. Sein Spiel sprengt alle Stile, ist ebenso kompromisslos wie zugleich unterhaltsam und wird von einem magischen Dreieck zusammengehalten: grenzenlose Technik, Sinn für Humor und untrüglicher Geschmack. Qualitäten, die sich Rantala in über 2.000 Konzerten in 50 Ländern der Erde erspielt hat. Mit „My Working Class Hero“ widmet der finnische Tastenvirtuose Iiro Rantala sein neues Programm dem unvergessenen John Lennon. Die Verbindung von Einfachheit und Kraft ist vielleicht Rantalas größte Kunst. Ihm gelingt es meisterhaft die Klarheit und Eingängigkeit der Songs John Lennons mit den Ausdrucksmöglichkeiten des Jazz zu verbinden. „My Working Class Hero“ ist in mehrerlei Hinsicht wie ein Dialog: zwischen Rantala und dem Flügel, dem Raum, der Jazz- und Popgeschichte und natürlich zwischen ihm und dem Meister John Lennon.“

aus: Xaver

Arrangiert von Iiro Rantala: Aria And Goldberg J. S. Bach

Und vom Album „My working Class Hero“performed John Lennon’s „Woman“

„woman“

 

aus den fugen

„Aus den Fugen“ von Alain Claude Sulzer

Hammerklaviersonate Nr. 29 von Beethoven und die Goldberg-Variationen

Zitat:
„Die Hammerklaviersonate macht auch anspruchsvoll. Von ihr berührt, wird man ungeduldig gegenüber vielem Mittelmäßigen und Mäßigen, das sich wer weiß wie aufspielt und doch nichts anderes ist als eine höhere Form der Belästigung.“

Joachim Kaiser, Musik-, Literatur-und Theaterkritiker

Dieses Zitat lässt sich nach der Lektüre des unten besprochenen Buches eins zu eins übertragen. Alain Claude Sulzer brilliert mit seiner aktuellen Erzählung.

Nähert man sich dem neuen Roman von Alain Claude Sulzer „Aus den Fugen“ mit den Goldberg-Variationen von J.S. Bach an, dann erschließen sich einem die einzelnen Kapitel zu feinsinnigen Variationen, die das Hauptthema vielfältig, harmonisch und spannend verflechten. Und der innere Zusammenhang der Variationen liefert das gemeinsame Thema: Es ist der Konflikt zwischen persönlicher Identität und sozialer Rolle.

Aria
Marek Olsberg

Die erste Stimme, sozusagen die einleitende Aria, die Sulzer „komponiert“ und dem Leser vorstellt, ist die Stimme von Marek Olsberg. Marek Olsberg, ein begnadeter, weltberühmter Ausnahmepianist, ein introvertiertes Genie, ein musikalischer Popstar, verlässt ohne Vorankündigung am Ende des ersten musikalischen Satzes die Bühne der Berliner Philharmonie und bricht aus seinem bisherigen Leben aus.

„Marek hatte seinem Leben, seiner Außenwirkung, im Handumdrehen eine neue Richtung gegeben. Die Wendung war radikal, um so radikaler, als sie nicht beabsichtigt, also auch für ihn überraschend gewesen war. Desto schwerer würden die Folgen wiegen, über die er sich erst später Gedanken machen wollte, wenn überhaupt. … Sein Leben war aus den Fugen geraten. Er war allein. Er war frei. Niemand folgte ihm. … Aus den Fugen, um sich in alle Richtungen zu verzweigen.“

Nachfolgend erweitert Sulzer mit verschiedenen Personen aus dem Publikum und den Olsberg- Mitarbeitern seinen Zyklus.

Variation 1
( die nachfolgenden Variationen sind nicht chronologisch aufgeführt!)
Astrid Maurer

Man findet an Olsbergs Seite Astrid Maurer, seit vielen Jahren seine engste Mitarbeiterin und Vertraute. Er kann sich hundertfünfzigprozentig auf sie verlassen, doch im entscheidendem Moment seines Lebens verschläft sie seinen Abgang.

Variation 2
Solveig und Esther

Oder die zwei Freundinnen Solveig und Esther, deren Motivation, das Olsberg-Konzert zu besuchen, äußerst unterschiedlich ausfällt. Esther erlebt im Laufe der weiteren Kapitel eine bitterböse Überraschung, die ihre langjährige Ehe mit Thomas, einem Arzt, mächtig ins Schwanken bringt. Ein spannendes Personenportrait!

Variation 3 und 4
Johannes Melzer und Marina-Bettina

Die Variation Johannes Melzer, lang schon glücklich (?!) verheiratet mit Renate, der ständig „daran dachte, wie es wäre, wenn jetzt eine Frau anwesend wäre, die ihm einen geblasen hätte“,sich mit Marina/Bettina verabredet, um mit ihr während seines beruflichen Berlinaufenthaltes Olsbergs Konzert zu besuchen. Aus diesem Vorhaben wird nichts, denn sie begeben sich lieber in ein französisches Lokal, in dem ausschließlich von sächsischen Angestellten auf französisch kommuniziert wird ( eine sehr sympathische, einfach zum Schmunzeln, erzählte Episode). Nach einem fürstlichen Diner finden sie sich im Hotelzimmer wieder und die„hundertachtzig Euro die Stunde, von der sie wahrscheinlich die Hälfte abgeben musste,“ war sie ihm wert.
„Es kommt mir vor, als seien wir uns schon einmal begegnet“ bemerkt er beim anfänglichen Treffen. Sein großes Erwachen und Erkennen kommt dann allerdings zu spät.

Variation 5
Sophie und Klara

Sophie und Klara bilden eine weitere Variation in Sulzers Werk. Tante und Nichte. Sophie, die Tante von Klara, ist wegen der enttäuschten Liebe zum Gatten ihrer Schwester zur heimlichen Alkoholikerin geworden. Klara hat dies jedoch längst bemerkt, lässt ihre Tante beim gemeinsamen Olsberg-Konzert auflaufen und erst nach dem unvermutetem schlagartigem Beenden des Abends, klärt sich die Stimmung zwischen den Beiden auf, nachdem Klara von ihrer Beziehung zum Stiefvater erzählt.

Variaton 6
Lorenz, der Kellner

Wie soll es in Sulzers Romanen auch anders sein, ein Kellner, mit einer nicht unbedeutenden Rolle, der seinen Ruf und seine Freiheit riskiert, um endlich aus seinem Schattendasein treten zu können, wird in dem Personengerüst mit eingebaut.
„Worauf er lange, aber am Ende doch nicht auf ewig hatte bauen können, sein gutes Aussehen, ging allmählich den Weg jeder Attraktivität. Was übrig blieb – und nicht ganz so viel zählte -, waren die guten Manieren, das sichere Auftreten, die feinst austarierte Balance zwischen Arroganz und Unterwürfigkeit, die es zu halten galt, lauter Dinge, die für einen Leihkellner noch etwas wichtiger waren als für einen Angestellten im Restaurant. Leihkellner, wie das klang! Es klang wie ein abgetragener, speckiger Anzug, den man in den Kostümverleih gebracht und dort vergessen hatte. Aber Angestellter hatte er nie sein wollen. Allein die Vorstellung peinigte ihn.“

Um dieser Existenz zu entfliehen, eröffnet sich ihm am späteren Abend, nachdem Olsberg sein eigenes Konzert sang-und klanglos verlassen hatte, eine verrückte Chance, die er am Schopfe packt. Es gelingt ihm, einige Werte aus der Villa zusammenrauben, in der der anschließende Galaabend zu Ehren Olsberg hätte stattfinden sollen, die ihm eine Lebensveränderung ermöglichen würde. Mit Entdeckung durch die Hausdame rechnet Lorenz nicht.

Variation 7 und 8
Claudius und Nico

In einer Variation wird Claudius vorgestellt. Er ist der Agent von Marek Olsberg und dessen früherer Liebhaber. Claudius ist mit seiner aktuellen Liebe, dem gutaussehendem Nico, in einem Taxi unterwegs zur Philharmonie. Während der Autofahrt kommt es zu einem Streit zwischen dem ungleichen Liebespaar. Nico steigt bei der nächst besten Möglichkeit aus und lässt Claudius allein zu dem Konzert weiterfahren. Während Nico sich nach einem Kinobesuch in einer Bar wiederfindet, begreift Claudius langsam, dass diese Beziehung endgültig vorbei ist.

Dur und Moll

Im zweiten Teil des Romans balanciert Sulzer seine Variationen aus. Meist in Moll, während im ersten Teil Dur vorherrscht.

Coda

Mit einer Coda, einem angehängten ausklingendem Teil ( aus dem italienischem: musikalisch = Schwanz), enden die Variationen. Vierzig kleine belletristische Kompositionen (Kapitel) liegen zwischen Aria und Coda.

Und alleinig Astrid Maurers Abgang, der im Grunde genommen keiner ist, weil ihr Part mit der Einnahme einer Migränetablette endet, ist in meinen Augen nicht ganz glücklich gelungen.

Warum Marek Olsberg sich für seinen Weg entscheidet, das erfahren die LeserInnen von Sulzer nicht explizit. Spielraum für eigene Vorstellungen bleibt genügend.

Und auch sonst bietet Alain Claude Sulzer natürlich keine zufriedenstellenden Lösungen für die Protagonisten an. Das ist bei einem solchen Buch tabu!
Das Leben geht weiter und ein blinder Klavierstimmer, vielleicht der Autor selbst?, stellt zum Schluss auf einem neuen Konzert fest ( ein Duo, das auf zwei Klavieren spielt), dass er mehr Arbeit haben würde, als zwei Wochen zuvor, als sich Olsberg für das Konzert einen Steinway auswählte.

Ein sprachlich wunderbares neues Werk vom Schriftsteller Alain Claude Sulzer. Leise beginnend, mit einem Donnerschlag ( nicht nur) in der Mitte aufwartend und der zum Ende hin mit mancher Überraschung brilliert.

Biografische Parallelitäten zu Vladimir Horowitz blitzen hervor und Beethoven und Bach begleiten mich als Leserin durch die Kapitel. Aus diesem Grund füge ich im Anschluss dieser Buchbesprechung einige Links ein.

Ein Sohn J. S. Bachs soll folgende Aussage festgehalten haben:

„Einst äußerte der Graf ( Hermann Carl von Keyserlingk) gegen Bach, dass er gern einige Clavierstücke für seinen Goldberg ( hochbegabter Cembalist) haben möchte, die so sanften und etwas muntern Charakters wären, dass er dadurch in seinen schlaflosen Nächten ein wenig aufgeheitert werden könnte. Bach glaubte, diesen Wunsch am Besten durch Variationen erfüllen zu können, die er bisher, der stets gleichen Grundharmonie wegen, für eine undankbare Arbeit gehalten hatte.“

„Aus den Fugen“, ein Buch zum Genießen.

Die kursiv gesetzten Textstellen sind zitiert und dem Buch entnommen. Bis auf den letzten Absatz zur Goldberg-Erklärung, dieser ist Wikipedia entnommen.

Aus der Coda die zwei dort nicht namentlich genannten Pianisten. Jedoch dürfte es sich um dieses Paar handeln:

http://www.youtube.com/watch?v=SD2g3lELjoQ

Vladimir Horowitz
Carmen-Variationen ( weil ich die sehr schön finde und die Goldberg-Variationen oben schon angespielt wurden und unten von Chen Pi-Hsien interpretiert werden)

http://www.youtube.com/watch?v=QkrfOg1pTOc

Chen Pi-Hsien ( Goldberg-Variationen)

http://www.youtube.com/watch?v=-mHbF3YAAYs

Horowitz, Legende und Wirklichkeit

http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/article94PSV-1.310581

( Kleine Änderung/Ergänzung am 10.09.2012 vorgenommen)

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Schlankes Schilfrohr für Pan und eine Magnolie für Anna Petrini

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Magnolie – Baden-Baden – aufgenommen am 18. Februar! 2014

Es gibt klein-feine Konzerte, die mich lange im Alltag weiter begleiten. So auch diese barocke Musik, gespielt von: ~ Trio Stravaganti ~ und zwar: ur La Folia ~ Antonio Vivaldi . Obige Magnolie ist mein nachgeschobenes Danke an die Flötistin Anna Petrinianna_petrini_3und ihr Team.

Barocke Töne … es lohnt sich!

 

 

Lyrik aus meinem lou-salome-blog-archiv:

Deep-Sky-Beobachtung

nacht im märz

auf brauner krume
schläft geduckt
eine blaue
viola

tonschöpfer pan schneidet
sieben teile
schlankes schilfrohr
wirbelt nuancen
zum stundenschlag auf

du legst
schatten
riss
artig
dein tangram
zu wortfeldern
in einer märzennacht
wird es eng
im olymp

gedämpft klingt
himmelsspektakel
an dein ohr
erstaunt
schaust
du
auf
jupiter und venus

c’etait
un
rendezvous

©
jbs
märz 2ooozwölf

siehe auch hier

Weihnachtscollage

Weihnachtscollage. Auch mit Iro. Nie! Geständnisse einer Blockflöte. Nächtliches surren eines Routers. Heute Abend kam am Rande die Meldung, dass in Somalia das Weihnachtsfest verboten wurde.

„!:>?!:?!!“

Meine Rose von Jericho wird morgen übrigens blühen. Kontinente verschieben sich. Brunch in der Kaffeemühle. Willkommen! Platz ist in der engsten Hütte. Herr Fichte schaut entzückend entsetzt auf sein Display: 25 Millionen Verdienst mit einem rund geschneidertem Leder! Und streiten Sie ruhig an Weihnachten! Aber richtig! Apps helfen beim Stressabbau. Ich habe mich dem Leben nie entzogen. Tür auf! Und raus! Wir sind die Zeit! Aussteigen auf der nicht stillen Station und keine winterfesten Zelte. Und dann. Wieder auf der Straße. Die Bahnen fallen wegen dauernder Störungen aus. Und überall ist alles anders! Nur der Himmel nicht. Jeder ist so lang zum Leben verdammt, wie sein Name noch auf dem Passport erscheint. Ich! Ich bin ein Dieb und stehle Erinnerungen. Schreibe sie auf. Christrosenweiß. Hörst Du das Pfeifen der Vögel? Das Rauschen der Zirben?

Es lebe die Würde!

Es lebe die Wut!

Wir leben!

Auftritt! Stille – Immer noch Stille.

Hörst Du sie?

Ein kurzes Zögern zwischen nicht und noch nicht ganz. Zu Ende gebaut ist nie! Reich mir die Hände!  Und? Flieg!

Manchmal – manchmal lässt man beim Gehen etwas zurück. Und wo man lacht, da ist man zu Hause.

Manchmal.

Manchmal denke ich, alles ist nur ein Traum. Warum entdecke ich nicht, wo Vineta liegt? Dort, am freundlichen Strand der Heimat. Weil? Weil man immer den Schoss mit der Sehnsucht verlässt. Ja!

Ja, es kommt der Tod. Mit großen Worten.

Aber vorher! Vorher lebe ich!

Und!

Und meine Rose von Jericho wird morgen blühen!

(c) jbs 2ooofünfzehn

All meinen Bloglesern und Blogleserinnen wünsche ich friedliche, zufriedene und gesunde Feiertage zum Jahreswechsel! Herzlichen Dank für Ihr Interesse an meinen Beiträgen! Ich freue mich sehr über die positive Resonanz, wenn auch im öffentlichen Kommentarbereich Flaute herrscht. Aber das „Hinter der Bühne“ zählt!

Und kennen Sie das auch, Sie hören eine Musik und kennen jeden Ton. Einfach jeden! Im Kopf zirpt es nach hier und nach da. Im voraus. So geht es mir mit dem Stück Concerto in C-Minor RV 441 von Vivaldi; Frans Brüggen spielt auf der Blockflöte.

Jam-Session-Domina der alten Musik

Die Lautenspielerin Christina Pluhar bringt den kauzigen Gerätepark des 17. Jahrhunderts werkgetreu zum Swingen.

Wolfram Goertz schreibt im Mai 2010:

„Die 1965 geborene Grazerin mischt mit ihrem famosen Ensemble L’Arpeggiata seit nun zehn Jahren die Welt der Alten Musik auf – aber sie selbst ist so diskret dabei, dass es ans Scheue grenzt. Die Dirigentin sitzt meist an der Theorbe, einer Basslaute, und zupft tiefe Töne, die den Raum durchdringen; sie steckt sie wie Heringe ins rhythmische Fundament des Klangs: Nichts soll wegfliegen, aber alles darf beweglich sein. Ihr ist es lieber, wenn im Mittelpunkt die Solisten stehen: ein Sänger, ein Violinist oder ein Zinkenist. Gelegentlich nickt Pluhar (nicht verwandt mit Erika) im Konzert aufmunternd oder lacht quietsch-stillvergnügt, wenn die improvisatorische Schleife eines Kollegen glückt. Dominas mit Peitsche sehen anders aus. Sie bevorzugt den leisen Witz, etwa diesen: »Wie im Jazz bin ich Kontrabass und Schlagzeug, aber in einer Person. Ich sehe das Gras von unten wachsen, der Sänger guckt von oben drauf.«

Und hier mit dem Countertenor Philippe Jaroussky …

Wolfgang Herrndorf

Am 26.August 2013 ist Wolfgang Herrndorf in Berlin gestorben. Er wurde 48 Jahre alt.

Ich mal mir ein Tor zum Himmel ... Morgen bin ich wieder da ... Wolfgang Herrndorf 2ooodreizehn

Ich mal mir ein Tor zum Himmel … Morgen bin ich wieder da … Wolfgang Herrndorf 2ooodreizehn

Auf seinem Blog „Arbeit und Struktur“ schrieb er am 30.04.2013:
http://web.archive.org/web/20130723083000/http://www.wolfgang-herrndorf.de/

Wenn das Lächeln meine Seele streichelt
Was ich mir wünsche ist ein Clown
Ich mal mir ein Tor zum Himmel
Fliege nicht eher als bis dir Federn gewachsen sind
Wie ein Schiff im Sturm
Morgen bin ich wieder da
Und trotzdem mal ich mir ein Lächeln ins Gesicht.

Wolfgang Herrndorf

tschick

von jbs eingestellt auf dem Blog „lou-salome“ am 17.08.2011

Vor drei Wochen besuchte ich unsere Stadtbücherei, um Reiseführer für den anstehenden Urlaub auszuleihen. Da fiel mir im Vorbeigehen am Regal für aktuelle Lektüre der Titel „tschick“ ins Auge. Auf dem Buchrücken las ich: 

„Man lacht viel, wenn man „tschick“ liest, aber ebenso oft ist man gerührt, gelegentlich zu Tränen. Es ist ein Buch, das einen Erwachsenen rundum glücklich macht und das man den Altersgenossen seiner Helden jederzeit schenken kann.“ Gustav Seibt, Süddeutsche Zeitung.

Und nun? dachte ich. Die Bücherliste für den zweiwöchigen Urlaub ist doch eh schon viel zu lang und nun noch ein „Jugendroman“?
Wer hatte dieses Buch geschrieben? Wolfgang Herrndorf? Kenne ich nicht. In Hamburg geboren, Jahrgang 1965 (ich gehöre auch zur 60iger Generation), ist mit dem Deutschen Erzählerpreis ausgezeichnet ( und gibt nicht gerne Interviews ( was ich im nachhinein ergoogelt hatte)). Ich wurde neugierig. Auf „tschick“ und das angekündigte „Roadmovie“ zweier Gymnasiasten. Meine zwei Söhne sind schon etwas über das Alter der beiden Protagonisten hinaus, aber noch nicht lange. Und so interessierte es mich schon, wie schreibt ein fast fünfzigjähriger Mensch über Jugendliche in dem Alter. Das Buch landete also auch in meinen Korb und sollte die erste Urlaubslektüre werden. 

Wolfgang Herrndorf, Jahrgang 1965, erzählt in seinem 254 Seiten langem Roman „tschick“, 2010 im Rohwolt-Verlag erschienen, ein atemloses Roadmovie zweier 15-jähriger Schüler, die sich mit einem gestohlenen Lada auf den Weg in die Walachei begeben, um den Großvater von Tschick zu besuchen.

Tschick schließt den alten Wagen kurz, Maik räumt die Speisekammer seiner Eltern leer, zwei auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Jugendliche starten ihre Reise: 

„ Das ist nur ein Wort, Mann“, sagte ich ( Maik) und trank den Rest von meinem Bier. „Walachei ist nur ein Wort! So wie Dingenskirchen. Oder Jottwehdeh.“ 

Hier müsste ich nun beginnen mit nacherzählen, beschreiben und … schwärmen. Denn etwas anderes als schwärmen kann ich nach dieser Lektüre nicht. Keine Seite dieses Buches ist langweilig oder langatmig. Sei es der gescheiterte Versuch, sich durch 

„ Er legte beide Schlafsäcke als Kissen auf den Fahrersitz, setzte meine Sonnenbrille wieder auf, schob sie ins Haar, steckte eine Zigarette in seinen Mundwinkel und klebte sich zuletzt schwarzes Isolierband ins Gesicht, um einen Kevin-Kurányi-Bart zu simulieren. Er sah allerdings nicht aus wie Kevin Kurányi, sondern wie ein Vierzehnjähriger, der sich Isolierband ins Gesicht geklebt hat.“ 

zu verkleiden und als achtzehnjährige auszugeben, oder die Orientierung in Richtung Walachei zu behalten, auch wenn man dabei in einem Weizenfeld landet und nicht mehr über die Halme hinausgucken kann 

„ … Das Feld ging leicht bergauf. Wir fuhren kleine Kurven und Schnörkel und stießen auf eine Schneise, die wir eine Minute zuvor selbst gepflügt hatten. Ich schlug vor, Tschick sollte versuchen, unsere Namen in den Weizen zu schreiben, sodass man sie von einem Hubschrauber aus lesen konnte oder später bei Google-Earth.. Schon beim Querbalken vom T verloren wir die Übersicht. Wir fuhren einfach nur herum, krochen immer weiter einen Hügel hinauf, und als wir ganz oben waren, war das Feld plötzlich zu Ende.“

Weiter geht es mit der ewigen Suche nach Essbarem und nach Benzin. Dabei lernen sie die unterschiedlichsten Menschen kennen und müssen sich immer wieder vor der Polizei verstecken, damit ihre Reise kein vorzeitiges Ende nimmt. 
Es kommt, wie es kommen muss, die Fahrt endet abrupt, Maik findet sich im Krankenhaus wieder und Tschick in einem Heim. Aber hier ist noch nicht der Schluß der Geschichte, man darf noch ein wenig weiterlesen. Und ist froh darum, weil man Maik und Tschick nicht alleine lassen möchte.

Nach der Lektüre war mir klar, hier auf meinem Blog etwas über dieses Buch zu schreiben, eventuell Parallelen zu ziehen. Oder in die Tiefe dieses Romans zu gehen. 
Ich will es aber nicht mehr. Das Buch „Tschick“ liest sich so unbeschwert, so unkompliziert, so sympathisch, trotz seines aktuellen Bezugs zu u.a. Migration, Alkoholismus, Partnerschaft und Schulalltag. 
Vergleiche täten diesem Werk unrecht, weil „Tschick“ einfach „Tschick“ ist. 

jbs 17.08.2011

Textstellen aus dem Buch sind kursiv geschrieben und mit Anführungszeichen markiert!

Interview mit Wolfgang Herrndorf in der FAZ vom 31.01.2011

http://www.faz.net/artikel/C30437/im-gespraech-wolfgang-herrndorf-wann-hat-es-tschick-gemacht-herr-herrndorf-30326213.html

Die Sprachenauseinanderdriftung

Sprachen-aus-einander-driftung

Sprachen-aus-einander-driftung

Seit letzter Woche schleicht sich bei mir eine Handkebegeisterung ein.

Handke stellt die Legende von Babylon auf den Kopf. Was für eine wunderbare Herausforderung, die Vielfältigkeit der Sprache. Es sei, so sagt er im Interview u.a.

„… Es ist ein großer Moment gewesen, wo die vielen Sprachen entstanden sind, und auf diese Weise ist die Bilderwelt immer fruchtbar, indem durch Vergleiche zwischen den verschiedenen, zwischen den Tausenden Sprachen des Turmbaus von Babel … Es ist eine große, segensreiche Geschichte gewesen. Nicht der Turmbau, aber die Sprachenauseinanderdriftung – oder wie man das nennt!“

zitiert aus: Die Sprachenauseinanderdriftung – Peter Handke und Lojze Wieser im Gespräch mit Frederick Baker – Seite 58/59 – Wieser Verlag 2010

 

avara von Kimmo Pohjonen & Kronos Quartett