Bachtyar Ali – Der letzte Granatapfel

Viel ist zu diesem Buch, über dieses Buch, geschrieben worden. Und das zu Recht. Nachdem ich es gelesen hatte, meinte ich, sofort wieder von vorn, mit den ersten Seiten, anfangen zu müssen. Selten hat ein Buch bei mir so eingeschlagen, wie dieses hier. Wie schrieb Kafka? „Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“. Ja! Wie Recht er hatte! So was von Recht!

Nach den Romanen „Eine Straße in Moskau“ von Michail Ossorgin und „Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow meinte ich, es würde wohl lange dauern, bis ich ein neues Buch wiederfinden würde, das Qualität, Wärme, Tiefgang, Aktualität und Liebe so zum Ausdruck bringt, dass es mich tief, sehr tief, berührt.

Bachtyar Ali schrieb 2002 in seiner Heimatsprache Sorani ( kurdisch) mit der Erzählung „Der letzte Granatapfel“ Weltliteratur! Der Unionsverlag ließ dieses Buch in deutsche Sprache übersetzen. Die Übersetzung aus dem Kurdischen (Sorani) wurde vom SüdKulturFonds in Zusammenarbeit mit LITPROM unterstützt.

Zum Glück! Denn es wäre uns ein unsagbarer Schatz hinter einer fremden Sprache versteckt geblieben.

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Bildquelle: jpc

Schlicht Weltliteratur – der kurdische Bestsellerautor Bachtyar Ali schreibt einen Roman, dessen Poesie nicht politischer sein kann.
Von Claudia Kramatschek

Erneuerer der kurdischen Literatur

„[…] Manche Bücher benötigen Jahre, bis wir sie in unseren Händen halten. Einmal gelesen, fragt man sich, wie es sein konnte, dass die Welt all die Jahre ohne sie leben konnte. Bachtyar Alis Roman „Der letzte Granatapfel“ ist solch ein Roman – auch wenn der etwas altbacken anmutende Titel das nicht sogleich vermuten lässt. Doch schon mit den ersten Zeilen wird man gefangen von diesem Roman, der poetischer – und zugleich politischer nicht sein könnte. Denn Bachtyar Ali – der große Erneuerer der kurdischen Literatur – nutzt den Zauber des magischen Realismus, um über und gegen die fatale Macht der Politik zu schreiben. Alles beginnt mit einem Mann namens Muzafari Subdham. 21 Jahre war er in Gefangenschaft. […]“

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Tränendes Herz – Eine Pflanzenstaude, die jedes Jahr wieder neu aus der Erde treibt und blüht. Unbekannterweise dem Autor Bachtyar Ali gewidmet, der mit seinem Buch „Der letzte Granatapfel“ für mich Weltliteratur schrieb.

 

 

Rattenlinie – Buchbetrachtung

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Die Ratten verlassen das sinkende Schiff

Martin von Arndt vermischt in seinem neuen Roman „Rattenlinien“, erschienen im ars vivendi verlag, 2016, anhand von Literatur-und Archivstudien, Fakten und Fiktion.

In Form eines Politthrillers zeichnet er hochspannend die heimliche Alpenüberquerung eines Nazis nach, dem, wie Tausenden von Nationalsozialisten vor über siebzig Jahren diese Flucht sogar bzw. auch mit Hilfe der Katholischen Kirche gelang.

Die von den US-amerikanischen Geheimdiensten als „Rattenlinie“ bezeichnete Fluchtroute über Südtirol nach Rom oder Genua und von dort weiter nach Argentinien, Bolivien oder Syrien gab dem Roman seinen Titel.

Verfolgt wird ein flüchtender Massenmörder von einem in die Jahre gekommenen Kommissar, dessen ehemaligem Assistenten sowie einem Special-Agent aus Amerika. Ein klirrend kalter Winter erschwert nicht nur die Flucht sondern auch die Verfolgung im Hungerwinter 1946 auf 1947.

Hilfe für NS-Täter und Verurteilte

[…] Die Bereitschaft, mit der Vergangenheit abzuschließen und den NS-Sündern zu verzeihen, war derartig großzügig, dass katholische Würdenträger hauptverantwortlichen Nationalsozialisten zur Flucht nach Südamerika verhalfen. Der bekannteste Fluchthelfer war der österreichische Bischof Alois Hudal […]. Er baute ein umfangreiches Netzwerk aus und besorgte Unterschlupf für mehrere hochrangige NS-Täter und Verbrecher des kroatischen Ustascha-Regimes. Sie flüchteten über die Alpen nach Rom, wo sie falsche Pässe bekamen, von dort, immer wieder versteckt in Klöstern, nach Genua, um mit dem Schiff nach Südamerika zu entwischen. Die Liste der Personen, die über die „Kloster- oder „Rattenlinien“ gerettet wurden, ist lang und erschreckend. Adolf Eichmann, Josef Mengele, Walter Rauff, Klaus Barbie, Erich Priebke, Erich Müller […].

Einige von ihnen wurden später aufgespürt, Eichmann 1960 in Argentinien und Barbie 1983 in Bolivien, und vor Gericht verurteilt. Insgesamt konnte rund 300 Tätern dieses Kalibers zur Flucht verholfen werden, auch durch Fluchtwege der CIA, weil man im Kalten Krieg die Expertise mancher Deutscher brauchte. […]1

Gesuchte Kriegsverbrecher reisten also mit Pässen des Roten Kreuzes aus, die zuvor von Priestern beglaubigt worden waren. Verkleidet als Mönche entkamen viele auch über eine Kette verschwiegener Klöster nach Spanien – und von Barcelona in alle Welt.

Rollentausch

Diensteifer, Hass und Löcher in den Köpfen der Nationalsozialisten waren bodenlos. Und als am Ende die Zeche fällig wird, in der Stunde des Erwachens2 hat von Arndts Antagonist Gerhard Wagner sich dazu entschieden, wie viele tausende seiner Gesinnungsgenossen übrigens auch (s.o.), seinen Opfern den Rücken zu kehren und abzudampfen.

Wagner tauscht seine Rolle des Verbrechers, des Massenmörders und Täters in die Rolle des Opfers: Wagner wird Flüchtender, ein Gejagter, ein Heimatloser, ein Kranker.

Fanatismus

Schaut man auf die inhaltliche Ausrichtung des Fanatismus, erstreckt sie sich praktisch auf alle Lebensgebiete. Sie kann uns überall dort begegnen, wo eine starke Bindung an eine Sache herrscht und hohe Begeisterung weckt. Das sind nicht nur religiöse oder politische Fanatismus-Strömungen, es gibt auch den klassischen Gerechtigkeits- oder Wahrheitsfanatismus sogar einen Ernährungs- oder Sportfanatismus.

Während auf der einen Seite des Romans fanatische Kriegsverbrecher versuchen, sich aus ihrer Verantwortung zu stehlen, nimmt auf der anderen Seite der Protagonist Kommissar Andreas Eckart Eckart unbeirrt die Nazijagd auf. Obwohl er während einer kurzen Gefangenschaft durch die Ustascha schwer misshandelt wird, spürt er trotzdem weiterhin Wagner nach. Als er sich eine frische Wunde als Erkennungszeichen3 mit einem heißen Schürhaken in den rechten Oberarm einbrennt, um „die gleiche frische Wunde, die in diesen Tagen alle SS-Männer besaßen“4 vorzeigen zu können, sollte er in die Hände CIC ( Heeresnachrichtendienst der USA) fallen, habe ich das Gefühl, dass Eckarts Gerechtigkeitssinn fanatische Züge annimmt. Doch an die vorherigen Romanseiten erinnernd, auf denen die zentrale Figur Eckart als ein ausgesprochener Menschenkenner und tragischer Berufsheld beschrieben wird, löst sich der Verdacht auch schon wieder auf.

Lyrische Naturbetrachtungen

Dieser Roman ist ein kleines Schatzkästchen für lyrische Naturbetrachtungen. Sei es die Sonne, die zu einem kleinen Klumpen Titanweiß geschmolzen ist und über der Landschaft ein Geruch von Rauch und vergorener Milch liegt. Oder der Kaffee, der nach Erbsen und Speck schmeckt. Oder die optisch-akkustische Beobachtung während eines Eisnebels. Wunderschöne Bilder!

Fazit

Mit spannenden und rasanten Verfolgungen, tragischen Verbrechen bis hin zum Mord, dialogbespickt und mit unglaublich schönen Naturbildern, ist ein absolut lesenswerter Roman entstanden. Voll mit Kritik gegen Ungerechtigkeiten in der Welt, nicht nur zur Zeit der Rattenlinien, die einen manchmal an den Rand der Verzweiflung treiben, aber dann wieder zurückholt mit Zeilen wie diesen:

[…] / Denn wenn die Nacht vergangen ist / Wirst du sehen, dass ihr Sonnenschein folgt / Ein neuer Tag wird kommen // Die Welt wird in goldener Pracht erglänzen / Bald werden wir vergessen, dass der Himmel grau war / Und wie in einem schönen Märchen / Wird ein neuer Tag kommen. (Zitat aus „Rattenlinien“)

Meine Leseempfehlung: Lesen Sie! Unbedingt!

1Zitiert aus: Olaf Blaschke „Die Kirchen und der Nationalsozialismus“, Reclam Sachbuch 2014, Seite 236-237

2Zitat aus: Boualem Sansal „Das Dorf des Deutschen“, Merlin Verlag,1991, Seite 274-275

3Wikipedia: Die Blutgruppentätowierung war ein Kennzeichen der Mitglieder der SS-Verfügungstruppe, der SS-Totenkopfverbände und später des größten Teils der Waffen-SS. Ursprünglich zur Erleichterung medizinischer Hilfe gedacht, wurde es in der Endphase des Kriegs oder nach Kriegsende eine Hilfe, wenn es darum ging, untergetauchte Angehörige der Waffen-SS – die sich oftmals als gewöhnliche Wehrmachtssoldaten ausgaben– zu identifizieren.

4Zitiert: Martin von Arndt „Rattenlinien“ ars vivendi Verlag, 2016, Seite 284

brömstrup [4]

brömstrup [4]

im vorübergehen entdeckt brömstrup eine schafherde. ungezählte wollkugeln trippeln über wachholderheiden zum stall ins tal. der alte sommer, er lodert in felsenbirnen und schwarz-weiß gescheckte rüden kläffen stakkato-artig in den aufsteigenden rauch duftender kartoffelfeuern. vor brömstrups stiefeln flunkern plötzlich silberdisteln im licht und brömstrup begreift, wenn man sieht, vorausgesetzt dass man sieht, dann sieht man weiter, weiter als das sichtbare.

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Die Ferne von Florian L. Arnold

aus: Philosophischer Kalender 23. Woche – Jean-Paul Satre
[…] Nur ein Sein, das sein Sein zu sein hat, statt es einfach zu sein, kann eine Zukunft haben.

„Die Ferne“ von Florian L. Arnold
erschienen im Mirabilis Verlag 2016

die ferne
ist eine faszinierende vielschichtige Erzählung – sie erinnerte mich beim Lesen an unseren Planeten, an die Erdkruste, die wie „ein Ballett der Kontinente ein vielseitiger Tanz“ ist. Wir leben auf einem dynamischen Planeten, auf dem sich Kontinente verschieben, deren plattentektonischen Prozesse sich auch auf die Evolution auswirken.
Stellen Sie sich ein Erdbeben vor. Nur ein leichtes! Das reicht schon aus. Stellen Sie sich dann die Folgen eines Erdbebens vor, die seismischen Wellen, die sich im Erdinnern ausbreiten, die Erdverschiebungen – bezieht man solche Prozesse auf uns Menschen, dann können Trennungen von Menschen, Trennungen von Zielen oder Orten einem Erdbeben gleich kommen, ebenda einem psychischen Erdbeben.
Erdbeben gehören zu den gewaltigsten Naturkatastrophen, die den Menschen treffen können. Erdbeben kommen wie aus heiterem Himmel, völlig überraschend und mit einer ungeheuren Zerstörungskraft. Mehrere hundert Male bebt die Erde an jedem Tag. Solche Beben sind Beleg für die enormen Kräfte, die im Innern unseres Planeten herrschen und –
– wieder auf den Menschen bezogen- täglich setzen wir uns mit leichteren oder schwereren Beben auseinander.
Unser Gehirn sucht Bindungen zu unseren Mitmenschen, will sie festigen, im Alltag einbauen, auf Trennungen reagiert es ebenso intensiv wie auf körperliche Schmerzen. Loslassen muss gelernt sein. Es ist, wie oben schon angemerkt, ein vielfältiger Tanz zum Festhalten und Loslassen. Und wir lernen es unser ganzes Leben lang. Weggehen bedeutet zurücklassen.
So erschütternd die psychischen Erdbeben des Abschieds sein können, oft fördern sie einen großen Schatz zutage, den wir erkennen „wenn sich die dabei aufgewirbelte Staubwolke wieder gelegt hat“ (Evolutionspsychologe Klinger), Chancen zur Neuordnung stehen im neuen Licht.
Florian L. Arnold verknüpft kunstvoll die Geschichte eines jungen Mannes mit dieser gewaltigsten Naturkatastrophe, die den Menschen treffen kann. Sein Protagonist bricht nach einer durchgemachten menschlichen Tragödie auf, um in Kraterlandschaften unserer Welt in „der Ferne“ Wärme und Licht zu finden. Arnold baut mit ästhethischer Sprache und psychologisch-philosophischem Blick eine besondere Handlung auf, häufig untermalt mit dramatischem Sound.
Insbesondere eignet sich diese Erzählung für Lesehungrige mit Appetit auf künstlerische Textdarstellung und Außergewöhnlichem.
jbs 2tausend16

der tulipan entblättert sich und amor schleicht ins land

„der tulipan entblättert sich und amor schleicht ins land“

Janette Bürkle, Petra C. Erdmann, Florian L. Arnold

Haikudichtung

und

Illustrationen

9783981667424Es ist da!

Großer Jubel!

Große Freude!

Das erste eigene …

Buch.

Und alles ist an ihm dran.

Vier Ecken.

Zwei Buchdeckel.

Über vierzig Seiten.

Innen leben Haiku aus jeder Jahreszeit,

sowie viele farbige einzigartige Vignetten.

Es besitzt eine Verlegerin mit Charme und Mut.

Und eine wunderbare Co-Autorin ist meine Partnerin.

Die Freude ist riesengroß!

Janette Bürkle Szalys

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Siebzehnjährige Zikade – Oder „Weltlied“ von Leopold Federmair

Von Zikaden

28. August. Seit jenem Freitag geht mir das Zikadenbild nicht mehr aus dem Kopf. Ein Zepter liegt auf einer Bank. Vor der Bank im Erdreich zwei Löcher aus denen Zikaden krabbeln, um im Baum hinter, über der Bank ein Weltlied zu singen. Sieben Tage lang. Und es ist ihnen gleich, ob sie von Mensch oder Tier verstanden werden oder auch nicht. Siehe: Weltlied von Leopold Federmair

Kurzinformationen zum Autor

Einerseits könnte diese Skizze die Wiedergabe eines genauen Naturbeobachters sein. Daraufhin weist die die explizite Beschreibung der Erdlöcher: daumennagelgroß und die Tiefe sei nicht mehr als eine Daumenlänge unter der Erde. Sodann der enorme Geräuschpegel des Zikadengesangs im Baum über dem Kopf des Autors. Und es scheint den Insekten gleich zu sein, ob sie verstanden werden oder nicht, sie singen unbeirrt, was das Zeug hält. Ein Weltlied. Immerhin haben sie nicht viel Zeit. Laut Autor sieben Tage.

Andererseits wäre es möglich, dass die sieben Tage Gesang für die Entstehung der Welt gesehen werden könnten. Das Zepter, ein Teil von Krönungsinsignien, liegt ruhend auf einer Bank: lt. Schöpfungsgeschichte vollendete Gott am siebenten Tag das Werk, das er geschaffen hatte, und an diesem Tag ruhte er (2,2); am Anfang schuf Gott Himmel und Erde ( Himmel = Baum; Erde = Erdreich unter dem Baum).

Federmairs flüchtig entworfene Zeichnung lässt sich auch als Parabel verstehen. Nach Jahren der Stille kriechen in biblischen Ausmaße Unruhestifter ans Tageslicht und verkünden, wenn auch unverstanden, ihr ureigenstes Weltlied – Weltbild.

Im Tierreich werden lt. Knaurs Insektenbuch 1968 von Walter Forster, Seite 66, über 5000 Zikadenarten beschrieben. Wobei eine Mehrzahl noch unbekannt sein dürfte. Beeindruckend ist besonders die Siebzehnjährige Zikade Nordamerikas. Je nach klimatischen Verhältnissen schlüpfen alle dreizehn bis siebzehn Jahre aus den Larven Zikaden, die, seither unterirdisch lebend, die Erdoberfläche erklimmen, Bäume erklettern, um sich dort fortzupflanzen. Der Kreis schließt sich, indem sie Eier legen, aus denen Larven schlüpfen, die wiederum auf die Erde fallen, sich vergraben und die nächsten drei – bis siebzehn Jahre unterirdisch hausen ( Dreizehn und siebzehn sind Primzahlen; Wissenschaftler wollen herausgefunden haben, dass in diesen Jahren Prädatoren geburtenschwache Jahre aufweisen und somit hat der Zikadennachwuchs weniger Feinde während ihrer kurzen Lebens-und Fortpflanzungsdauer).

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Hinter der Wand das Meer – Eine Erzählung

Manuskriptauszug einer meiner Schreibwerkstatt-Erzählungen:

Hinter der Wand das Meer“ von 2013.

Über ein Feedback würde ich mich sehr freuen. Ich benötige zum Weiterschreiben einen Motivationsschub, sozusagen. Und ich bitte um Großzügigkeit, ob des literarischen Anspruchs des Textes. Er ist ein Baustein aus einer längeren Erzählung.

Sodann habe ich noch eine Bitte: wenn ein Feedback, dann konstruktiv.

Und … Es gilt das Urheberrecht!

Vielen Dank!

Manuskript/ Arbeitstitel: „Hinter der Wand das Meer“

Schon Schweigen ist Betrug,
genug kann nie genügen.“

Konstanin Wecker

Humska Biska auf Matko

Noch herrschte Halbdunkel im Land.

Dem Priester gefiel dies. Er stand am Ende des Dorfes und wartete. Seine Gedanken wiegten sich sanft im Rhythmus der nahenden Gemeinde, einer wogenden Welt aus schwarzen Tüchern. Sie kommen, dachte er, sie kommen, meinem, Seinem Licht aus dem Dunkel entgegen! Für einen kurzen Moment legte er seinen Kopf dankbar in den Nacken.

Langsam bewegten sie sich. Still trauernd. Und die Kirchenglocken klagten monoton – bam-bam-bam – Richtung Friedhof. Über nackten Fußknöcheln scheuerte der Talar des Priesters den Boden. Staubschwaden wirbelten, nahmen zögernd auf geweihten Füßen Platz. 

Bevor schmale Korridore, bunte Kunstblumen, Schwarz-weiß-Portraits und Metallkreuze alle Trauergäste verschluckten, stampften sie ihre Zigaretten aus. Einen Atemzug lang glimmten rote Spitzen auf, ein letztes Aufbäumen, dann lagen sie neben ungezählt anderen auf dem Vorplatz. Vor brüchiger Mauer. Unter meterhohen Zypressen. Hinter der Umfassung hatte sich noch nie jemand getraut, zu qualmen. Stattdessen waberten Weihrauchdünste in dicken Nebelschwaden über die Köpfe der Ankömmlinge. 

Man spürte einen böigen Wind, den Bora, der kalt aus dem Osten nach Istrien herüber wehte. Er zerrte an Kappen, Röcken und dem Weihrauchdunst. Die Frauen knoteten ihre Kopftücher fester. Ihre ernsten Gesichter blickten anklagend. Sie wussten, dass der alte Matko, den sie zu Grabe trugen, noch unter ihnen leben könnte. Zwischen Küchentisch und Fenster hatte er gelegen. Tomislav, ein Freund aus seinen alten Tagen, hatte ihn gefunden. Tot. Brot und Käse hatte Tomislav wieder mit nach Hause genommen, aber niemand aus seiner Familie mochte davon essen. Später brachte Tomislav die Nachricht aus der Pathologie mit: man sprach von Tod durch eine Überdosis Insulin. Matko war aber kein Diabetiker. Ein alter Steinbeisser war er und kerngesund.

Immobilienhaie, alles Verbrecher! Verreckt auf der Stelle!“ schimpfte Tomislav.

Er zog seine Mütze tiefer in die Stirn, schnäuzte lautstark und setzte zum Spucken an. Bozidar, sein Schwager, der hinter ihm ging, boxte ihm hart ins Kreuz. Tomislav verschluckte den Schleimbrocken widerwillig und herrschte Bozidar an:Alter Aufpasser! Du!“ Bozidar’s Augen blitzten zurück und ein zweiter Boxhieb in die Hüfte erinnerte Tomislav an den Ort, an dem sie sich befanden.

Es war eine kleine Prozession von Priester, Messdienern und Sargträgern, die ihren Weg Richtung ausgehobenes Grab aufnahmen. Dorfbewohner rückten auf und eine fremde junge Frau, deren Gesichtszüge Mitgefühl ausdrückten, schloss sich dem Trauerzug an. Neugierig drängelte sich Nada, Tomislav’s achtjährige Enkelin, vor. Sie wollte wissen, wer die Fremde war und wieso ist sie dort war. Aber bevor sie fragen konnte, verschwand die Unbekannte mit dem roten Zopf urplötzlich aus ihrem Blickfeld. Nach ein paar Minuten entdeckte Nada sie jedoch wieder. Jetzt baumelten ein Paar alte staubig braune Damenschuhe, sogenannte Schnürer, die das Aussehen verschrumpelter Kartoffeln hatten, sowie ein Paket gelblich verblichener Zeitungen und – und eine stattliche Salatgurke  in deren Händen.

Nada beobachtete, wie die rote Zora, Nada hatte sie blitzschnell auf diesen Namen getauft, immer wieder schluckte und sie fragte sich, was die Frau mit diesen merkwürdigen Utensilien auf ihrem Friedhof zu suchen hatte. Blumen, so hatte Nada gelernt, Briefe, Ringe, all das legten Angehörige, Freunde oder Bekannte mit in ein Grab. Aber alte Schuhe? Alte Zeitungen? Eine Gurke? Nada fixierte die Frau mit dem roten Zopf noch neugieriger, beschloss, sie nicht aus den Augen zu lassen. Sie wagte kaum, Ihre Gedanken weiter zu denken. Welch ein Frevel!

Sie wird doch wohl nicht? Das Grab ist doch kein Mülleimer!

Nada zog ihren kleinen Faltenrock über ihre schmalen Hüften höher und stellte sich auf Zehenspitzen, um den Dorfpriester aus ihrer Reihe besser sehen zu können.

Die Träger hielten. Nickten dem Geistlichen zu, der beide Arme hob, als Zeichen, das Weihrauchschwenken zu beenden und rief seinen Segen der schwarzen Menge entgegen. Der Sarg senkte sich in die Tiefe und als erste Blumen ins Grab fielen, wachte die Rote auf. Sie warf mit anfänglichem zögern den Packen Zeitungen, dann die Schuhe und schließlich die Gurke auf den Sarg. Empörtes Raunen löste das Klagen ab.

Sie drehte sich danach abrupt um, achtete nicht weiter auf Trauergäste und -feier und schlenderte an das andere Ende des Friedhofes. Setzte sich mit dem Rücken an eine der Marmorgrabplatten und drehte sich über „Drago Kumicic“ eine Zigarette. Und rauchte!

Nada würde sich noch Jahre später an diese sonderbare Verabschiedung erinnern.

Während sich die Trauergemeinde verabschiedete, vernahm man hier und da schon wieder ein verstecktes Lachen. Auch immer lauter werdendes Gezeter der Frauen. Die Rothaarige verstand nicht, was auf kroatisch geschimpft wurde und verstand es doch.

Von der Straße tönte plötzlich ein altersschwacher Motor herüber, in dessen Geruckel Nada jaulte:

Ach lieber Deda, lieber Opa, ich will nicht heim laufen. Ich will mit euch faaahren.“

Du gehst mit den Weibsleuten, Nada. Der alte Bozi und ich müssen reden. Männersachen. Basta!“

Männersachen. Ja! Männersachen! Vom Matko, deinem Deda, und mir. Und der verdammten Ustascha,“ zischelte Bozidar zwischen den Lippen hervor, zog verbittert an der Filterlosen, die er zwischen Daumen und Zeigefinger quetschte, als wolle er einer vollgesogenen Zecke das Genick brechen.

Und diesmal nicht draußen, zwischen all‘ den Urlaubern in der Konoba, hörst du, Tomi, sondern bei mir im Garten. Der Zahnlose, den kennste sicher, den Schnapsbrenner aus Hum, der hatte beim letzten Besuch Humska Biska zurückgelassen. Mit dem stoßen wir jetzt auf Matko an!“

Tomislav kletterte umständlich in seinen roten Zastava. Bozidar drehte sich noch einmal um. Polternd schlug rotbraune Erde auf den Sarg. Vier Friedhofswärter beeilten sich. Füllten im Takt die Grube. Und Nada trat mit den anderen mürrisch den Heimweg zu Fuß an.

Da mi! Ja, das machen wir!“

Bozidar leckte sich die Lippen, schnalzte mit der Zunge und versuchte mit einem Rest jugendlichem Elans neben Tomsilav Platz zu nehmen. Ächzend erinnerte nicht nur das Gefährt an seine Jahre. Tomislav gab Gas und mit dem rostigen serbischen Yugo aus dem letzten Jahrhundert knatterten zwei Alte in ihre Vergangenheit Richtung Humska Biska.

Gute Zeit fällt nicht vom Himmel

Ihr entsetzter Schrei ging Professor Katičić durch Mark und Bein. Wie eine Axt schlug dieser Ton in seinem Schädel ein.

Vierundvierzig!

Neunzehnhundertvierundvierzig.
Kurz vor Kriegsende hatte er selbst einen ähnlichen Schrei losgelassen.

Rasend vor Angst.

Rasend vor Zorn.

Ohnmächtig.

Hasserfüllt.

Durch die gekippten Hörsaal-Fenster nahm Professor Katičić die gegenüberliegenden Häuser kaum wahr. Der Sommer klebte heiß und gelb an den Wänden. Unterhalb verschlossener Läden quälte sich farbloser Smog aus Tunnelschächten ins Tageslicht. Katičićs Brust hob und senkte sich. Ein Blasebalg, der die Glut durch gezielte Luftstöße am Leben erhält.

Eine Tram schlingerte unsicher auf heißen Gleisen über wabernden Asphalt an der Dreisam vorbei, an der, im Schatten grüner Weiden, schwitzende Eltern saßen und der Leichtigkeit ihrer spielenden Kinder am Fluss zusahen.

Es war Nacht. Hoch oben auf einem Bergkegel stand er und schrie. Regen klatschte vom Himmel und warf sich über ihn. Eiskalter Wintersturm trieb herabstürzendes Wasser vor sich her. Ungeschützt schlug ihm das Nass durch seine durchlöcherte Kleidung auf den verletzten Körper und ins Gesicht. Er hatte seit Tagen nichts mehr gegessen, nicht geschlafen, er hatte sich krank gemeldet. Sie hatten ihn für drei Tage beurlaubt. Er wollte die Zeit nutzen, um über Koper via Triest in die Schweiz zu fliehen. Irgendwie. Nur nicht zurück in die Vojvodina. Den Begriff Sremski Front verbannte er für Jahre aus seinem Gedächtnis.

Und dort stand er, schrie, weil er gesehen hatte, was er hätte nie sehen dürfen.

Später, viel später las er zu den Foibe Massakern bei einem Überlebenden:

Dann nahm ein großer Mann einen Draht und begann je zwei und zwei zusammenzubinden, in dem er den Draht fest um unsere Handgelenke zog. Das Schicksal war vorgezeichnet, und es blieb nur eine Möglichkeit zu entkommen: mich in den Abgrund zu werfen, bevor mich die Kugel traf … Ich fiel auf einen hervorstehenden Ast. Ich konnte nichts sehen, andere Körper fielen auf mich. Es gelang mir, die Hände aus dem Eisendraht zu befreien, und ich begann hinaufzuklettern.“

Professor Katičić, Herr Professor!“ Einer seiner Studenten war nach vorne ans Rednerpult gehechtet. Der alte Katičić war sekundenschnell in sich zusammengesackt. Sein Satz: „ Typisch istrianisch oder besser gesagt authentisch für die Region ist keine der drei offiziellen Sprachen. Sie wurden mehr oder weniger von ‚oben‘ durch die Regierung und das Schulsystem eingeführt und in den ‚drei Istrien‘, die durch willkürliche Grenzziehung der jüngeren Geschichte erschaffen wurden, durchgese … .“ Hier wurden seine Ausführungen jäh durch Alisa’s Schrei unterbrochen. Er fiel.

Gleißendes Sonnenlicht flutete die Szene. Stephan ( Anm. Student im Hörsaal) beobachtete, wie ein Kommilitone ans Waschbecken spurtete und den Wasserhahn viel zu weit aufdrehte. Voller Wucht prallte der Strahl ins Becken, sprang außer Rand und Band in den Hörsaal, die Umgebung wässernd. Mit feuchtem Handtuch rutschte der Student auf dem durchgewetztem Parkett zurück zu Katičić, drückte ihm dieses auf die Stirn, betupfte Wangen und Mund und rief: „Herr Professor?! Ist alles in Ordnung mit ihnen?“

Stephan verfolgte mit verwunderten Augen das Geschehen. Was soll das jetzt werden, dachte er für sich. Und das alles wegen einer Spinne, einer erst gechillten und dann hysterischen Lady und einem überdrehten Schrei. Er drehte sich um. Zog sein Handy aus der Tasche, loggte sich bei Facebook ein, schrieb als Statusmeldung: „Zickenalarm!!!!!“ und versank in den Kommentaren ungezählter User.

Ist alles wieder gut, mein Gott, danke ihnen, und vorsichtig, mein Hemdkragen,“ zitternd nahm der Professor das Tuch in die Hand, setzte sich und überlegte, ob es nicht besser wäre, in seinem Alter ab jetzt grundsätzlich alle Gastvorlesungen abzusagen.

Hinter der Wand das Meer

Am Handgelenk fehlte die Zeit und der Schrank war ein Koffer.

Auf nackten Sohlen trippelte Alisa Richtung Felsstrand. Über weiß getünchte Steinplatten durch einen Hohlweg zum Meer, knappe fünf Minuten hangabwärts. Meterhohe Granatapfelbäume und füllige Dattelpalmen bildeten eine Säulenhalle. Und hinter dieser mediterranen Arkade schlummerten junge flachdachige ockerfarbene Häuser inmitten südlichen Charmes. Alles Neubauten. Wenig später klapperten von den Terrassen Bestecke, Teller und Tassen. Unrasierte Männer schlurften, aus halb geöffneten Augen blinzelnd, in ihren bunten Flip Flops Richtung Markt, um Kruh, das landestypische kroatische Brot, zum Frühstück einzukaufen. Kleine Kinder jaulten wie junge Katzenbabys um die Wette nach ihren Müttern und Milch. Erste Streitigkeiten der größeren Geschwister zersägten die Luft, wer an diesem Tag zuerst die Luftmatratze zum Wellenreiten benutzen darf oder wo die Kescher für die Seeigel wieder liegen geblieben wären.

Es war Urlaubszeit.

Inselzeit.

Aber noch schliefen hinter den herabgelassenen staubigen Jalousien alltagsmüde Geister. Alisa genoss den stillen Beginn des neuen Tages. Ihr rotes Haar leuchtete mit der Sonne um die Wette.

Matko saß wie jeden Morgen auf einer morschen Holzbank hinter seinem Haus und lauschte nach Zischelwinden. Sie fielen vom Dachrand, streichelten und kühlten seine Gesichtsfalten. Seit fünf Tagen bot sich Alisa das gleiche Bild. Ein Greis, umgeben von blühenden Oleanderbüschen und Zypressen. Im dichten Geäst plauderten Grasmücken im raschen Tempo ihre kurzen Strophen. Zusammengerollt träumte ein rotgestreifter Kater auf hartem Lehm und flinke grüne Eidechsen jagten von Zeit zu Zeit zarten Sonnenblitzen auf schon gewärmter Steinmauer nach. Matko saß bewegungslos. Sein Blick spähte geradeaus, über Tomaten- und Paprikastauden Richtung offenes Meer. Vielleicht wollte er den Horizont wiederfinden, der seit jeher in den türkisblauen Farben der Adria und des Himmels ertrank. Zumindest in den Sommermonaten, denn in dieser Zeit fiel so gut wie nie ein Tropfen Regen und der Himmel blieb klar.

Alisa grüßte den Alten winkend, obwohl sie sich nicht sicher war, ob er sie überhaupt wahrnahm. Der kurze Moment des Hinüberschauens erweckten in ihr Erinnerungen. Genau der gleiche silberne Haarkranz wie beim betagten Großvater. Nur er hier, er hatte längeres Haar. Wie schön der Wind damit spielt, dachte Alisa.

Kommen Sie doch rüber in den Garten!“ Matko hatte den Kopf gehoben, in ihre Richtung gedreht und kurz gelächelt.

Alisa drehte sich zögernd um. Suchend schaute sie den Hohlweg auf und ab, aber außer ihr war niemand auf der Gasse. Ja, er hatte sie gemeint. Ganz bestimmt sogar, denn jetzt stand er vor der Bank und sein Blick tastete sich hinaus aus seinem Gärtchen, direkt in ihr Gesicht hinein.

Dort,“ rief er ihr zu, „dort unten ist das Gartentor, hinter dem Oleander.“

Alisa drückte fest gegen das verrostete Gestänge. Quietschend ließ sich das Türgestell öffnen und schon stand sie in einer anderen Welt. In einer anderen Zeit. Und zum Wundern, warum er sie auf deutscher Sprache angesprochen hatte, kam sie gar nicht.

Die Insel ist viel lustiger geworden, seitdem Touristen sie bevölkern,“ finden sie nicht?“ Matko lachte leise. Trotzdem lag ein Hauch Bitterkeit um seine Mundwinkel. Er öffnete die Lippen ein wenig und während er sich ein Stück Gurke hineinschob, lachte er wieder und sagte dabei: „Krastavac!“

Krasta was?“ Alisa rümpfte ihre Nase und sah aus seiner Mundhöhle ruinöse Überbleibsel eines Gebisses, welches in jungen Jahren vielleicht einmal wie Elfenbein geleuchtet hatte .

Und trotzdem, ganz ehrlich,“ sinnierte Matko, „leben kann man hier eigentlich nicht mehr. Man ist völlig allein inmitten tausender Menschen. Und das ganze Land – ein Trugbild.“

Er muss als junger Mann stattlich gewesen sein. Seine Sandalen haben mindestens Größe fünfundvierzig, beobachtete Alisa.

Gurke! Krastavac heißt Gurke! Möchten sie ein Stück? Erfrischt!“

Und bevor sie antworten konnte, zeigte Matko auf ihre nackten Füße und meinte: „Meine Frau, also meine verstorbene Frau, Oljia hieß sie, war Lehrerin, müssen Sie wissen, ging den weiten Weg von hier zur Schule immer barfuß, um ihre Schuhe zu schonen. Erst vor der Schule zog sie sie wieder an, denn eine Lehrerin hat doch keine Autorität vor ihrer Klasse, wenn sie barfuß dastehen würde, erklärte mir Oljia immer wieder. Und jung, viel zu jung für dieses Beruf war sie.“

Matko schluckte. Den harten Rest der Gurkenschale spuckte er in hohem Bogen Richtung Paprikastaude.

Neunzehn! Neunzehn Jahre alt! Aber den Jungkommunisten, denen war alles egal. Sie habe ab sofort über achtzig Kinder zu unterrichten und Basta! Ja, der Krieg! Da waren Erinnerungen noch frisch und die Wunden nicht verheilt. Und der Josip Broz, der Tito, der hatte damals viel vor mit unserem Land.“

Matko holte Luft. Seine Augen, von der Sonne geblendet, blinzelten. Die letzten Reste der Gurke schnippte er auf den Boden und wie aus dem Nichts stürzten sich rostbraune Hühner laut gackernd auf das unerwartete Frühstück.

Hätte sie Widerspruch leisten sollen? Unmöglich! Zatvor! Gefängnis, Arbeitslager! Dann lieber jeden Morgen sieben Kilometer barfuß in die Stadt reinlaufen und nachmittags wieder zurück.“

Schatten legten sich eine Atempause lang über die plötzlich entzauberte Stimmung und Alisa suchte nach dem Urheber eines Geräusches in der Luft. Croatia prangte auf dem Rumpf des Brummers, eines Airbusses, der den Mittelpunkt ihrer Insel Richtung Split kreuzte. Kaum gelandet, werden hektische Reisende die Flugzeugtreppe hinabströmen, um schnellstmöglich die Gepäckausgabe zu erreichen. Urlaub All inclusiv! Alisa wurde sich bewusst, dass auch sie zu dieser Masse gehörte.

Das,“ legte Matko unerwartet wieder los, „das ist auch etwas, an das ich mich nie gewöhnen werde. Diese Flieger! Erst pirschen sie sich lautlos an. Kaum sind sie dort hinter dem Hügel verschwunden, lassen sie ihren Krach zurück. Und meine Oljia zitterte jedesmal wie Espenlaub. Erinnerungen. Immer wieder diese Erinnerungen! Die ließen ihr nie Ruhe. Nagten und kratzten und höhlten! Oh oh!“ verbittert fluchte der Greis, „diese ubojica! Mitten im grauen Karst, auf dem Rückweg von der Schule, vorbei an Brandungen gelben Ginsters, lauerten sie sie auf. Vier! Vier tanji pas. Hinterhältige Hunde! Mörder!“

Als Matko weiterspricht, hat er Tränen in den Augen. „Vier ausgehungerte Ustascha-Flüchtlinge lauerten meine Oljia in der Nähe einer Rattenlinie auf und stürzten sich auf sie. Sie hatte keine Chance. Dieser Tag veränderte ihr Leben. Unser Leben.“

Matko schluckte. Schluckte ein zweites Mal. Sein Adamsapfel inmitten des dürren Halses hüpfte auf und ab.

Aber wie komme ich nur darauf, ihnen das alles zu erzählen?“ schüttelte er verwundert seinen Kopf, „dabei wollte ich nur fragen, ob sie hier allein im Urlaub sind. Ich sehe immer nur sie. Und barfuß laufen. Da musste ich an meine Oljia denken. Und das sie keine Kinder mehr bekommen konnte. Und da wollte ich sie fragen, ob sie Tomaten und Paprika brauchen könnten. Ich hab‘ zuviel davon. Und eben keine Kinder.“

Alisa’s sonst so frischer Jungmädchenblick hatte sich während des Zuhörens getrübt. Überall, dachte sie, überall sitzen alte Matkos und warten. Warten auf ihre Oljias, dass sie sie holen kommen. Sie legte ihren Kopf schräg.

Flüsternd erklärte sie ihm, dass sie sich jetzt sputen müsse. Sie wolle noch schwimmen und ihr Freund, der würde auf sie warten. Mit dem Frühstück. Und das Gemüse. Ja, das würde sie gerne holen. Später.

Nur durch dieses Gartentor, dachte sie, und du bist mit deiner Zeitmaschine wieder im einundzwanzigsten Jahrhundert.

Quietschend fiel das Gartentor in das Schloss zurück, Alisa drehte sich noch einmal um.

Zbogom!“

Aber Matko hörte nichts mehr. Er saß wieder bewegungslos. Starrte auf die gegenüberliegende Hauswand, die ihm seit einigen Monaten den Blick auf das offene Meer versperrte. Irrisierendes Sonnenlicht zauberte ihm ein Kulissenspiel an einen großen Neubau. Das Adriablau verschwand hinter den Mauern im Meer.

Endlich erreichte Alisa das Ufer. Mittlerweile waren erste Kinder eingetroffen. Aufgeregt hantierten sie mit ihren Fangnetzen, um stachelbesetzte Seeigel herauszuklauben. Der Fang am frühen Morgen war erfolgsversprechend. Wohlgeformte runde Stachelhäuter pumpten um ihr Leben. Chance zum Überleben auf den heißen Steinen hatten sie nicht und minütlich kamen Neue hinzu. Fette Beute für den Kindernachwuchs.

Erhöht stand Alisa auf einem kantigen Felsen mit Blick auf das Wasser. Unter ihr eilten zitternde Lichtreflexe auf sie zu. Ehe du dich versiehst, dachte Alisa, ehe du dich versiehst ist das Spiel beendet. Und der andere, der wartet auf ein Wunder.

Sie wagte einen Hechtsprung. Weg vom Ufer, weg von nach Leben pumpenden

Seeigeln, weg vom alten Matko. Weg von Fred. Und während sie ihre Runden zwischen geankerten Kähnen und Yachten schwamm, klarten sich ihre Gedanken

wieder auf. Sie erkannte das Ferienhaus, wie es sich an den Hang schmiegte, zwischen den Neubauten, und wie der gelbe Sonnenschirm auf ihrem Balkon sein Leinen in die Luft streckte.

Als müde Urlauber ihre Jalousien hochzogen, verschlafene Gesichter an Balustraden standen, um erste Zigaretten zu drehen, führte der alte Weg sie zurück, vorbei an Matko, der immer noch träumte.

Hinter der Wand.

Das Meer.

© janette bürkle 2013