Kantorka

// Kantorka kommt //

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Alpendohle auf dem Dach der Langkofelhütte (c) jbs 2tausend17

aus: Was man so alles in Bilder hineinsehen kann.

„Krabat lernt die Kantorka in der Osternacht kennen. Er sieht sie zum ersten Mal, als er und Tonda sich bei Bäumels Tod das Ostermal holen müssen und sie Lied um Lied singend durch die Dorfstraßen Schwarzkollms zieht. Ein Jahr später als er die Kunst des „Aus-sich-heraus-gehens“ beherrscht und abermals am Osterfeuer sitzt, beobachtet er sie aus der Nähe. Im 3. Jahr spricht er in Gedanken zu ihr und bittet sie auf ihn zu warten. Von diesem Zeitpunkt an ist Krabat in die Kantorka verliebt. Als Juro ihm erzählt, dass es ein Mädchen sein müsse, das Krabat aus der Mühle befreien kann, weiht er sie in die Geheimnisse ein und bittet sie ihn freizusprechen.
In der Neujahrsnacht kommt die Kantorka zur Mühle. Sie trägt ihre Abendmahltracht und ihr weißes Stirnband. Der Meister fragt die Kantorka, ob sie Krabat erkennen würde. Sie antwortet mit einem eindeutigen ja. Nun stellt sie der Meister vor eine schwierige Aufgabe. Die Mühlknappen müssen in die schwarze Kammer gehen und sich in einer Reihe aufstellen. Er zieht eine schwarze Binde aus der Hosentasche und bindet sie der Kantorka um die Augen. So soll sie Krabat erkennen. Mit Hilfe ihrer Liebe zu Krabat gelingt es ihr die Probe zu bestehen und den Burschen zu erkennen. Seine Angst um sie hat ihr dabei geholfen. Krabat und die anderen Mühlknappen erlangen die Freiheit und verlassen gemeinsam den dunklen Ort. Der Meister selbst muss noch in derselben Nacht sterben und die Mühle brennt in Schutt und Asche nieder.“

aus: Krabat – Die Kantorka

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Der Kornmesser von Südfall – Ein Märchen aus Uthlande

Dieses kleine Märchen gestattet einen Blick in die wundersame Welt der Uthlande. Es öffnet den Zugang zu dieser einmaligen schönen Landschaft mit ihren mitunter etwas schrulligen und verschroben wirkenden Menschen.

GP - Sonnenuntergang in Dänemark 2007

GP – Sonnenuntergang in Dänemark 2007

Der Kornmesser von Südfall

Dort, wo heute die kleine Hallig als karges Eiland aus dem Meer aufragt, lag vor langen Zeiten das so einst so große und reiche Rungholt. Die Stadt ging in den Fluten der Nordsee unter, erzählt man sich heute noch, wegen ihrer lasterhaften Lebensweise, ihres protzigen Reichtums und weil sie Gott lästerte.

Nun wohnte einmal auf Südfall ein Halligbauer, der als besonders listiger Mann galt. Zudem war er geizig und teilte nur ungern, auch dann nicht, wenn ein einsamer Schiffer an seine Hallig verschlagen wurde. Er nutzte die Abgeschiedenheit seiner Wohnstatt aus und ließ sich für jede Gastlichkeit teuer bezahlen. In seiner kleinen Schankstube verlangte er überhöhte Preise, wenn jemand bei ihm einkehrte. Vielleicht hatte ihm das Schicksal schwere Stunden beschert und aus dem vielleicht einst guten Wesen wurde ein hartherziger Geselle. Er konnte sich manches selbst nicht erklären. So war er über die Jahre schwierig geworden und konnte es nur in der Einsamkeit seiner Hallig aushalten. Nur seine Frau stand alle Jahre treu und tapfer zu ihm.

Eines Tages fand Rasmus, so nannte man ihn, einen Totenschädel im Watt. Den hob er auf und nahm ihn mit auf seine Warft. Zu der Zeit fand man nicht selten Totengebeine in diesem Gebiet. Es waren die untergegangenen Rungholtleute, die das Meer nach und nach freigab. Es wunderte Rasmus aber, dass seine Frau angesichts dieses Schädels inständig flehte, er möge ihn wieder aus dem Haus bringen, dorthin, wo er ihn gefunden habe. Aber Rasmus hörte nicht auf seine Frau, sondern stellte den Totenkopf in ein Regal seines Schankraumes, wo schon allerlei wunderliche Sachen standen. IMG_6173

Es geschah an einem Abend.

Über die See spannte sich die Dämmerung, eine trübe dunkle Nordseedämmerung. Es war die Stunde, in der Ebbe und Flut um die Herrschaft ringen. Ein eigentümliches Zischen und Rieseln stieg aus der schlammigen Tiefe auf und kam seltsam fern und doch nah durch die stille Luft, wurde stärker und lauter. Wie jauchzende Sieger sangen weit draußen die kommenden Wasserwellen. Rasmus saß, wie so oft, allein in seiner Schankstube und dachte nach. Die Türe stand auf und draußen summte ein kläglicher Wind und Rasmus war, als hörte er eine Musik und wußte nicht, wo die wohl herkommen mochte. Da sah er einen fremden Mann auf seine Warft zuschreiten. Der trug einen Schlapphut, war mit einem Wams bekleidet und hatte lange Stulpstiefel an. Auf den Rücken hatte er eine Geige gebunden. Allzu fremdartig schien die Gestalt, so dass Rasmus erschrak, was man von ihm nicht so leicht sagen konnte. In der offenen Tür blieb der Fremde stehen, grüßte nicht, nahm aber seine Geige, fing darauf zu spielen an und sang dazu das Lied, welches so anfängt:

O wüster Sünder, denkst du nicht,

was dein verruchtes Leben

an einem großen Weltgericht

für Lohn dir werde geben.

Rasmus war vor Angst gelähmt, als der Fremde auf den Totenschädel zuging, ihn nahm, auf den Tisch stellte und sich ihm gegenüber setzte, von Angesicht zu Angesicht.

Ich bin gekommen, Bruder“, sagte der Fremde, „dir deine bösen Gedanken zu vertreiben und um dich zu erlösen, denn du hast mich gefunden und ich will es dir lohnen.“

Durch die Musik und das Spielen des Liedes war die Frau hellhörig geworden und in den Schankraum geeilt, wo der Fremde anfing zu erzählen:

In dem alten Rungholt lebten einst zwei Brüder. Der Ältere war ein guter Rechner und der andere ein Musikant. Den Rechner stellte der Rat von Rungholt ein als Kornmesser, doch den Jüngeren wollte man nicht haben, weil seine Musik eine fromme war und seine Weisen so her und lieblich, als wenn die Engel im Himmel selber die Spielleute wären. Eine solche Musik passte nicht in das alte Rungholt, wo mehr geflucht und getrunken und in den Schänken Gassenhauer gespielt wurden. Der Musikant beschloss deshalb, seine Heimatstadt zu verlassen und sein Glück bei Hofe des Herzogs zu suchen, wo ein gesellschaftliches Treiben war und feinsinnige, kulturbeflissene Menschen lebten. Er nahm deshalb seine Geige und seinen Stock und ging auch alsbald. Sein älterer Bruder gab ihm noch ein Stück des Weges das Geleit. Als man nun bei Fedderingmann Capell vel Riep gekommen war, wo ein Fährmann über das Fallstief setzen musste, nahmen sie voeinander Abschied. Der Jüngere gab dem Älteren die Hand und sagte: „ Bruder, wir werden uns in dieser Welt nicht mehr sehen. Aber einst zu deinem Begräbnis werde ich kommen. Lass mich dann nur Gutes von dir hören.“

So schieden sie voneinander. 

Alte Buhnen

Alte Buhnen

Es schien aber, als sei ein guter Engel von dem Älteren gewichen, denn der begann sie alle zu betrügen, den Rat von Rungholt, die Reeder und Schiffer und auch das Volk. Er maß mit falschen Gewichten und wurde heimlich ein reicher Mann. Das ging viele Jahre gut und niemand merkte etwas. Der Kornmesser war geschickt in seinem Tun und führte nach außen ein untadeliges Leben im gegensatz zu vielen anderen Rungholtern.

Nach guten Jahren kommen schlechte, und eine große Teuerung überfiel das Land. Die Schiffe der Hanse blieben aus und der blanke Hans nagte immer wieder an den Deichen. Der Kornmesser lieh Geld in der ganzen Gegend und die Leute wurden ihm schuldig. Da mochten die Schuldner kommen, denen er in teureneiten einen Vorschuss geleistet hatte. Er kannte kein Erbarmen, so sehr sie auch bettelten und er kannte wenig Geduld mit denen, die zinsfällig wurden. Einigen ließ er die einzige Kuh aus dem Stall holen und anderen die Schiffe an die Kette legen. Manchen trieb es fort ins Elend und die Leute meinten, es würden ihrer und ihrer Kinder Tränen ihm noch auf seiner Seele brennen. Sie würden ablaufen wie das Regenwasser von einem Ziegeldach.

Freunde hatte dieser Mann keine. Aber er war mächtig und selbst der Rungholter Rat vermochte nichts gegen ihn auszurichten. Seine Advokaten waren mit allen Wassern gewaschen. Man seufzte über seine Hartherzigkeit und betete zu Gott, er möge sie von ihrem Übel erlösen.

In einer Nacht hörte man ihn dann fürchterlich schreien in seinem Hause, und am Morgen lag er tot im Bett, das ganze Gesicht blau unterlaufen. Beweint hat ihn niemand.

Auf seiner Beerdigung ging es dann auch seltsam zu. Wie man den Sarg ins Grab lässt, kam ein Fremder gegangen, drängte sich durch die Menge der Schaulustigen und warf drei Handvoll Erde auf den Sarg. Er war der einzige, der nasse Augen hatte. Das war der Bruder, der alt geworden war und auch grau. Seine Geige hatte überhängen wie früher. Als das Grab fertig war, steckte er das Kreuz darauf und ging mit den Leuten fort vom Friedhof. Dann hörte er ein böses Gerücht und alle Schlechtigkeiten, die sein Bruder zu Lebzeiten verübt hatte. Das ging ihm sehr zu Herzen. Wie er genug und übergenug gehört hatte, wanderte er zu dem Ort, wo er seinen Bruder noch einmal weichmütig gesehen hatte und mit guten Vorsätzen.

Der Fährmann am Fallstief war alt geworden, so alt, dass er seine Jahre zählen konnte. Er siechte dahin. Der Geiger pflegte ihn. Man hörte ihn singen und spielen, jeden Morgen und jeden Abend.

Der Kornmesser aber, so sagt man, konnte im Grab keine Ruhe finden. Auf dem Speicher maß er oft ganze Nächte hindurch das Korn. Immer und immer wieder. Er kehrte zusammen und hob die Säcke an. Einmal waren Leute auf dem Dachboden und redeten von ihm. Plötzlich war er da und die Leute rannten eilig die Treppe hinab und einer brach sich ein Bein.

Später kam eine große Sintflut. Ein Sturm war gewachsen und die Flut ging viele Ellen über die Deiche. Alles Land wurde überschwemmt. Das Meer riss Rungholt mit sich fort und sieben Kirchspiele, auch den Hafen Niedamm und Fedderingmann Capell vel Riep. Viele, viele Menschen fanden den nassen Tod, auch der Geiger in dem Fährhause.

Das Meer gibt und nimmt. Jahrhunderte später entstand die heutige kleine Hallig Südfall. Sie musste sich opfern, damit Rungholt darunter lebt. Man fand Töpfe und Gebeine, metallene Becken und eiserne Schwerter. An manchen windstillen Tagen hörte man in der Ferne eine leise Musik zum Läuten der Glocken in der Tiefe.“

Dem Rasmus war, als hätte er geträumt. Als er sich die Augen rieb, verschwand der Fremde so plötzlich im Dunst des Watts wie er aufgetaucht war. Der schiefergraue Schlick wurde schon blank. An einigen Stellen blinkerten große Wasserlachen, die langsam größer und größer wurden.

Von diesem Tage an war der Halligbauer Rasmus ein anderer Mensch geworden. Er war großzügig und hilfsbereit. Seine Mitmenschen konnten sich die Veränderung seines Wesens nicht erklären. Er wilderte nicht mehr im Watt, schlug keine Seehundbabys tot und verkaufte keine Felle mehr. Jeder wurde freundlich und gastlich bei ihm aufgenommen. 

Südfall - Georg Kullik

Südfall – Georg Kullik

Den Totenschädel nahm er und brachte ihn dahin zurück, wo er ihn gefunden hatte. Noch viele Jahre lebte er auf Südfall. Eines Abends aber wurde er auf dem Rückweg zu seiner Hallig mit seinem Gespann von der Flut überrascht. Er war versehentlich auf ein falsches Licht zugefahren. Die Pferde hat er noch ausgespannt. Man fand sie am nächsten Tag grasend am Deich. Rasmus aber folgte seinem Bruder in das nasse Element und in die Ewigkeit.

vogelkönigaus: „Der Vogelkönig von Beenshallig ein Wattenmärchen und andere Geschichten“ von Georg Kullik neu und anders erzählt. Verlag Dieter Broschat, Nordstrand und Hohenwestedt, 1990, Seite 37 -41.