haiku 112

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(c) jbs 2tausend17  //vertrocknete Salbeiblätter//

haiku 112

blattskelette –

versteckt hinter feldmauern

brütet der zilpzalp

jbs 2tausend17

Im Frühjahr steht der Gärtner im Beet und schaut nach dem Rechten. Seinem Blick entgeht nichts. Er sieht den alten Kräuterstrauch an der Feldmauer, darunter vertrocknete Salbeiblätter, die sich wie ein filigranes Maschenwerk darstellen. Nach dem Winter ist der Salbei vertrocknet und zerbröselt.

Das Nest des Laubsängers wird nicht selten auf, aber überwiegend niedrig über dem Boden errichtet. Und der brütende Zilpzalp deutet auf den Frühling hin.

nördliche flugschrift

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nördliche flugschrift

nördliche flugschrift – nur so?

maulwürfe stechen

in see.

entpuppen sich

im licht

der wellen

dicht über dem meeresgrund.

blau –

pause.

 

© jbs 2tausend17

haiku 107

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(c) jbs 2tausend16 – Unteruhldingen . Bodenseee

haiku 107

winterlicht am see

hinter dem grenzwall aus holz

ziehen singschwäne

© jbs

haiku 107-a

winterlicht am see

hinter dem grenzwall aus holz

singende schwäne

© jbs

Das Ideal – Kurt Tucholsky

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(c) jbs 2tausend16 – Pfahlbautenmotiv Unteruhldingen Bodensee

Kurt Tucholsky

Das Ideal

Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –
aber abends zum Kino hast dus nicht weit.

Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:

Neun Zimmer – nein, doch lieber zehn!
Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
Radio, Zentralheizung, Vakuum,
eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
eine süße Frau voller Rasse und Verve –
(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) –
eine Bibliothek und drumherum
Einsamkeit und Hummelgesumm.

Im Stall: Zwei Ponies, vier Vollbluthengste,
acht Autos, Motorrad – alles lenkste
natürlich selber – das wär ja gelacht!
Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.

Ja, und das hab ich ganz vergessen:
Prima Küche – erstes Essen –
alte Weine aus schönem Pokal –
und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.
Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
Und noch ne Million und noch ne Million.
Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.

Ja, das möchste!

Aber, wie das so ist hienieden:
manchmal scheints so, als sei es beschieden
nur pöapö, das irdische Glück.
Immer fehlt dir irgendein Stück.
Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
hast du die Frau, dann fehln dir Moneten –
hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.

Etwas ist immer.
Tröste dich.

Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Daß einer alles hat:
das ist selten.

(1927)