Nachtstunde

Die Nachtstunde schlug; ich hüllte mich in meine abenteuerliche Vermummung, nahm die Pike und das Horn zur Hand, ging in die Finsternis hinaus und rief die Stunde ab, nachdem ich mich durch ein Kreuz gegen die bösen Geister geschützt hatte.

Es war eine von jenen unheimlichen Nächten, wo Licht und Finsternis schnell und seltsam miteinander abwechselten. Am Himmel flogen die Wolken, vom Winde getrieben, wie wunderliche Riesenbilder vorüber, und der Mond erschien und verschwand im raschen Wechsel. Unten in den Straßen herrschte Totenstille, nur hoch oben in der Luft hauste der Sturm, wie ein unsichtbarer Geist.
aus: Bonaventura; Erste Nachtwache
 
Die Laterne ist in Tübingen aufgenommen. Gegenlichtaufnahme an der Neckarbrücke. jbs 2019

trockendock//

Dem Verfall preisgegeben. Die Kosten für das Abwracken ausgedienter Schiffe sind hoch und so entstehen an vielen Küsten Bilder wie obiges. Dieses alte Fischkutterwrack in der Teelinbay, westlich von Donegal, versank regelmäßig im Wasser – die Flut kam immer pünktlich.

was gestern war, was heute ist […]

Heute Abend kruschtelte ich mich durch mein Bücherregal und entdeckte dabei Lebenserinnerungen von Georg Reichert ( 1919-1997), einem fränkischen Mundartdichter. Das kleine Büchlein ist minimal größer als ein Reclamheftchen, aber sein Inhalt!
Reichert war ein Bauer der Verse schrieb.
Reichert veröffentlichte 12 „Büchla“ und erhielt 1983 für sein Engagement für die fränkische Sprache das Bundesverdienstkreuz am Bande.

1940 musste er als Soldat in den Krieg. 1941 kam er nach Rußland. Er schreibt:

[…] Dieses unwirtliche Land, die Strapazen, Entbehrungen, dazu die Grausamkeiten des Gegners und die Sorge, ihm doch nicht in die Hände zu fallen, lasteten schwer auf Herz und Gemüt. Doch als ich mit Gottes Hilfe diesen schrecklichen Krieg überstanden und mich zu Hause wieder eingelebt hatte, kehrte auch die Lust zum Reimen wieder. Es regnete, ich lag wach im Bett und hörte, wie das Wasser in die Dachrinne tropfte, und schnell entstanden die Verse:

Leise fällt der Regen nieder,
in meiner Kammer lieg ich wach,
und ich hör, wie früher wieder;
wie es tropft vom Dach.

Jahre ist es nun leergestanden
mein so trautes Kämmerlein,
während ich in fremden Landen
schlief gar oft auf hartem Stein.

Weitere Worte habe ich nicht in Erinnerung. […]

Reichert schreibt auf den weiteren Seiten viel von seinen Kriegserlebnissen, die mich als Leserin sehr nah an das Erlebte führen. Er steht der Kriegsmaschinerie sehr kritisch gegenüber und wieder zurück auf seinem Hof, durfte er nach Kriegsende doch einmal erleben, dass ein gutes Dutzend seiner kurzen Reime mit der Überschrift „Allerlei Wahrheiten über den Menschen“ ( Betrachtungen eines schlichten Zeitgenossen für besinnliche Sonntagsleser) in einem in Erlangen erschienen evangelischen Gemeindeblatt abgedruckt wurden. Und … er erhielt sogar 20 Mark dafür.
Der unten zitierte Reim stammt daraus.

***
Was gestern war, was heute ist,
schon morgen diese Welt vergisst
und fällt, wie kann’s drum anders sein
auf alte Fehler neu herein.
***

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Blätterwald im Moni Asomaton, Klosteranlage im Amaribecken, Südkreta, 2018.

jbs

Die kursiv gehaltenen Zeilen stammen aus dem Buch:
Ein Bauer schreibt Verse – Lebenserinnerungen eines fränkischen Landmannes
Georg Reichert
TV Satzstudio GmbH, Neidhardswinden 63, 8535 Emskirchen, 1988