Traumfänger bei Tag und Nacht

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Komosbeach Südkreta 2013 – Blick über die Bucht von Matala gen Agia Galini

Ich besitze keinen Traumfänger. Aber mir gefällt die Vorstellung, das durch die Löcher des Netzes gute Träume entschlüpfen, währenddessen sich die schlechten Träume im Netz verheddern.
Und bei seinem Gedicht Trottoircafé bei Nacht hat Kästner sich weg geträumt.
Da bleibt mir bei dem heutigen „Dauerniesel-grauindunkelgrau“ auch nur noch das „verreisen“.

Trottoircafé bei Nacht

Hinter sieben Palmenbesen,

die der Wirt im Ausverkauf erstand,

sitzt man und kann seine Zeitung lesen,

und die Kellner lehnen an der Wand.

***

An den Garderobenständern

schaukeln Hüte, und der Abendwind

möchte sie in Obst verändern.

Aber Hüte bleiben, was sie sind.

***

Sterne machen Lichtreklame.

Leider weiß man nicht genau für wen.

Und die Nacht ist keine feine Dame,

sondern lässt uns ihr Gewölbe sehn.

***

In der renommierten Küche

brät der dicke Koch Filet und Fisch.

Und er liefert sämtliche Gerüche

seiner Küche gratis an den Tisch.

***

Wenn man jetzt in einer Wiese

läge, und ein Reh trät aus dem Wald,

seine erste Frage wäre diese:

Kästner, pst! Wie hoch ist ihr Gehalt?“

***

Also bleibt man traurig hocken

und hält Palmen quasi für Natur.

Fliegen setzen sich auf süße Brocken.

Und der Mond ist nur die Rathausuhr.

***

Sieben Palmen wedeln mit den Fächern,

denn auch ihnen wird es langsam heiß.

Und die Nacht sitzt dampfend auf den Dächern.

Und ein Gast bestellt Vanille-Eis.

***
Erich Kästner

Herbst auf der ganzen Linie – Erich Kästner

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Herbst auf der ganzen Linie
von Erich Kästner, 1931

Nun gibt der Herbst dem Wind die Sporen.
Die bunten Laubgardinen wehn.
Die Straßen ähneln Korridoren,
In denen Türen offen stehn.

Das Jahr vergeht in Monatsraten.
Es ist schon wieder fast vorbei.
Und was man tut, sind selten Taten.
Das, was man tut, ist Tuerei.

Es ist, als ob die Sonne scheine,
Sie lässt uns kalt. Sie scheint zum Schein.
Man nimmt den Magen an die Leine.
Er knurrt und will gefüttert sein.

Das Laub verschießt, wird immer gelber,
Nimmt Abschied vom Geäst und sinkt.
Die Erde dreht sich um sich selber.
Man merkt es deutlich, wenn man trinkt.

Wird man denn wirklich nur geboren,
Um, wie die Jahre, zu vergehn?
Die Straßen ähneln Korridoren,
In denen Türen offen stehn.

Die Stunden machen ihre Runde.
Wir folgen ihnen Schritt für Schritt
Und gehen langsam vor die Hunde.
Man führt uns hin! Wir laufen mit.

Man grüßt die Welt mit kalten Mienen.
Das Lächeln ist nicht ernst gemeint.
Es wehen bunte Laubgardinen.
Nun regnet’s gar. Der Himmel weint.

Man ist allein und wird es bleiben.
Ruth ist verreist, und der Verkehr
Beschränkt sich bloß aufs Briefeschreiben.
Die Liebe ist schon lange her!

Das Spiel ist ganz und gar verloren.
Und dennoch wird es weitergehn.
Die Straßen ähneln Korridoren,
In denen Türen offen stehn …