an der schwelle

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(c) jbs 2tausend16      Zitat

an der schwelle – skizze

vorgestern. unterwegs. hüllenlose im gespräch an der schwelle fast leer gepflückter reben.

sieh! im gewirr schwarzer äste tänzeln grell kolorierte. vom himmel zur erde.

zweifelsohne! von einem gewissen punkt gibt es keine rückkehr mehr. dieser punkt ist zu erreichen.

kafka.

franz.

jbs

 

 

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Ballade „Pidder Lüng“

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Pidder Lüng

Detlev von Liliencron

„Frii es de Feskfang,
Frii es de Jaght,
Frii es de Strönthgang,
Frii es de Naght,
Frii es de See, de wilde See
En de Hörnemmer Rhee.“

Der Amtmann von Tondern, Henning Pogwisch,
Schlägt mit der Faust auf den Eichentisch:
Heut fahr ich selbst hinüber nach Sylt
Und hol mir mit eigner Hand Zins und Gült.
Und kann ich die Abgaben der Fischer nicht fassen,
Sollen sie Nasen und Ohren lassen,
Und ich höhn ihrem Wort:
Lewwer duad üs Slaav!

Im Schiff vorn der Ritter, panzerbewehrt,
Stützt sich finster auf sein langes Schwert.
Hinter ihm, von der hohen Geistlichkeit,
Steht Jürgen, der Priester, beflissen, bereit.
Er reibt sich die Hände, er bückt den Nacken.
Der Obrigkeit helf ich die Frevler packen;
In den Pfuhl das Wort:
Lewwer duad üs Slaav!

Gen Hörnum hat die Prunkbarke den Schnabel gewetzt,
Ihr folgen die Ewer, kriegsvolkbesetzt.
Und es knirschen die Kiele auf den Sand,
Und der Ritter, der Priester springen ans Land,
Und waffenrasselnd hinter den beiden
Entreißen die Söldner die Klingen den Scheiden.
Nun gilt es, Friesen:
Lewwer duad üs Slaav!

Die Knechte umzingeln das erste Haus,
Pidder Lüng schaut verwundert zum Fenster heraus.
Der Ritter, der Priester treten allein
Ober die ärmliche Schwelle hinein.
Des langen Peters starkzählige Sippe
Sitzt grad an der kargen Mittagskrippe.
Jetzt zeige dich, Pidder:
Lewwer duad üs Slaav!

Der Ritter verneigt sich mit hämischem Hohn,
Der Priester will anheben seinen Sermon.
Der Ritter nimmt spöttisch den Helm vom Haupt
Und verbeugt sich noch einmal: Ihr erlaubt,
Daß wir euch stören bei euerm Essen,
Bringt hurtig den Zehnten, den ihr vergessen,
Und euer Spruch ist ein Dreck:
Lewwer duad üs Slaav!

Da reckt sich Pidder, steht wie ein Baum:
Henning Pogwisch, halt deine Reden im Zaum.
Wir waren der Steuern von jeher frei,
Und ob du sie wünschst, ist uns einerlei.
Zieh ab mit deinen Hungergesellen,
Hörst du meine Hunde bellen?
Und das Wort bleibt stehn:
Lewwer duad üs Slaav!

Bettelpack, fährt ihn der Amtmann an,
Und die Stirnader schwillt dem geschienten Mann:
Du frißt deinen Grünkohl nicht eher auf,
als bis dein Geld hier liegt zu Hauf.
Der Priester zischelt von Trotzkopf und Bücken
Und verkriecht sich hinter des Eisernen Rücken.
O Wort, geh nicht unter:
Lewwer duad üs Slaav!

Pidder Lüng starrt wie wirrsinnig den Amtmann an.
Immer heftiger in Wut gerät der Tyrann,
Und er speit in den dampfenden Kohl hinein:
Nun geh an deinen Trog, du Schwein.
Und er will, um die peinliche Stunde zu enden,
Zu seinen Leuten nach draußen sich wenden.
Dumpf dröhnt’s von drinnen:
Lewwer duad üs Slaav!

Einen einzigen Sprung hat Pidder getan,
Er schleppt an den Napf den Amtmann heran
Und taucht ihm den Kopf ein und läßt ihn nicht frei,
Bis der Ritter erstickt ist im glühheißen Brei.
Die Fäuste dann lassend vom furchtbaren Gittern,
Brüllt er, die Türen und Wände zittern,
Das stolzeste Wort:
Lewwer duad üs Slaav!

Der Priester liegt ohnmächtig ihm am Fuß;
Die Häscher stürmen mit höllischem Gruß,
Durchbohren den Fischer und zerren ihn fort,
In den Dünen, im Dorf rasen Messer und Mord.
Pidder Lüng doch, ehe sie ganz ihn verderben,
Ruft noch einmal im Leben, im Sterben
Sein Herrenwort:
Lewwer duad üs Slaav!

Siegfried Lenz

Die Stimme von Siegfried Lenz ist nicht mehr.

Siegfried Lenz

Siegfried Lenz

Am 7. Oktober 2014 starb einer der bedeutendsten Erzähler deutscher Nachkriegsliteratur.

Für den Frieden sind alle zuständig
Am 9. Oktober 1988 bedankte sich Siegfried Lenz in der Frankfurter Paulskirche für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels unter anderem mit folgenden Worten:

„Soviel ist sicher: Wo es um die Sache des Friedens geht, gibt es keine Inkompetenz. Jeder hat seinen Traum, jeder ist betroffen, wer sich um Frieden sorgt, hat das Recht, mitzureden, und wer gelitten hat, ist zuständig; denn Leiden, so glaube ich, sind Legitimation genug. Wir wollen den Herren der Staatskunst nicht die Kompetenz bestreiten – und die alleinige Kompetenz indes, für den Frieden tätig zu sein, können wir ihnen nicht zubilligen.“

„Geschichtliche Erfahrung rät uns, auf eigenem Mitspracherecht zu bestehen, und das heißt: das Wort zu nehmen – und ein Wort nehmen ist gleichbedeutend mit Handeln -, wenn wir den Frieden bedroht sehen. Und er ist immer bedroht, immer löcherig, im Kleinen wie im Großen. Keine Zeit – von den alttestamentarischen Propheten bis zu den heißer gewordenen Kassandras unserer Tage -, in der das Sehnsuchtsziel Friede nicht in Gefahr gesehen wurde.“

„Der oft verheißende neue Mensch – der friedfertige, der konfliktfreie, der gute Mensch – schritt bisher unter keinem Horizont hervor, und es ist nicht schwer vorauszusagen, dass wir vergeblich auf ihn warten werden. Gezwungen, mit offenen Problemen zu leben, müssen wir uns anscheinend auch mit einem Frieden abfinden,der immer etwas zu wünschen übrig lässt – was aber heißt, dass wir nicht nur zu begleitender Sorge, sondern je nach Möglichkeit auch zu gebotener Handlung aufgefordert sind. Mag er auch ausgefragt sein als Begriff, als Thema, als Wunschzustand, mag er auch erforscht und erkundet sein in seinen vielfältigen Bedingungen und Voraussetzungen, immer wird der Friede Aufgabe bleiben, denn wo er herrscht: Er ist allemal unvollkommen.“

„Als Schriftsteller habe ich erfahren, wie wenig Literatur vermag, wie dürftig und unkalkulierbar ihre Wirkung war und immer noch ist. ( … ) Kein Werk der Einbildungskraft reichte aus, um die Folter abzuschaffen, Kinder vor dem Hungertod zu bewahren, die Rechte Andersdenkender zu sichern. Literatur hat auch nicht verhindern können, dass Millionen unter der Armutsgrenze leben, dass wir zu Gefangenen monströser Bürokratien geworden sind, und dass wir fassungslos dem Sterben unseres Planeten zuschauen müssen.“

„(…) Nein, es ist nicht weit her mit der greifbaren Wirkung von Literatur; der Geschichtenerzähler von heute, der immer noch aus einer Art Notwehr handelt, hat manche Gründe zur Mutlosigkeit, und er wird, seine entäuschten Hoffnungen bilanzierend, zugeben, dass Literatur niemals die Politik ersetzen kann.“

„Welche Gefahr von Wörtern immer noch auszugehen scheint, belegt ein Bericht des Komitees im Internationalen PEN-Club: ‚Writers in Prison‘. Es ist der einstweilen letzte Bericht vom Juli 1988, und er besagt, dass zu diesem Zeitpunkt 305 Schriftsteller und Journalisten in den Gefängnissen von Ländern saßen, zu denen wir wirtschaftliche, kulturelle und sogar freundschaftliche Beziehungen unterhalten. (…) Die Gründe, die zu Verhaftung und Anklage führten, sind uns allesamt bekannt; es sind die alten, die trostlosen, die schmierigen Gründe, die eine argwöhnische Macht zur Hilfe nimmt, um die Störer der Kirchhofsruhe zum Schweigen zu bringen. (…) Das uns allen verheißende Wohlgefallen auf Erden wird sich erst dann einstellen, wenn die Freiheit des Wortes für jedermann garantiert ist. Sie gehört zum Frieden.“

„Die Untaten anderer sind kein Argument der Entlastung. Auschwitz lässt sich nicht im historischen Vergleich erfassen. (…) Und Auschwitz lässt sich auch nicht verstehen. So seltsam es klingen mag: Auschwitz bleibt uns anvertraut. Es gehört uns, so wie uns die übrige eigene Geschichte gehört. Mit ihr in Frieden zu leben ist eine Illusion; denn die Herausforderungen und Heimsuchungen nehmen kein Ende. (…) Der Friede, der uns entspricht, schließt meist Verstörungen durch das Gedächtnis aus. Jedoch: Unversöhnt mit der Vergangenheit, sind wir um so leidenschaftlicher für den Frieden.“

„Wir haben Anlass zu der Frage: Wieviel trägt und erträgt er noch, der alte ramponierte Planet, und wenn wir an den Frieden denken, zu dem ja auch Sattsein und Warmsein gehören: Wie vielen wird, angesichts der Explosion der Weltbevölkerung, die Hoffnung auf ein friedsames Leben bleiben? (…) Wir werden den Frieden nicht gewinnen, wenn wir nicht bereit sind, uns des Elends der Dritten Welt anzunehmen, des gegenwärtigen und des noch furchtbareren in der Zukunft.“

„Es zeigt sich, dass der Friede, in dem wir leben, aus mehrfachen Gründen unfertig ist, dass wir sozusagen am Rande des Friedens leben. Wir leben im Frieden und sind dennoch der Gewalt ausgeliefert, einer privilegierten, von den Ämtern gesegneten Gewalt, die unsere Welt immer unbewohnbarer macht. Gegen unseren Willen nimmt man uns Seen und Meere, lässt unsere Flüsse sterben, skelettiert unsere Wälder.“

„Das Ende des Lebens auf unserem Planeten ist vorstellbar geworden. Die Schöpfung stirbt langsam. (…) Sie kann an unserer Verachtung der Schöpfung und an unserem Egoismus zugrunde gehen. (…) Wir leben im Frieden, in einem unfertigen, notdürftigen, immer gefährdeten Frieden. Die Kräfte bedenkend, die ihm entgegenstehen, die Belastungen zählend, denen er ausgesetzt ist, die Aufgaben prüfend, die er uns stellt, möchte ich das, womit wir dem Frieden heute dienen können, mit wenigen Worten sagen: Widerstand gegen die, die den Frieden bedrohen, mit ihrem Machtverlangen, mit ihrer Selbstsucht, mit ihren rücksichtslosen Interessen.“

Zeitungsartikel von 1988 wahrscheinlich aus der Heidenheimer Zeitung. Ein ausgeschnittener Bericht, den ich im Nachlass meines Schwiegervaters fand.

Gestern strahlte der Fernsehsender „ARTE“ eine kleine Hommage für Siegfried Lenz aus.

Siegfried Lenz – Schriftsteller und Menschenfreund – Mein Leben

Am 23.März 2010 stellte ich auf meinem (alten) Blog lou-salome folgende Buchbesprechung ein:

Die Novelle „Schweigeminute“ erzählt von der Liebe. Von einer Liebe, die, als sie gerade erst beginnt, durch einen tödlichen Unfall ein jähes Ende findet.
Christian ist ein achtzehnjähriger Gymnasiast und hat sich in seine etwas ältere, äusserst attraktive Englischlehrerin verliebt. Sie erwidert seine Liebe und irgendwie schaffen die Zwei das Unmögliche, diese Beziehung geheim zu halten.
Den Rahmen dieses Büchleins bildet die Schulaula von Christian.
Im vollbesetzten Saal findet die Trauerfeier für Stella Petersen statt; sie war an der Schule bei Kollegen-innen und Schüler-innen sehr beliebt. Und während der Schweigeminute ( = die reale Erzählzeit = eine Minute ) blickt Christian, auf den Sommer seiner Liebe zurück ( = erzählte Zeit = ein Sommer lang ).

Eine kleine Stadt an der Ostsee, Seemannsjargon, viel Sonne, Fischer, Schiffe ( – Jollen – Dingis, – Segler, -Fischkutter, – Lastkähne), Hafenarbeiten, eine Liebe zweier Menschen, die man zwischen den Zeilen herauslesen muss, eigentlich alles ziemlich unaufgeregt.
Doch Lenz versteht mit seinem etwas lakonischen Erzählstil den Leser mit auf die Reise zu nehmen, hinaus auf ein herrlich weites Prosameer. Und dort draussen findet sich konturenhaft die Sage der Mesuline (oder das Kunstmärchen der kleinen Meerjungfrau), z.B. wie auf Seite 23:
während eines Strandfestes sucht ein als heimischer Wassergott verkleideter Fischer sich eine Meerfrau ( Stella), oder das gemalte Portrait, das Stella als Meerfrau mit einem schönen gebogenen Fischschwanz zeigt.
Dies ist sicher nicht der eigentliche Kern der Novelle, aber es ergänzt.
Leise vernimmt der Leser das tiefe Thema der Vergänglichkeit, die Unmöglichkeit von vollendetem Glück und auch dass die irdische Liebe zeitlich begrenzt ist.

Der Schriftsteller Siegfried Lenz ist 84 Jahre alt. „Schweigeminute“ ist eine Novelle aus dem Jahr 2008. Ein zeitlos schöner Erzählband!

Melusine