Erich Fromm – Die Kunst des Liebens

 

(c) jbs 2ooovierzehn Pragser Dolomiten - Wanderung auf den Dürrenstein

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Pragser Dolomiten – Wanderung auf den Dürrenstein

„Nicht als ob man meinte, die Liebe sei nicht so wichtig. Die Menschen hungern geradezu danach; sie sehen sich unzählige Filme an, die von glücklichen oder unglücklichen Liebesgeschichten handeln, sie hören sich Hunderte von kitschigen Liebensliedern an – aber kaum einer nimmt an, dass man etwas tun muss, wenn man es lernen will zu lieben.“ Erich Fromm

Buchrückentext – Erich Fromm – Die Kunst des Liebens – dtv edition – 1996

Erich Fromm ( 1900 – 1980 ) war ein Psychoanalytiker und Sozialphilosoph. 1933 emigrierte er in die USA, dort lehrte er an verschiedenen Instituten, von 1950 bis 1974 dann an der Universität von Mexiko City. 1980 starb er in Locarno in der Schweiz.

Konrads Geständnis – Eine eindringlich erzählte Vertriebenengeschichte

Nach knapp vier Jahren möchte ich aus gegebenem Anlass zur Flüchtlingsdebatte die Buchbesprechung zu „Konrads Geständnis“ von Hans Zengeler nochmals veröffentlichen.

Siehe hier auf dem Blog lou-salome

Konrads Geständnis

ein Roman von Hans Zengeler
Verlag Shaker Media 2011, 235 Seiten

Bildquelle: http://www.literaturport.de/fileadmin/_processed_/csm_3868586741_66d395046a.jpg

Hans Zengeler beschreibt die Zeit nach Gründung der Bundesrepublik ab 1950 und wirft einen kritischen Blick auf die Integrations- und Asylpolitik speziell in Baden-Württemberg. Menschen, wie sein Protagonist Konrad Stachowiak mussten hart kämpfen. Parolen wie :“Badens schrecklichster Schreck, der neue Flüchtlingstreck!“ machten Stimmung gegen Integration.

Der mecklenburgerische Stachowiak stellt eine ausgeprägte Charakterfigur dar, der als einzelnes Individuum mit seinem Einzelschicksal für alle schutzsuchenden Menschen dasteht. Sein Anwalt Hägele dagegen, der sein Freund hätte werden können, löst sich in Farblosigkeit auf.
Ein raffiniert ausgestatteter Roman mit Gegenüberstellung gesellschaftlicher und sozialer Verhältnisse der Nachkriegszeit. Bis in die Gegenwart hinein.

Ich bin bei der erneuten Lektüre von Hans Zengelers Roman „Konrads Geständnis“ auf diese bedeutungsvolle Textstelle gestoßen:

„… , der schnelle Wechsel der Gefühle, eine Fahrt von der Gegenwart durch die Vergangenheit in die Zukunft hinein, … „

Gegenwart

In dem Kapitel wird anfangs die Autofahrt des Anwalts Hägele über die Schwäbische Alb zum Bodensee beschrieben. Hägele bearbeitet gegenwärtig einen Fall von Waffenraub. Der einsitzende Konrad Stachowiak hatte sich selbst angezeigt, nicht weil er Reue zur Tat empfinden würde, sondern weil er der Gesellschaft u.a. deren irrwitzige Asylpolitik vor Augen führen will. Konrad Stachowiak war ein früherer Klassenkamerad des Verteidigers und später in derselben Kaserne wie Hägele stationiert.

Fühlbar einsam hangelt sich der Pflichtverteidiger Hägele durch seine Tage. Seine Ehefrau Vera ist mit dem gemeinsamen Kind aus der Wohnung ausgezogen und will sich nach vielen Ehejahren von ihm trennen. Mit übermäßigem Alkoholkonsum, Tagträumen und mühseligem Aktenstudium seines neuen Falles kämpft Hägele sich durch das Jetzt.

Vergangenheit

Mächtig holt ihn dann plötzlich die Vergangenheit ein. Während und nach den Gesprächen mit Konrad im Sprechzimmer des Gefängnisses durchlebt er die Zeit der Rucksackdeutschen, so wie es sein Mandant selbst erlebt hatte. Es vollzieht sich ein Rollentausch, den der Einsitzende Konrad Stachowiak beim Abschied seines Pflichtverteidigers grinsend kommentiert:

„Er habe noch nie eine so eindringlich erzählte Vertriebenengeschichte gehört.“

Flüchtlinge wurden in (nicht nur) schwäbischen Städten in eigens eingerichteten Stadtteilen ( noch heute weisen Straßennamen wie Deutscher Osten, Danziger Straße, Stettiner Straße, Sachsenweg usw. darauf hin) untergebracht und als lästige Durchfresser und Schmarotzer angesehen. Die Chance auf bessere Schulbildung und sozialem Aufstieg war fast aussichtslos.
Intelligenz und Dickköpfigkeit ermöglichten dem jungen Stachowiak, das Gymnasium zu besuchen, auf dem er vom ersten Tag an nicht einen Freund bekommen sollte. Er gehörte einfach nicht dazu. Er war ein Flüchtling, ein Rucksackdeutscher, der sein Hab und Gut in einem Rucksack in eine neue unbekannte „Heimat“ schleppte:

„Die Rucksackdeutschen, die Flüchtlinge, die Heimatvertriebenen, die Umsiedler, wie auch immer man sie nennen mag, die Asylanten und Asylbewerber gibt es überall, die kommen nirgendwo richtig an.“
S. 68

Nach der Schulzeit ging es für den mecklenburgischen Konrad weiter mit Widerständen und Barrieren, diesmal in der Bundeswehrkaserne in Engsten. Als absoluter Aussenseiter versuchte er die Schikanen und Diskriminierungen seiner Kameraden auszuhalten. Nur durch die Lektüre hochgeistiger Literatur wie z.B die Duineser Elegien, überstand er eine zeitlang diese menschliche Hölle. Dann wurde ein Klinikaufenthalt in einer Psychiatrie notwendig.

Zukunft

Zukünftig will der Anwalt Hägele sich beruflich verbessern und strebt eine Karriere in dem renommierten Anwaltsbüro Dr. Mehringer an. Das die dortigen Gepflogenheiten und Machenschaften nicht seinen Vorstellungen entsprechen, merkt Hägele sehr schnell.

Fazit

Fünf Erzählstränge ( 1. Stachowiak -> Hägele; 2. Dr. Mehringer -> Hägele; 3. Hägele -> Vera; 4. Gegenwart -> Vergangenheit; 5. Asylanten) bilden einen Zopf dieses erzählerisch und bildlich glaubwürdig erzählten Romans. Der Autor Zengeler muss ein sehr guter Menschenkenner und Beobachter sein. Wie kaum jemand anderem gelingt es ihm in „Konrads Geständnis“ die große existentielle Bedrohung darzustellen: Verlust von Achtung und Würde eines Menschen.

Man darf sich als Leser nicht in die Irre führen lassen. Konrads Geständnis ist nicht das Geständnis des inhaftierten Stachowiak, sondern …
… hier mag sich der interessierte Leser selbst eine Meinung bilden.

Mir hat dieser Zengeler-Roman, der übrigens Ende der achtziger Jahre erstmals verlegt wurde, sehr gut gefallen. Zengeler beweist sich als ein Meister subtiler Emotionen und insistierenden Infragestellungen bestehender Strukturen.
Diese Lektüre ist unbedingt weiterzuempfehlen. Hans Zengeler hält mit ihr ein Stück Geschichte fest.

Immer noch aktuell

Das große Thema Asyl, Vertriebene und Flüchtlinge konfrontiert uns aktuell bis in die heutige Zeit. Tagesthemen sind und waren, um nur ein paar Beispiele zu nennen:

– Anfang der 90iger Jahre kamen Asylsuchende aus den umkämpften Gebieten des ehemaligen Jugoslawien in die europäischen Nachbarländer
– die Ausschreitungen in Hoyerswerda 1991
– bis heute suchen Menschen aus dem Irak und Afghanistan Asyl in den EU-Ländern Schutz
– Boatpeople aus Afrika oder Asien suchen die Lizenz für menschenwürdiges Leben.

Die in fett kursiv geschriebenen Textstellen sind Zitate aus obigem Buch.
Nachtrag eines Links und minimale technische Verbesserung am 21.09. und am 22.09.2011

Siegfried Lenz

Die Stimme von Siegfried Lenz ist nicht mehr.

Siegfried Lenz

Siegfried Lenz

Am 7. Oktober 2014 starb einer der bedeutendsten Erzähler deutscher Nachkriegsliteratur.

Für den Frieden sind alle zuständig
Am 9. Oktober 1988 bedankte sich Siegfried Lenz in der Frankfurter Paulskirche für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels unter anderem mit folgenden Worten:

„Soviel ist sicher: Wo es um die Sache des Friedens geht, gibt es keine Inkompetenz. Jeder hat seinen Traum, jeder ist betroffen, wer sich um Frieden sorgt, hat das Recht, mitzureden, und wer gelitten hat, ist zuständig; denn Leiden, so glaube ich, sind Legitimation genug. Wir wollen den Herren der Staatskunst nicht die Kompetenz bestreiten – und die alleinige Kompetenz indes, für den Frieden tätig zu sein, können wir ihnen nicht zubilligen.“

„Geschichtliche Erfahrung rät uns, auf eigenem Mitspracherecht zu bestehen, und das heißt: das Wort zu nehmen – und ein Wort nehmen ist gleichbedeutend mit Handeln -, wenn wir den Frieden bedroht sehen. Und er ist immer bedroht, immer löcherig, im Kleinen wie im Großen. Keine Zeit – von den alttestamentarischen Propheten bis zu den heißer gewordenen Kassandras unserer Tage -, in der das Sehnsuchtsziel Friede nicht in Gefahr gesehen wurde.“

„Der oft verheißende neue Mensch – der friedfertige, der konfliktfreie, der gute Mensch – schritt bisher unter keinem Horizont hervor, und es ist nicht schwer vorauszusagen, dass wir vergeblich auf ihn warten werden. Gezwungen, mit offenen Problemen zu leben, müssen wir uns anscheinend auch mit einem Frieden abfinden,der immer etwas zu wünschen übrig lässt – was aber heißt, dass wir nicht nur zu begleitender Sorge, sondern je nach Möglichkeit auch zu gebotener Handlung aufgefordert sind. Mag er auch ausgefragt sein als Begriff, als Thema, als Wunschzustand, mag er auch erforscht und erkundet sein in seinen vielfältigen Bedingungen und Voraussetzungen, immer wird der Friede Aufgabe bleiben, denn wo er herrscht: Er ist allemal unvollkommen.“

„Als Schriftsteller habe ich erfahren, wie wenig Literatur vermag, wie dürftig und unkalkulierbar ihre Wirkung war und immer noch ist. ( … ) Kein Werk der Einbildungskraft reichte aus, um die Folter abzuschaffen, Kinder vor dem Hungertod zu bewahren, die Rechte Andersdenkender zu sichern. Literatur hat auch nicht verhindern können, dass Millionen unter der Armutsgrenze leben, dass wir zu Gefangenen monströser Bürokratien geworden sind, und dass wir fassungslos dem Sterben unseres Planeten zuschauen müssen.“

„(…) Nein, es ist nicht weit her mit der greifbaren Wirkung von Literatur; der Geschichtenerzähler von heute, der immer noch aus einer Art Notwehr handelt, hat manche Gründe zur Mutlosigkeit, und er wird, seine entäuschten Hoffnungen bilanzierend, zugeben, dass Literatur niemals die Politik ersetzen kann.“

„Welche Gefahr von Wörtern immer noch auszugehen scheint, belegt ein Bericht des Komitees im Internationalen PEN-Club: ‚Writers in Prison‘. Es ist der einstweilen letzte Bericht vom Juli 1988, und er besagt, dass zu diesem Zeitpunkt 305 Schriftsteller und Journalisten in den Gefängnissen von Ländern saßen, zu denen wir wirtschaftliche, kulturelle und sogar freundschaftliche Beziehungen unterhalten. (…) Die Gründe, die zu Verhaftung und Anklage führten, sind uns allesamt bekannt; es sind die alten, die trostlosen, die schmierigen Gründe, die eine argwöhnische Macht zur Hilfe nimmt, um die Störer der Kirchhofsruhe zum Schweigen zu bringen. (…) Das uns allen verheißende Wohlgefallen auf Erden wird sich erst dann einstellen, wenn die Freiheit des Wortes für jedermann garantiert ist. Sie gehört zum Frieden.“

„Die Untaten anderer sind kein Argument der Entlastung. Auschwitz lässt sich nicht im historischen Vergleich erfassen. (…) Und Auschwitz lässt sich auch nicht verstehen. So seltsam es klingen mag: Auschwitz bleibt uns anvertraut. Es gehört uns, so wie uns die übrige eigene Geschichte gehört. Mit ihr in Frieden zu leben ist eine Illusion; denn die Herausforderungen und Heimsuchungen nehmen kein Ende. (…) Der Friede, der uns entspricht, schließt meist Verstörungen durch das Gedächtnis aus. Jedoch: Unversöhnt mit der Vergangenheit, sind wir um so leidenschaftlicher für den Frieden.“

„Wir haben Anlass zu der Frage: Wieviel trägt und erträgt er noch, der alte ramponierte Planet, und wenn wir an den Frieden denken, zu dem ja auch Sattsein und Warmsein gehören: Wie vielen wird, angesichts der Explosion der Weltbevölkerung, die Hoffnung auf ein friedsames Leben bleiben? (…) Wir werden den Frieden nicht gewinnen, wenn wir nicht bereit sind, uns des Elends der Dritten Welt anzunehmen, des gegenwärtigen und des noch furchtbareren in der Zukunft.“

„Es zeigt sich, dass der Friede, in dem wir leben, aus mehrfachen Gründen unfertig ist, dass wir sozusagen am Rande des Friedens leben. Wir leben im Frieden und sind dennoch der Gewalt ausgeliefert, einer privilegierten, von den Ämtern gesegneten Gewalt, die unsere Welt immer unbewohnbarer macht. Gegen unseren Willen nimmt man uns Seen und Meere, lässt unsere Flüsse sterben, skelettiert unsere Wälder.“

„Das Ende des Lebens auf unserem Planeten ist vorstellbar geworden. Die Schöpfung stirbt langsam. (…) Sie kann an unserer Verachtung der Schöpfung und an unserem Egoismus zugrunde gehen. (…) Wir leben im Frieden, in einem unfertigen, notdürftigen, immer gefährdeten Frieden. Die Kräfte bedenkend, die ihm entgegenstehen, die Belastungen zählend, denen er ausgesetzt ist, die Aufgaben prüfend, die er uns stellt, möchte ich das, womit wir dem Frieden heute dienen können, mit wenigen Worten sagen: Widerstand gegen die, die den Frieden bedrohen, mit ihrem Machtverlangen, mit ihrer Selbstsucht, mit ihren rücksichtslosen Interessen.“

Zeitungsartikel von 1988 wahrscheinlich aus der Heidenheimer Zeitung. Ein ausgeschnittener Bericht, den ich im Nachlass meines Schwiegervaters fand.

Gestern strahlte der Fernsehsender „ARTE“ eine kleine Hommage für Siegfried Lenz aus.

Siegfried Lenz – Schriftsteller und Menschenfreund – Mein Leben

Am 23.März 2010 stellte ich auf meinem (alten) Blog lou-salome folgende Buchbesprechung ein:

Die Novelle „Schweigeminute“ erzählt von der Liebe. Von einer Liebe, die, als sie gerade erst beginnt, durch einen tödlichen Unfall ein jähes Ende findet.
Christian ist ein achtzehnjähriger Gymnasiast und hat sich in seine etwas ältere, äusserst attraktive Englischlehrerin verliebt. Sie erwidert seine Liebe und irgendwie schaffen die Zwei das Unmögliche, diese Beziehung geheim zu halten.
Den Rahmen dieses Büchleins bildet die Schulaula von Christian.
Im vollbesetzten Saal findet die Trauerfeier für Stella Petersen statt; sie war an der Schule bei Kollegen-innen und Schüler-innen sehr beliebt. Und während der Schweigeminute ( = die reale Erzählzeit = eine Minute ) blickt Christian, auf den Sommer seiner Liebe zurück ( = erzählte Zeit = ein Sommer lang ).

Eine kleine Stadt an der Ostsee, Seemannsjargon, viel Sonne, Fischer, Schiffe ( – Jollen – Dingis, – Segler, -Fischkutter, – Lastkähne), Hafenarbeiten, eine Liebe zweier Menschen, die man zwischen den Zeilen herauslesen muss, eigentlich alles ziemlich unaufgeregt.
Doch Lenz versteht mit seinem etwas lakonischen Erzählstil den Leser mit auf die Reise zu nehmen, hinaus auf ein herrlich weites Prosameer. Und dort draussen findet sich konturenhaft die Sage der Mesuline (oder das Kunstmärchen der kleinen Meerjungfrau), z.B. wie auf Seite 23:
während eines Strandfestes sucht ein als heimischer Wassergott verkleideter Fischer sich eine Meerfrau ( Stella), oder das gemalte Portrait, das Stella als Meerfrau mit einem schönen gebogenen Fischschwanz zeigt.
Dies ist sicher nicht der eigentliche Kern der Novelle, aber es ergänzt.
Leise vernimmt der Leser das tiefe Thema der Vergänglichkeit, die Unmöglichkeit von vollendetem Glück und auch dass die irdische Liebe zeitlich begrenzt ist.

Der Schriftsteller Siegfried Lenz ist 84 Jahre alt. „Schweigeminute“ ist eine Novelle aus dem Jahr 2008. Ein zeitlos schöner Erzählband!

Melusine