„Die Ankunft der Bäume“ und Urlaub

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(c) jbs 2tausend16

Nun hatte ich in den letzten Wochen so viele Ansätze unternommen, hier wieder etwas mehr Leben auf die Seite zu bekommen – aber es ist mir nicht gelungen. Dabei gab es einige schöne Bücher, die mich über den Alltag begleitet hatten und die es wert wären, hier besprochen zu werden, wie z.B. das Lyrikbändchen von Svenja Herrmann „Die Ankunft der Bäume“. Sie stellte ihre Gedichte im absolut idyllischen Garten des Ev. Stifts Tübingen 2017 vor.

Ich las vor einiger Zeit eine Aussage zur Dichtung, die gut auf Hermanns Lyrik zutrifft:

„[…] Dichtung verhält sich zu gewöhnlicher Rede wie Singen zum Sprechen, wie Tanzen zum Gehen, wie Festtage zum Alltag. Ihr Grundprinzip, wie das der übrigen Künste, ist Abweichung vom Gewöhnlichen. Selbst dann, wenn ein Künstler sich zum Ziele setzte, das Gewöhnliche als solches darzustellen, müsste er es auf eine ungewöhnliche Weise tun, sonst würde man es nicht als Kunst wahrnehmen. […]“ ( Hans-Dieter Gelfert).

Da ich entschieden zu wenig zu Papier gebracht habe, weil es zuviel *hierundda* im Alltag gab, liegt mein Blog etwas brach. Nun ist erst einmal Urlaub angesagt, danach sehe ich weiter.

Der Urlaub 

Ein Mensch, vorm Urlaub, wahrt sein Haus,
Dreht überall die Lichter aus.
In Zimmern, Küche, Bad, Abort-
Dann sperrt er ab, fährt heiter fort.
Doch jäh, zu hinterst in Tirol,
Denkt er voll Schrecken: „Hab ich wohl?“
Und steigert wild sich in den Wahn,
Er habe dieses nicht getan.
Der Mensch sieht, schaudervoll, im Geiste,
Wie man gestohlen schon das meiste,
Sieht Türen offen, angelweit.
Das Licht entflammt die ganze Zeit!
Zu klären solchen Sinnestrug,
Fährt heim er mit dem nächsten Zug
Und ist schon dankbar, bloß zu sehn:
Das Haus blieb wenigstens noch stehn!
Wie er hinauf die Treppe keucht:
Kommt aus der Wohnung kein Geleucht?
Und plötzlich ist`s dem armen Manne,
Es plätschert in der Badewanne!
Die Ängste werden unermessen:
Hat er nicht auch das Gas vergessen?
Doch nein! Er schnuppert, horcht und äugt
Und ist mit Freuden überzeugt,
Daß er – hat er`s nicht gleich gedacht?-
Zu Unrecht Sorgen sich gemacht.
Er fährt zurück und ist nicht bang.-
jetzt brennt das Licht vier Wochen lang.

Eugen Roth

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[magistrale]

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(c) jbs 2tausend17

magistrale
hinter den stationen
alte bilder von dünen
und deichen
unvermittelt
bleibt man
dort zwischen kargen hügeln
allein
beharrlicher abschied
flüchtige ankunft
und immer wieder
kehrt man zurück
zu den fußnoten
der fata morgana
dort pinseln gaukler
bilder auf pfützen
narren führen
hinter das licht
ungeachtet jedoch
passiert ein lichtstrahl
das ziel
hinter den gleisen
ruht der mistral
tritt ein
in das gezirpe der zikaden
in das kecke blau
des himmels
während die ähren
am anderen ende
brennen

jbs2tausend17

Flaneur von Franz Hodjak

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Flaneur

Schon wenn du um die nächste Ecke
biegst, bist du ein anderer, eine Art
Deserteur aus einem Gleichgewicht, das

es noch zuvor gab. Der Himmel ist
anders eingegrenzt, die Demonstranten
wirken entschlossener, obwohl das Ziel

genau so vag ist wie in der Straße, aus
der du gerade abgebogen bist. Die Madonna
spricht spanisch, und eine Dohle setzt sich

auf einen verlorenen Damenschuh, als wollte
sie ein Stück Einsamkeit abwenden. Die Musen
sind mit Bombenanschlägen beschäftigt. Das

Haarstudio heißt Salon für Haararchitektur.
Begnadete Reporter fragen, ob jemand eine
Reise in die Welt Wassili Kandinskys gewinnen

möchte, außer einem Schwulen will das
niemand. Die Erhabenheit wedelt sich Genialität
zu, mit chinesischem Fächer, ein Sinnbild

des freien Marktes. Nach jeder Ecke
sind es stets andere Leben, in die du
eintrittst und die nicht dir gehören, sondern

den Gegenständen, Ereignissen, Vorgängen,
deren Anblick dich verwandelt.

aus: Franz Hodjak

[ Sonnenverschlupfer ]

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(c) jbs 2tausend17 „Ein Sonnenverschlupfer“

Heinrich Heine

Das Fräulein stand am Meere

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! Sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.

(1844)

haiku 112

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(c) jbs 2tausend17  //vertrocknete Salbeiblätter//

haiku 112

blattskelette –

versteckt hinter feldmauern

brütet der zilpzalp

jbs 2tausend17

Im Frühjahr steht der Gärtner im Beet und schaut nach dem Rechten. Seinem Blick entgeht nichts. Er sieht den alten Kräuterstrauch an der Feldmauer, darunter vertrocknete Salbeiblätter, die sich wie ein filigranes Maschenwerk darstellen. Nach dem Winter ist der Salbei vertrocknet und zerbröselt.

Das Nest des Laubsängers wird nicht selten auf, aber überwiegend niedrig über dem Boden errichtet. Und der brütende Zilpzalp deutet auf den Frühling hin.