Die Tarnkappe von Markus Orths

Lieber Herr O.,

seit dem Tag in Klagenfurt, an dem Sie Ihre Erzählung vom Zimmermädchen der interessierten Welt vorlasen, hatte ich Interesse, mehr von dem Autor aus Karlsruhe zu erfahren.
„Die Tarnkappe“ hatten Sie kurze Zeit später über den Schöffling & Co. – Verlag veröffentlichen können und ich gehörte zu den Leserinnen, die Ihr Buch im Ruckzuckschnelldurchleseverfahren verschlang. Es ging übrigens auch nicht anders.
Hatte es doch Ähnlichkeiten mit der Tarnkappe. Je weiter man las, desto schwieriger wurde es, aufzuhören und das Buch zur Seite zu legen. Und die Tarnkappe bekam Simon Bloch, der Protagonsist des Romans – des Schauerromans, mit der Zeit ja auch nicht mehr vom Kopf. Je öfters er sie aufsetzte. Sie fraß sich mit der Zeit regelrecht in ihn hinein.
Vor meiner Nase roch es doch tatsächlich angebrannt, und auf meinem! Kopf juckte es plötzlich immer häufiger. Wie beim Bloch!

Und heute, sieben Jahre nach dem Erstlesen, stellte ich Ihr Buch in meinem Literaturkreis vor. Und ich kann Ihnen mitteilen, jeder von den Teilnehmer*innen hatte das Buch genauso verschlungen!

Wir stellten fest, dass Simon und Gregor sich in ihrer Jugend eine Schuld aufgeladen hatten, die so schwer wog, dass ihr Leben danach nicht mehr in normalen Bahnen weiter verlaufen konnte. Man konnte „sich nicht mehr sehen“ und ging deshalb eigene Wege. Der eine, Simon Bloch, wurde anfangs zum öden Mittelmäßigen, der andere, Gregor, wurde ein „Raffzahn“. Und als dieser Gregor dem Simon Bloch, dem Freund aus früheren Jugendtagen, ein Danaergeschenk machte und zwar in Form einer Tarnkappe, die den Träger unsichtbar machen konnte, ja, lieber Herr O., da nimmt Ihre Geschichte so richtig Fahrt auf!
Bloch wird ein Spion mithilfe der Tarnkappe, unter dessen Schutz er sich Freiheiten, Frechheiten und krimineller Energien in fremden Wohnungen und öffentlichen Parks herausnimmt. Er erweist sich zunehmend als kein unschuldiger Beobachter mehr, sondern als das verkappte Böse.
Anfangs erinnert Ihr Buch an den Schriftsteller Wilhelm Genazino. Der seine tragischen Helden leise auftreten lässt.

Dann aber spitzen sich Ihre Kapitel zu einem Schauerroman, einem spannendem Krimi zu, Bram Stoker und E.T.A. Hoffmann lassen grüßen, und unbedingt spürt man Kafka’s Gregor Samsa auf vielen Seiten. Das Ende nach dieser großartigen Geschichte finde ich allerdings nicht so gelungen. Zu sehr konstruiert.
Viele der Literatur-am-Abend-Teilnehmer fanden den Schluss jedoch passend. O.k..

Ob ich Ihr Buch auch ein drittes Mal lesen würde? Auch wenn der Schluss mir nicht gefällt?
Ja!
Unbedingt!
Und danach nochmals wieder!
Es grüßt Sie sehr herzlich aus der Remstal-Provinz →

Ihre jbs

2tausend19


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maskerade 2008

2008 veröffentlichte auf meinem alten Blog lou-salome eine kleine Erzählung, die zum Thema „Kommunikationspsychologie“ passen sollte. Da die twoday-ära zu Ende gegangen ist, versuche ich, bevor sich der Weblog Hosting Service vollständig vom Netz verabschiedet, noch das eine und andere Geschriebene auf schriftwechsel hinüber zu retten.

Maskerade
jbs 2008

Plötzlich geht das Deckenlicht an. Sie wird wach, blinzelt auf die Armbanduhr.
4:30 Uhr.
Durch halb geöffnete Augen schaut sie zum Abteilfenster hinaus, sieht ihr Spiegelbild, schemenhaft. Draußen fliegt die Landschaft in rabenschwarzer Nacht vorbei. Nur ab und zu leuchtet ein einsames Licht auf, vielleicht von einem Gehöft oder einem Bahnwärterhäuschen. Sterne stehen zitternd am Himmel und das regelmäßige Rauschen des Zuges lässt sie wieder einschlafen.

„ Ist hier noch ein Platz frei?“
Julia fährt erschrocken aus dem Sitz hoch, verschlafen erwidert sie, das man das doch sehen würde. Ohne ihr Gegenüber weiter zu beachten, sinkt sie in ihre warme Mulde zurück.
„ Julia?!“
Diese Tonlage. Bekannt, vertraut.
Julia lässt ihre Augen geschlossen.
Ich träume. Es ist nur ein Traum, denkt sie.
„Julia!“
Langsam bilden ihre Lippen einen Namen.
„ Akbar?!“
„ Ja, ja! Wenn das kein Zufall ist!“
Julia lacht, unsicher.
Akbar nimmt ihre Hände in seine, setzt sich ihr gegenüber.
„ Zwölf Jahre, Julia! Zwölf Jahre! So lange haben wir nichts voneinander gehört. Uns nie wieder gesehen. Was hast du in dieser Zeit gemacht? Hast du geheiratet? Hast du Kinder, eine Arbeit?“
„ Mach langsam Akbar. Eins nach dem anderen. Ich habe keinen Mann, keine Kinder. Aber Arbeit.“
„ Wie? Du hast keinen Mann?“
„ Hatte keine Zeit einen kennen zu lernen. Zu viel zu tun, weißt du, von morgens bis spät abends. Gibt immer massig viel in meiner Buchhandlung zu arbeiten.“
„ Eine Buchhandlung! Glückwunsch! Dann hast du es geschafft und dich selbstständig gemacht. Julia! Ich freue mich für dich!“
Seine Finger ziehen langsam in ihren Handflächen die Lebenslinien nach. Er sieht nicht, wie Julia rot wird.
„ Und jetzt? Wohin fährst du? Nach Kiel? Nach Hause?“
„ Ja, ich muss mal raus. Auf andere Gedanken kommen. Ans Meer. Und du Akbar, was machst du im Zug nach Hamburg? Hast du denn wenigstens geheiratet? Und was ist aus deinem Studium geworden? Bist du damit fertig? Und weißt du, das du immer noch so gut aussiehst wie damals!“

Betörend klingt ihre Stimme in seinen Ohren. Patchouli kitzelt seine Nase. Er mag sie immer noch. Und wenn er sie jetzt fragen würde? Lieber nicht, sie würde bestimmt wieder gehen, so wie vor zwölf Jahren.

„Nun,“ zieht er seine Antwort in die Länge. „ Ich, ich habe mein Studium beendet. Bin jetzt Agrarler und arbeite seit einiger Zeit als wissenschaftlicher Berater.“
„ Fantastisch! Genau das, was du immer wolltest.“ Julias Müdigkeit ist weg. Ihre Finger ziehen nun seine Lebenslinien nach. Kein Ring stört sie dabei.

Warum hatte sie damals nur nicht den Mut einen Iraner zu heiraten? Er war doch ein sehr moderner Moslem.
Sie erinnert sich an den Sturz von Reza Pahlevi, Schah von Persien. Wie Chomeni und seine Mullahs neunzehnhundertneunundsiebzig die Regierungsgeschäfte übernahmen. Und diese furchtbar endlosen Diskussionen iranischer Studenten. Rückkehr in die Heimat oder Widerstand aus dem Ausland? Es machte ihr Angst. Würde Akbar zurückgehen und sie müsse dann mit? Den Tschador wie eine Larve tragen und die fremde Sprache nicht verstehen? Unvorstellbar! Ihr modernes Leben in Europa, die Familie und die Freunde für ihn aufgeben? Das konnte sie nicht. Sie hatte Akbar aber überhaupt nicht gefragt, ob er in den Iran zurück wolle. Feige hatte sie ihn einfach verlassen.
Und jetzt ist alles zu spät, denkt sie. Nach so einer Demütigung würde er nie mit mir einen Neuanfang wagen. Außerdem ist er jetzt Akademiker, seine Welt ist eine völlig andere als meine jetzt.

„ Und? Ist dir die Richtige über den Weg gelaufen, Akbar?“
„ Schwierig, sehr schwierig. Die, die ich haben möchte ist schon verheiratet. Und die, die mich haben will, mag ich nicht.“
Wie soll ich ihr sagen, dass sie meine Traumfrau war, es gab nie Platz für eine andere. Sie wird es mir nicht glauben. Wird mich auslachen. Und sagen: So etwas gibt es nicht. Und dann jetzt ihre Selbstständigkeit, eigene Buchhandlung, da passt ein Mann wie ich nicht hinein.
„ Da sagst du ein wahres Wort. Entweder Karriere oder Partnerschaft.“

Akbar zieht eine Tüte Pistazien aus seinem Aktenkoffer. Langsam füllt er die linke Hand mit den salzigen Nüssen. Klappernd fallen ein paar auf den Boden. Julia bückt sich, versucht die Knabbereien zu retten. Sie bemerkt nicht, wie auch Akbar sich hinunter beugt, um ihr zu helfen. Gleichzeitig heben sie ihre Köpfe, sind auf Augenhöhe.
Orient trifft Okzident.
Wimpernschlaglänge.
Lippenrot.
Zu nah.
Und …

Mit einem kräftigen Ruck hält der Zug. Hamburg Hauptbahnhof.
Endstation für Akbar.
Widerwillig stößt er sich aus dem Sitz, stolpert über ihre Beine. Julias Hände verhindern den Sturz.
Er müsse aussteigen, er kann nicht weiter fahren, der wissenschaftliche Auftrag, um 9:00 Uhr sei die erste Sitzung.
Er drückt Julia die Tüte Pistazien in den Schoß.
„Akbar!“ Wenn er jetzt etwas sagen würde, dann… .
… viel Glück! Und was für ein Glück, dich wiedergesehen zu haben! So unverhofft.“

Akbar zieht die Abteiltür auf, Julia begleitet ihn zum Ausstieg.
„ Alles Gute in Kiel! Und nur Sonne, keinen Regen. Und natürlich Wind!“
Den liebte sie, das hatte er nicht vergessen.
„ Ja, auch dir viel Glück. Und danke, viel Glück!“
Sie reicht ihm die Hand durch die Tür. Er hält sie fest umschlossen. Sie winken sich nicht zu. Augen vertonen ihre Gefühle, so lange es geht. Schrilles Pfeifen, mechanisches Stimmengewirr aus den Lautsprechern, die Schiebetür gleitet geräuschlos ins Schloss.

Auf dem beleuchteten Bahnsteig verschwindet Akbar in einem Panoptikum von Masken. Sie ziehen vorüber, Frauen mit grellen Strähnen, kugelige glänzende Köpfe ohne Haarwuchs, uniformierte Bahnpolizisten, von Hals bis Fuß tätowierte Männer, gepiercte und gespickte Jugendliche, Hüte, unter denen geliftete Gesichtsfassaden Schutz suchen.

Julia stößt sich vom kalten Glas der Tür ab. Ich hätte ihm sagen sollen, dass ich als Verkäuferin in einem Kaufhaus arbeite, jetzt allerdings in einer Buchabteilung. Hab gelogen. Und nach seiner Adresse habe ich ihn nicht gefragt.

Akbar zieht noch auf dem Bahnsteig sein Handy aus der Jackentasche. Die Telefonnummer, die er wählt, kennt er auswendig.
Voller Ungeduld schnarrt es durch den Hörer: „ Ja, endlich. Bist du schon in Hamburg? Wir warten auf dich, hier auf dem Hof ist die Hölle los. Wann kommst du in Heide an? Heute morgen noch?“

Ein Regionalzug fährt an Akbar vorbei, Richtung Lübeck.
Ich hätte ihr sagen sollen, dass ich jetzt landwirtschaftlicher Mitarbeiter bin. Ach! Es wäre Blödsinn gewesen, sie wäre ja doch wieder gegangen. Jetzt ist sie Unternehmerin, emanzipiert, eine Frau, die weiß, was sie will.

Julia geht traurig ins Abteil zurück, unter ihren Schuhen kracht eine Pistazienschale. Von ihrem Platz aus sieht sie die Sterne am Himmel verblassen. Sie lösen sich langsam im Morgengrauen auf.
Ein kleiner heller Spalt am Horizont verdrängt die rabenschwarze Nacht.

Anmerkung: 2oooacht ist obige kleine Erzählung entstanden und ich bitte um Großzügigkeit. Ich fühle mich immer wieder etwas unsicher, Eigentexte zu veröffentlichen, denn es gibt so viele wunderbare Erzählungen. Da ich es allerdings schade fände, meine gesamten Texte im Orcus meiner eigenen Dateien verschwinden zu lassen, fasse ich mir ein Herz und veröffentliche mal wieder eine kleine …

Inspirationen gaben mir damals Paul Watzlawick und Friedemann Schulz von Thun. Im Rahmen einer Weiterbildung mussten wir „Kommunikationspsychologie für Führungskräfte“ erarbeiten. Oh, da kommt mir wieder das Kommunikationsquadrat in den Sinn. Oder die innere Pluralität. Oder der Teufelskreis. Das Vier-Schnäbel und Vier-Ohren-Modell. Soooooviel Theorie. Lässt sich wunderbar lesen, aber in der Realität sieht alles wieder anders aus!

Zu den Sternen zwölf Monde: