Das Nasobēm

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(c) Ester Warth aus: Galgenlieder

Das Nasobēm

Auf seinen Nasen schreitet
einher das Nasobēm,
von seinem Kind begleitet.
Es steht noch nicht im Brehm.

Es steht noch nicht im Meyer.
Und auch im Brockhaus nicht.
Es trat aus meiner Leyer
zum ersten Mal ans Licht.

Auf seinen Nasen schreitet
(wie schon gesagt) seitdem,
von seinem Kind begleitet,
einher das Nasobēm.

Christian Morgenstern

Bildquelle – Homepage Ester Warth

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Dat Glück

hummel an kornblume

(c) jbs

Dat Glück
Wat is dat Glück?
En Koornbloom blau an’n Koppelrand,
en lütten Vagel up dien Hand,
en Wulk, de witt an’n Heben steiht,
Dat Koorn warrt meiht, de Bloom fallt af,
de lütte Vagel flüggt heraf,
un mit den Wind de Wulk verweiht –
dat is dat Glück.

aus: Niederdeutsche Lyrik  1945 -1968 – Gudrun Münster

Zu dir

Zu dir

Sie sprangen aus rasender Eisenbahn

Und haben sich gar nicht weh getan.

 

Sie wanderten über Geleise,

Und wenn ein Zug sie überfuhr,

Dann knirschte nichts. Sie lachten nur.

Und weiter ging die Reise.

 

Sie schritten durch eine steinerne Wand,

Durch Stacheldrähte und Wüstenbrand,

Durch Grenzverbote und Schranken

Und durch ein vorgehaltnes Gewehr,

Durchzogen viele Meilen Meer. –

 

Meine Gedanken. –

 

Ihr Kurs ging durch, ging nie vorbei.

Und als sie dich erreichten,

Da zitterten sie und erbleichten

Und fühlten sich doch unsagbar frei.

 

Joachim Ringelnatz (1883 -1934)

Gewisse Ehepaare

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Gewisse Ehepaare

von Erich Kästner

Ob sie nun gehen, sitzen oder liegen,
sie sind zu zweit.
Man sprach sich aus. Man hat sich ausgeschwiegen.
Es ist soweit.

Das Haar wird dünner, und die Haut wird gelber,
von Jahr zu Jahr.
Man kennt den andern besser als sich selber.
Der Fall liegt klar.

Man spricht durch Schweigen. Und man schweigt mit Worten.
Der Mund läuft leer.
Die Schweigsamkeit besteht aus neunzehn Sorten
(wenn nicht aus mehr).

Vom Anblick ihrer Seelen und Krawatten
wurden sie bös.
Sie sind wie Grammophone mit drei Platten.
Das macht nervös.

Wie oft sah man einander beim Betrügen
voll ins Gesicht!
Man kann zur Not das eigne Herz belügen,
das andre nicht.

Sie lebten feig und wurden unansehnlich.
Jetzt sind sie echt.
Sie sind einander zum Erschrecken ähnlich.
Und das mit Recht.

Sie wurden stumpf wie Tiere hinterm Gitter.
Sie flohen nie.
Und manchmal steht vorm Käfige ein Dritter.
Der ärgert sie.

Nachts liegen sie gefangen in den Betten
und stöhnen sacht,
während ihr Traum aus Bett und Kissen Ketten
und Särge macht.

Sie mögen gehen, sitzen oder liegen,
sie sind zu zweit.
Man sprach sich aus. Man hat sich ausgeschwiegen.
Nun ist es Zeit …

„Die Ankunft der Bäume“ und Urlaub

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(c) jbs 2tausend16

Nun hatte ich in den letzten Wochen so viele Ansätze unternommen, hier wieder etwas mehr Leben auf die Seite zu bekommen – aber es ist mir nicht gelungen. Dabei gab es einige schöne Bücher, die mich über den Alltag begleitet hatten und die es wert wären, hier besprochen zu werden, wie z.B. das Lyrikbändchen von Svenja Herrmann „Die Ankunft der Bäume“. Sie stellte ihre Gedichte im absolut idyllischen Garten des Ev. Stifts Tübingen 2017 vor.

Ich las vor einiger Zeit eine Aussage zur Dichtung, die gut auf Hermanns Lyrik zutrifft:

„[…] Dichtung verhält sich zu gewöhnlicher Rede wie Singen zum Sprechen, wie Tanzen zum Gehen, wie Festtage zum Alltag. Ihr Grundprinzip, wie das der übrigen Künste, ist Abweichung vom Gewöhnlichen. Selbst dann, wenn ein Künstler sich zum Ziele setzte, das Gewöhnliche als solches darzustellen, müsste er es auf eine ungewöhnliche Weise tun, sonst würde man es nicht als Kunst wahrnehmen. […]“ ( Hans-Dieter Gelfert).

Da ich entschieden zu wenig zu Papier gebracht habe, weil es zuviel *hierundda* im Alltag gab, liegt mein Blog etwas brach. Nun ist erst einmal Urlaub angesagt, danach sehe ich weiter.

Der Urlaub 

Ein Mensch, vorm Urlaub, wahrt sein Haus,
Dreht überall die Lichter aus.
In Zimmern, Küche, Bad, Abort-
Dann sperrt er ab, fährt heiter fort.
Doch jäh, zu hinterst in Tirol,
Denkt er voll Schrecken: „Hab ich wohl?“
Und steigert wild sich in den Wahn,
Er habe dieses nicht getan.
Der Mensch sieht, schaudervoll, im Geiste,
Wie man gestohlen schon das meiste,
Sieht Türen offen, angelweit.
Das Licht entflammt die ganze Zeit!
Zu klären solchen Sinnestrug,
Fährt heim er mit dem nächsten Zug
Und ist schon dankbar, bloß zu sehn:
Das Haus blieb wenigstens noch stehn!
Wie er hinauf die Treppe keucht:
Kommt aus der Wohnung kein Geleucht?
Und plötzlich ist`s dem armen Manne,
Es plätschert in der Badewanne!
Die Ängste werden unermessen:
Hat er nicht auch das Gas vergessen?
Doch nein! Er schnuppert, horcht und äugt
Und ist mit Freuden überzeugt,
Daß er – hat er`s nicht gleich gedacht?-
Zu Unrecht Sorgen sich gemacht.
Er fährt zurück und ist nicht bang.-
jetzt brennt das Licht vier Wochen lang.

Eugen Roth

Mein blaues Klavier

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Mein blaues Klavier

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier

Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür,

Seitdem die Welt verrohte.

Es spielten Sternenhände vier

– Die Mondfrau sang im Boote –

Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

Zerbrochen ist die Klaviatür …

Ich beweine die blaue Tote.

Ach liebe Engel öffnet mir

-Ich ass vom bitteren Brote-

Mir lebend schon die Himmelstür-

Auch wider dem Verbote.

 

Else Laske-Schüler
aus: Mein blaues Klavier, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2006, Seite 14

 

[magistrale]

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(c) jbs 2tausend17

magistrale
hinter den stationen
alte bilder von dünen
und deichen
unvermittelt
bleibt man
dort zwischen kargen hügeln
allein
beharrlicher abschied
flüchtige ankunft
und immer wieder
kehrt man zurück
zu den fußnoten
der fata morgana
dort pinseln gaukler
bilder auf pfützen
narren führen
hinter das licht
ungeachtet jedoch
passiert ein lichtstrahl
das ziel
hinter den gleisen
ruht der mistral
tritt ein
in das gezirpe der zikaden
in das kecke blau
des himmels
während die ähren
am anderen ende
brennen

jbs2tausend17