Jan Wagner – achtzehn pasteten – 9(empanada)

aus: „Geh aus, mein Herz“ Gedichte über Fernweh und Reiselust
Diogenes Verlag, 2019, Seite 33

Jan Wagner
achtzehn pasteten
9 (empanada)

es war nicht afrika, es war ein fels
im wasser, wie sie sagte. allenfalls.
im rückspiegel weiße dörfer, träge
wie gletscher – und der himmel leicht, als trage
er sich von ganz allein. im rückspiegel die sierra
mit ihren gipfeln, eine sure
von korkeichen darunter. wie ihr haar
im fahrtwind tobte. und voraus das meer,
der strand, den es bejaht, verneint.
es war kein fels, es war ein kontinent.

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jbs 2tausend19

Erich Fried – Meer

Meer

Wenn man ans Meer kommt
soll man zu schweigen beginnen
bei den letzten Grashalmen
soll man den Faden verlieren

und den Salzschaum
und das scharfe Zischen des Windes
einatmen
und ausatmen
und wieder einatmen

Wenn man den Sand sägen hört
und das Schlurfen der kleinen Steine
in langen Wellen
soll man aufhören zu sollen
und nicht mehr wollen wollen
nur Meer

Erich Fried 1921 – 1988

Amüsement

Auf dem heutigen Kalenderblatt im Haus las ich folgende Redewendung:
Ich hab so einen Hunger, dass ich vor Durst gar nicht weiß, was ich rauchen soll, so müde bin ich.
Ich stell mir allerdings vor, dass der lachende Ire ganz genau weiß, was er will.

tulipalyrik

Die Tulpe

Dunkel
war alles und Nacht.
In der Erde tief
die Zwiebel schlief,
die braune.

Was ist das für ein Gemunkel,
was ist das für ein Geraune,
dachte die Zwiebel,
plötzlich erwacht.

Was singen die Vögel da droben
und jauchzen und toben?
Von Neugier gepackt,
hat die Zwiebel einen langen Hals gemacht
und um sich geblickt
mit einem hübschen Tulpengesicht.

Da hat ihr der Frühling entgegengelacht.
(Josef Guggenmos)

a drunk man looks at the thistle

Hugh MacDiarmid: „A Drunk man looks at the thistle“

Symbol mit Stacheln
Ausgerechnet eine stachelige Distel ist Nationalsymbol, sie ziert sowohl das Rugby-Team als auch die Polizeitruppen. Der Legende nach soll im 13. Jahrhundert eine Gruppe schlafender schottischer Krieger einen nächtlichen Überfall nur abgewehrt haben, nachdem einer der anschleichenden Wikinger mit seinen nackten Füßen in ein Distelgestrüpp trat und rumjammerte. Deshalb heißt der älteste und höchste schottische Ritterorden auch Distelorden. Auch eines der berühmtesten schottischen Gedichte zur Lage der Nation von 1926 hat zum Ruhm der kratzigen Blume beigetragen. Hugh MacDiarmid nannte es „A Drunk Man Looks at the Thistle“ – „Ein betrunkener Mann betrachtet die Distel“.

Zitat aus: welt.de

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