Amüsement

Auf dem heutigen Kalenderblatt im Haus las ich folgende Redewendung:
Ich hab so einen Hunger, dass ich vor Durst gar nicht weiß, was ich rauchen soll, so müde bin ich.
Ich stell mir allerdings vor, dass der lachende Ire ganz genau weiß, was er will.

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Die weltbeste Geschichte vom Fallen – Daniel Faßbender

Die weltbeste Geschichte vom Fallen von Daniel Faßbender
Roman
Es bleibt die weltbeste Geschichte vom Fallen.
Mir gefällt das Buch ungemein gut. Daniel Faßbender erzählt die Geschichte eines jungen Erwachsenen, der auf der Suche nach Wurzeln, Zugehörigkeit, Ankommen und Verantwortung ist und diese bei der Ausübung des Extremsports „Roofing“ finden will.
Erfrischend lässt Faßbender den dicken Karlsson vom Dach dabei wieder aufleben – auch dies gefällt mir ungemein, denn den moppeligen, selbstsüchtigen Fleischklößchenesser mag ich bis heute immer noch sehr. Und in diesem Buch kann man endlich mehr erfahren, was aus dem Zimtweckenfreund geworden ist.
Im Vordergrund steht allerdings eine besondere Beziehung zu einer Frau und der immer wiederkehrende Drang (seine Sucht), über die Dächer der Stadt Stockholm und sogar Wladiwostoks zu roofen.
Und was für ein gelungenes Ende!
Ja, es bleibt dabei: Es ist die weltbeste Geschichte vom Fallen!
Filmtrailer auf youtube:
 
Zitat Klappentext: […] Auf der Suche nach Weite und Freiheit verbringt ein junger Roofer einen großen Teil seiner Zeit auf den Dächern von Stockholm. Er klettert auf Türme und Brückenpylone und erkennt erst, als er zu fallen droht, dass diese Suche auch eine Flucht vor seinen Problemen und das Wesentliche in seinem Leben etwas ganz anderes ist.
Glänzend geschrieben und extrem spannend.
Mirabilis Verlag
ISBN 978-3-9818484-6-5

SEOLER STRASSENBILD

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SEOULER STRASSENBILD

Alle menschen, schien’s, sind
auf dem weg, sind
jung und
auf dem weg, sind
schlank und
auf dem weg

Das handy am ohr, schienen sie einander zu beteuern,
daß der eine für den andern wie geschaffen ist,
doch auf dem weg
in die entgegengesetzte richtung

Reiner Kunze geb. 16.08.1933

Hannah Arendt – „Wir Flüchtlinge“

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Die Frankfurter Rundschau veröffentlichte gestern einen kurzen Artikel, in dem Hannah Arendts Gedanken zum „fremd sein“ skizziert werden.

„Hannah Arendt zu lesen, macht es leichter, die Gegenwart zu verstehen.“

Ich zitiere den Verfasser des o.a. Artikels Prof. Dr. Dirk Pilz :

Hannah Arendt schreibt 1943 für die jüdische amerikanische Zeitschrift „Menorah Journal“ den Text „Wir Flüchtlinge“. Das ist sein Anfang: „Vor allem mögen wir es nicht, wenn man uns ‚Flüchtlinge‘ nennt. Wir selbst bezeichnen uns als ‚Neuankömmlinge‘ oder ‚Einwanderer‘.“

Später im Text dann: „Wenn wir gerettet werden, fühlen wir uns gedemütigt, und wenn man uns hilft, fühlen wir uns erniedrigt.“ Und: „Nur sehr wenige Individuen bringen die Kraft auf, ihre eigene Integrität zu wahren, wenn ihr sozialer, politischer und juristischer Status völlig verworren ist.“ Deshalb hätten sich viele dazu entschieden, einen „Identitätswechsel“ zu versuchen, doch dieses „kuriose Verhalten“ mache die Sache noch viel schlimmer.

Arendt schreibt das mit Blick auf eine jüdische Assimilierungsmentalität, die verhindere, sich als NS-Verfolgte und als Juden zu bekennen. Ihr Punkt ist dabei, dass sich zu einem Anderen nur verhalten kann, wer sein Eigenes nicht leugnet. Integration gibt es nicht in der Anpassung, sondern in der Spannung zwischen Ferne und Nähe. Das macht Arendts Text politisch brisant bis heute.

Die Ferne von Florian L. Arnold

aus: Philosophischer Kalender 23. Woche – Jean-Paul Satre
[…] Nur ein Sein, das sein Sein zu sein hat, statt es einfach zu sein, kann eine Zukunft haben.

„Die Ferne“ von Florian L. Arnold
erschienen im Mirabilis Verlag 2016

die ferne
ist eine faszinierende vielschichtige Erzählung – sie erinnerte mich beim Lesen an unseren Planeten, an die Erdkruste, die wie „ein Ballett der Kontinente ein vielseitiger Tanz“ ist. Wir leben auf einem dynamischen Planeten, auf dem sich Kontinente verschieben, deren plattentektonischen Prozesse sich auch auf die Evolution auswirken.
Stellen Sie sich ein Erdbeben vor. Nur ein leichtes! Das reicht schon aus. Stellen Sie sich dann die Folgen eines Erdbebens vor, die seismischen Wellen, die sich im Erdinnern ausbreiten, die Erdverschiebungen – bezieht man solche Prozesse auf uns Menschen, dann können Trennungen von Menschen, Trennungen von Zielen oder Orten einem Erdbeben gleich kommen, ebenda einem psychischen Erdbeben.
Erdbeben gehören zu den gewaltigsten Naturkatastrophen, die den Menschen treffen können. Erdbeben kommen wie aus heiterem Himmel, völlig überraschend und mit einer ungeheuren Zerstörungskraft. Mehrere hundert Male bebt die Erde an jedem Tag. Solche Beben sind Beleg für die enormen Kräfte, die im Innern unseres Planeten herrschen und –
– wieder auf den Menschen bezogen- täglich setzen wir uns mit leichteren oder schwereren Beben auseinander.
Unser Gehirn sucht Bindungen zu unseren Mitmenschen, will sie festigen, im Alltag einbauen, auf Trennungen reagiert es ebenso intensiv wie auf körperliche Schmerzen. Loslassen muss gelernt sein. Es ist, wie oben schon angemerkt, ein vielfältiger Tanz zum Festhalten und Loslassen. Und wir lernen es unser ganzes Leben lang. Weggehen bedeutet zurücklassen.
So erschütternd die psychischen Erdbeben des Abschieds sein können, oft fördern sie einen großen Schatz zutage, den wir erkennen „wenn sich die dabei aufgewirbelte Staubwolke wieder gelegt hat“ (Evolutionspsychologe Klinger), Chancen zur Neuordnung stehen im neuen Licht.
Florian L. Arnold verknüpft kunstvoll die Geschichte eines jungen Mannes mit dieser gewaltigsten Naturkatastrophe, die den Menschen treffen kann. Sein Protagonist bricht nach einer durchgemachten menschlichen Tragödie auf, um in Kraterlandschaften unserer Welt in „der Ferne“ Wärme und Licht zu finden. Arnold baut mit ästhethischer Sprache und psychologisch-philosophischem Blick eine besondere Handlung auf, häufig untermalt mit dramatischem Sound.
Insbesondere eignet sich diese Erzählung für Lesehungrige mit Appetit auf künstlerische Textdarstellung und Außergewöhnlichem.
jbs 2tausend16

Ein Nagel saß …

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In der Schmiede der Abtei Fontenay in Burgund bewundert.

Ein Nagel saß in einem Stück Holz

Ein Nagel saß in einem Stück Holz.
Der war auf seine Gattin sehr stolz.
Die trug eine goldene Haube
Und war eine Messingschraube.

Sie war etwas locker und etwas verschraubt,
Sowohl in der Liebe, als auch überhaupt.
Sie liebte ein Häkchen und traf sich mit ihm
In einem Astloch. Sie wurden intim.

Kurz, eines Tages entfernten sie sich
Und ließen den armen Nagel im Stich.
Der arme Nagel bog sich vor Schmerz.
Noch niemals hatte sein eisernes Herz
So bittere Leiden gekostet.

Bald war er beinah verrostet.
Da aber kehrte sein früheres Glück,
Die alte Schraube, wieder zurück.
Sie glänzte übers ganze Gesicht.
Ja, alte Liebe, die rostet nicht!

Joachim Ringelnatz