[ südlicher sommer ]

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Südlicher Sommer. Die Reise wird fortgesetzt auf den Pfaden der Welt, quer durch Kontinente, über Meere, entlang mäandernden Flüssen. Vor den Augen gären Worte in der Fremde und beim Versuch, Zeichen und Buchstaben zu entziffern, kristallisieren sich Gedanken, erscheinen alte Erzählungen aus vergangenen Tagen. In diesem hin und her, zwischen drinnen und draußen, verfängt sich der Blick im Vorhang, webt einen Schleier um Erinnerungen, die langsam verblassen.

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Die Ferne von Florian L. Arnold

aus: Philosophischer Kalender 23. Woche – Jean-Paul Satre
[…] Nur ein Sein, das sein Sein zu sein hat, statt es einfach zu sein, kann eine Zukunft haben.

„Die Ferne“ von Florian L. Arnold
erschienen im Mirabilis Verlag 2016

die ferne
ist eine faszinierende vielschichtige Erzählung – sie erinnerte mich beim Lesen an unseren Planeten, an die Erdkruste, die wie „ein Ballett der Kontinente ein vielseitiger Tanz“ ist. Wir leben auf einem dynamischen Planeten, auf dem sich Kontinente verschieben, deren plattentektonischen Prozesse sich auch auf die Evolution auswirken.
Stellen Sie sich ein Erdbeben vor. Nur ein leichtes! Das reicht schon aus. Stellen Sie sich dann die Folgen eines Erdbebens vor, die seismischen Wellen, die sich im Erdinnern ausbreiten, die Erdverschiebungen – bezieht man solche Prozesse auf uns Menschen, dann können Trennungen von Menschen, Trennungen von Zielen oder Orten einem Erdbeben gleich kommen, ebenda einem psychischen Erdbeben.
Erdbeben gehören zu den gewaltigsten Naturkatastrophen, die den Menschen treffen können. Erdbeben kommen wie aus heiterem Himmel, völlig überraschend und mit einer ungeheuren Zerstörungskraft. Mehrere hundert Male bebt die Erde an jedem Tag. Solche Beben sind Beleg für die enormen Kräfte, die im Innern unseres Planeten herrschen und –
– wieder auf den Menschen bezogen- täglich setzen wir uns mit leichteren oder schwereren Beben auseinander.
Unser Gehirn sucht Bindungen zu unseren Mitmenschen, will sie festigen, im Alltag einbauen, auf Trennungen reagiert es ebenso intensiv wie auf körperliche Schmerzen. Loslassen muss gelernt sein. Es ist, wie oben schon angemerkt, ein vielfältiger Tanz zum Festhalten und Loslassen. Und wir lernen es unser ganzes Leben lang. Weggehen bedeutet zurücklassen.
So erschütternd die psychischen Erdbeben des Abschieds sein können, oft fördern sie einen großen Schatz zutage, den wir erkennen „wenn sich die dabei aufgewirbelte Staubwolke wieder gelegt hat“ (Evolutionspsychologe Klinger), Chancen zur Neuordnung stehen im neuen Licht.
Florian L. Arnold verknüpft kunstvoll die Geschichte eines jungen Mannes mit dieser gewaltigsten Naturkatastrophe, die den Menschen treffen kann. Sein Protagonist bricht nach einer durchgemachten menschlichen Tragödie auf, um in Kraterlandschaften unserer Welt in „der Ferne“ Wärme und Licht zu finden. Arnold baut mit ästhethischer Sprache und psychologisch-philosophischem Blick eine besondere Handlung auf, häufig untermalt mit dramatischem Sound.
Insbesondere eignet sich diese Erzählung für Lesehungrige mit Appetit auf künstlerische Textdarstellung und Außergewöhnlichem.
jbs 2tausend16

Der Sand ein Leopard – Parujr Sewak

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(c) jbs 2tausendsechzehn

Der Sand ein Leopard

Ich bin auch der,

Der versteht,

Warum der Sand schweigt und schweigt.

Er denkt zurück an die Sintfluten

Vor Zeiten,

Deren stiller Zeuge er ist.

Und wenn der böse Wind

Mit seinen armen Nerven spielt,

Ihn erinnernd

An seine ruhmreiche Vergangenheit, verloren

Und an seine Gegenwart, nicht zu beneiden,

Wird jäh der Sand ein Leopard,

Zerkratzt

Die frechen Augen des Windes

Und auch die der Menschen.

Und auch die der Menschen,

Wenn sie ihre Vergangenheit vergessen.

 

15.XII.59

Jerewán, Aus dem Zyklus „Leih mir dein Ohr“

Obiges Gedicht ist zitiert aus: „Und sticht in meine Seele“ von Parujr Sewak, Verlag Hans Schiler, Seite 23

Dem Klappentext entnommen:

[…] Mit Empathie und Ehrfurcht betrachtet Sewak die historische Vergangenheit seines Volkes, die sowohl voll Leid als auch ruhmreich ist. Sein größtes lyrisches Werk widmet er der traurigsten Seite Armeniens.

In den Werken des Dichters nimmt jedoch die Liebeslyrik einen außerordentlichen Platz ein. Parujr Sewak erschafft eine ureigene Welt der Liebe, reich an Offenbarungen und Entdeckungen. Er lässt kein Gefühl aus, weder die große Sehnsucht, noch den Schmerz, seine Schlaflosigkeit. Er schätzt sich glücklich zu lieben und zählt doch zugleich die Tage vor dem Wiedersehen. […]

 

Parujr Sewak ( sein ursprünglicher Familienname war Ghasarjan) wurde am 24. Januar 1924 geboren und starb am 17. Juni 1971; er ist heute der beliebteste Dichter Armeniens. (Zitatende)

 

 

 

Erinnerung vertan – Stefán Hördur Grimsson

Erinnerung vertan

Stefan Hördur Grimsson

 

Der Wiederkehrende

ist nie derselbe wie der

der fortging

 

Die Grüßende

ist nie dieselbe wie die

die sich verabschiedete

 

Abenteuer

sind entflammbar

lebendig wie tot

 

Berichte vom Aschenregen

beim Wiedersehen

hat mancher bestätigt gefunden

 

Stefán Hördur Grimsson war ein isländischer Schriftsteller. Er lebte von 1919 bis 2002. Obiges Gedicht wurde von F. Gislason und W. Schiffer übersetzt und ich fand es in einem Postkartenkalender „Fliegende Wörter 2014“, Daedalus Verlag, Münster.

 

Der Kornmesser von Südfall – Ein Märchen aus Uthlande

Dieses kleine Märchen gestattet einen Blick in die wundersame Welt der Uthlande. Es öffnet den Zugang zu dieser einmaligen schönen Landschaft mit ihren mitunter etwas schrulligen und verschroben wirkenden Menschen.

GP - Sonnenuntergang in Dänemark 2007

GP – Sonnenuntergang in Dänemark 2007

Der Kornmesser von Südfall

Dort, wo heute die kleine Hallig als karges Eiland aus dem Meer aufragt, lag vor langen Zeiten das so einst so große und reiche Rungholt. Die Stadt ging in den Fluten der Nordsee unter, erzählt man sich heute noch, wegen ihrer lasterhaften Lebensweise, ihres protzigen Reichtums und weil sie Gott lästerte.

Nun wohnte einmal auf Südfall ein Halligbauer, der als besonders listiger Mann galt. Zudem war er geizig und teilte nur ungern, auch dann nicht, wenn ein einsamer Schiffer an seine Hallig verschlagen wurde. Er nutzte die Abgeschiedenheit seiner Wohnstatt aus und ließ sich für jede Gastlichkeit teuer bezahlen. In seiner kleinen Schankstube verlangte er überhöhte Preise, wenn jemand bei ihm einkehrte. Vielleicht hatte ihm das Schicksal schwere Stunden beschert und aus dem vielleicht einst guten Wesen wurde ein hartherziger Geselle. Er konnte sich manches selbst nicht erklären. So war er über die Jahre schwierig geworden und konnte es nur in der Einsamkeit seiner Hallig aushalten. Nur seine Frau stand alle Jahre treu und tapfer zu ihm.

Eines Tages fand Rasmus, so nannte man ihn, einen Totenschädel im Watt. Den hob er auf und nahm ihn mit auf seine Warft. Zu der Zeit fand man nicht selten Totengebeine in diesem Gebiet. Es waren die untergegangenen Rungholtleute, die das Meer nach und nach freigab. Es wunderte Rasmus aber, dass seine Frau angesichts dieses Schädels inständig flehte, er möge ihn wieder aus dem Haus bringen, dorthin, wo er ihn gefunden habe. Aber Rasmus hörte nicht auf seine Frau, sondern stellte den Totenkopf in ein Regal seines Schankraumes, wo schon allerlei wunderliche Sachen standen. IMG_6173

Es geschah an einem Abend.

Über die See spannte sich die Dämmerung, eine trübe dunkle Nordseedämmerung. Es war die Stunde, in der Ebbe und Flut um die Herrschaft ringen. Ein eigentümliches Zischen und Rieseln stieg aus der schlammigen Tiefe auf und kam seltsam fern und doch nah durch die stille Luft, wurde stärker und lauter. Wie jauchzende Sieger sangen weit draußen die kommenden Wasserwellen. Rasmus saß, wie so oft, allein in seiner Schankstube und dachte nach. Die Türe stand auf und draußen summte ein kläglicher Wind und Rasmus war, als hörte er eine Musik und wußte nicht, wo die wohl herkommen mochte. Da sah er einen fremden Mann auf seine Warft zuschreiten. Der trug einen Schlapphut, war mit einem Wams bekleidet und hatte lange Stulpstiefel an. Auf den Rücken hatte er eine Geige gebunden. Allzu fremdartig schien die Gestalt, so dass Rasmus erschrak, was man von ihm nicht so leicht sagen konnte. In der offenen Tür blieb der Fremde stehen, grüßte nicht, nahm aber seine Geige, fing darauf zu spielen an und sang dazu das Lied, welches so anfängt:

O wüster Sünder, denkst du nicht,

was dein verruchtes Leben

an einem großen Weltgericht

für Lohn dir werde geben.

Rasmus war vor Angst gelähmt, als der Fremde auf den Totenschädel zuging, ihn nahm, auf den Tisch stellte und sich ihm gegenüber setzte, von Angesicht zu Angesicht.

Ich bin gekommen, Bruder“, sagte der Fremde, „dir deine bösen Gedanken zu vertreiben und um dich zu erlösen, denn du hast mich gefunden und ich will es dir lohnen.“

Durch die Musik und das Spielen des Liedes war die Frau hellhörig geworden und in den Schankraum geeilt, wo der Fremde anfing zu erzählen:

In dem alten Rungholt lebten einst zwei Brüder. Der Ältere war ein guter Rechner und der andere ein Musikant. Den Rechner stellte der Rat von Rungholt ein als Kornmesser, doch den Jüngeren wollte man nicht haben, weil seine Musik eine fromme war und seine Weisen so her und lieblich, als wenn die Engel im Himmel selber die Spielleute wären. Eine solche Musik passte nicht in das alte Rungholt, wo mehr geflucht und getrunken und in den Schänken Gassenhauer gespielt wurden. Der Musikant beschloss deshalb, seine Heimatstadt zu verlassen und sein Glück bei Hofe des Herzogs zu suchen, wo ein gesellschaftliches Treiben war und feinsinnige, kulturbeflissene Menschen lebten. Er nahm deshalb seine Geige und seinen Stock und ging auch alsbald. Sein älterer Bruder gab ihm noch ein Stück des Weges das Geleit. Als man nun bei Fedderingmann Capell vel Riep gekommen war, wo ein Fährmann über das Fallstief setzen musste, nahmen sie voeinander Abschied. Der Jüngere gab dem Älteren die Hand und sagte: „ Bruder, wir werden uns in dieser Welt nicht mehr sehen. Aber einst zu deinem Begräbnis werde ich kommen. Lass mich dann nur Gutes von dir hören.“

So schieden sie voneinander. 

Alte Buhnen

Alte Buhnen

Es schien aber, als sei ein guter Engel von dem Älteren gewichen, denn der begann sie alle zu betrügen, den Rat von Rungholt, die Reeder und Schiffer und auch das Volk. Er maß mit falschen Gewichten und wurde heimlich ein reicher Mann. Das ging viele Jahre gut und niemand merkte etwas. Der Kornmesser war geschickt in seinem Tun und führte nach außen ein untadeliges Leben im gegensatz zu vielen anderen Rungholtern.

Nach guten Jahren kommen schlechte, und eine große Teuerung überfiel das Land. Die Schiffe der Hanse blieben aus und der blanke Hans nagte immer wieder an den Deichen. Der Kornmesser lieh Geld in der ganzen Gegend und die Leute wurden ihm schuldig. Da mochten die Schuldner kommen, denen er in teureneiten einen Vorschuss geleistet hatte. Er kannte kein Erbarmen, so sehr sie auch bettelten und er kannte wenig Geduld mit denen, die zinsfällig wurden. Einigen ließ er die einzige Kuh aus dem Stall holen und anderen die Schiffe an die Kette legen. Manchen trieb es fort ins Elend und die Leute meinten, es würden ihrer und ihrer Kinder Tränen ihm noch auf seiner Seele brennen. Sie würden ablaufen wie das Regenwasser von einem Ziegeldach.

Freunde hatte dieser Mann keine. Aber er war mächtig und selbst der Rungholter Rat vermochte nichts gegen ihn auszurichten. Seine Advokaten waren mit allen Wassern gewaschen. Man seufzte über seine Hartherzigkeit und betete zu Gott, er möge sie von ihrem Übel erlösen.

In einer Nacht hörte man ihn dann fürchterlich schreien in seinem Hause, und am Morgen lag er tot im Bett, das ganze Gesicht blau unterlaufen. Beweint hat ihn niemand.

Auf seiner Beerdigung ging es dann auch seltsam zu. Wie man den Sarg ins Grab lässt, kam ein Fremder gegangen, drängte sich durch die Menge der Schaulustigen und warf drei Handvoll Erde auf den Sarg. Er war der einzige, der nasse Augen hatte. Das war der Bruder, der alt geworden war und auch grau. Seine Geige hatte überhängen wie früher. Als das Grab fertig war, steckte er das Kreuz darauf und ging mit den Leuten fort vom Friedhof. Dann hörte er ein böses Gerücht und alle Schlechtigkeiten, die sein Bruder zu Lebzeiten verübt hatte. Das ging ihm sehr zu Herzen. Wie er genug und übergenug gehört hatte, wanderte er zu dem Ort, wo er seinen Bruder noch einmal weichmütig gesehen hatte und mit guten Vorsätzen.

Der Fährmann am Fallstief war alt geworden, so alt, dass er seine Jahre zählen konnte. Er siechte dahin. Der Geiger pflegte ihn. Man hörte ihn singen und spielen, jeden Morgen und jeden Abend.

Der Kornmesser aber, so sagt man, konnte im Grab keine Ruhe finden. Auf dem Speicher maß er oft ganze Nächte hindurch das Korn. Immer und immer wieder. Er kehrte zusammen und hob die Säcke an. Einmal waren Leute auf dem Dachboden und redeten von ihm. Plötzlich war er da und die Leute rannten eilig die Treppe hinab und einer brach sich ein Bein.

Später kam eine große Sintflut. Ein Sturm war gewachsen und die Flut ging viele Ellen über die Deiche. Alles Land wurde überschwemmt. Das Meer riss Rungholt mit sich fort und sieben Kirchspiele, auch den Hafen Niedamm und Fedderingmann Capell vel Riep. Viele, viele Menschen fanden den nassen Tod, auch der Geiger in dem Fährhause.

Das Meer gibt und nimmt. Jahrhunderte später entstand die heutige kleine Hallig Südfall. Sie musste sich opfern, damit Rungholt darunter lebt. Man fand Töpfe und Gebeine, metallene Becken und eiserne Schwerter. An manchen windstillen Tagen hörte man in der Ferne eine leise Musik zum Läuten der Glocken in der Tiefe.“

Dem Rasmus war, als hätte er geträumt. Als er sich die Augen rieb, verschwand der Fremde so plötzlich im Dunst des Watts wie er aufgetaucht war. Der schiefergraue Schlick wurde schon blank. An einigen Stellen blinkerten große Wasserlachen, die langsam größer und größer wurden.

Von diesem Tage an war der Halligbauer Rasmus ein anderer Mensch geworden. Er war großzügig und hilfsbereit. Seine Mitmenschen konnten sich die Veränderung seines Wesens nicht erklären. Er wilderte nicht mehr im Watt, schlug keine Seehundbabys tot und verkaufte keine Felle mehr. Jeder wurde freundlich und gastlich bei ihm aufgenommen. 

Südfall - Georg Kullik

Südfall – Georg Kullik

Den Totenschädel nahm er und brachte ihn dahin zurück, wo er ihn gefunden hatte. Noch viele Jahre lebte er auf Südfall. Eines Abends aber wurde er auf dem Rückweg zu seiner Hallig mit seinem Gespann von der Flut überrascht. Er war versehentlich auf ein falsches Licht zugefahren. Die Pferde hat er noch ausgespannt. Man fand sie am nächsten Tag grasend am Deich. Rasmus aber folgte seinem Bruder in das nasse Element und in die Ewigkeit.

vogelkönigaus: „Der Vogelkönig von Beenshallig ein Wattenmärchen und andere Geschichten“ von Georg Kullik neu und anders erzählt. Verlag Dieter Broschat, Nordstrand und Hohenwestedt, 1990, Seite 37 -41.

Hinter der Wand das Meer – Eine Erzählung

Manuskriptauszug einer meiner Schreibwerkstatt-Erzählungen:

Hinter der Wand das Meer“ von 2013.

Über ein Feedback würde ich mich sehr freuen. Ich benötige zum Weiterschreiben einen Motivationsschub, sozusagen. Und ich bitte um Großzügigkeit, ob des literarischen Anspruchs des Textes. Er ist ein Baustein aus einer längeren Erzählung.

Sodann habe ich noch eine Bitte: wenn ein Feedback, dann konstruktiv.

Und … Es gilt das Urheberrecht!

Vielen Dank!

Manuskript/ Arbeitstitel: „Hinter der Wand das Meer“

Schon Schweigen ist Betrug,
genug kann nie genügen.“

Konstanin Wecker

Humska Biska auf Matko

Noch herrschte Halbdunkel im Land.

Dem Priester gefiel dies. Er stand am Ende des Dorfes und wartete. Seine Gedanken wiegten sich sanft im Rhythmus der nahenden Gemeinde, einer wogenden Welt aus schwarzen Tüchern. Sie kommen, dachte er, sie kommen, meinem, Seinem Licht aus dem Dunkel entgegen! Für einen kurzen Moment legte er seinen Kopf dankbar in den Nacken.

Langsam bewegten sie sich. Still trauernd. Und die Kirchenglocken klagten monoton – bam-bam-bam – Richtung Friedhof. Über nackten Fußknöcheln scheuerte der Talar des Priesters den Boden. Staubschwaden wirbelten, nahmen zögernd auf geweihten Füßen Platz. 

Bevor schmale Korridore, bunte Kunstblumen, Schwarz-weiß-Portraits und Metallkreuze alle Trauergäste verschluckten, stampften sie ihre Zigaretten aus. Einen Atemzug lang glimmten rote Spitzen auf, ein letztes Aufbäumen, dann lagen sie neben ungezählt anderen auf dem Vorplatz. Vor brüchiger Mauer. Unter meterhohen Zypressen. Hinter der Umfassung hatte sich noch nie jemand getraut, zu qualmen. Stattdessen waberten Weihrauchdünste in dicken Nebelschwaden über die Köpfe der Ankömmlinge. 

Man spürte einen böigen Wind, den Bora, der kalt aus dem Osten nach Istrien herüber wehte. Er zerrte an Kappen, Röcken und dem Weihrauchdunst. Die Frauen knoteten ihre Kopftücher fester. Ihre ernsten Gesichter blickten anklagend. Sie wussten, dass der alte Matko, den sie zu Grabe trugen, noch unter ihnen leben könnte. Zwischen Küchentisch und Fenster hatte er gelegen. Tomislav, ein Freund aus seinen alten Tagen, hatte ihn gefunden. Tot. Brot und Käse hatte Tomislav wieder mit nach Hause genommen, aber niemand aus seiner Familie mochte davon essen. Später brachte Tomislav die Nachricht aus der Pathologie mit: man sprach von Tod durch eine Überdosis Insulin. Matko war aber kein Diabetiker. Ein alter Steinbeisser war er und kerngesund.

Immobilienhaie, alles Verbrecher! Verreckt auf der Stelle!“ schimpfte Tomislav.

Er zog seine Mütze tiefer in die Stirn, schnäuzte lautstark und setzte zum Spucken an. Bozidar, sein Schwager, der hinter ihm ging, boxte ihm hart ins Kreuz. Tomislav verschluckte den Schleimbrocken widerwillig und herrschte Bozidar an:Alter Aufpasser! Du!“ Bozidar’s Augen blitzten zurück und ein zweiter Boxhieb in die Hüfte erinnerte Tomislav an den Ort, an dem sie sich befanden.

Es war eine kleine Prozession von Priester, Messdienern und Sargträgern, die ihren Weg Richtung ausgehobenes Grab aufnahmen. Dorfbewohner rückten auf und eine fremde junge Frau, deren Gesichtszüge Mitgefühl ausdrückten, schloss sich dem Trauerzug an. Neugierig drängelte sich Nada, Tomislav’s achtjährige Enkelin, vor. Sie wollte wissen, wer die Fremde war und wieso ist sie dort war. Aber bevor sie fragen konnte, verschwand die Unbekannte mit dem roten Zopf urplötzlich aus ihrem Blickfeld. Nach ein paar Minuten entdeckte Nada sie jedoch wieder. Jetzt baumelten ein Paar alte staubig braune Damenschuhe, sogenannte Schnürer, die das Aussehen verschrumpelter Kartoffeln hatten, sowie ein Paket gelblich verblichener Zeitungen und – und eine stattliche Salatgurke  in deren Händen.

Nada beobachtete, wie die rote Zora, Nada hatte sie blitzschnell auf diesen Namen getauft, immer wieder schluckte und sie fragte sich, was die Frau mit diesen merkwürdigen Utensilien auf ihrem Friedhof zu suchen hatte. Blumen, so hatte Nada gelernt, Briefe, Ringe, all das legten Angehörige, Freunde oder Bekannte mit in ein Grab. Aber alte Schuhe? Alte Zeitungen? Eine Gurke? Nada fixierte die Frau mit dem roten Zopf noch neugieriger, beschloss, sie nicht aus den Augen zu lassen. Sie wagte kaum, Ihre Gedanken weiter zu denken. Welch ein Frevel!

Sie wird doch wohl nicht? Das Grab ist doch kein Mülleimer!

Nada zog ihren kleinen Faltenrock über ihre schmalen Hüften höher und stellte sich auf Zehenspitzen, um den Dorfpriester aus ihrer Reihe besser sehen zu können.

Die Träger hielten. Nickten dem Geistlichen zu, der beide Arme hob, als Zeichen, das Weihrauchschwenken zu beenden und rief seinen Segen der schwarzen Menge entgegen. Der Sarg senkte sich in die Tiefe und als erste Blumen ins Grab fielen, wachte die Rote auf. Sie warf mit anfänglichem zögern den Packen Zeitungen, dann die Schuhe und schließlich die Gurke auf den Sarg. Empörtes Raunen löste das Klagen ab.

Sie drehte sich danach abrupt um, achtete nicht weiter auf Trauergäste und -feier und schlenderte an das andere Ende des Friedhofes. Setzte sich mit dem Rücken an eine der Marmorgrabplatten und drehte sich über „Drago Kumicic“ eine Zigarette. Und rauchte!

Nada würde sich noch Jahre später an diese sonderbare Verabschiedung erinnern.

Während sich die Trauergemeinde verabschiedete, vernahm man hier und da schon wieder ein verstecktes Lachen. Auch immer lauter werdendes Gezeter der Frauen. Die Rothaarige verstand nicht, was auf kroatisch geschimpft wurde und verstand es doch.

Von der Straße tönte plötzlich ein altersschwacher Motor herüber, in dessen Geruckel Nada jaulte:

Ach lieber Deda, lieber Opa, ich will nicht heim laufen. Ich will mit euch faaahren.“

Du gehst mit den Weibsleuten, Nada. Der alte Bozi und ich müssen reden. Männersachen. Basta!“

Männersachen. Ja! Männersachen! Vom Matko, deinem Deda, und mir. Und der verdammten Ustascha,“ zischelte Bozidar zwischen den Lippen hervor, zog verbittert an der Filterlosen, die er zwischen Daumen und Zeigefinger quetschte, als wolle er einer vollgesogenen Zecke das Genick brechen.

Und diesmal nicht draußen, zwischen all‘ den Urlaubern in der Konoba, hörst du, Tomi, sondern bei mir im Garten. Der Zahnlose, den kennste sicher, den Schnapsbrenner aus Hum, der hatte beim letzten Besuch Humska Biska zurückgelassen. Mit dem stoßen wir jetzt auf Matko an!“

Tomislav kletterte umständlich in seinen roten Zastava. Bozidar drehte sich noch einmal um. Polternd schlug rotbraune Erde auf den Sarg. Vier Friedhofswärter beeilten sich. Füllten im Takt die Grube. Und Nada trat mit den anderen mürrisch den Heimweg zu Fuß an.

Da mi! Ja, das machen wir!“

Bozidar leckte sich die Lippen, schnalzte mit der Zunge und versuchte mit einem Rest jugendlichem Elans neben Tomsilav Platz zu nehmen. Ächzend erinnerte nicht nur das Gefährt an seine Jahre. Tomislav gab Gas und mit dem rostigen serbischen Yugo aus dem letzten Jahrhundert knatterten zwei Alte in ihre Vergangenheit Richtung Humska Biska.

Gute Zeit fällt nicht vom Himmel

Ihr entsetzter Schrei ging Professor Katičić durch Mark und Bein. Wie eine Axt schlug dieser Ton in seinem Schädel ein.

Vierundvierzig!

Neunzehnhundertvierundvierzig.
Kurz vor Kriegsende hatte er selbst einen ähnlichen Schrei losgelassen.

Rasend vor Angst.

Rasend vor Zorn.

Ohnmächtig.

Hasserfüllt.

Durch die gekippten Hörsaal-Fenster nahm Professor Katičić die gegenüberliegenden Häuser kaum wahr. Der Sommer klebte heiß und gelb an den Wänden. Unterhalb verschlossener Läden quälte sich farbloser Smog aus Tunnelschächten ins Tageslicht. Katičićs Brust hob und senkte sich. Ein Blasebalg, der die Glut durch gezielte Luftstöße am Leben erhält.

Eine Tram schlingerte unsicher auf heißen Gleisen über wabernden Asphalt an der Dreisam vorbei, an der, im Schatten grüner Weiden, schwitzende Eltern saßen und der Leichtigkeit ihrer spielenden Kinder am Fluss zusahen.

Es war Nacht. Hoch oben auf einem Bergkegel stand er und schrie. Regen klatschte vom Himmel und warf sich über ihn. Eiskalter Wintersturm trieb herabstürzendes Wasser vor sich her. Ungeschützt schlug ihm das Nass durch seine durchlöcherte Kleidung auf den verletzten Körper und ins Gesicht. Er hatte seit Tagen nichts mehr gegessen, nicht geschlafen, er hatte sich krank gemeldet. Sie hatten ihn für drei Tage beurlaubt. Er wollte die Zeit nutzen, um über Koper via Triest in die Schweiz zu fliehen. Irgendwie. Nur nicht zurück in die Vojvodina. Den Begriff Sremski Front verbannte er für Jahre aus seinem Gedächtnis.

Und dort stand er, schrie, weil er gesehen hatte, was er hätte nie sehen dürfen.

Später, viel später las er zu den Foibe Massakern bei einem Überlebenden:

Dann nahm ein großer Mann einen Draht und begann je zwei und zwei zusammenzubinden, in dem er den Draht fest um unsere Handgelenke zog. Das Schicksal war vorgezeichnet, und es blieb nur eine Möglichkeit zu entkommen: mich in den Abgrund zu werfen, bevor mich die Kugel traf … Ich fiel auf einen hervorstehenden Ast. Ich konnte nichts sehen, andere Körper fielen auf mich. Es gelang mir, die Hände aus dem Eisendraht zu befreien, und ich begann hinaufzuklettern.“

Professor Katičić, Herr Professor!“ Einer seiner Studenten war nach vorne ans Rednerpult gehechtet. Der alte Katičić war sekundenschnell in sich zusammengesackt. Sein Satz: „ Typisch istrianisch oder besser gesagt authentisch für die Region ist keine der drei offiziellen Sprachen. Sie wurden mehr oder weniger von ‚oben‘ durch die Regierung und das Schulsystem eingeführt und in den ‚drei Istrien‘, die durch willkürliche Grenzziehung der jüngeren Geschichte erschaffen wurden, durchgese … .“ Hier wurden seine Ausführungen jäh durch Alisa’s Schrei unterbrochen. Er fiel.

Gleißendes Sonnenlicht flutete die Szene. Stephan ( Anm. Student im Hörsaal) beobachtete, wie ein Kommilitone ans Waschbecken spurtete und den Wasserhahn viel zu weit aufdrehte. Voller Wucht prallte der Strahl ins Becken, sprang außer Rand und Band in den Hörsaal, die Umgebung wässernd. Mit feuchtem Handtuch rutschte der Student auf dem durchgewetztem Parkett zurück zu Katičić, drückte ihm dieses auf die Stirn, betupfte Wangen und Mund und rief: „Herr Professor?! Ist alles in Ordnung mit ihnen?“

Stephan verfolgte mit verwunderten Augen das Geschehen. Was soll das jetzt werden, dachte er für sich. Und das alles wegen einer Spinne, einer erst gechillten und dann hysterischen Lady und einem überdrehten Schrei. Er drehte sich um. Zog sein Handy aus der Tasche, loggte sich bei Facebook ein, schrieb als Statusmeldung: „Zickenalarm!!!!!“ und versank in den Kommentaren ungezählter User.

Ist alles wieder gut, mein Gott, danke ihnen, und vorsichtig, mein Hemdkragen,“ zitternd nahm der Professor das Tuch in die Hand, setzte sich und überlegte, ob es nicht besser wäre, in seinem Alter ab jetzt grundsätzlich alle Gastvorlesungen abzusagen.

Hinter der Wand das Meer

Am Handgelenk fehlte die Zeit und der Schrank war ein Koffer.

Auf nackten Sohlen trippelte Alisa Richtung Felsstrand. Über weiß getünchte Steinplatten durch einen Hohlweg zum Meer, knappe fünf Minuten hangabwärts. Meterhohe Granatapfelbäume und füllige Dattelpalmen bildeten eine Säulenhalle. Und hinter dieser mediterranen Arkade schlummerten junge flachdachige ockerfarbene Häuser inmitten südlichen Charmes. Alles Neubauten. Wenig später klapperten von den Terrassen Bestecke, Teller und Tassen. Unrasierte Männer schlurften, aus halb geöffneten Augen blinzelnd, in ihren bunten Flip Flops Richtung Markt, um Kruh, das landestypische kroatische Brot, zum Frühstück einzukaufen. Kleine Kinder jaulten wie junge Katzenbabys um die Wette nach ihren Müttern und Milch. Erste Streitigkeiten der größeren Geschwister zersägten die Luft, wer an diesem Tag zuerst die Luftmatratze zum Wellenreiten benutzen darf oder wo die Kescher für die Seeigel wieder liegen geblieben wären.

Es war Urlaubszeit.

Inselzeit.

Aber noch schliefen hinter den herabgelassenen staubigen Jalousien alltagsmüde Geister. Alisa genoss den stillen Beginn des neuen Tages. Ihr rotes Haar leuchtete mit der Sonne um die Wette.

Matko saß wie jeden Morgen auf einer morschen Holzbank hinter seinem Haus und lauschte nach Zischelwinden. Sie fielen vom Dachrand, streichelten und kühlten seine Gesichtsfalten. Seit fünf Tagen bot sich Alisa das gleiche Bild. Ein Greis, umgeben von blühenden Oleanderbüschen und Zypressen. Im dichten Geäst plauderten Grasmücken im raschen Tempo ihre kurzen Strophen. Zusammengerollt träumte ein rotgestreifter Kater auf hartem Lehm und flinke grüne Eidechsen jagten von Zeit zu Zeit zarten Sonnenblitzen auf schon gewärmter Steinmauer nach. Matko saß bewegungslos. Sein Blick spähte geradeaus, über Tomaten- und Paprikastauden Richtung offenes Meer. Vielleicht wollte er den Horizont wiederfinden, der seit jeher in den türkisblauen Farben der Adria und des Himmels ertrank. Zumindest in den Sommermonaten, denn in dieser Zeit fiel so gut wie nie ein Tropfen Regen und der Himmel blieb klar.

Alisa grüßte den Alten winkend, obwohl sie sich nicht sicher war, ob er sie überhaupt wahrnahm. Der kurze Moment des Hinüberschauens erweckten in ihr Erinnerungen. Genau der gleiche silberne Haarkranz wie beim betagten Großvater. Nur er hier, er hatte längeres Haar. Wie schön der Wind damit spielt, dachte Alisa.

Kommen Sie doch rüber in den Garten!“ Matko hatte den Kopf gehoben, in ihre Richtung gedreht und kurz gelächelt.

Alisa drehte sich zögernd um. Suchend schaute sie den Hohlweg auf und ab, aber außer ihr war niemand auf der Gasse. Ja, er hatte sie gemeint. Ganz bestimmt sogar, denn jetzt stand er vor der Bank und sein Blick tastete sich hinaus aus seinem Gärtchen, direkt in ihr Gesicht hinein.

Dort,“ rief er ihr zu, „dort unten ist das Gartentor, hinter dem Oleander.“

Alisa drückte fest gegen das verrostete Gestänge. Quietschend ließ sich das Türgestell öffnen und schon stand sie in einer anderen Welt. In einer anderen Zeit. Und zum Wundern, warum er sie auf deutscher Sprache angesprochen hatte, kam sie gar nicht.

Die Insel ist viel lustiger geworden, seitdem Touristen sie bevölkern,“ finden sie nicht?“ Matko lachte leise. Trotzdem lag ein Hauch Bitterkeit um seine Mundwinkel. Er öffnete die Lippen ein wenig und während er sich ein Stück Gurke hineinschob, lachte er wieder und sagte dabei: „Krastavac!“

Krasta was?“ Alisa rümpfte ihre Nase und sah aus seiner Mundhöhle ruinöse Überbleibsel eines Gebisses, welches in jungen Jahren vielleicht einmal wie Elfenbein geleuchtet hatte .

Und trotzdem, ganz ehrlich,“ sinnierte Matko, „leben kann man hier eigentlich nicht mehr. Man ist völlig allein inmitten tausender Menschen. Und das ganze Land – ein Trugbild.“

Er muss als junger Mann stattlich gewesen sein. Seine Sandalen haben mindestens Größe fünfundvierzig, beobachtete Alisa.

Gurke! Krastavac heißt Gurke! Möchten sie ein Stück? Erfrischt!“

Und bevor sie antworten konnte, zeigte Matko auf ihre nackten Füße und meinte: „Meine Frau, also meine verstorbene Frau, Oljia hieß sie, war Lehrerin, müssen Sie wissen, ging den weiten Weg von hier zur Schule immer barfuß, um ihre Schuhe zu schonen. Erst vor der Schule zog sie sie wieder an, denn eine Lehrerin hat doch keine Autorität vor ihrer Klasse, wenn sie barfuß dastehen würde, erklärte mir Oljia immer wieder. Und jung, viel zu jung für dieses Beruf war sie.“

Matko schluckte. Den harten Rest der Gurkenschale spuckte er in hohem Bogen Richtung Paprikastaude.

Neunzehn! Neunzehn Jahre alt! Aber den Jungkommunisten, denen war alles egal. Sie habe ab sofort über achtzig Kinder zu unterrichten und Basta! Ja, der Krieg! Da waren Erinnerungen noch frisch und die Wunden nicht verheilt. Und der Josip Broz, der Tito, der hatte damals viel vor mit unserem Land.“

Matko holte Luft. Seine Augen, von der Sonne geblendet, blinzelten. Die letzten Reste der Gurke schnippte er auf den Boden und wie aus dem Nichts stürzten sich rostbraune Hühner laut gackernd auf das unerwartete Frühstück.

Hätte sie Widerspruch leisten sollen? Unmöglich! Zatvor! Gefängnis, Arbeitslager! Dann lieber jeden Morgen sieben Kilometer barfuß in die Stadt reinlaufen und nachmittags wieder zurück.“

Schatten legten sich eine Atempause lang über die plötzlich entzauberte Stimmung und Alisa suchte nach dem Urheber eines Geräusches in der Luft. Croatia prangte auf dem Rumpf des Brummers, eines Airbusses, der den Mittelpunkt ihrer Insel Richtung Split kreuzte. Kaum gelandet, werden hektische Reisende die Flugzeugtreppe hinabströmen, um schnellstmöglich die Gepäckausgabe zu erreichen. Urlaub All inclusiv! Alisa wurde sich bewusst, dass auch sie zu dieser Masse gehörte.

Das,“ legte Matko unerwartet wieder los, „das ist auch etwas, an das ich mich nie gewöhnen werde. Diese Flieger! Erst pirschen sie sich lautlos an. Kaum sind sie dort hinter dem Hügel verschwunden, lassen sie ihren Krach zurück. Und meine Oljia zitterte jedesmal wie Espenlaub. Erinnerungen. Immer wieder diese Erinnerungen! Die ließen ihr nie Ruhe. Nagten und kratzten und höhlten! Oh oh!“ verbittert fluchte der Greis, „diese ubojica! Mitten im grauen Karst, auf dem Rückweg von der Schule, vorbei an Brandungen gelben Ginsters, lauerten sie sie auf. Vier! Vier tanji pas. Hinterhältige Hunde! Mörder!“

Als Matko weiterspricht, hat er Tränen in den Augen. „Vier ausgehungerte Ustascha-Flüchtlinge lauerten meine Oljia in der Nähe einer Rattenlinie auf und stürzten sich auf sie. Sie hatte keine Chance. Dieser Tag veränderte ihr Leben. Unser Leben.“

Matko schluckte. Schluckte ein zweites Mal. Sein Adamsapfel inmitten des dürren Halses hüpfte auf und ab.

Aber wie komme ich nur darauf, ihnen das alles zu erzählen?“ schüttelte er verwundert seinen Kopf, „dabei wollte ich nur fragen, ob sie hier allein im Urlaub sind. Ich sehe immer nur sie. Und barfuß laufen. Da musste ich an meine Oljia denken. Und das sie keine Kinder mehr bekommen konnte. Und da wollte ich sie fragen, ob sie Tomaten und Paprika brauchen könnten. Ich hab‘ zuviel davon. Und eben keine Kinder.“

Alisa’s sonst so frischer Jungmädchenblick hatte sich während des Zuhörens getrübt. Überall, dachte sie, überall sitzen alte Matkos und warten. Warten auf ihre Oljias, dass sie sie holen kommen. Sie legte ihren Kopf schräg.

Flüsternd erklärte sie ihm, dass sie sich jetzt sputen müsse. Sie wolle noch schwimmen und ihr Freund, der würde auf sie warten. Mit dem Frühstück. Und das Gemüse. Ja, das würde sie gerne holen. Später.

Nur durch dieses Gartentor, dachte sie, und du bist mit deiner Zeitmaschine wieder im einundzwanzigsten Jahrhundert.

Quietschend fiel das Gartentor in das Schloss zurück, Alisa drehte sich noch einmal um.

Zbogom!“

Aber Matko hörte nichts mehr. Er saß wieder bewegungslos. Starrte auf die gegenüberliegende Hauswand, die ihm seit einigen Monaten den Blick auf das offene Meer versperrte. Irrisierendes Sonnenlicht zauberte ihm ein Kulissenspiel an einen großen Neubau. Das Adriablau verschwand hinter den Mauern im Meer.

Endlich erreichte Alisa das Ufer. Mittlerweile waren erste Kinder eingetroffen. Aufgeregt hantierten sie mit ihren Fangnetzen, um stachelbesetzte Seeigel herauszuklauben. Der Fang am frühen Morgen war erfolgsversprechend. Wohlgeformte runde Stachelhäuter pumpten um ihr Leben. Chance zum Überleben auf den heißen Steinen hatten sie nicht und minütlich kamen Neue hinzu. Fette Beute für den Kindernachwuchs.

Erhöht stand Alisa auf einem kantigen Felsen mit Blick auf das Wasser. Unter ihr eilten zitternde Lichtreflexe auf sie zu. Ehe du dich versiehst, dachte Alisa, ehe du dich versiehst ist das Spiel beendet. Und der andere, der wartet auf ein Wunder.

Sie wagte einen Hechtsprung. Weg vom Ufer, weg von nach Leben pumpenden

Seeigeln, weg vom alten Matko. Weg von Fred. Und während sie ihre Runden zwischen geankerten Kähnen und Yachten schwamm, klarten sich ihre Gedanken

wieder auf. Sie erkannte das Ferienhaus, wie es sich an den Hang schmiegte, zwischen den Neubauten, und wie der gelbe Sonnenschirm auf ihrem Balkon sein Leinen in die Luft streckte.

Als müde Urlauber ihre Jalousien hochzogen, verschlafene Gesichter an Balustraden standen, um erste Zigaretten zu drehen, führte der alte Weg sie zurück, vorbei an Matko, der immer noch träumte.

Hinter der Wand.

Das Meer.

© janette bürkle 2013

„Tage der Nemesis“

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Bildquelle: NDR.de
https://www.ndr.de/kultur/buch/tipps/Martin-von-Arndt-Tage-der-Nemesis-,tagedernemesis102.html

„Weltweit wird dieser Tage des Völkermordes an den Armeniern vor 100 Jahren gedacht. Der 24. April 1915 gilt als Auftakt des Genozids. Damals begannen in Konstantinopel staatlich angeordnete Deportationen.

Wie viele Menschen in den folgenden Monaten auf Todesmärschen und Massenerschießungen ums Leben kamen, ist nicht abschließend geklärt. Schätzungen gehen von 800.000 bis 1,5 Millionen aus. Der deutsch-ungarische Schriftsteller Martin von Arndt hat den Völkermord an den Armeniern und einige seiner Nachwirkungen in einem historischen Kriminalroman verarbeitet. „Tage der Nemesis“ heißt das Buch.“ NDR 21.04.2015

An für sich müsste sich der Verlag sowie ungezählt viele Pressestimmen zu dem Buch „Tage der Nemesis“ von Martin von Arndt äußern. Jedoch, wohin ich schaue, (fast) nichts ist in den Medien von diesem hochinteressanten, spannendem und gut recherchiertem Buch zu lesen.
Eine Stelle habe ich dann doch noch gefunden und zwar vom NDR.
Wer als Ergänzung zu Franz Werfels Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ Lektüre zum Armenienthema sucht, sei „Tage der Nemesis“ warm empfohlen.

Eine sehr gute Rezension von Lothar Struck auf „Glanz und Elend“

http://www.glanzundelend.de/…/martin-von-arndt-nemesis.htm

Ein wunderschön nachdenkliches musikalisches Stück. Inspiration mein älterer Sohn: