Wacholderdrossel mit einer Ebereschenbeere

Hinter dem Haus eine riesengroße Eberesche. Ihr wird auch der Name „Drosselbeere“ nachgesagt. Bis vor einigen Tagen hingen rote Fruchtbeeren zu gefühlt hunderttausenden Stück in Dolden an ihren Zweigenden. Doch dann kamen sie.
Erst ihre Vorboten, sogenannte Kundschafter.
Und dann rückten sie zu einigen Dutzend an.
Wacholderdrosseln.
Zappelig, unruhig, hungrig schnappten sie nach dem fleischigen Rot. Manch eine Beere blieb den Begierigen in der Kehle stecken und dann sah man sie schlucken, drücken und nochmals schlucken. Aber nur kurz, dann schien das runde Futterkügelchen seinen richtigen Weg gefunden zu haben und der Krammetsvogel flatterte gen Nachbarin, der hochwüchsigen lichten Birke. Von dort aus verschafften sie sich mit den Kameraden einen Überblick. Nach kurzer Rast fielen sie wieder über die Vogelbeere her und heute, drei Tage später, steht der stolze Baum grau-braun und traurig, ohne seinen rot-perligen Kopfschmuck auf der Weide.

Ein Blick in den Garten gen Holzapfelkrone. Seine stolze Perücke aus hunderten orangeroten Miniäpfelchen leuchtet noch prächtig in der Wintersonne.
Sicherlich nicht mehr lange, denn ein neuer, oder ist es der vorherige, Schwarm kleiner Federträger beäugt begierig die nächste Futterquelle.

Es hat Freude gemacht, diese Singvögel im Januar in so großer Schar zu beobachten.

Buchbetrachtung 3-2021

Kalmann“

Nach dem Jahreswechsel nochmals ein Buch aus dem Norden, das ich Ihnen sehr gerne vorstelle. Ich las es am letzten Wochenende und bedaure nun, dass ich nach meinen Arbeitstagen nicht weiter mit Kalmann über die Melrakkasas streifen kann und mir dabei seine Weltsicht erzählen zu lassen – ich habe es ja schon durchgelesen.
→ Außer … ich lese dieses schöne Buch gleich noch einmal!

Kalmann“ Diogenes Verlag, 349 Seiten, von Joachim B. Schmidt, einem Schweizer Autor, der mit seiner Familie seit 2007 in Reykjavik lebt.

Island

Kennen Sie Raufarhöfn?
Kennen Sie Kalmann Óðinsson?
Wissen Sie, wie man Gammelhai Hákarl herstellt?
Haben Sie den schrecklichen Geruch von Gammelhai schon einmal nur durchs Lesen wahrnehmen können?Kennen Sie Artic Henge?
Sind Sie schon einmal einem 34-jährig jungem Mann begegnet, der mit einem Cowboyhut, einer Mauser und einem Sheriffstern täglich unterwegs ist, seinen Heimatort beschützt und seinen Großvater innigst liebt?Mögen Sie nordic noir – Romane?

Dann könnte Ihnen der neue Roman „Kalmann“ von Joachim B. Schmidt sehr gut gefallen!

Insbesondere, weil Kalmann, von dem gesagt wird, er hätte nur Fischsuppe im Kopf, eine Blutlache am „Artic Henge“ entdeckt, dann der Polizei hilft, den vermissten, wahrscheinlich ermordeten Quotenkönig Róbert McKenzie aus dem Ort zu suchen und den Fall mit aufklärt.

Krimi und Gesellschaftsroman

Auf der Suche nach McKenzie stellt der Autor Schmidt die Bewohner vom isländischen Örtchen Raufarhöfn vor, Kalmann’s Schwäche für (schöne) Frauen, seinen Internetfreund Noí, dessen Gesicht Kalmann nie zu sehen bekommt und er begibt sich mit Kalli immer wieder auf die kleine Erhebung zum arktischen Steinkreis „Artic Henge“, u.a. weil Kalli, der Jäger, hofft, dort den kleinen Polarfuchs „Schwarzkopf“ erlegen zu können.

Schmidt beschreibt mit scharfer Beobachtungsgabe nicht nur die raue Halbinselwelt Melrakkasletta, er lässt Kalmann fast nebenbei Quotenfischerei und Seefahrt erklären, Vorurteile und Drogenschmuggel stehen auch an der Tagesordnung und er lässt seine Hauptfigur immer wieder ins nahe gelegene Städtchen Húsavík fahren, damit dieser dort seinen dementen Großvater im Altenheim besuchen kann.

Kalmann weiß sehr viel, obwohl die Räder in seinem Kopf rückwärts laufen

Kalmann weiß auf viele Fragen Antworten, das Wissen hat er über Jahre von seinem Großvater erhalten: sei es zum globalen Klima, zu Flora und Fauna, zur Politik, zum (Quoten-) Fischfang, zur Jagd und der Herstellung von Hákarl. So erklärt er fast nebenbei Dinge aus dem Leben, wie z.B. auf Seite 194:

[…] Früher brauchte man nur die Leber vom Hai, und den ganzen Rest schmiss man wieder ins Meer. Aus der Leber wurde Tran gewonnen, und der Tran wurde nach Europa verschifft, wo man die Straßen der Städte beleuchtete. Diesen Gedanken fand ich verrückt. Ich meine, ein Grönlandhai, der hier oben im Norden in mehreren hundert Metern Tiefe lebt, in totaler Dunkelheit, dann aus dem Meer gezogen wird und Licht in die Straßen europäischer Großstädte bringt!“ […]

Und neben all philosophischen und erklärenden Passagen, nähert sich die Geschichte am Ende einer Auflösung zu, so ganz anders, als erwartet.

Skaz

Für die Erzählung setzt Schmidt eine besondere literarische Technik ein:

Skaz.

Der Literaturkritiker Thomas Wötche erklärt in seinem Beitrag vom 23.10.2020 im Deutschlandfunk Skaz:
[…] hochliterarische Verschriftlichung des anscheinend naiven mündlichen Erzählens, bei dem wir über den Wahrheitsgehalt des Erzählten nur das wissen können, was durch den Filter von Kalmanns Weltbild durchdringt. Dabei wissen wir auch nicht, was er verschweigt. Und wir wissen nicht, wie naiv Kalmann wirklich ist und können nur spekulieren, ob er leicht retardiert ist oder einfach nur ein sehr origineller Kopf.[…]

Fazit

Zitat vom Buchrückentext:
Treffen Sie Kalmann. Experte für Gammelhai und die großen Fragen des Lebens.

Ja, ein Treffen mit Kalmann ist sehr zu empfehlen. Es wird nie langweilig mit ihm!

jbs 2021

Buchbetrachtung 2-2021

Bram Stoker und Der Zorn des Meeres

Und noch eine Lektüre, die vom mare-Verlag verlegt wurde und seit dem 3. März 2020 im Buchhandel zu erwerben ist.

Auf 128 Seiten nimmt der Schriftsteller Bram Stoker (1847-1912), der fast ausschließlich nur durch seinen Roman „Dracula“ bekannt wurde, die Leser*innen mit an die Ostküste Schottlands.

Schauplatz dieser Erzählung ist die raue Küstengegend um Cruden Bay in der Nähe von Aberdeen.

Der Zorn des Meeres, im Originaltitel The Watter’s Mou von 1895, spiegelt auf 128 Seiten im wörtlichen Sinne die „Gemütsfassung des Meeres“ während eines Sturms wider.

Parallel dazu verläuft eine zutiefst emotionale Auseinandersetzung zweier sich liebender junger Menschen, die sich in einem dramatischen Loyalitätskonflikt befinden.

William Barrow, alias Sailor Willy, ist ein junger Bootsführer der Küstenwache und soll Schmugglern das Handwerk legen.
Maggie Mac Whirter ist seine Verlobte und die Tochter eines verarmten Fischers, der auf kriminelle Art und Weise zum Schmuggelhandwerk gezwungen wird.

Stoker’s bestechend genaue Meeresbeobachtungen und seine dementsprechende Beschreibung der Naturgewalten, lassen sich ohne weiteres auf die innere Zerrissenheit der beiden Hauptprotagonisten übertragen.

Alexander Pechmann, Übersetzer obiger Ausgabe und Herausgeber der Erzählung, hält u.a. in seinem Nachwort fest: […] Hier wird das zornige Meer zu einem lebendigen Wesen, das >jemandem Böses wünscht & tötet, um dann in alle Ewigkeit klagend weiterzumurmeln< […]

Das Lesen und eintauchen in die Welt irischer Fischer, der Beschreibung von Loyalitätskonflikten und dem Rollenverständnis einer mutigen Frau Ende des 19. Jahrhunderts war spannend.

125 Jahre liegen zwischen der ersten Veröffentlichung des Romans 1895 und einer zweiten Auflage obiger Ausgabe vom mare-Verlag aus dem Jahr 2020.
In der Buchbeschreibung des Verlags https://www.mare.de/der-zorn-des-meeres-8613 lautet es anfangs:

Eine packende Meereserzählung vom Autor des Dracula.

jbs 2021

Die Fotografie entstand im Mai 2019 in Cleggan Harbour, Irland/Westküste und ist von einem Plakat abfotografiert, welches die gefährliche Küste beschreibt.