Konrads Geständnis – Eine eindringlich erzählte Vertriebenengeschichte

Nach knapp vier Jahren möchte ich aus gegebenem Anlass zur Flüchtlingsdebatte die Buchbesprechung zu „Konrads Geständnis“ von Hans Zengeler nochmals veröffentlichen.

Siehe hier auf dem Blog lou-salome

Konrads Geständnis

ein Roman von Hans Zengeler
Verlag Shaker Media 2011, 235 Seiten

Bildquelle: http://www.literaturport.de/fileadmin/_processed_/csm_3868586741_66d395046a.jpg

Hans Zengeler beschreibt die Zeit nach Gründung der Bundesrepublik ab 1950 und wirft einen kritischen Blick auf die Integrations- und Asylpolitik speziell in Baden-Württemberg. Menschen, wie sein Protagonist Konrad Stachowiak mussten hart kämpfen. Parolen wie :“Badens schrecklichster Schreck, der neue Flüchtlingstreck!“ machten Stimmung gegen Integration.

Der mecklenburgerische Stachowiak stellt eine ausgeprägte Charakterfigur dar, der als einzelnes Individuum mit seinem Einzelschicksal für alle schutzsuchenden Menschen dasteht. Sein Anwalt Hägele dagegen, der sein Freund hätte werden können, löst sich in Farblosigkeit auf.
Ein raffiniert ausgestatteter Roman mit Gegenüberstellung gesellschaftlicher und sozialer Verhältnisse der Nachkriegszeit. Bis in die Gegenwart hinein.

Ich bin bei der erneuten Lektüre von Hans Zengelers Roman „Konrads Geständnis“ auf diese bedeutungsvolle Textstelle gestoßen:

„… , der schnelle Wechsel der Gefühle, eine Fahrt von der Gegenwart durch die Vergangenheit in die Zukunft hinein, … „

Gegenwart

In dem Kapitel wird anfangs die Autofahrt des Anwalts Hägele über die Schwäbische Alb zum Bodensee beschrieben. Hägele bearbeitet gegenwärtig einen Fall von Waffenraub. Der einsitzende Konrad Stachowiak hatte sich selbst angezeigt, nicht weil er Reue zur Tat empfinden würde, sondern weil er der Gesellschaft u.a. deren irrwitzige Asylpolitik vor Augen führen will. Konrad Stachowiak war ein früherer Klassenkamerad des Verteidigers und später in derselben Kaserne wie Hägele stationiert.

Fühlbar einsam hangelt sich der Pflichtverteidiger Hägele durch seine Tage. Seine Ehefrau Vera ist mit dem gemeinsamen Kind aus der Wohnung ausgezogen und will sich nach vielen Ehejahren von ihm trennen. Mit übermäßigem Alkoholkonsum, Tagträumen und mühseligem Aktenstudium seines neuen Falles kämpft Hägele sich durch das Jetzt.

Vergangenheit

Mächtig holt ihn dann plötzlich die Vergangenheit ein. Während und nach den Gesprächen mit Konrad im Sprechzimmer des Gefängnisses durchlebt er die Zeit der Rucksackdeutschen, so wie es sein Mandant selbst erlebt hatte. Es vollzieht sich ein Rollentausch, den der Einsitzende Konrad Stachowiak beim Abschied seines Pflichtverteidigers grinsend kommentiert:

„Er habe noch nie eine so eindringlich erzählte Vertriebenengeschichte gehört.“

Flüchtlinge wurden in (nicht nur) schwäbischen Städten in eigens eingerichteten Stadtteilen ( noch heute weisen Straßennamen wie Deutscher Osten, Danziger Straße, Stettiner Straße, Sachsenweg usw. darauf hin) untergebracht und als lästige Durchfresser und Schmarotzer angesehen. Die Chance auf bessere Schulbildung und sozialem Aufstieg war fast aussichtslos.
Intelligenz und Dickköpfigkeit ermöglichten dem jungen Stachowiak, das Gymnasium zu besuchen, auf dem er vom ersten Tag an nicht einen Freund bekommen sollte. Er gehörte einfach nicht dazu. Er war ein Flüchtling, ein Rucksackdeutscher, der sein Hab und Gut in einem Rucksack in eine neue unbekannte „Heimat“ schleppte:

„Die Rucksackdeutschen, die Flüchtlinge, die Heimatvertriebenen, die Umsiedler, wie auch immer man sie nennen mag, die Asylanten und Asylbewerber gibt es überall, die kommen nirgendwo richtig an.“
S. 68

Nach der Schulzeit ging es für den mecklenburgischen Konrad weiter mit Widerständen und Barrieren, diesmal in der Bundeswehrkaserne in Engsten. Als absoluter Aussenseiter versuchte er die Schikanen und Diskriminierungen seiner Kameraden auszuhalten. Nur durch die Lektüre hochgeistiger Literatur wie z.B die Duineser Elegien, überstand er eine zeitlang diese menschliche Hölle. Dann wurde ein Klinikaufenthalt in einer Psychiatrie notwendig.

Zukunft

Zukünftig will der Anwalt Hägele sich beruflich verbessern und strebt eine Karriere in dem renommierten Anwaltsbüro Dr. Mehringer an. Das die dortigen Gepflogenheiten und Machenschaften nicht seinen Vorstellungen entsprechen, merkt Hägele sehr schnell.

Fazit

Fünf Erzählstränge ( 1. Stachowiak -> Hägele; 2. Dr. Mehringer -> Hägele; 3. Hägele -> Vera; 4. Gegenwart -> Vergangenheit; 5. Asylanten) bilden einen Zopf dieses erzählerisch und bildlich glaubwürdig erzählten Romans. Der Autor Zengeler muss ein sehr guter Menschenkenner und Beobachter sein. Wie kaum jemand anderem gelingt es ihm in „Konrads Geständnis“ die große existentielle Bedrohung darzustellen: Verlust von Achtung und Würde eines Menschen.

Man darf sich als Leser nicht in die Irre führen lassen. Konrads Geständnis ist nicht das Geständnis des inhaftierten Stachowiak, sondern …
… hier mag sich der interessierte Leser selbst eine Meinung bilden.

Mir hat dieser Zengeler-Roman, der übrigens Ende der achtziger Jahre erstmals verlegt wurde, sehr gut gefallen. Zengeler beweist sich als ein Meister subtiler Emotionen und insistierenden Infragestellungen bestehender Strukturen.
Diese Lektüre ist unbedingt weiterzuempfehlen. Hans Zengeler hält mit ihr ein Stück Geschichte fest.

Immer noch aktuell

Das große Thema Asyl, Vertriebene und Flüchtlinge konfrontiert uns aktuell bis in die heutige Zeit. Tagesthemen sind und waren, um nur ein paar Beispiele zu nennen:

– Anfang der 90iger Jahre kamen Asylsuchende aus den umkämpften Gebieten des ehemaligen Jugoslawien in die europäischen Nachbarländer
– die Ausschreitungen in Hoyerswerda 1991
– bis heute suchen Menschen aus dem Irak und Afghanistan Asyl in den EU-Ländern Schutz
– Boatpeople aus Afrika oder Asien suchen die Lizenz für menschenwürdiges Leben.

Die in fett kursiv geschriebenen Textstellen sind Zitate aus obigem Buch.
Nachtrag eines Links und minimale technische Verbesserung am 21.09. und am 22.09.2011

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Aus den Fugen und Vladimir Horowitz – The last Romantic

The last Romantic – Vladimir Horowitz

Heute bin ich über diesen Film „gestolpert“ und erinnerte mich natürlich sofort an meine Buchbesprechung „Aus den Fugen“ auf meinem ehemaligen Blog „lou salome“ auf twoday vom 9. September 2012:

Aus den Fugen von Alain Claude Sulzer

Hammerklaviersonate Nr. 29 von Beethoven und die Goldberg-Variationen

Zitat:
„Die Hammerklaviersonate macht auch anspruchsvoll. Von ihr berührt, wird man ungeduldig gegenüber vielem Mittelmäßigen und Mäßigen, das sich wer weiß wie aufspielt und doch nichts anderes ist als eine höhere Form der Belästigung.“
Joachim Kaiser, Musik-, Literatur-und Theaterkritiker

Dieses Zitat lässt sich nach der Lektüre des unten besprochenen Buches eins zu eins übertragen. Alain Claude Sulzer brilliert mit seiner aktuellen Erzählung.

Nähert man sich dem Roman von Alain Claude Sulzer „Aus den Fugen“ mit den Goldberg-Variationen von J.S. Bach an, dann erschließen sich einem die einzelnen Kapitel zu feinsinnigen Variationen, die das Hauptthema vielfältig, harmonisch und spannend verflechten. Und der innere Zusammenhang der Variationen liefert das gemeinsame Thema: Es ist der Konflikt zwischen persönlicher Identität und sozialer Rolle.

Aria
Marek Olsberg

Die erste Stimme, sozusagen die einleitende Aria, die Sulzer „komponiert“ und dem Leser vorstellt, ist die Stimme von Marek Olsberg. Marek Olsberg, ein begnadeter, weltberühmter Ausnahmepianist, ein introvertiertes Genie, ein musikalischer Popstar, verlässt ohne Vorankündigung am Ende des ersten musikalischen Satzes die Bühne der Berliner Philharmonie und bricht aus seinem bisherigen Leben aus.

„Marek hatte seinem Leben, seiner Außenwirkung, im Handumdrehen eine neue Richtung gegeben. Die Wendung war radikal, um so radikaler, als sie nicht beabsichtigt, also auch für ihn überraschend gewesen war. Desto schwerer würden die Folgen wiegen, über die er sich erst später Gedanken machen wollte, wenn überhaupt. … Sein Leben war aus den Fugen geraten. Er war allein. Er war frei. Niemand folgte ihm. … Aus den Fugen, um sich in alle Richtungen zu verzweigen.“

Nachfolgend erweitert Sulzer mit verschiedenen Personen aus dem Publikum und den Olsberg- Mitarbeitern seinen Zyklus.

Variation 1
( die nachfolgenden Variationen sind nicht chronologisch aufgeführt!)
Astrid Maurer

Man findet an Olsbergs Seite Astrid Maurer, seit vielen Jahren seine engste Mitarbeiterin und Vertraute. Er kann sich hundertfünfzigprozentig auf sie verlassen, doch im entscheidendem Moment seines Lebens verschläft sie seinen Abgang.

Variation 2
Solveig und Esther

Oder die zwei Freundinnen Solveig und Esther, deren Motivation, das Olsberg-Konzert zu besuchen, äußerst unterschiedlich ausfällt. Esther erlebt im Laufe der weiteren Kapitel eine bitterböse Überraschung, die ihre langjährige Ehe mit Thomas, einem Arzt, mächtig ins Schwanken bringt. Ein spannendes Personenportrait!

Variation 3 und 4
Johannes Melzer und Marina-Bettina

Die Variation Johannes Melzer, lang schon glücklich (?!) verheiratet mit Renate, der ständig „daran dachte, wie es wäre, wenn jetzt eine Frau anwesend wäre, die ihm einen geblasen hätte“,sich mit Marina/Bettina verabredet, um mit ihr während seines beruflichen Berlinaufenthaltes Olsbergs Konzert zu besuchen. Aus diesem Vorhaben wird nichts, denn sie begeben sich lieber in ein französisches Lokal, in dem ausschließlich von sächsischen Angestellten auf französisch kommuniziert wird ( eine sehr sympathische, einfach zum Schmunzeln, erzählte Episode). Nach einem fürstlichen Diner finden sie sich im Hotelzimmer wieder und die „hundertachtzig Euro die Stunde, von der sie wahrscheinlich die Hälfte abgeben musste,“ war sie ihm wert.
„Es kommt mir vor, als seien wir uns schon einmal begegnet“ bemerkt er beim anfänglichen Treffen. Sein großes Erwachen und Erkennen kommt dann allerdings zu spät.

Variation 5
Sophie und Klara

Sophie und Klara bilden eine weitere Variation in Sulzers Werk. Tante und Nichte. Sophie, die Tante von Klara, ist wegen der enttäuschten Liebe zum Gatten ihrer Schwester zur heimlichen Alkoholikerin geworden. Klara hat dies jedoch längst bemerkt, lässt ihre Tante beim gemeinsamen Olsberg-Konzert auflaufen und erst nach dem unvermutetem schlagartigem Beenden des Abends, klärt sich die Stimmung zwischen den Beiden auf, nachdem Klara von ihrer Beziehung zum Stiefvater erzählt.

Variaton 6
Lorenz, der Kellner

Wie soll es in Sulzers Romanen auch anders sein, ein Kellner, mit einer nicht unbedeutenden Rolle, der seinen Ruf und seine Freiheit riskiert, um endlich aus seinem Schattendasein treten zu können, wird in dem Personengerüst mit eingebaut.
„Worauf er lange, aber am Ende doch nicht auf ewig hatte bauen können, sein gutes Aussehen, ging allmählich den Weg jeder Attraktivität. Was übrig blieb – und nicht ganz so viel zählte -, waren die guten Manieren, das sichere Auftreten, die feinst austarierte Balance zwischen Arroganz und Unterwürfigkeit, die es zu halten galt, lauter Dinge, die für einen Leihkellner noch etwas wichtiger waren als für einen Angestellten im Restaurant. Leihkellner, wie das klang! Es klang wie ein abgetragener, speckiger Anzug, den man in den Kostümverleih gebracht und dort vergessen hatte. Aber Angestellter hatte er nie sein wollen. Allein die Vorstellung peinigte ihn.“

Um dieser Existenz zu entfliehen, eröffnet sich ihm am späteren Abend, nachdem Olsberg sein eigenes Konzert sang-und klanglos verlassen hatte, eine verrückte Chance, die er am Schopfe packt. Es gelingt ihm, einige Werte aus der Villa zusammenrauben, in der der anschließende Galaabend zu Ehren Olsberg hätte stattfinden sollen, die ihm eine Lebensveränderung ermöglichen würde. Mit Entdeckung durch die Hausdame rechnet Lorenz nicht.

Variation 7 und 8
Claudius und Nico

In einer Variation wird Claudius vorgestellt. Er ist der Agent von Marek Olsberg und dessen früherer Liebhaber. Claudius ist mit seiner aktuellen Liebe, dem gutaussehendem Nico, in einem Taxi unterwegs zur Philharmonie. Während der Autofahrt kommt es zu einem Streit zwischen dem ungleichen Liebespaar. Nico steigt bei der nächst besten Möglichkeit aus und lässt Claudius allein zu dem Konzert weiterfahren. Während Nico sich nach einem Kinobesuch in einer Bar wiederfindet, begreift Claudius langsam, dass diese Beziehung endgültig vorbei ist.

Dur und Moll

Im zweiten Teil des Romans balanciert Sulzer seine Variationen aus. Meist in Moll, während im ersten Teil Dur vorherrscht.

Coda

Mit einer Coda, einem angehängten ausklingendem Teil ( aus dem italienischem: musikalisch = Schwanz), enden die Variationen. Vierzig kleine belletristische Kompositionen (Kapitel) liegen zwischen Aria und Coda.

Und alleinig Astrid Maurers Abgang, der im Grunde genommen keiner ist, weil ihr Part mit der Einnahme einer Migränetablette endet, ist in meinen Augen nicht ganz glücklich gelungen.

Warum Marek Olsberg sich für seinen Weg entscheidet, das erfahren die LeserInnen von Sulzer nicht explizit. Spielraum für eigene Vorstellungen bleibt genügend.

Und auch sonst bietet Alain Claude Sulzer natürlich keine zufriedenstellenden Lösungen für die Protagonisten an. Das ist bei einem solchen Buch tabu!
Das Leben geht weiter und ein blinder Klavierstimmer, vielleicht der Autor selbst?, stellt zum Schluss auf einem neuen Konzert fest ( ein Duo, das auf zwei Klavieren spielt), dass er mehr Arbeit haben würde, als zwei Wochen zuvor, als sich Olsberg für das Konzert einen Steinway auswählte.

Ein sprachlich wunderbares neues Werk vom Schriftsteller Alain Claude Sulzer. Leise beginnend, mit einem Donnerschlag ( nicht nur) in der Mitte aufwartend und der zum Ende hin mit mancher Überraschung brilliert.

Biografische Parallelitäten zu Vladimir Horowitz blitzen hervor und Beethoven und Bach begleiten mich als Leserin durch die Kapitel. Aus diesem Grund füge ich im Anschluss dieser Buchbesprechung einige Links ein.

Ein Sohn J. S. Bachs soll folgende Aussage festgehalten haben:

„Einst äußerte der Graf ( Hermann Carl von Keyserlingk) gegen Bach, dass er gern einige Clavierstücke für seinen Goldberg ( hochbegabter Cembalist) haben möchte, die so sanften und etwas muntern Charakters wären, dass er dadurch in seinen schlaflosen Nächten ein wenig aufgeheitert werden könnte. Bach glaubte, diesen Wunsch am Besten durch Variationen erfüllen zu können, die er bisher, der stets gleichen Grundharmonie wegen, für eine undankbare Arbeit gehalten hatte.“

„Aus den Fugen“, ein Buch zum Genießen.

aus den fugen

Die kursiv gesetzten Textstellen sind zitiert und dem Buch entnommen. Bis auf den letzten Absatz zur Goldberg-Erklärung, dieser ist Wikipedia entnommen.

Aus der Coda die zwei dort nicht namentlich genannten Pianisten. Jedoch dürfte es sich um dieses Paar handeln:

Vladimir Horowitz
Carmen-Variationen ( weil ich die sehr schön finde und die Goldberg-Variationen oben schon angespielt wurden und unten von Chen Pi-Hsien interpretiert werden)

Chen Pi-Hsien ( Goldberg-Variationen)

Horowitz, Legende und Wirklichkeit

http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/article94PSV-1.310581

Meine Reise mit der „Sibylle“ von Pär Lagerkvist in die Gegenwart

Lagerkvist

Die Sibylle

Vor ein paar Wochen entdeckte meine Freundin in einem Antiquariat das Buch „Die Sibylle“ von Pär Lagerkvist. Zu meiner großen Freude legte sie mir den Roman ins Gepäck, bevor ich mich auf den Heimweg machte. Sie hat sicher nicht ahnen können, welch eine Reise sie in meinem Kopf damit auslösen würde.

Im Zentrum dieser erschreckenden, fast skandalösen Fabel, stehen zwei Personen: Die delphische Sibylle und der ruhelose Wanderer, die beide auf ihre Weise erfahren haben, wie verhängnisvoll es ist, einem Gott zu begegnen.

Der zu ewiger Wanderung verurteilte Jude Ahasver kommt nach Delphi.

( Der Legende nach darf er bis zum Ende der Welt nirgends ruhen und muss unstet über die Erde wandern (bis er erlöst wird), als Strafe dafür, dass er Christus verhöhnt oder geschlagen oder ihm bei seinem Gang zur Kreuzigung eine kurze Rast versagt hat.)

Mit der Frage nach seinem Fluch und seinem Schicksal stößt er in Delphi bei den Orakelpriestern allerdings auf Schweigen. Diese Frage könne man keinem Orakel stellen.

Jedoch weist ihm ein Bettler aus der nahe gelegenen Stadt einen Weg ins Gebirge zu einer Greisin, einer alten Seherin, die mit ihrem schwachsinnigen Sohn vereinsamt über dem Delphitempel in der Wildnis lebt und lange Jahre als die Orakelpriesterin überhaupt im Volk hoch angesehen war.

Sie erzählt dem ewigen Wanderer als Antwort ihre eigene Geschichte.

Und ich? Ich selbst?

Ich wurde sonderbar aufgeregt, als ich davon hörte. Auserwählt? War ich auserwählt? Hinauf in den Tempel gerufen? Hinauf zu dem Gott?

Auserwählt zu seinem Werkzeug, um sein Wort, das er mir gab, zu verkünden, erfüllt von seinem Geiste, von heiliger Verzückung hingerissen?

Ich? Ich dazu auserwählt?

Das rührte alles in mir auf, es erschreckte mich, es ängstigte und vernichtete mich – und es erfüllte mich mit einem grenzenlosen Glück. … „ S. 55 + S. 66

Die alte Orakelpriesterin vermittelt dem einsamen Wanderer ein Bild vom innersten Heiligtum Apollons, einer dreckigen Erdhöhle tief unter dem Tempel. Angstvoll hatte sie einst im Gottesbrautkleid nach ihrer Benennung zur Pythia diesen Schlund betreten, in dem es fürchterlich nach Ziegenmist stank, Schlangen die Höhle bewohnten und beißender Qualm ihre Sinne benebelt hatten. Mit Fastentagen und berauschendem Lorberrblättergenuß fiel sie an Festtagen in Trance und mit qualvollen Entzückungen, die sie im Atem ihres Gottes erlebte, konnten ihr zwar ein unfassbares, allerdings immer nur kurzes Glück, aber nie die ersehnte Sicherheit geben.

Eine irdische tatsächliche Liebe verändert ihr Leben. Sie vergisst ihr Keuschheitsgelübde und wird ihrem Gott untreu. Dafür rächt er sich auf grausige Art. Er vergewaltigt sie in der Gestalt eines schwarzen Ziegenbockes und in der gleichen Zeit stirbt ihr Geliebter auf geheimnisvolle Weise.

Die Delphipriester kennen keine Gnade.

Sie wird verstoßen.

Sie flieht ins Gebirge und gebärt in der Einsamkeit einen Sohn, der zu einem stummen, grauhaarigem Mann heranwächst und mit seinem ewig lächelndem, flaumbedeckten Kindergesicht, abgewandt, in einem halbdunklen Winkel, zusammengekrümmt in ihrer gemeinsamen nassen Hütte sitzt.

Während sie zu dem einsamen Wanderer spricht, verlässt der Sohn unauffällig die Behausung. Die Sibylle und Ahasver folgen ihm und sehen, wie seine Fußspur sich zum Berggipfel hin verflüchtigt. Es ist so, wie sie immer geahnt und gefürchtet hat: Er ist der Sohn des Gottes, und „der Vater hat ihn zu sich heimgeholt.“

Für Ahasver erscheint hinter dieser Szene der „andere Gottessohn“, der sein Leben mit grausamem Fluch zerstörte. Die beiden Menschen verstummen vor der unbegreiflichen Manifestation des Gottes.

Die delphische Sibylle und der ruhelose Wanderer haben beide auf ihre Art erfahren, wie verderblich es ist, einem Gott zu begegnen. Sie, die aus aller Gemeinschaft ausgestoßen wurden und sich eine unendlich lange Zeit vergeblich bemühten, das unbegreifliche zu deuten, das übermächtig in ihr Dasein eingegriffen und ihr Lebensglück zerstört hat. Sie gewinnen nun auf einmal im Gespräch von Mensch zu Mensch tiefere Einsicht.

In diesem Buch spannt Pär Lagerkvist einen kühnen Bogen von der christlichen Welt zur Antike. Gut verständlich und einfach gestaltet sich seine Sprache. Durch immer wiederkehrende intensive Orakelbeschreibungen wird die religiöse Obszession verstärkt, unter der die Orakelpriesterin Sibylle während ihrer aktiven Zeit als Pythia litt. Ihre fanatische Liebe zu ihrem Gott wirkt beängstigend und wird mit betörender Einfachheit von Lagerkvist erzählt.

Pär Fabian Lagerkvist, geboren 1891 und gestorben 1974, war ein schwedischer Schriftsteller und Dichter. Im Jahr 1951 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Er veröffentlichte mehrere Romane, u.a. den weltbekannten Roman „Barabbas“, der auch mehrfach verfilmt wurde. Seine Bücher kennzeichnen sich vor allem durch religiöse Aspekte und die Differenz zwischen Gut und Böse aus.

Unweigerlich drängt sich nach obiger Lektüre die Frage nach der Existenz (eines) Gottes und die Existenz von Religionen auf.

André Comte-Sponville, ein zeitgenössischer französischer ehemaliger Professor für Philosophie an der Sorbonne, widmet sich in seinem Buch „Woran glaubt ein Atheist? – Spiritualität ohne Gott“ u.a. dem Thema der Definition und der Frage nach der Existenz Gottes.

Keine Wissenschaft der Welt weiß darauf Antwort, und keine wird je eine wissen. Das ist aber kein Grund, auf das Nachdenken darüber zu verzichten. Keine Wissenschaft kann uns sagen, wie wir leben und wie wir sterben sollen. Das ist auch kein Grund, irgendwie zu leben und irgendwie zu sterben.“

Und weiter: „Er fängt mit dem Einfachsten an. Gott steht per definitionem über uns. Für die Religionen trifft das nicht zu. Sie sind menschlich – allzu menschlich, wie manche meinen – und solche der Erkenntnis ebenso zugänglich wie der Kritik.Gott, falls es ihn gibt, ist transzendent. Die Religionen sind Teil der Geschichte, der Gesellschaft, der Welt ( also immanent).

Gott gilt als vollkommen. Keine Religion könnte das je sein.

Die Existenz Gottes ist ungewiss. Die der Religionen nicht. Daher sind die Fragen, die sie aufwerfen, weniger ontologischer als definitorischer und soziologischer Natur: Nicht, ob sie existieren ( leider machen sie manchmal den Eindruck, als täten sie es nur allzu gern!), ist die Frage, sondern, was sie sind und ob man darauf verzichten kann. Sie lässt sich allerdings nicht beantworten, ohne dass man die andere wenigstens streift.

(Seite 15)

Ist es verwunderlich, wenn ich obige Texte lese, dass ich an die hochbrisanten Nachrichten aus Syrien, Irak und sehr viel anderen Staaten denken muss? Dass wegen politisch schwachen und korrupt geführten Regierungen Staaten zerfallen und damit nicht mehr in der Lage sind, ihre Bevölkerung zu schützen, sich religiöse Fanatiker auf einen blutigen Weg machen, um ihren Gott als Supergötzen darzustellen, Gott auf Erden zu spielen und sich dabei völlig von der Religion Islam entfernen?

Milad Karimi, ein afghanisch-deutscher Religionsphilosoph, fächert im Politischen Feuilleton vom 21.1.2014 im Deutschlandradio auf, warum die IS ( Islamischer Staat ) – Terrorgruppe letztendlich Gott selbst verleugnen. Sie würden nicht etwa ihre Religion terroristisch interpretieren, sondern ihren Terror religiös.

Noch einmal zu Comte-Sponville.

In seinem Vorwort spricht André Comte-Sponville ( „Woran glaubt ein Atheist“; Diogenes Verlag, 2009, Seite 9) von einer …

Wiederkehr der Religion. Wie dies von beeindruckendem, manchmal besorgniserregendem Ausmaß zu beobachten ist. Dabei denkt man zunächst an die muslimischen Länder. Aber es deutet alles darauf hin, dass der Westen gegen dieses Phänomen, auch wenn es anders auftritt, keineswegs gefeit ist. Eine Wiederkehr der Spiritualität wäre nur zu begrüßen. Eine Wiederkehr des Glaubens kein Problem. Aber eine Wiederkehr des Dogmatismus, des Obskurantismus, des Fundamentalismus, ja des Fanatismus? Nichts wäre schlimmer, als ihnen das Terrain zu überlassen. Der Kampf für die Aufklärung geht weiter, und er war selten so dringlich, denn die Freiheit steht auf dem Spiel.

Gegen die Religion kämpfen?

Nein, das wäre der falsche Gegner. Besser für die Toleranz, für die Trennung zwischen Kirche und Staat, für die Freiheit des Glaubens und des Unglaubens. Den Geist kann niemand für sich allein in Anspruch nehmen. Die Freiheit auch nicht.

jbs 2ooovierzehn

Textquellen:

„Die Sibylle“ von Pär Lagerkvist, Ein Buch der Arche in der Nymphenburger Verlagshandlung, 1957

Deutschlandradio Kultur

http://www.deutschlandradiokultur.de/religion-gott-als-supergoetze.1005.de.mhtml?dram%3Aarticle_id=300877

Rezension Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.02.1958, S. BuZ5; Grete Schüddekopf

http://www.gbv.de/dms/faz-rez/580208_FAZ_0055_BuZ5_0002.pdf

Literatur-Nobelpreisträger 1951

http://www.literatur-nobelpreis.de/1951-paer-lagerkvist-1891-1974/

Ahasver

http://www.lesekost.de/themen/hhl07a.htm

Siegfried Lenz

Die Stimme von Siegfried Lenz ist nicht mehr.

Siegfried Lenz

Siegfried Lenz

Am 7. Oktober 2014 starb einer der bedeutendsten Erzähler deutscher Nachkriegsliteratur.

Für den Frieden sind alle zuständig
Am 9. Oktober 1988 bedankte sich Siegfried Lenz in der Frankfurter Paulskirche für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels unter anderem mit folgenden Worten:

„Soviel ist sicher: Wo es um die Sache des Friedens geht, gibt es keine Inkompetenz. Jeder hat seinen Traum, jeder ist betroffen, wer sich um Frieden sorgt, hat das Recht, mitzureden, und wer gelitten hat, ist zuständig; denn Leiden, so glaube ich, sind Legitimation genug. Wir wollen den Herren der Staatskunst nicht die Kompetenz bestreiten – und die alleinige Kompetenz indes, für den Frieden tätig zu sein, können wir ihnen nicht zubilligen.“

„Geschichtliche Erfahrung rät uns, auf eigenem Mitspracherecht zu bestehen, und das heißt: das Wort zu nehmen – und ein Wort nehmen ist gleichbedeutend mit Handeln -, wenn wir den Frieden bedroht sehen. Und er ist immer bedroht, immer löcherig, im Kleinen wie im Großen. Keine Zeit – von den alttestamentarischen Propheten bis zu den heißer gewordenen Kassandras unserer Tage -, in der das Sehnsuchtsziel Friede nicht in Gefahr gesehen wurde.“

„Der oft verheißende neue Mensch – der friedfertige, der konfliktfreie, der gute Mensch – schritt bisher unter keinem Horizont hervor, und es ist nicht schwer vorauszusagen, dass wir vergeblich auf ihn warten werden. Gezwungen, mit offenen Problemen zu leben, müssen wir uns anscheinend auch mit einem Frieden abfinden,der immer etwas zu wünschen übrig lässt – was aber heißt, dass wir nicht nur zu begleitender Sorge, sondern je nach Möglichkeit auch zu gebotener Handlung aufgefordert sind. Mag er auch ausgefragt sein als Begriff, als Thema, als Wunschzustand, mag er auch erforscht und erkundet sein in seinen vielfältigen Bedingungen und Voraussetzungen, immer wird der Friede Aufgabe bleiben, denn wo er herrscht: Er ist allemal unvollkommen.“

„Als Schriftsteller habe ich erfahren, wie wenig Literatur vermag, wie dürftig und unkalkulierbar ihre Wirkung war und immer noch ist. ( … ) Kein Werk der Einbildungskraft reichte aus, um die Folter abzuschaffen, Kinder vor dem Hungertod zu bewahren, die Rechte Andersdenkender zu sichern. Literatur hat auch nicht verhindern können, dass Millionen unter der Armutsgrenze leben, dass wir zu Gefangenen monströser Bürokratien geworden sind, und dass wir fassungslos dem Sterben unseres Planeten zuschauen müssen.“

„(…) Nein, es ist nicht weit her mit der greifbaren Wirkung von Literatur; der Geschichtenerzähler von heute, der immer noch aus einer Art Notwehr handelt, hat manche Gründe zur Mutlosigkeit, und er wird, seine entäuschten Hoffnungen bilanzierend, zugeben, dass Literatur niemals die Politik ersetzen kann.“

„Welche Gefahr von Wörtern immer noch auszugehen scheint, belegt ein Bericht des Komitees im Internationalen PEN-Club: ‚Writers in Prison‘. Es ist der einstweilen letzte Bericht vom Juli 1988, und er besagt, dass zu diesem Zeitpunkt 305 Schriftsteller und Journalisten in den Gefängnissen von Ländern saßen, zu denen wir wirtschaftliche, kulturelle und sogar freundschaftliche Beziehungen unterhalten. (…) Die Gründe, die zu Verhaftung und Anklage führten, sind uns allesamt bekannt; es sind die alten, die trostlosen, die schmierigen Gründe, die eine argwöhnische Macht zur Hilfe nimmt, um die Störer der Kirchhofsruhe zum Schweigen zu bringen. (…) Das uns allen verheißende Wohlgefallen auf Erden wird sich erst dann einstellen, wenn die Freiheit des Wortes für jedermann garantiert ist. Sie gehört zum Frieden.“

„Die Untaten anderer sind kein Argument der Entlastung. Auschwitz lässt sich nicht im historischen Vergleich erfassen. (…) Und Auschwitz lässt sich auch nicht verstehen. So seltsam es klingen mag: Auschwitz bleibt uns anvertraut. Es gehört uns, so wie uns die übrige eigene Geschichte gehört. Mit ihr in Frieden zu leben ist eine Illusion; denn die Herausforderungen und Heimsuchungen nehmen kein Ende. (…) Der Friede, der uns entspricht, schließt meist Verstörungen durch das Gedächtnis aus. Jedoch: Unversöhnt mit der Vergangenheit, sind wir um so leidenschaftlicher für den Frieden.“

„Wir haben Anlass zu der Frage: Wieviel trägt und erträgt er noch, der alte ramponierte Planet, und wenn wir an den Frieden denken, zu dem ja auch Sattsein und Warmsein gehören: Wie vielen wird, angesichts der Explosion der Weltbevölkerung, die Hoffnung auf ein friedsames Leben bleiben? (…) Wir werden den Frieden nicht gewinnen, wenn wir nicht bereit sind, uns des Elends der Dritten Welt anzunehmen, des gegenwärtigen und des noch furchtbareren in der Zukunft.“

„Es zeigt sich, dass der Friede, in dem wir leben, aus mehrfachen Gründen unfertig ist, dass wir sozusagen am Rande des Friedens leben. Wir leben im Frieden und sind dennoch der Gewalt ausgeliefert, einer privilegierten, von den Ämtern gesegneten Gewalt, die unsere Welt immer unbewohnbarer macht. Gegen unseren Willen nimmt man uns Seen und Meere, lässt unsere Flüsse sterben, skelettiert unsere Wälder.“

„Das Ende des Lebens auf unserem Planeten ist vorstellbar geworden. Die Schöpfung stirbt langsam. (…) Sie kann an unserer Verachtung der Schöpfung und an unserem Egoismus zugrunde gehen. (…) Wir leben im Frieden, in einem unfertigen, notdürftigen, immer gefährdeten Frieden. Die Kräfte bedenkend, die ihm entgegenstehen, die Belastungen zählend, denen er ausgesetzt ist, die Aufgaben prüfend, die er uns stellt, möchte ich das, womit wir dem Frieden heute dienen können, mit wenigen Worten sagen: Widerstand gegen die, die den Frieden bedrohen, mit ihrem Machtverlangen, mit ihrer Selbstsucht, mit ihren rücksichtslosen Interessen.“

Zeitungsartikel von 1988 wahrscheinlich aus der Heidenheimer Zeitung. Ein ausgeschnittener Bericht, den ich im Nachlass meines Schwiegervaters fand.

Gestern strahlte der Fernsehsender „ARTE“ eine kleine Hommage für Siegfried Lenz aus.

Siegfried Lenz – Schriftsteller und Menschenfreund – Mein Leben

Am 23.März 2010 stellte ich auf meinem (alten) Blog lou-salome folgende Buchbesprechung ein:

Die Novelle „Schweigeminute“ erzählt von der Liebe. Von einer Liebe, die, als sie gerade erst beginnt, durch einen tödlichen Unfall ein jähes Ende findet.
Christian ist ein achtzehnjähriger Gymnasiast und hat sich in seine etwas ältere, äusserst attraktive Englischlehrerin verliebt. Sie erwidert seine Liebe und irgendwie schaffen die Zwei das Unmögliche, diese Beziehung geheim zu halten.
Den Rahmen dieses Büchleins bildet die Schulaula von Christian.
Im vollbesetzten Saal findet die Trauerfeier für Stella Petersen statt; sie war an der Schule bei Kollegen-innen und Schüler-innen sehr beliebt. Und während der Schweigeminute ( = die reale Erzählzeit = eine Minute ) blickt Christian, auf den Sommer seiner Liebe zurück ( = erzählte Zeit = ein Sommer lang ).

Eine kleine Stadt an der Ostsee, Seemannsjargon, viel Sonne, Fischer, Schiffe ( – Jollen – Dingis, – Segler, -Fischkutter, – Lastkähne), Hafenarbeiten, eine Liebe zweier Menschen, die man zwischen den Zeilen herauslesen muss, eigentlich alles ziemlich unaufgeregt.
Doch Lenz versteht mit seinem etwas lakonischen Erzählstil den Leser mit auf die Reise zu nehmen, hinaus auf ein herrlich weites Prosameer. Und dort draussen findet sich konturenhaft die Sage der Mesuline (oder das Kunstmärchen der kleinen Meerjungfrau), z.B. wie auf Seite 23:
während eines Strandfestes sucht ein als heimischer Wassergott verkleideter Fischer sich eine Meerfrau ( Stella), oder das gemalte Portrait, das Stella als Meerfrau mit einem schönen gebogenen Fischschwanz zeigt.
Dies ist sicher nicht der eigentliche Kern der Novelle, aber es ergänzt.
Leise vernimmt der Leser das tiefe Thema der Vergänglichkeit, die Unmöglichkeit von vollendetem Glück und auch dass die irdische Liebe zeitlich begrenzt ist.

Der Schriftsteller Siegfried Lenz ist 84 Jahre alt. „Schweigeminute“ ist eine Novelle aus dem Jahr 2008. Ein zeitlos schöner Erzählband!

Melusine

Wolkenzüge und Raketenschirm

Die Trilogie „Wolkenzüge“ ist mit dem „Raketenschirm“ vollständig. Ich gratuliere dem Autor und Lyriker Immo Sennewald recht herzlich!

Raketenschirm von Immo Sennewald

Raketenschirm von Immo Sennewald

Haie und Wolkenzüge

In einem Haifischbecken schwimmen und von dort heraus unbeschadet Wolkenzügen nachschauen, das schafft nur eine Person in dem neuen Roman „Raketenschirm“ von Immo Sennewald. Und dieser ‚wer‘ ist Gustav Horbel.

Jedoch sollte man nicht auf die Idee kommen, Horbel sei nur ein hoffnungslos verträumter Zeitgenosse mit mächtig viel Glück im Stasi-Land. Nein, die Hauptfigur, des im März 2013 im Salierverlag erschienen Buches, ist Anfang 60, im Osten der Bundesrepublik Deutschland, der ehemaligen DDR, geboren und aufgewachsen und wie bei einem Raketenabwehrsystem lernte Gustav Horbel im Laufe der Jahre mittels ureigener „Frühwarnradarstation“ anfliegende „Raketen“ erkennen und zu unterscheiden.

Gestaltete Geschichte

Der Autor Immo Sennewald blickt im „Raketenschirm“ zurück auf das totalitäre Herrschaftssystem der DDR und er vergisst auf seiner literarischen Gipfeltour auch die parallelen Weltsituationen nicht. Er erzählt im Rückblick eine verflochtene Geschichte vom Stasiland, von intellektuellen Verwirrungen, von einem Protagonisten, der in Thüringen aufwächst und in Baden-Baden mit seiner Liebe, einer Chinesin, seine „Alterszeit“ endlich genießen darf.

Mit seinen Figuren erstellt er auf 335 Seiten ein Psychogramm Mächtiger und Verlierer. Er und sein träumender Chronist Gustav Horbel machen sich auf den Weg und starten den Versuch, Wahn, verhängnisvolle Irrtümer oder Ketten schicksalshafter Zufälle zu analysieren, gesellschaftliche Beziehungsgeflechte zu reflektieren. Sie vollziehen nach, wie die SED-Herrschaft im Alltag funktionierte, „welche Disziplinierungs-und Integrationsmechanismen griffen bzw. scheiterten und auf welche Formen von Zustimmung, Anpassung oder Widersetzlichkeit sie trafen.“

Aus einem Plädoyer ( Zeitzeugenschaft der Autors ) von Stefan Heym, gehalten 1986 auf dem PEN-Kongress in Hamburg, zitiert:

Literatur ist nichts anderes als gestaltete Geschichte der Zeit, in welche der Autor hineingeboren wurde, der Erlebnisse, die er in dieser Zeit hatte, der Erfahrungen, die er machte, der Zustände, die er sah; er kennt nur seine Zeit, welche sonst sollte er gekannt haben, und selbst wenn er von einer anderen Zeit erzählt als der seinen, so ist es doch die seine, nur anders kostümiert und mit anderen Versatzstücken … Je besser ein Autor seine Zeit versteht, je mehr weiß er von ihrem Geschehen, desto zeitloser wird sein Buch sein, sein Stück, sein Film, sein Gedicht.“

Figuren-Karussell

Rund um Gustav Horbel gruppiert sich ein Figurenkarussell, das sich hauptsächlich im Bauch der ehemaligen DDR dreht. Zum Beispiel lernt man die rothaarige Silvia kennen, das „Stasikind“, zu der sich Gustav, nach einem kurzen Liebesabenteuer, bis ins sechzigste Lebensjahr hinein verbunden fühlt. Während Gustav sein Leben in Jahresringen lebt und ihm Erfahrungen abtrotzt, ist auch Silvia, Tochter zweier strammer Stasi-Eltern, existenziell betroffen. Abenteuerlich sind ihre drei Ehen, bis sie endlich als freiberufliche Künstlerin in Leipzig Ruhe zu finden scheint. Noch abenteuerlicher als ihre Ehen ist dann die Zuspitzung einer Begegnung mit ihrer linienharten Mutter und ihrem Halbbruder. Schlussendlich scheut sie sich dann nicht, gegen den Bruder die Waffe zu erheben und zu schießen.

Oder da ist Gabi Fürbringer. Für mich ist sie in diesem Roman eine sehr wichtige Schlüsselfigur. Ihr Schicksal dürfte gleichgesetzt werden mit vielen anderen tausender DDR-Frauenschicksale. Gabi, ehemalige Leistungssportlerin, ist die Frau von Anton, beide haben eine Tochter: Carla. Anton Fürbringer, ein Wissenschaftler und ehemaliger Kollege von Gustav, verfällt langsam dem Wahn. Seine Ideen, seine Arbeit, finden im ehemaligen DDR-Forschungsministerium kein Gehör und keine Anerkennung. Er „flieht“ zu seinen Eltern nach Israel. Dort vegetiert er dahin und stirbt viel zu früh. Gabi hat den Kontakt zu ihm abgebrochen, nachdem auf jahrelangen schriftlichen Versuchen hin, keine Antworten folgen. Sie zieht also ihre gemeinsame Tochter Carla alleine auf. In Carla’s entscheidender Wachstumsphase muss die Mutter ins Frauengefängnis nach Hoheneck, die Tochter zieht zu den Eltern von Gabi. Nach ihrer Haftentlassung wird Gabi nie wieder ein unbeschwertes Mutter-Tochterverhältnis erleben können. Immo Sennewald erzählt diesen Teil der Geschichte sehr realitätsnah und unglaublich einfühlsam.

Als weitere Figur sitzt Matthias Montag in diesem Karussell. Auch er spielt eine äußerst wichtige Rolle im „Raketenschirm“. Anfangs noch ein Schulfreund aus alten Lauterbergtagen, legt er später eine steile Karriere im DDR-System hin. Seine wahnartige Affinität zum weiblichen Geschlecht, die zeitweise masochistische Züge annimmt, lässt ihn sogar einen schrecklichen Mord ausführen. Oder entsteht diese Tat nur als Vorstellung im Kopf von Montag und mir als Leserin? Spannend, sehr spannend!

Wie das Leben des Matthias Montag weitergeht, wie er fällt, sich wieder aufrafft, um irgendwann im warmen Polster der Wiedervereinigung zu versinken, zu verschwinden – Sennewald schafft den Spagat, Wahnvorstellung und Realität zu vermischen.

Bleib nicht stumm

Auf vielen Seiten vom „Raketenschirm“ findet man Gustav Horbel’s Erklärungen, warum er sein Leben so lebt und nicht anders.

Auf Seite 299 verdeutlicht er es Matthias Montag ( aus dieser Figur schillert übrigens Markus Wolf, der ehemalige DDR-Spionagechef ), warum er Systeme wie das der DDR verachtet:

… Leider hat es nicht funktioniert. De Sade war ein Philosoph, er hatte das verstanden. Bei keiner der Bewegungen, die das Böse in der Welt auszurotten versprachen, hat es funktioniert, nur die Ausrottungstechniken wurden verbessert, die zum Schutz davor ebenso. Die Raketen treffen nicht das Böse – der Raketenschirm schützt nicht das Gute. … „

Fazit

Dieser Roman ist in hohem Maße aktuell und beeindruckend. Das liegt sicherlich daran, weil es dem Autor gelingt, den Blick des Lesers auf die individuellen Schicksale seiner Figuren zu lenken und die DDR-Zeitgeschichte bildlich wiederzugeben.

Manchmal habe ich mir gewünscht, Immo Sennewald hätte noch ein Buch geschrieben. Obig geschilderte Personenschicksale sind nämlich nur ein Teil des Romans. Quasi nebenbei gibt das Werk kaleidoskopartig einen Überblick auf die vom Autor angesammelte Lebenserfahrung in Bezug auf die ehemalige DDR ( siehe oben eingefügtes Zitat von Stefan Heym) und seines eigenen beruflichen Lebens als Physiker und Theaterregisseur.

Waffenindustrie und- handel, die „Aufklärung“ des Rohweddermordes im Jahr 1991( eine fiktive Aufklärungsepisode im „Raketenschirm“ ), E.T.A. Hoffmann ’s Mönch Medardus und der Sandmann, sie alle tauchen auf in diesem Stück Zeitgeschichte. Die intellektuelle Brisanz dieses Buches besticht. Nichts darf vergessen sein ist Sennewald’s Legat.

Ein sehr reiches Buch! Sehr lesenswert!

jbs im April 2ooodreizehn

Die kursiv gehaltenen Textstellen sind Zitate aus dem Roman „Raketenschirm“ und aus dem Artikel „Herrschaft und Gesellschaft in der DDR-Provinz ( siehe eingefügten ersten Link) sowie Stefan Heym’s Zitat aus dem „Arche Literatur Kalender 2013“

Deutsche Geschichte – DDR-Machenschaften – Stasi – illegale Waffengeschäfte – Liebesgeschichte – Schelmenroman – perfektes Verbrechen – Frauengefängnis Hoheneck – Familienzusammenführung – Masochismus – Wahn – E.T.A. Hoffmann

Herrschaft und Gesellschaft in der DDR-Provinz

http://www.bstu.bund.de/DE/Wissen/Forschung/Forschungsprojekte/Forschungsprojekte_herrschaft_provinz.html

Die Internationale Schriftstellervereinigung

Ihre deutsche Geschichte

Ihre Aufgaben

http://www.boell.de/downloads/democracy/PEN_Broschuere_65.pdf

Das perfekte Verbrechen

http://www.focus.de/politik/deutschland/raf/tid-9310/detlev-karsten-rohwedder_aid_266442.html

Frauengefängnis Hoheneck

http://hoheneck.wordpress.com/zuchthaus-hoheneck/

Blog des Autors I. Sennewald zum Buch Raketenschirm

http://raketenschirm.com/