Und ich frage …

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… die Politökonomen, die Moralisten, ob sie jemals die Zahl der Individuen errechnet haben, die zum Elend verdammt sind, zur ungleichen Arbeit, zum moralischen Verfall, zur Unmündigkeit, zur erschreckenden Unwissenheit, zur völligen Entbehrung, zum ewigen Unglück, um einen Reichen zu produzieren. Almeida Garrett
Zitat aus: “Hoffnung im Alentejo” José Saramago

Die blaue Blume

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Bodensee

Auf der Suche nach der blauen Blume …

Die blaue Blume

Ich suche die blaue Blume,
Ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, dass in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh.

Ich wandre mit meiner Harfe
Durch Länder, Städt und Au’n,
Ob nirgends in der Runde
Die blaue Blume zu schaun.

Ich wandre schon seit lange,
Hab lang gehofft, vertraut,
Doch ach, noch nirgends hab ich
Die blaue Blum geschaut.

Joseph von Eichendorff
(1818)

Bilanz

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(c) jbs 2tausend16

[…] das heißt die Abwesenheit der Menschen, die Abwesenheit des Kaisers, die Abwesenheit Gottes, die Abwesenheit der Materie, die Unwirklichkeit der Welt, die metaphysische Leere; das Thema des Stückes ist das Nichts […] die Anwesenheit der Unsichtbaren muß immer greifbarer, immer wirklicher werden (will man dem Wirklichen Unwirklichkeit verleihen, so muss man dem Unwirklichen Wirklichkeit verleihen), bis man schließlich an den Punkt gelangt – der für den Verstand unzulässig, unannehmbar ist –, da das Unwirkliche zu sprechen, sich beinahe zu bewegen beginnt […] das Nichts hörbar, konkret wird“. […]

Eugène Ionesco zu seinem Einakter „Die Stühle“

Obige Aufnahme entstand im April 2016 auf Kreta in einem verlassenen Kloster.

an der schwelle

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(c) jbs 2tausend16      Zitat

an der schwelle – skizze

vorgestern. unterwegs. hüllenlose im gespräch an der schwelle fast leer gepflückter reben.

sieh! im gewirr schwarzer äste tänzeln grell kolorierte. vom himmel zur erde.

zweifelsohne! von einem gewissen punkt gibt es keine rückkehr mehr. dieser punkt ist zu erreichen.

kafka.

franz.

jbs

 

 

Rattenlinie – Buchbetrachtung

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Die Ratten verlassen das sinkende Schiff

Martin von Arndt vermischt in seinem neuen Roman „Rattenlinien“, erschienen im ars vivendi verlag, 2016, anhand von Literatur-und Archivstudien, Fakten und Fiktion.

In Form eines Politthrillers zeichnet er hochspannend die heimliche Alpenüberquerung eines Nazis nach, dem, wie Tausenden von Nationalsozialisten vor über siebzig Jahren diese Flucht sogar bzw. auch mit Hilfe der Katholischen Kirche gelang.

Die von den US-amerikanischen Geheimdiensten als „Rattenlinie“ bezeichnete Fluchtroute über Südtirol nach Rom oder Genua und von dort weiter nach Argentinien, Bolivien oder Syrien gab dem Roman seinen Titel.

Verfolgt wird ein flüchtender Massenmörder von einem in die Jahre gekommenen Kommissar, dessen ehemaligem Assistenten sowie einem Special-Agent aus Amerika. Ein klirrend kalter Winter erschwert nicht nur die Flucht sondern auch die Verfolgung im Hungerwinter 1946 auf 1947.

Hilfe für NS-Täter und Verurteilte

[…] Die Bereitschaft, mit der Vergangenheit abzuschließen und den NS-Sündern zu verzeihen, war derartig großzügig, dass katholische Würdenträger hauptverantwortlichen Nationalsozialisten zur Flucht nach Südamerika verhalfen. Der bekannteste Fluchthelfer war der österreichische Bischof Alois Hudal […]. Er baute ein umfangreiches Netzwerk aus und besorgte Unterschlupf für mehrere hochrangige NS-Täter und Verbrecher des kroatischen Ustascha-Regimes. Sie flüchteten über die Alpen nach Rom, wo sie falsche Pässe bekamen, von dort, immer wieder versteckt in Klöstern, nach Genua, um mit dem Schiff nach Südamerika zu entwischen. Die Liste der Personen, die über die „Kloster- oder „Rattenlinien“ gerettet wurden, ist lang und erschreckend. Adolf Eichmann, Josef Mengele, Walter Rauff, Klaus Barbie, Erich Priebke, Erich Müller […].

Einige von ihnen wurden später aufgespürt, Eichmann 1960 in Argentinien und Barbie 1983 in Bolivien, und vor Gericht verurteilt. Insgesamt konnte rund 300 Tätern dieses Kalibers zur Flucht verholfen werden, auch durch Fluchtwege der CIA, weil man im Kalten Krieg die Expertise mancher Deutscher brauchte. […]1

Gesuchte Kriegsverbrecher reisten also mit Pässen des Roten Kreuzes aus, die zuvor von Priestern beglaubigt worden waren. Verkleidet als Mönche entkamen viele auch über eine Kette verschwiegener Klöster nach Spanien – und von Barcelona in alle Welt.

Rollentausch

Diensteifer, Hass und Löcher in den Köpfen der Nationalsozialisten waren bodenlos. Und als am Ende die Zeche fällig wird, in der Stunde des Erwachens2 hat von Arndts Antagonist Gerhard Wagner sich dazu entschieden, wie viele tausende seiner Gesinnungsgenossen übrigens auch (s.o.), seinen Opfern den Rücken zu kehren und abzudampfen.

Wagner tauscht seine Rolle des Verbrechers, des Massenmörders und Täters in die Rolle des Opfers: Wagner wird Flüchtender, ein Gejagter, ein Heimatloser, ein Kranker.

Fanatismus

Schaut man auf die inhaltliche Ausrichtung des Fanatismus, erstreckt sie sich praktisch auf alle Lebensgebiete. Sie kann uns überall dort begegnen, wo eine starke Bindung an eine Sache herrscht und hohe Begeisterung weckt. Das sind nicht nur religiöse oder politische Fanatismus-Strömungen, es gibt auch den klassischen Gerechtigkeits- oder Wahrheitsfanatismus sogar einen Ernährungs- oder Sportfanatismus.

Während auf der einen Seite des Romans fanatische Kriegsverbrecher versuchen, sich aus ihrer Verantwortung zu stehlen, nimmt auf der anderen Seite der Protagonist Kommissar Andreas Eckart Eckart unbeirrt die Nazijagd auf. Obwohl er während einer kurzen Gefangenschaft durch die Ustascha schwer misshandelt wird, spürt er trotzdem weiterhin Wagner nach. Als er sich eine frische Wunde als Erkennungszeichen3 mit einem heißen Schürhaken in den rechten Oberarm einbrennt, um „die gleiche frische Wunde, die in diesen Tagen alle SS-Männer besaßen“4 vorzeigen zu können, sollte er in die Hände CIC ( Heeresnachrichtendienst der USA) fallen, habe ich das Gefühl, dass Eckarts Gerechtigkeitssinn fanatische Züge annimmt. Doch an die vorherigen Romanseiten erinnernd, auf denen die zentrale Figur Eckart als ein ausgesprochener Menschenkenner und tragischer Berufsheld beschrieben wird, löst sich der Verdacht auch schon wieder auf.

Lyrische Naturbetrachtungen

Dieser Roman ist ein kleines Schatzkästchen für lyrische Naturbetrachtungen. Sei es die Sonne, die zu einem kleinen Klumpen Titanweiß geschmolzen ist und über der Landschaft ein Geruch von Rauch und vergorener Milch liegt. Oder der Kaffee, der nach Erbsen und Speck schmeckt. Oder die optisch-akkustische Beobachtung während eines Eisnebels. Wunderschöne Bilder!

Fazit

Mit spannenden und rasanten Verfolgungen, tragischen Verbrechen bis hin zum Mord, dialogbespickt und mit unglaublich schönen Naturbildern, ist ein absolut lesenswerter Roman entstanden. Voll mit Kritik gegen Ungerechtigkeiten in der Welt, nicht nur zur Zeit der Rattenlinien, die einen manchmal an den Rand der Verzweiflung treiben, aber dann wieder zurückholt mit Zeilen wie diesen:

[…] / Denn wenn die Nacht vergangen ist / Wirst du sehen, dass ihr Sonnenschein folgt / Ein neuer Tag wird kommen // Die Welt wird in goldener Pracht erglänzen / Bald werden wir vergessen, dass der Himmel grau war / Und wie in einem schönen Märchen / Wird ein neuer Tag kommen. (Zitat aus „Rattenlinien“)

Meine Leseempfehlung: Lesen Sie! Unbedingt!

1Zitiert aus: Olaf Blaschke „Die Kirchen und der Nationalsozialismus“, Reclam Sachbuch 2014, Seite 236-237

2Zitat aus: Boualem Sansal „Das Dorf des Deutschen“, Merlin Verlag,1991, Seite 274-275

3Wikipedia: Die Blutgruppentätowierung war ein Kennzeichen der Mitglieder der SS-Verfügungstruppe, der SS-Totenkopfverbände und später des größten Teils der Waffen-SS. Ursprünglich zur Erleichterung medizinischer Hilfe gedacht, wurde es in der Endphase des Kriegs oder nach Kriegsende eine Hilfe, wenn es darum ging, untergetauchte Angehörige der Waffen-SS – die sich oftmals als gewöhnliche Wehrmachtssoldaten ausgaben– zu identifizieren.

4Zitiert: Martin von Arndt „Rattenlinien“ ars vivendi Verlag, 2016, Seite 284

Oh-stsee

Angelehnt an Arno Holz
An der Ohstsee
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Blick auf die Kieler Förde 2tausend16

An der Ohstsee, auf einer Bank, sitz ich und rauche; und freue mich über die schöne Vormittagssonne. Vor mir, glitzernd, die Förde: den Himmel spiegelnd, beide Ufer mächtig schaukelnd. Über die Brücke, langsamer Schritt, reitet eine Strandläuferin. Unter ihr, zwischen den dunklen, schwimmenden Buhnen, pfropfenzieherartig ins Wasser gedreht, – den Kragen siegellackrot – ihr Spiegelbild. Der Ruf des Großen Knutt. Ein leises Pfeifen.