[ südlicher sommer ]

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Südlicher Sommer. Die Reise wird fortgesetzt auf den Pfaden der Welt, quer durch Kontinente, über Meere, entlang mäandernden Flüssen. Vor den Augen gären Worte in der Fremde und beim Versuch, Zeichen und Buchstaben zu entziffern, kristallisieren sich Gedanken, erscheinen alte Erzählungen aus vergangenen Tagen. In diesem hin und her, zwischen drinnen und draußen, verfängt sich der Blick im Vorhang, webt einen Schleier um Erinnerungen, die langsam verblassen.

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Die Ferne von Florian L. Arnold

aus: Philosophischer Kalender 23. Woche – Jean-Paul Satre
[…] Nur ein Sein, das sein Sein zu sein hat, statt es einfach zu sein, kann eine Zukunft haben.

„Die Ferne“ von Florian L. Arnold
erschienen im Mirabilis Verlag 2016

die ferne
ist eine faszinierende vielschichtige Erzählung – sie erinnerte mich beim Lesen an unseren Planeten, an die Erdkruste, die wie „ein Ballett der Kontinente ein vielseitiger Tanz“ ist. Wir leben auf einem dynamischen Planeten, auf dem sich Kontinente verschieben, deren plattentektonischen Prozesse sich auch auf die Evolution auswirken.
Stellen Sie sich ein Erdbeben vor. Nur ein leichtes! Das reicht schon aus. Stellen Sie sich dann die Folgen eines Erdbebens vor, die seismischen Wellen, die sich im Erdinnern ausbreiten, die Erdverschiebungen – bezieht man solche Prozesse auf uns Menschen, dann können Trennungen von Menschen, Trennungen von Zielen oder Orten einem Erdbeben gleich kommen, ebenda einem psychischen Erdbeben.
Erdbeben gehören zu den gewaltigsten Naturkatastrophen, die den Menschen treffen können. Erdbeben kommen wie aus heiterem Himmel, völlig überraschend und mit einer ungeheuren Zerstörungskraft. Mehrere hundert Male bebt die Erde an jedem Tag. Solche Beben sind Beleg für die enormen Kräfte, die im Innern unseres Planeten herrschen und –
– wieder auf den Menschen bezogen- täglich setzen wir uns mit leichteren oder schwereren Beben auseinander.
Unser Gehirn sucht Bindungen zu unseren Mitmenschen, will sie festigen, im Alltag einbauen, auf Trennungen reagiert es ebenso intensiv wie auf körperliche Schmerzen. Loslassen muss gelernt sein. Es ist, wie oben schon angemerkt, ein vielfältiger Tanz zum Festhalten und Loslassen. Und wir lernen es unser ganzes Leben lang. Weggehen bedeutet zurücklassen.
So erschütternd die psychischen Erdbeben des Abschieds sein können, oft fördern sie einen großen Schatz zutage, den wir erkennen „wenn sich die dabei aufgewirbelte Staubwolke wieder gelegt hat“ (Evolutionspsychologe Klinger), Chancen zur Neuordnung stehen im neuen Licht.
Florian L. Arnold verknüpft kunstvoll die Geschichte eines jungen Mannes mit dieser gewaltigsten Naturkatastrophe, die den Menschen treffen kann. Sein Protagonist bricht nach einer durchgemachten menschlichen Tragödie auf, um in Kraterlandschaften unserer Welt in „der Ferne“ Wärme und Licht zu finden. Arnold baut mit ästhethischer Sprache und psychologisch-philosophischem Blick eine besondere Handlung auf, häufig untermalt mit dramatischem Sound.
Insbesondere eignet sich diese Erzählung für Lesehungrige mit Appetit auf künstlerische Textdarstellung und Außergewöhnlichem.
jbs 2tausend16

Der Sand ein Leopard – Parujr Sewak

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Der Sand ein Leopard

Ich bin auch der,

Der versteht,

Warum der Sand schweigt und schweigt.

Er denkt zurück an die Sintfluten

Vor Zeiten,

Deren stiller Zeuge er ist.

Und wenn der böse Wind

Mit seinen armen Nerven spielt,

Ihn erinnernd

An seine ruhmreiche Vergangenheit, verloren

Und an seine Gegenwart, nicht zu beneiden,

Wird jäh der Sand ein Leopard,

Zerkratzt

Die frechen Augen des Windes

Und auch die der Menschen.

Und auch die der Menschen,

Wenn sie ihre Vergangenheit vergessen.

 

15.XII.59

Jerewán, Aus dem Zyklus „Leih mir dein Ohr“

Obiges Gedicht ist zitiert aus: „Und sticht in meine Seele“ von Parujr Sewak, Verlag Hans Schiler, Seite 23

Dem Klappentext entnommen:

[…] Mit Empathie und Ehrfurcht betrachtet Sewak die historische Vergangenheit seines Volkes, die sowohl voll Leid als auch ruhmreich ist. Sein größtes lyrisches Werk widmet er der traurigsten Seite Armeniens.

In den Werken des Dichters nimmt jedoch die Liebeslyrik einen außerordentlichen Platz ein. Parujr Sewak erschafft eine ureigene Welt der Liebe, reich an Offenbarungen und Entdeckungen. Er lässt kein Gefühl aus, weder die große Sehnsucht, noch den Schmerz, seine Schlaflosigkeit. Er schätzt sich glücklich zu lieben und zählt doch zugleich die Tage vor dem Wiedersehen. […]

 

Parujr Sewak ( sein ursprünglicher Familienname war Ghasarjan) wurde am 24. Januar 1924 geboren und starb am 17. Juni 1971; er ist heute der beliebteste Dichter Armeniens. (Zitatende)

 

 

 

Erinnerung vertan – Stefán Hördur Grimsson

Erinnerung vertan

Stefan Hördur Grimsson

 

Der Wiederkehrende

ist nie derselbe wie der

der fortging

 

Die Grüßende

ist nie dieselbe wie die

die sich verabschiedete

 

Abenteuer

sind entflammbar

lebendig wie tot

 

Berichte vom Aschenregen

beim Wiedersehen

hat mancher bestätigt gefunden

 

Stefán Hördur Grimsson war ein isländischer Schriftsteller. Er lebte von 1919 bis 2002. Obiges Gedicht wurde von F. Gislason und W. Schiffer übersetzt und ich fand es in einem Postkartenkalender „Fliegende Wörter 2014“, Daedalus Verlag, Münster.

 

Der Kornmesser von Südfall – Ein Märchen aus Uthlande

Dieses kleine Märchen gestattet einen Blick in die wundersame Welt der Uthlande. Es öffnet den Zugang zu dieser einmaligen schönen Landschaft mit ihren mitunter etwas schrulligen und verschroben wirkenden Menschen.

GP - Sonnenuntergang in Dänemark 2007

GP – Sonnenuntergang in Dänemark 2007

Der Kornmesser von Südfall

Dort, wo heute die kleine Hallig als karges Eiland aus dem Meer aufragt, lag vor langen Zeiten das so einst so große und reiche Rungholt. Die Stadt ging in den Fluten der Nordsee unter, erzählt man sich heute noch, wegen ihrer lasterhaften Lebensweise, ihres protzigen Reichtums und weil sie Gott lästerte.

Nun wohnte einmal auf Südfall ein Halligbauer, der als besonders listiger Mann galt. Zudem war er geizig und teilte nur ungern, auch dann nicht, wenn ein einsamer Schiffer an seine Hallig verschlagen wurde. Er nutzte die Abgeschiedenheit seiner Wohnstatt aus und ließ sich für jede Gastlichkeit teuer bezahlen. In seiner kleinen Schankstube verlangte er überhöhte Preise, wenn jemand bei ihm einkehrte. Vielleicht hatte ihm das Schicksal schwere Stunden beschert und aus dem vielleicht einst guten Wesen wurde ein hartherziger Geselle. Er konnte sich manches selbst nicht erklären. So war er über die Jahre schwierig geworden und konnte es nur in der Einsamkeit seiner Hallig aushalten. Nur seine Frau stand alle Jahre treu und tapfer zu ihm.

Eines Tages fand Rasmus, so nannte man ihn, einen Totenschädel im Watt. Den hob er auf und nahm ihn mit auf seine Warft. Zu der Zeit fand man nicht selten Totengebeine in diesem Gebiet. Es waren die untergegangenen Rungholtleute, die das Meer nach und nach freigab. Es wunderte Rasmus aber, dass seine Frau angesichts dieses Schädels inständig flehte, er möge ihn wieder aus dem Haus bringen, dorthin, wo er ihn gefunden habe. Aber Rasmus hörte nicht auf seine Frau, sondern stellte den Totenkopf in ein Regal seines Schankraumes, wo schon allerlei wunderliche Sachen standen. IMG_6173

Es geschah an einem Abend.

Über die See spannte sich die Dämmerung, eine trübe dunkle Nordseedämmerung. Es war die Stunde, in der Ebbe und Flut um die Herrschaft ringen. Ein eigentümliches Zischen und Rieseln stieg aus der schlammigen Tiefe auf und kam seltsam fern und doch nah durch die stille Luft, wurde stärker und lauter. Wie jauchzende Sieger sangen weit draußen die kommenden Wasserwellen. Rasmus saß, wie so oft, allein in seiner Schankstube und dachte nach. Die Türe stand auf und draußen summte ein kläglicher Wind und Rasmus war, als hörte er eine Musik und wußte nicht, wo die wohl herkommen mochte. Da sah er einen fremden Mann auf seine Warft zuschreiten. Der trug einen Schlapphut, war mit einem Wams bekleidet und hatte lange Stulpstiefel an. Auf den Rücken hatte er eine Geige gebunden. Allzu fremdartig schien die Gestalt, so dass Rasmus erschrak, was man von ihm nicht so leicht sagen konnte. In der offenen Tür blieb der Fremde stehen, grüßte nicht, nahm aber seine Geige, fing darauf zu spielen an und sang dazu das Lied, welches so anfängt:

O wüster Sünder, denkst du nicht,

was dein verruchtes Leben

an einem großen Weltgericht

für Lohn dir werde geben.

Rasmus war vor Angst gelähmt, als der Fremde auf den Totenschädel zuging, ihn nahm, auf den Tisch stellte und sich ihm gegenüber setzte, von Angesicht zu Angesicht.

Ich bin gekommen, Bruder“, sagte der Fremde, „dir deine bösen Gedanken zu vertreiben und um dich zu erlösen, denn du hast mich gefunden und ich will es dir lohnen.“

Durch die Musik und das Spielen des Liedes war die Frau hellhörig geworden und in den Schankraum geeilt, wo der Fremde anfing zu erzählen:

In dem alten Rungholt lebten einst zwei Brüder. Der Ältere war ein guter Rechner und der andere ein Musikant. Den Rechner stellte der Rat von Rungholt ein als Kornmesser, doch den Jüngeren wollte man nicht haben, weil seine Musik eine fromme war und seine Weisen so her und lieblich, als wenn die Engel im Himmel selber die Spielleute wären. Eine solche Musik passte nicht in das alte Rungholt, wo mehr geflucht und getrunken und in den Schänken Gassenhauer gespielt wurden. Der Musikant beschloss deshalb, seine Heimatstadt zu verlassen und sein Glück bei Hofe des Herzogs zu suchen, wo ein gesellschaftliches Treiben war und feinsinnige, kulturbeflissene Menschen lebten. Er nahm deshalb seine Geige und seinen Stock und ging auch alsbald. Sein älterer Bruder gab ihm noch ein Stück des Weges das Geleit. Als man nun bei Fedderingmann Capell vel Riep gekommen war, wo ein Fährmann über das Fallstief setzen musste, nahmen sie voeinander Abschied. Der Jüngere gab dem Älteren die Hand und sagte: „ Bruder, wir werden uns in dieser Welt nicht mehr sehen. Aber einst zu deinem Begräbnis werde ich kommen. Lass mich dann nur Gutes von dir hören.“

So schieden sie voneinander. 

Alte Buhnen

Alte Buhnen

Es schien aber, als sei ein guter Engel von dem Älteren gewichen, denn der begann sie alle zu betrügen, den Rat von Rungholt, die Reeder und Schiffer und auch das Volk. Er maß mit falschen Gewichten und wurde heimlich ein reicher Mann. Das ging viele Jahre gut und niemand merkte etwas. Der Kornmesser war geschickt in seinem Tun und führte nach außen ein untadeliges Leben im gegensatz zu vielen anderen Rungholtern.

Nach guten Jahren kommen schlechte, und eine große Teuerung überfiel das Land. Die Schiffe der Hanse blieben aus und der blanke Hans nagte immer wieder an den Deichen. Der Kornmesser lieh Geld in der ganzen Gegend und die Leute wurden ihm schuldig. Da mochten die Schuldner kommen, denen er in teureneiten einen Vorschuss geleistet hatte. Er kannte kein Erbarmen, so sehr sie auch bettelten und er kannte wenig Geduld mit denen, die zinsfällig wurden. Einigen ließ er die einzige Kuh aus dem Stall holen und anderen die Schiffe an die Kette legen. Manchen trieb es fort ins Elend und die Leute meinten, es würden ihrer und ihrer Kinder Tränen ihm noch auf seiner Seele brennen. Sie würden ablaufen wie das Regenwasser von einem Ziegeldach.

Freunde hatte dieser Mann keine. Aber er war mächtig und selbst der Rungholter Rat vermochte nichts gegen ihn auszurichten. Seine Advokaten waren mit allen Wassern gewaschen. Man seufzte über seine Hartherzigkeit und betete zu Gott, er möge sie von ihrem Übel erlösen.

In einer Nacht hörte man ihn dann fürchterlich schreien in seinem Hause, und am Morgen lag er tot im Bett, das ganze Gesicht blau unterlaufen. Beweint hat ihn niemand.

Auf seiner Beerdigung ging es dann auch seltsam zu. Wie man den Sarg ins Grab lässt, kam ein Fremder gegangen, drängte sich durch die Menge der Schaulustigen und warf drei Handvoll Erde auf den Sarg. Er war der einzige, der nasse Augen hatte. Das war der Bruder, der alt geworden war und auch grau. Seine Geige hatte überhängen wie früher. Als das Grab fertig war, steckte er das Kreuz darauf und ging mit den Leuten fort vom Friedhof. Dann hörte er ein böses Gerücht und alle Schlechtigkeiten, die sein Bruder zu Lebzeiten verübt hatte. Das ging ihm sehr zu Herzen. Wie er genug und übergenug gehört hatte, wanderte er zu dem Ort, wo er seinen Bruder noch einmal weichmütig gesehen hatte und mit guten Vorsätzen.

Der Fährmann am Fallstief war alt geworden, so alt, dass er seine Jahre zählen konnte. Er siechte dahin. Der Geiger pflegte ihn. Man hörte ihn singen und spielen, jeden Morgen und jeden Abend.

Der Kornmesser aber, so sagt man, konnte im Grab keine Ruhe finden. Auf dem Speicher maß er oft ganze Nächte hindurch das Korn. Immer und immer wieder. Er kehrte zusammen und hob die Säcke an. Einmal waren Leute auf dem Dachboden und redeten von ihm. Plötzlich war er da und die Leute rannten eilig die Treppe hinab und einer brach sich ein Bein.

Später kam eine große Sintflut. Ein Sturm war gewachsen und die Flut ging viele Ellen über die Deiche. Alles Land wurde überschwemmt. Das Meer riss Rungholt mit sich fort und sieben Kirchspiele, auch den Hafen Niedamm und Fedderingmann Capell vel Riep. Viele, viele Menschen fanden den nassen Tod, auch der Geiger in dem Fährhause.

Das Meer gibt und nimmt. Jahrhunderte später entstand die heutige kleine Hallig Südfall. Sie musste sich opfern, damit Rungholt darunter lebt. Man fand Töpfe und Gebeine, metallene Becken und eiserne Schwerter. An manchen windstillen Tagen hörte man in der Ferne eine leise Musik zum Läuten der Glocken in der Tiefe.“

Dem Rasmus war, als hätte er geträumt. Als er sich die Augen rieb, verschwand der Fremde so plötzlich im Dunst des Watts wie er aufgetaucht war. Der schiefergraue Schlick wurde schon blank. An einigen Stellen blinkerten große Wasserlachen, die langsam größer und größer wurden.

Von diesem Tage an war der Halligbauer Rasmus ein anderer Mensch geworden. Er war großzügig und hilfsbereit. Seine Mitmenschen konnten sich die Veränderung seines Wesens nicht erklären. Er wilderte nicht mehr im Watt, schlug keine Seehundbabys tot und verkaufte keine Felle mehr. Jeder wurde freundlich und gastlich bei ihm aufgenommen. 

Südfall - Georg Kullik

Südfall – Georg Kullik

Den Totenschädel nahm er und brachte ihn dahin zurück, wo er ihn gefunden hatte. Noch viele Jahre lebte er auf Südfall. Eines Abends aber wurde er auf dem Rückweg zu seiner Hallig mit seinem Gespann von der Flut überrascht. Er war versehentlich auf ein falsches Licht zugefahren. Die Pferde hat er noch ausgespannt. Man fand sie am nächsten Tag grasend am Deich. Rasmus aber folgte seinem Bruder in das nasse Element und in die Ewigkeit.

vogelkönigaus: „Der Vogelkönig von Beenshallig ein Wattenmärchen und andere Geschichten“ von Georg Kullik neu und anders erzählt. Verlag Dieter Broschat, Nordstrand und Hohenwestedt, 1990, Seite 37 -41.