Rattenlinie – Buchbetrachtung

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Die Ratten verlassen das sinkende Schiff

Martin von Arndt vermischt in seinem neuen Roman „Rattenlinien“, erschienen im ars vivendi verlag, 2016, anhand von Literatur-und Archivstudien, Fakten und Fiktion.

In Form eines Politthrillers zeichnet er hochspannend die heimliche Alpenüberquerung eines Nazis nach, dem, wie Tausenden von Nationalsozialisten vor über siebzig Jahren diese Flucht sogar bzw. auch mit Hilfe der Katholischen Kirche gelang.

Die von den US-amerikanischen Geheimdiensten als „Rattenlinie“ bezeichnete Fluchtroute über Südtirol nach Rom oder Genua und von dort weiter nach Argentinien, Bolivien oder Syrien gab dem Roman seinen Titel.

Verfolgt wird ein flüchtender Massenmörder von einem in die Jahre gekommenen Kommissar, dessen ehemaligem Assistenten sowie einem Special-Agent aus Amerika. Ein klirrend kalter Winter erschwert nicht nur die Flucht sondern auch die Verfolgung im Hungerwinter 1946 auf 1947.

Hilfe für NS-Täter und Verurteilte

[…] Die Bereitschaft, mit der Vergangenheit abzuschließen und den NS-Sündern zu verzeihen, war derartig großzügig, dass katholische Würdenträger hauptverantwortlichen Nationalsozialisten zur Flucht nach Südamerika verhalfen. Der bekannteste Fluchthelfer war der österreichische Bischof Alois Hudal […]. Er baute ein umfangreiches Netzwerk aus und besorgte Unterschlupf für mehrere hochrangige NS-Täter und Verbrecher des kroatischen Ustascha-Regimes. Sie flüchteten über die Alpen nach Rom, wo sie falsche Pässe bekamen, von dort, immer wieder versteckt in Klöstern, nach Genua, um mit dem Schiff nach Südamerika zu entwischen. Die Liste der Personen, die über die „Kloster- oder „Rattenlinien“ gerettet wurden, ist lang und erschreckend. Adolf Eichmann, Josef Mengele, Walter Rauff, Klaus Barbie, Erich Priebke, Erich Müller […].

Einige von ihnen wurden später aufgespürt, Eichmann 1960 in Argentinien und Barbie 1983 in Bolivien, und vor Gericht verurteilt. Insgesamt konnte rund 300 Tätern dieses Kalibers zur Flucht verholfen werden, auch durch Fluchtwege der CIA, weil man im Kalten Krieg die Expertise mancher Deutscher brauchte. […]1

Gesuchte Kriegsverbrecher reisten also mit Pässen des Roten Kreuzes aus, die zuvor von Priestern beglaubigt worden waren. Verkleidet als Mönche entkamen viele auch über eine Kette verschwiegener Klöster nach Spanien – und von Barcelona in alle Welt.

Rollentausch

Diensteifer, Hass und Löcher in den Köpfen der Nationalsozialisten waren bodenlos. Und als am Ende die Zeche fällig wird, in der Stunde des Erwachens2 hat von Arndts Antagonist Gerhard Wagner sich dazu entschieden, wie viele tausende seiner Gesinnungsgenossen übrigens auch (s.o.), seinen Opfern den Rücken zu kehren und abzudampfen.

Wagner tauscht seine Rolle des Verbrechers, des Massenmörders und Täters in die Rolle des Opfers: Wagner wird Flüchtender, ein Gejagter, ein Heimatloser, ein Kranker.

Fanatismus

Schaut man auf die inhaltliche Ausrichtung des Fanatismus, erstreckt sie sich praktisch auf alle Lebensgebiete. Sie kann uns überall dort begegnen, wo eine starke Bindung an eine Sache herrscht und hohe Begeisterung weckt. Das sind nicht nur religiöse oder politische Fanatismus-Strömungen, es gibt auch den klassischen Gerechtigkeits- oder Wahrheitsfanatismus sogar einen Ernährungs- oder Sportfanatismus.

Während auf der einen Seite des Romans fanatische Kriegsverbrecher versuchen, sich aus ihrer Verantwortung zu stehlen, nimmt auf der anderen Seite der Protagonist Kommissar Andreas Eckart Eckart unbeirrt die Nazijagd auf. Obwohl er während einer kurzen Gefangenschaft durch die Ustascha schwer misshandelt wird, spürt er trotzdem weiterhin Wagner nach. Als er sich eine frische Wunde als Erkennungszeichen3 mit einem heißen Schürhaken in den rechten Oberarm einbrennt, um „die gleiche frische Wunde, die in diesen Tagen alle SS-Männer besaßen“4 vorzeigen zu können, sollte er in die Hände CIC ( Heeresnachrichtendienst der USA) fallen, habe ich das Gefühl, dass Eckarts Gerechtigkeitssinn fanatische Züge annimmt. Doch an die vorherigen Romanseiten erinnernd, auf denen die zentrale Figur Eckart als ein ausgesprochener Menschenkenner und tragischer Berufsheld beschrieben wird, löst sich der Verdacht auch schon wieder auf.

Lyrische Naturbetrachtungen

Dieser Roman ist ein kleines Schatzkästchen für lyrische Naturbetrachtungen. Sei es die Sonne, die zu einem kleinen Klumpen Titanweiß geschmolzen ist und über der Landschaft ein Geruch von Rauch und vergorener Milch liegt. Oder der Kaffee, der nach Erbsen und Speck schmeckt. Oder die optisch-akkustische Beobachtung während eines Eisnebels. Wunderschöne Bilder!

Fazit

Mit spannenden und rasanten Verfolgungen, tragischen Verbrechen bis hin zum Mord, dialogbespickt und mit unglaublich schönen Naturbildern, ist ein absolut lesenswerter Roman entstanden. Voll mit Kritik gegen Ungerechtigkeiten in der Welt, nicht nur zur Zeit der Rattenlinien, die einen manchmal an den Rand der Verzweiflung treiben, aber dann wieder zurückholt mit Zeilen wie diesen:

[…] / Denn wenn die Nacht vergangen ist / Wirst du sehen, dass ihr Sonnenschein folgt / Ein neuer Tag wird kommen // Die Welt wird in goldener Pracht erglänzen / Bald werden wir vergessen, dass der Himmel grau war / Und wie in einem schönen Märchen / Wird ein neuer Tag kommen. (Zitat aus „Rattenlinien“)

Meine Leseempfehlung: Lesen Sie! Unbedingt!

1Zitiert aus: Olaf Blaschke „Die Kirchen und der Nationalsozialismus“, Reclam Sachbuch 2014, Seite 236-237

2Zitat aus: Boualem Sansal „Das Dorf des Deutschen“, Merlin Verlag,1991, Seite 274-275

3Wikipedia: Die Blutgruppentätowierung war ein Kennzeichen der Mitglieder der SS-Verfügungstruppe, der SS-Totenkopfverbände und später des größten Teils der Waffen-SS. Ursprünglich zur Erleichterung medizinischer Hilfe gedacht, wurde es in der Endphase des Kriegs oder nach Kriegsende eine Hilfe, wenn es darum ging, untergetauchte Angehörige der Waffen-SS – die sich oftmals als gewöhnliche Wehrmachtssoldaten ausgaben– zu identifizieren.

4Zitiert: Martin von Arndt „Rattenlinien“ ars vivendi Verlag, 2016, Seite 284

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Der Unwissende

Wer auf einen Hügel steigt, um reinere Gedanken zu haben, läuft Gefahr, dass er, je länger er dort verweilt, nur Leere findet; mag sein, er wendet sich sogar, wenn er es zuletzt leid wird, gegen die Reinheit. Dann wäre es schon besser, sich unten im Gelände zu verirren.

Textstelle aus: Philippe Jaccottet – Der Unwissende
S. 82 – Hanser Verlag

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Gletscher – Naturwunder aus Eis

Die fotografische Zeitreise Gletscher im Treibhaus fiel mir dieser Tage im Bücherregal eines Gasthofs im Martelltal, Südtirol, in die Hände. Autoren und Fotografen des Buchs setzen sich kritisch mit den ökologischen Auswirkungen der Industriewelt auseinander. Auch von Mojib Latif finde ich zum Thema „Der globale Klimawandel“ einen interessanten Beitrag. Latif ist durch seine mediale Präsenz vielen Menschen bekannt. Auf tagesschau24 warnte er am 12.08.2015 erneut, das der Klimawandel auch bei uns zuschlägt und er geht davon aus, dass in dreißig Jahren sowohl Dürreperioden als auch das Gegenteil – heftiger Niederschlag – noch häufiger auftreten.

Über siebzehn Tage lang wanderte ich in Südtirol oberhalb der Baumgrenze und beobachtete dabei u.a. verschiedene Gletscher im Alpengebiet, zum Beispiel den Zufallferner, Hohenferner, Schranferner. Ich konnte nicht aufhören, das Gletschereis, Gletscherwasser und Gletscherwasserfälle zu fotografieren, mich ihrer Faszination hinzugeben, ihnen aber auch meinen riesengroßen Respekt entgegenzubringen. Steht man diesen Eisriesen Angesicht zu Angesicht gegenüber, wild und unberechenbar bedrohen ihre Eismassen  Mensch und Tier. Trotzdem liegt ein mystischer Zauber, etwas rätselhaftes und Unerklärbares über diese Wasserspeichergiganten.

Was wäre die Alpenwelt ohne ihren prächtigen weißen Schmuck der großen Berge? Eine Wüstenlandschaft, denn das Eis bindet nahezu 90 Prozent des gesamten Süßwassers auf der Erdoberfläche. Würde dieses Süßwasser nicht mehr in Form von Eis gespeichert, käme es zu Überschwemmungen, zu einem katastrophalen Anstieg des Meeresspiegels. Der Permafrost würde auftauen. Permafrostböden „kitten“ mit ihrem Eis sozusagen Felsgestein, Schutt, Steine und Böden aneinander. Wenn es jedoch taut, verliert der Gletscher logischerweise sein Gewicht und die Landschaft, die er bisher zusammendrückte, hebt und senkt sich, kommt in Bewegung. Erd-und Steinrutsche, Felsstürze und Schlammlawinen lösen sich vom Berg, rutschen ins Tal, vernichten Menschen, Landschaften, Kulturräume. Das Alpengebiet würde einer Mondlandschaft gleichen: kein grünes Leben könnte sich ohne Wasser bilden. Es gäbe keine Hochmoore mehr, keine Wälder, keine Wiesen, auf denen die Bauer auf schrägsten Hanglagen Heu einholen würden, kein Leben in Bergdörfern-städten wäre ohne Wasser möglich.

Das Kyoto-Protokoll ist ein erster wichtiger Schritt, in dem sich die Industrieländer verpflichten, ihre Treibhausgasemissionen zu mindern. Einen notwendigen Klimaschutz liefert das Kyoto-Protokoll aus Sicht der Klimaforscher in der gegenwärtigen Form allerdings nicht. Um gravierende Klimaänderungen in den nächsten hundert Jahren zu vermeiden, müsste der Ausstoß von Treibhausgasen auf ein Bruchteil des heutigen Ausstoßes bis zum Jahr 2100 reduziert werden. In der Zukunft muss daher der Einführung der regenerativen Energien mehr Gewicht beigemessen werden, denn nur diese, insbesondere die Sonnenenergie, stehen unbegrenzt zur Verfügung. ( Seite 225 aus Gletscher im Treibhaus ).

Besonders unter diesen Aspekten wird beim Hochgebirgswandern deutlich, dass bis zum heutigen Tag die Gletscher einen elementaren Bestandteil des alpinen Mythos bilden und Identifikation für ganze Regionen und Länder bilden.

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