maskerade 2008

2008 veröffentlichte auf meinem alten Blog lou-salome eine kleine Erzählung, die zum Thema „Kommunikationspsychologie“ passen sollte. Da die twoday-ära zu Ende gegangen ist, versuche ich, bevor sich der Weblog Hosting Service vollständig vom Netz verabschiedet, noch das eine und andere Geschriebene auf schriftwechsel hinüber zu retten.

Maskerade
jbs 2008

Plötzlich geht das Deckenlicht an. Sie wird wach, blinzelt auf die Armbanduhr.
4:30 Uhr.
Durch halb geöffnete Augen schaut sie zum Abteilfenster hinaus, sieht ihr Spiegelbild, schemenhaft. Draußen fliegt die Landschaft in rabenschwarzer Nacht vorbei. Nur ab und zu leuchtet ein einsames Licht auf, vielleicht von einem Gehöft oder einem Bahnwärterhäuschen. Sterne stehen zitternd am Himmel und das regelmäßige Rauschen des Zuges lässt sie wieder einschlafen.

„ Ist hier noch ein Platz frei?“
Julia fährt erschrocken aus dem Sitz hoch, verschlafen erwidert sie, das man das doch sehen würde. Ohne ihr Gegenüber weiter zu beachten, sinkt sie in ihre warme Mulde zurück.
„ Julia?!“
Diese Tonlage. Bekannt, vertraut.
Julia lässt ihre Augen geschlossen.
Ich träume. Es ist nur ein Traum, denkt sie.
„Julia!“
Langsam bilden ihre Lippen einen Namen.
„ Akbar?!“
„ Ja, ja! Wenn das kein Zufall ist!“
Julia lacht, unsicher.
Akbar nimmt ihre Hände in seine, setzt sich ihr gegenüber.
„ Zwölf Jahre, Julia! Zwölf Jahre! So lange haben wir nichts voneinander gehört. Uns nie wieder gesehen. Was hast du in dieser Zeit gemacht? Hast du geheiratet? Hast du Kinder, eine Arbeit?“
„ Mach langsam Akbar. Eins nach dem anderen. Ich habe keinen Mann, keine Kinder. Aber Arbeit.“
„ Wie? Du hast keinen Mann?“
„ Hatte keine Zeit einen kennen zu lernen. Zu viel zu tun, weißt du, von morgens bis spät abends. Gibt immer massig viel in meiner Buchhandlung zu arbeiten.“
„ Eine Buchhandlung! Glückwunsch! Dann hast du es geschafft und dich selbstständig gemacht. Julia! Ich freue mich für dich!“
Seine Finger ziehen langsam in ihren Handflächen die Lebenslinien nach. Er sieht nicht, wie Julia rot wird.
„ Und jetzt? Wohin fährst du? Nach Kiel? Nach Hause?“
„ Ja, ich muss mal raus. Auf andere Gedanken kommen. Ans Meer. Und du Akbar, was machst du im Zug nach Hamburg? Hast du denn wenigstens geheiratet? Und was ist aus deinem Studium geworden? Bist du damit fertig? Und weißt du, das du immer noch so gut aussiehst wie damals!“

Betörend klingt ihre Stimme in seinen Ohren. Patchouli kitzelt seine Nase. Er mag sie immer noch. Und wenn er sie jetzt fragen würde? Lieber nicht, sie würde bestimmt wieder gehen, so wie vor zwölf Jahren.

„Nun,“ zieht er seine Antwort in die Länge. „ Ich, ich habe mein Studium beendet. Bin jetzt Agrarler und arbeite seit einiger Zeit als wissenschaftlicher Berater.“
„ Fantastisch! Genau das, was du immer wolltest.“ Julias Müdigkeit ist weg. Ihre Finger ziehen nun seine Lebenslinien nach. Kein Ring stört sie dabei.

Warum hatte sie damals nur nicht den Mut einen Iraner zu heiraten? Er war doch ein sehr moderner Moslem.
Sie erinnert sich an den Sturz von Reza Pahlevi, Schah von Persien. Wie Chomeni und seine Mullahs neunzehnhundertneunundsiebzig die Regierungsgeschäfte übernahmen. Und diese furchtbar endlosen Diskussionen iranischer Studenten. Rückkehr in die Heimat oder Widerstand aus dem Ausland? Es machte ihr Angst. Würde Akbar zurückgehen und sie müsse dann mit? Den Tschador wie eine Larve tragen und die fremde Sprache nicht verstehen? Unvorstellbar! Ihr modernes Leben in Europa, die Familie und die Freunde für ihn aufgeben? Das konnte sie nicht. Sie hatte Akbar aber überhaupt nicht gefragt, ob er in den Iran zurück wolle. Feige hatte sie ihn einfach verlassen.
Und jetzt ist alles zu spät, denkt sie. Nach so einer Demütigung würde er nie mit mir einen Neuanfang wagen. Außerdem ist er jetzt Akademiker, seine Welt ist eine völlig andere als meine jetzt.

„ Und? Ist dir die Richtige über den Weg gelaufen, Akbar?“
„ Schwierig, sehr schwierig. Die, die ich haben möchte ist schon verheiratet. Und die, die mich haben will, mag ich nicht.“
Wie soll ich ihr sagen, dass sie meine Traumfrau war, es gab nie Platz für eine andere. Sie wird es mir nicht glauben. Wird mich auslachen. Und sagen: So etwas gibt es nicht. Und dann jetzt ihre Selbstständigkeit, eigene Buchhandlung, da passt ein Mann wie ich nicht hinein.
„ Da sagst du ein wahres Wort. Entweder Karriere oder Partnerschaft.“

Akbar zieht eine Tüte Pistazien aus seinem Aktenkoffer. Langsam füllt er die linke Hand mit den salzigen Nüssen. Klappernd fallen ein paar auf den Boden. Julia bückt sich, versucht die Knabbereien zu retten. Sie bemerkt nicht, wie auch Akbar sich hinunter beugt, um ihr zu helfen. Gleichzeitig heben sie ihre Köpfe, sind auf Augenhöhe.
Orient trifft Okzident.
Wimpernschlaglänge.
Lippenrot.
Zu nah.
Und …

Mit einem kräftigen Ruck hält der Zug. Hamburg Hauptbahnhof.
Endstation für Akbar.
Widerwillig stößt er sich aus dem Sitz, stolpert über ihre Beine. Julias Hände verhindern den Sturz.
Er müsse aussteigen, er kann nicht weiter fahren, der wissenschaftliche Auftrag, um 9:00 Uhr sei die erste Sitzung.
Er drückt Julia die Tüte Pistazien in den Schoß.
„Akbar!“ Wenn er jetzt etwas sagen würde, dann… .
… viel Glück! Und was für ein Glück, dich wiedergesehen zu haben! So unverhofft.“

Akbar zieht die Abteiltür auf, Julia begleitet ihn zum Ausstieg.
„ Alles Gute in Kiel! Und nur Sonne, keinen Regen. Und natürlich Wind!“
Den liebte sie, das hatte er nicht vergessen.
„ Ja, auch dir viel Glück. Und danke, viel Glück!“
Sie reicht ihm die Hand durch die Tür. Er hält sie fest umschlossen. Sie winken sich nicht zu. Augen vertonen ihre Gefühle, so lange es geht. Schrilles Pfeifen, mechanisches Stimmengewirr aus den Lautsprechern, die Schiebetür gleitet geräuschlos ins Schloss.

Auf dem beleuchteten Bahnsteig verschwindet Akbar in einem Panoptikum von Masken. Sie ziehen vorüber, Frauen mit grellen Strähnen, kugelige glänzende Köpfe ohne Haarwuchs, uniformierte Bahnpolizisten, von Hals bis Fuß tätowierte Männer, gepiercte und gespickte Jugendliche, Hüte, unter denen geliftete Gesichtsfassaden Schutz suchen.

Julia stößt sich vom kalten Glas der Tür ab. Ich hätte ihm sagen sollen, dass ich als Verkäuferin in einem Kaufhaus arbeite, jetzt allerdings in einer Buchabteilung. Hab gelogen. Und nach seiner Adresse habe ich ihn nicht gefragt.

Akbar zieht noch auf dem Bahnsteig sein Handy aus der Jackentasche. Die Telefonnummer, die er wählt, kennt er auswendig.
Voller Ungeduld schnarrt es durch den Hörer: „ Ja, endlich. Bist du schon in Hamburg? Wir warten auf dich, hier auf dem Hof ist die Hölle los. Wann kommst du in Heide an? Heute morgen noch?“

Ein Regionalzug fährt an Akbar vorbei, Richtung Lübeck.
Ich hätte ihr sagen sollen, dass ich jetzt landwirtschaftlicher Mitarbeiter bin. Ach! Es wäre Blödsinn gewesen, sie wäre ja doch wieder gegangen. Jetzt ist sie Unternehmerin, emanzipiert, eine Frau, die weiß, was sie will.

Julia geht traurig ins Abteil zurück, unter ihren Schuhen kracht eine Pistazienschale. Von ihrem Platz aus sieht sie die Sterne am Himmel verblassen. Sie lösen sich langsam im Morgengrauen auf.
Ein kleiner heller Spalt am Horizont verdrängt die rabenschwarze Nacht.

Anmerkung: 2oooacht ist obige kleine Erzählung entstanden und ich bitte um Großzügigkeit. Ich fühle mich immer wieder etwas unsicher, Eigentexte zu veröffentlichen, denn es gibt so viele wunderbare Erzählungen. Da ich es allerdings schade fände, meine gesamten Texte im Orcus meiner eigenen Dateien verschwinden zu lassen, fasse ich mir ein Herz und veröffentliche mal wieder eine kleine …

Inspirationen gaben mir damals Paul Watzlawick und Friedemann Schulz von Thun. Im Rahmen einer Weiterbildung mussten wir „Kommunikationspsychologie für Führungskräfte“ erarbeiten. Oh, da kommt mir wieder das Kommunikationsquadrat in den Sinn. Oder die innere Pluralität. Oder der Teufelskreis. Das Vier-Schnäbel und Vier-Ohren-Modell. Soooooviel Theorie. Lässt sich wunderbar lesen, aber in der Realität sieht alles wieder anders aus!

Zu den Sternen zwölf Monde:

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Im Feld – Joachim Zelter

Das ist Kunst! Klack!

Die Bücher vom Tübinger Autor Joachim Zelter sind immer wieder eine große Lesefreude!

Am Samstag, den 3. März 2018, stellte er sein neues Buch vor: „Im Feld – Roman einer Obsession“.

Verlag Klöpfer&Meyer, Tübingen, 2018.

Treffpunkt und Vorlesestart war das ehemalige Kino Löwen in Tübingen.

Der Verlag lud ein.

Das Zimmertheater lud ein.

Auch „Nichtgerneleser“ waren willkommen …

Ich hatte über Facebook davon erfahren und fuhr mit dem Wagen läppische 87,5 Kilometer, da ich live dabei sein wollte, wenn Frank Staiger alias Joachim Zelter seine 345 Kilometer lange Rennradtour mit über 4367 Höhenmetern vorstellt.

Später rechnete ich daheim ungläubig nach, denn es ist menschlich kaum vorstellbar, dass man an einem Tag mit dem Fahrrad z.B. die Zugspitze mit 2962 HM und den Vesuv mit 1281 HM bewältigen kann. Ich lernte an dem Abend im Löwen: man kann.

Aber nur, wenn man u.a. die Zeit nicht aus dem Auge verliert.

Man steigt also in die Pedale, klack-klack-klack, immer wiederkehrendes Schlagwort aus der Erzählung, die diese noch schneller werden lässt und fährt bestenfalls in einem Peloton mit und zwar im Windschatten des Vordermanns, in Zweierreihen, dem Gruppenführer immer nach.

Geschwindigkeitsrausch

Wir Zuhörer sitzen schon längst im Sattel und warten auf den ersten Satz, der noch nicht erahnen lässt, in welch einen Bann man gezogen, ja geradezu in welch einen Geschwindigkeitsrausch man in den nächsten 60 Minuten versetzt wird ( Zitat Petra Afonin, Schauspielerin, Buchrückentext).

Joachim Zelter sitzt vor uns auf der Bühne hinter einem kleinen unscheinbaren Tisch, schwarze Tücher hängen in Bahnen von Gerüsten auf das Parkett, statt der Fahrradwasserflasche steht ein Glas Mineralwasser vor ihm, ungezählte Scheinwerfer ersetzen die Sonne am Himmel und Zelter gibt das Tempo vor. Ähnlich wie Landauer. Der Gruppenführer. Der Randonneur. Allerdings wesentlich sympathischer. Und wir sitzen in Zwölferreihen, lassen uns ohne Windschatten auf die Himmelfahrtrennradtour ein.

Anfangs in der mittleren Gruppe, im 27-Stundenschnitt, im Verlauf des Abends im 30-Schnitt, noch später mindestens im ( gefühlten) 45-Schnitt. Noch unwissend folgen wir ihm von Freiburg über den Rhein in das Elsass hinein, bergauf-bergab, immer die Vogesen im Blick. Und bevor er abdreht, um mit uns wieder Richtung Breisgau zu fahren, nimmt er wie sein zweiter Protagonist Landauer Anlauf, um mit „seiner“ Gruppe den Grand Ballon, diverse Pässe und um zu guter Letzt auch noch die gefürchtete Landauer Rampe zu bezwingen. In all den unendlich vielen Serpentinen, Steigungen und Gefällen entfernt sich Frank Staiger gedanklich häufig vom Peloton und lässt sein Leben Revue passieren. Mantraähnlich tritt er währenddessen in die Pedalen. Unermüdlich. Anfangs noch gleichmäßig. Dann immer schneller und schneller werdend. Rauf. Runter. Rauf. Runter. Ein mechanisch aufgezogenes Uhrwerk. Stillstand ausgeschlossen. Seine Mitfahrkameraden, zu Beginn der Tour noch vollständig an der Zahl, eine Rennradgemeinschaft.

An diesem Punkt spürt der Zuhörer und Leser wie Zelter mit dieser neuen Erzählung ein Schnippchen zu schlagen weiß. Er nimmt den Zuhörer und Leser nicht nur mit auf eine nicht enden wollende Rennradtour an einem Himmelfahrtstag – warum kommt mir beim „mitradeln“ im Peloton der ähnlich anmutende Begriff „Himmelfahrtskommando“ in den Sinn? Zelter weiß warum. (Alles Absicht! Alles Absicht!) Auch zieht er den Zuhörer und Leser, ähnlich wie beim Mitradeln, oder sollte man besser von Kampfradeln sprechen, in einen nicht enden wollenden Lesesog, aus dem man erst Erlösung findet, wenn der letzte Buchstabe seine Umdrehung im Kopf vollendet und sich aus den Neuronen gelöst hat.

Klack! Klack!

Und Zelter wäre nicht Zelter, wenn er dem Roman nicht eine entscheidend tiefe Ebene gegeben hätte:

Gesellschaftspolitische Parabel

Der Klappentext des Buches bringt es auf den Punkt:

[…] Virtuos erzählt Joachim Zelter die Sogwirkung eines rastlosen Pelotons: das Zusammenwirken von Fahrrad, Mensch und sozialer Gruppe. Ein Räderwerk der Tempoverschärfungen, der Höhenmeter und der immer größer werdenden Distanzen, ein fortwährendes Weiter und immer weiter so. Am Ende handelt Zelters neuer Roman von uns allen: von Anpassung und Bereitwilligkeit, von Leistungsdruck und subtiler Tempoverschärfung, von der Unfähigkeit, auch nur eine Pedalumdrehung auszulassen. Es ist der Roman einer Besessenheit. […]

Nach Ende der Lektüre klappe ich die Buchdeckel – Klack! Klack!- aufeinander und warte auf einen erlösenden Ton. Kein Trillerpfeifenbefehl, wie ihn Landauer benutzte, um eine Weiterfahrt zu signalisieren, sondern auf ein leises fernes Bimmeln, ähnlich dem einer Zimbel. Ein Zimbelklang, der erinnert, wie intensiv das Leben in langsam wachsenden Ringen sein kann.img_6500-e1520261031629.jpg

[ … ] … ruhig bleiben. Atmen nicht vergessen. [ … ] Rhythmus halten. Runter schalten und Lächeln. [ … ]

jbs

2tausend18

Die in kursiv gehaltenen Sätze sind Zitate aus dem Buch oder dem Klappentext/Buchrücken entnommen.

Nachtrag: Korrekturen am 06.03.2018

Hinter der Wand das Meer – Eine Erzählung

Manuskriptauszug einer meiner Schreibwerkstatt-Erzählungen:

Hinter der Wand das Meer“ von 2013.

Über ein Feedback würde ich mich sehr freuen. Ich benötige zum Weiterschreiben einen Motivationsschub, sozusagen. Und ich bitte um Großzügigkeit, ob des literarischen Anspruchs des Textes. Er ist ein Baustein aus einer längeren Erzählung.

Sodann habe ich noch eine Bitte: wenn ein Feedback, dann konstruktiv.

Und … Es gilt das Urheberrecht!

Vielen Dank!

Manuskript/ Arbeitstitel: „Hinter der Wand das Meer“

Schon Schweigen ist Betrug,
genug kann nie genügen.“

Konstanin Wecker

Humska Biska auf Matko

Noch herrschte Halbdunkel im Land.

Dem Priester gefiel dies. Er stand am Ende des Dorfes und wartete. Seine Gedanken wiegten sich sanft im Rhythmus der nahenden Gemeinde, einer wogenden Welt aus schwarzen Tüchern. Sie kommen, dachte er, sie kommen, meinem, Seinem Licht aus dem Dunkel entgegen! Für einen kurzen Moment legte er seinen Kopf dankbar in den Nacken.

Langsam bewegten sie sich. Still trauernd. Und die Kirchenglocken klagten monoton – bam-bam-bam – Richtung Friedhof. Über nackten Fußknöcheln scheuerte der Talar des Priesters den Boden. Staubschwaden wirbelten, nahmen zögernd auf geweihten Füßen Platz. 

Bevor schmale Korridore, bunte Kunstblumen, Schwarz-weiß-Portraits und Metallkreuze alle Trauergäste verschluckten, stampften sie ihre Zigaretten aus. Einen Atemzug lang glimmten rote Spitzen auf, ein letztes Aufbäumen, dann lagen sie neben ungezählt anderen auf dem Vorplatz. Vor brüchiger Mauer. Unter meterhohen Zypressen. Hinter der Umfassung hatte sich noch nie jemand getraut, zu qualmen. Stattdessen waberten Weihrauchdünste in dicken Nebelschwaden über die Köpfe der Ankömmlinge. 

Man spürte einen böigen Wind, den Bora, der kalt aus dem Osten nach Istrien herüber wehte. Er zerrte an Kappen, Röcken und dem Weihrauchdunst. Die Frauen knoteten ihre Kopftücher fester. Ihre ernsten Gesichter blickten anklagend. Sie wussten, dass der alte Matko, den sie zu Grabe trugen, noch unter ihnen leben könnte. Zwischen Küchentisch und Fenster hatte er gelegen. Tomislav, ein Freund aus seinen alten Tagen, hatte ihn gefunden. Tot. Brot und Käse hatte Tomislav wieder mit nach Hause genommen, aber niemand aus seiner Familie mochte davon essen. Später brachte Tomislav die Nachricht aus der Pathologie mit: man sprach von Tod durch eine Überdosis Insulin. Matko war aber kein Diabetiker. Ein alter Steinbeisser war er und kerngesund.

Immobilienhaie, alles Verbrecher! Verreckt auf der Stelle!“ schimpfte Tomislav.

Er zog seine Mütze tiefer in die Stirn, schnäuzte lautstark und setzte zum Spucken an. Bozidar, sein Schwager, der hinter ihm ging, boxte ihm hart ins Kreuz. Tomislav verschluckte den Schleimbrocken widerwillig und herrschte Bozidar an:Alter Aufpasser! Du!“ Bozidar’s Augen blitzten zurück und ein zweiter Boxhieb in die Hüfte erinnerte Tomislav an den Ort, an dem sie sich befanden.

Es war eine kleine Prozession von Priester, Messdienern und Sargträgern, die ihren Weg Richtung ausgehobenes Grab aufnahmen. Dorfbewohner rückten auf und eine fremde junge Frau, deren Gesichtszüge Mitgefühl ausdrückten, schloss sich dem Trauerzug an. Neugierig drängelte sich Nada, Tomislav’s achtjährige Enkelin, vor. Sie wollte wissen, wer die Fremde war und wieso ist sie dort war. Aber bevor sie fragen konnte, verschwand die Unbekannte mit dem roten Zopf urplötzlich aus ihrem Blickfeld. Nach ein paar Minuten entdeckte Nada sie jedoch wieder. Jetzt baumelten ein Paar alte staubig braune Damenschuhe, sogenannte Schnürer, die das Aussehen verschrumpelter Kartoffeln hatten, sowie ein Paket gelblich verblichener Zeitungen und – und eine stattliche Salatgurke  in deren Händen.

Nada beobachtete, wie die rote Zora, Nada hatte sie blitzschnell auf diesen Namen getauft, immer wieder schluckte und sie fragte sich, was die Frau mit diesen merkwürdigen Utensilien auf ihrem Friedhof zu suchen hatte. Blumen, so hatte Nada gelernt, Briefe, Ringe, all das legten Angehörige, Freunde oder Bekannte mit in ein Grab. Aber alte Schuhe? Alte Zeitungen? Eine Gurke? Nada fixierte die Frau mit dem roten Zopf noch neugieriger, beschloss, sie nicht aus den Augen zu lassen. Sie wagte kaum, Ihre Gedanken weiter zu denken. Welch ein Frevel!

Sie wird doch wohl nicht? Das Grab ist doch kein Mülleimer!

Nada zog ihren kleinen Faltenrock über ihre schmalen Hüften höher und stellte sich auf Zehenspitzen, um den Dorfpriester aus ihrer Reihe besser sehen zu können.

Die Träger hielten. Nickten dem Geistlichen zu, der beide Arme hob, als Zeichen, das Weihrauchschwenken zu beenden und rief seinen Segen der schwarzen Menge entgegen. Der Sarg senkte sich in die Tiefe und als erste Blumen ins Grab fielen, wachte die Rote auf. Sie warf mit anfänglichem zögern den Packen Zeitungen, dann die Schuhe und schließlich die Gurke auf den Sarg. Empörtes Raunen löste das Klagen ab.

Sie drehte sich danach abrupt um, achtete nicht weiter auf Trauergäste und -feier und schlenderte an das andere Ende des Friedhofes. Setzte sich mit dem Rücken an eine der Marmorgrabplatten und drehte sich über „Drago Kumicic“ eine Zigarette. Und rauchte!

Nada würde sich noch Jahre später an diese sonderbare Verabschiedung erinnern.

Während sich die Trauergemeinde verabschiedete, vernahm man hier und da schon wieder ein verstecktes Lachen. Auch immer lauter werdendes Gezeter der Frauen. Die Rothaarige verstand nicht, was auf kroatisch geschimpft wurde und verstand es doch.

Von der Straße tönte plötzlich ein altersschwacher Motor herüber, in dessen Geruckel Nada jaulte:

Ach lieber Deda, lieber Opa, ich will nicht heim laufen. Ich will mit euch faaahren.“

Du gehst mit den Weibsleuten, Nada. Der alte Bozi und ich müssen reden. Männersachen. Basta!“

Männersachen. Ja! Männersachen! Vom Matko, deinem Deda, und mir. Und der verdammten Ustascha,“ zischelte Bozidar zwischen den Lippen hervor, zog verbittert an der Filterlosen, die er zwischen Daumen und Zeigefinger quetschte, als wolle er einer vollgesogenen Zecke das Genick brechen.

Und diesmal nicht draußen, zwischen all‘ den Urlaubern in der Konoba, hörst du, Tomi, sondern bei mir im Garten. Der Zahnlose, den kennste sicher, den Schnapsbrenner aus Hum, der hatte beim letzten Besuch Humska Biska zurückgelassen. Mit dem stoßen wir jetzt auf Matko an!“

Tomislav kletterte umständlich in seinen roten Zastava. Bozidar drehte sich noch einmal um. Polternd schlug rotbraune Erde auf den Sarg. Vier Friedhofswärter beeilten sich. Füllten im Takt die Grube. Und Nada trat mit den anderen mürrisch den Heimweg zu Fuß an.

Da mi! Ja, das machen wir!“

Bozidar leckte sich die Lippen, schnalzte mit der Zunge und versuchte mit einem Rest jugendlichem Elans neben Tomsilav Platz zu nehmen. Ächzend erinnerte nicht nur das Gefährt an seine Jahre. Tomislav gab Gas und mit dem rostigen serbischen Yugo aus dem letzten Jahrhundert knatterten zwei Alte in ihre Vergangenheit Richtung Humska Biska.

Gute Zeit fällt nicht vom Himmel

Ihr entsetzter Schrei ging Professor Katičić durch Mark und Bein. Wie eine Axt schlug dieser Ton in seinem Schädel ein.

Vierundvierzig!

Neunzehnhundertvierundvierzig.
Kurz vor Kriegsende hatte er selbst einen ähnlichen Schrei losgelassen.

Rasend vor Angst.

Rasend vor Zorn.

Ohnmächtig.

Hasserfüllt.

Durch die gekippten Hörsaal-Fenster nahm Professor Katičić die gegenüberliegenden Häuser kaum wahr. Der Sommer klebte heiß und gelb an den Wänden. Unterhalb verschlossener Läden quälte sich farbloser Smog aus Tunnelschächten ins Tageslicht. Katičićs Brust hob und senkte sich. Ein Blasebalg, der die Glut durch gezielte Luftstöße am Leben erhält.

Eine Tram schlingerte unsicher auf heißen Gleisen über wabernden Asphalt an der Dreisam vorbei, an der, im Schatten grüner Weiden, schwitzende Eltern saßen und der Leichtigkeit ihrer spielenden Kinder am Fluss zusahen.

Es war Nacht. Hoch oben auf einem Bergkegel stand er und schrie. Regen klatschte vom Himmel und warf sich über ihn. Eiskalter Wintersturm trieb herabstürzendes Wasser vor sich her. Ungeschützt schlug ihm das Nass durch seine durchlöcherte Kleidung auf den verletzten Körper und ins Gesicht. Er hatte seit Tagen nichts mehr gegessen, nicht geschlafen, er hatte sich krank gemeldet. Sie hatten ihn für drei Tage beurlaubt. Er wollte die Zeit nutzen, um über Koper via Triest in die Schweiz zu fliehen. Irgendwie. Nur nicht zurück in die Vojvodina. Den Begriff Sremski Front verbannte er für Jahre aus seinem Gedächtnis.

Und dort stand er, schrie, weil er gesehen hatte, was er hätte nie sehen dürfen.

Später, viel später las er zu den Foibe Massakern bei einem Überlebenden:

Dann nahm ein großer Mann einen Draht und begann je zwei und zwei zusammenzubinden, in dem er den Draht fest um unsere Handgelenke zog. Das Schicksal war vorgezeichnet, und es blieb nur eine Möglichkeit zu entkommen: mich in den Abgrund zu werfen, bevor mich die Kugel traf … Ich fiel auf einen hervorstehenden Ast. Ich konnte nichts sehen, andere Körper fielen auf mich. Es gelang mir, die Hände aus dem Eisendraht zu befreien, und ich begann hinaufzuklettern.“

Professor Katičić, Herr Professor!“ Einer seiner Studenten war nach vorne ans Rednerpult gehechtet. Der alte Katičić war sekundenschnell in sich zusammengesackt. Sein Satz: „ Typisch istrianisch oder besser gesagt authentisch für die Region ist keine der drei offiziellen Sprachen. Sie wurden mehr oder weniger von ‚oben‘ durch die Regierung und das Schulsystem eingeführt und in den ‚drei Istrien‘, die durch willkürliche Grenzziehung der jüngeren Geschichte erschaffen wurden, durchgese … .“ Hier wurden seine Ausführungen jäh durch Alisa’s Schrei unterbrochen. Er fiel.

Gleißendes Sonnenlicht flutete die Szene. Stephan ( Anm. Student im Hörsaal) beobachtete, wie ein Kommilitone ans Waschbecken spurtete und den Wasserhahn viel zu weit aufdrehte. Voller Wucht prallte der Strahl ins Becken, sprang außer Rand und Band in den Hörsaal, die Umgebung wässernd. Mit feuchtem Handtuch rutschte der Student auf dem durchgewetztem Parkett zurück zu Katičić, drückte ihm dieses auf die Stirn, betupfte Wangen und Mund und rief: „Herr Professor?! Ist alles in Ordnung mit ihnen?“

Stephan verfolgte mit verwunderten Augen das Geschehen. Was soll das jetzt werden, dachte er für sich. Und das alles wegen einer Spinne, einer erst gechillten und dann hysterischen Lady und einem überdrehten Schrei. Er drehte sich um. Zog sein Handy aus der Tasche, loggte sich bei Facebook ein, schrieb als Statusmeldung: „Zickenalarm!!!!!“ und versank in den Kommentaren ungezählter User.

Ist alles wieder gut, mein Gott, danke ihnen, und vorsichtig, mein Hemdkragen,“ zitternd nahm der Professor das Tuch in die Hand, setzte sich und überlegte, ob es nicht besser wäre, in seinem Alter ab jetzt grundsätzlich alle Gastvorlesungen abzusagen.

Hinter der Wand das Meer

Am Handgelenk fehlte die Zeit und der Schrank war ein Koffer.

Auf nackten Sohlen trippelte Alisa Richtung Felsstrand. Über weiß getünchte Steinplatten durch einen Hohlweg zum Meer, knappe fünf Minuten hangabwärts. Meterhohe Granatapfelbäume und füllige Dattelpalmen bildeten eine Säulenhalle. Und hinter dieser mediterranen Arkade schlummerten junge flachdachige ockerfarbene Häuser inmitten südlichen Charmes. Alles Neubauten. Wenig später klapperten von den Terrassen Bestecke, Teller und Tassen. Unrasierte Männer schlurften, aus halb geöffneten Augen blinzelnd, in ihren bunten Flip Flops Richtung Markt, um Kruh, das landestypische kroatische Brot, zum Frühstück einzukaufen. Kleine Kinder jaulten wie junge Katzenbabys um die Wette nach ihren Müttern und Milch. Erste Streitigkeiten der größeren Geschwister zersägten die Luft, wer an diesem Tag zuerst die Luftmatratze zum Wellenreiten benutzen darf oder wo die Kescher für die Seeigel wieder liegen geblieben wären.

Es war Urlaubszeit.

Inselzeit.

Aber noch schliefen hinter den herabgelassenen staubigen Jalousien alltagsmüde Geister. Alisa genoss den stillen Beginn des neuen Tages. Ihr rotes Haar leuchtete mit der Sonne um die Wette.

Matko saß wie jeden Morgen auf einer morschen Holzbank hinter seinem Haus und lauschte nach Zischelwinden. Sie fielen vom Dachrand, streichelten und kühlten seine Gesichtsfalten. Seit fünf Tagen bot sich Alisa das gleiche Bild. Ein Greis, umgeben von blühenden Oleanderbüschen und Zypressen. Im dichten Geäst plauderten Grasmücken im raschen Tempo ihre kurzen Strophen. Zusammengerollt träumte ein rotgestreifter Kater auf hartem Lehm und flinke grüne Eidechsen jagten von Zeit zu Zeit zarten Sonnenblitzen auf schon gewärmter Steinmauer nach. Matko saß bewegungslos. Sein Blick spähte geradeaus, über Tomaten- und Paprikastauden Richtung offenes Meer. Vielleicht wollte er den Horizont wiederfinden, der seit jeher in den türkisblauen Farben der Adria und des Himmels ertrank. Zumindest in den Sommermonaten, denn in dieser Zeit fiel so gut wie nie ein Tropfen Regen und der Himmel blieb klar.

Alisa grüßte den Alten winkend, obwohl sie sich nicht sicher war, ob er sie überhaupt wahrnahm. Der kurze Moment des Hinüberschauens erweckten in ihr Erinnerungen. Genau der gleiche silberne Haarkranz wie beim betagten Großvater. Nur er hier, er hatte längeres Haar. Wie schön der Wind damit spielt, dachte Alisa.

Kommen Sie doch rüber in den Garten!“ Matko hatte den Kopf gehoben, in ihre Richtung gedreht und kurz gelächelt.

Alisa drehte sich zögernd um. Suchend schaute sie den Hohlweg auf und ab, aber außer ihr war niemand auf der Gasse. Ja, er hatte sie gemeint. Ganz bestimmt sogar, denn jetzt stand er vor der Bank und sein Blick tastete sich hinaus aus seinem Gärtchen, direkt in ihr Gesicht hinein.

Dort,“ rief er ihr zu, „dort unten ist das Gartentor, hinter dem Oleander.“

Alisa drückte fest gegen das verrostete Gestänge. Quietschend ließ sich das Türgestell öffnen und schon stand sie in einer anderen Welt. In einer anderen Zeit. Und zum Wundern, warum er sie auf deutscher Sprache angesprochen hatte, kam sie gar nicht.

Die Insel ist viel lustiger geworden, seitdem Touristen sie bevölkern,“ finden sie nicht?“ Matko lachte leise. Trotzdem lag ein Hauch Bitterkeit um seine Mundwinkel. Er öffnete die Lippen ein wenig und während er sich ein Stück Gurke hineinschob, lachte er wieder und sagte dabei: „Krastavac!“

Krasta was?“ Alisa rümpfte ihre Nase und sah aus seiner Mundhöhle ruinöse Überbleibsel eines Gebisses, welches in jungen Jahren vielleicht einmal wie Elfenbein geleuchtet hatte .

Und trotzdem, ganz ehrlich,“ sinnierte Matko, „leben kann man hier eigentlich nicht mehr. Man ist völlig allein inmitten tausender Menschen. Und das ganze Land – ein Trugbild.“

Er muss als junger Mann stattlich gewesen sein. Seine Sandalen haben mindestens Größe fünfundvierzig, beobachtete Alisa.

Gurke! Krastavac heißt Gurke! Möchten sie ein Stück? Erfrischt!“

Und bevor sie antworten konnte, zeigte Matko auf ihre nackten Füße und meinte: „Meine Frau, also meine verstorbene Frau, Oljia hieß sie, war Lehrerin, müssen Sie wissen, ging den weiten Weg von hier zur Schule immer barfuß, um ihre Schuhe zu schonen. Erst vor der Schule zog sie sie wieder an, denn eine Lehrerin hat doch keine Autorität vor ihrer Klasse, wenn sie barfuß dastehen würde, erklärte mir Oljia immer wieder. Und jung, viel zu jung für dieses Beruf war sie.“

Matko schluckte. Den harten Rest der Gurkenschale spuckte er in hohem Bogen Richtung Paprikastaude.

Neunzehn! Neunzehn Jahre alt! Aber den Jungkommunisten, denen war alles egal. Sie habe ab sofort über achtzig Kinder zu unterrichten und Basta! Ja, der Krieg! Da waren Erinnerungen noch frisch und die Wunden nicht verheilt. Und der Josip Broz, der Tito, der hatte damals viel vor mit unserem Land.“

Matko holte Luft. Seine Augen, von der Sonne geblendet, blinzelten. Die letzten Reste der Gurke schnippte er auf den Boden und wie aus dem Nichts stürzten sich rostbraune Hühner laut gackernd auf das unerwartete Frühstück.

Hätte sie Widerspruch leisten sollen? Unmöglich! Zatvor! Gefängnis, Arbeitslager! Dann lieber jeden Morgen sieben Kilometer barfuß in die Stadt reinlaufen und nachmittags wieder zurück.“

Schatten legten sich eine Atempause lang über die plötzlich entzauberte Stimmung und Alisa suchte nach dem Urheber eines Geräusches in der Luft. Croatia prangte auf dem Rumpf des Brummers, eines Airbusses, der den Mittelpunkt ihrer Insel Richtung Split kreuzte. Kaum gelandet, werden hektische Reisende die Flugzeugtreppe hinabströmen, um schnellstmöglich die Gepäckausgabe zu erreichen. Urlaub All inclusiv! Alisa wurde sich bewusst, dass auch sie zu dieser Masse gehörte.

Das,“ legte Matko unerwartet wieder los, „das ist auch etwas, an das ich mich nie gewöhnen werde. Diese Flieger! Erst pirschen sie sich lautlos an. Kaum sind sie dort hinter dem Hügel verschwunden, lassen sie ihren Krach zurück. Und meine Oljia zitterte jedesmal wie Espenlaub. Erinnerungen. Immer wieder diese Erinnerungen! Die ließen ihr nie Ruhe. Nagten und kratzten und höhlten! Oh oh!“ verbittert fluchte der Greis, „diese ubojica! Mitten im grauen Karst, auf dem Rückweg von der Schule, vorbei an Brandungen gelben Ginsters, lauerten sie sie auf. Vier! Vier tanji pas. Hinterhältige Hunde! Mörder!“

Als Matko weiterspricht, hat er Tränen in den Augen. „Vier ausgehungerte Ustascha-Flüchtlinge lauerten meine Oljia in der Nähe einer Rattenlinie auf und stürzten sich auf sie. Sie hatte keine Chance. Dieser Tag veränderte ihr Leben. Unser Leben.“

Matko schluckte. Schluckte ein zweites Mal. Sein Adamsapfel inmitten des dürren Halses hüpfte auf und ab.

Aber wie komme ich nur darauf, ihnen das alles zu erzählen?“ schüttelte er verwundert seinen Kopf, „dabei wollte ich nur fragen, ob sie hier allein im Urlaub sind. Ich sehe immer nur sie. Und barfuß laufen. Da musste ich an meine Oljia denken. Und das sie keine Kinder mehr bekommen konnte. Und da wollte ich sie fragen, ob sie Tomaten und Paprika brauchen könnten. Ich hab‘ zuviel davon. Und eben keine Kinder.“

Alisa’s sonst so frischer Jungmädchenblick hatte sich während des Zuhörens getrübt. Überall, dachte sie, überall sitzen alte Matkos und warten. Warten auf ihre Oljias, dass sie sie holen kommen. Sie legte ihren Kopf schräg.

Flüsternd erklärte sie ihm, dass sie sich jetzt sputen müsse. Sie wolle noch schwimmen und ihr Freund, der würde auf sie warten. Mit dem Frühstück. Und das Gemüse. Ja, das würde sie gerne holen. Später.

Nur durch dieses Gartentor, dachte sie, und du bist mit deiner Zeitmaschine wieder im einundzwanzigsten Jahrhundert.

Quietschend fiel das Gartentor in das Schloss zurück, Alisa drehte sich noch einmal um.

Zbogom!“

Aber Matko hörte nichts mehr. Er saß wieder bewegungslos. Starrte auf die gegenüberliegende Hauswand, die ihm seit einigen Monaten den Blick auf das offene Meer versperrte. Irrisierendes Sonnenlicht zauberte ihm ein Kulissenspiel an einen großen Neubau. Das Adriablau verschwand hinter den Mauern im Meer.

Endlich erreichte Alisa das Ufer. Mittlerweile waren erste Kinder eingetroffen. Aufgeregt hantierten sie mit ihren Fangnetzen, um stachelbesetzte Seeigel herauszuklauben. Der Fang am frühen Morgen war erfolgsversprechend. Wohlgeformte runde Stachelhäuter pumpten um ihr Leben. Chance zum Überleben auf den heißen Steinen hatten sie nicht und minütlich kamen Neue hinzu. Fette Beute für den Kindernachwuchs.

Erhöht stand Alisa auf einem kantigen Felsen mit Blick auf das Wasser. Unter ihr eilten zitternde Lichtreflexe auf sie zu. Ehe du dich versiehst, dachte Alisa, ehe du dich versiehst ist das Spiel beendet. Und der andere, der wartet auf ein Wunder.

Sie wagte einen Hechtsprung. Weg vom Ufer, weg von nach Leben pumpenden

Seeigeln, weg vom alten Matko. Weg von Fred. Und während sie ihre Runden zwischen geankerten Kähnen und Yachten schwamm, klarten sich ihre Gedanken

wieder auf. Sie erkannte das Ferienhaus, wie es sich an den Hang schmiegte, zwischen den Neubauten, und wie der gelbe Sonnenschirm auf ihrem Balkon sein Leinen in die Luft streckte.

Als müde Urlauber ihre Jalousien hochzogen, verschlafene Gesichter an Balustraden standen, um erste Zigaretten zu drehen, führte der alte Weg sie zurück, vorbei an Matko, der immer noch träumte.

Hinter der Wand.

Das Meer.

© janette bürkle 2013