Kleine Weisheit

Ein hoher Lastwagen fuhr durch eine Eisenbahnunterführung, blieb aber zwischen den Brückenträgern und der Straße stecken. Alle Bemühungen von Fachleuten, ihn wieder frei zu bekommen, erwiesen sich als nutzlos, und der Verkehr staute sich kilometerlang auf beiden Seiten der Unterführung.

Ein kleiner Junge versuchte immer wieder, die Aufmerksamkeit des Vorarbeiters auf sich zu lenken, wurde aber stets weggestoßen. Schließlich sagte der Mann in schierer Verzweiflung:

„Du bist wohl gekommen, um uns zu sgaen, wie wir die Sache anpacken sollen!“

„Ja“, sagte der Junge, „ich würde vorschlagen, etwas Luft aus den Reifen zu lassen.“

(~~~>  Ich habe leider keine Quellenangabe )

jbs 2ooodreizehn

Matala 2ooodreizehn

Matala 2ooodreizehn ( für A.O. )

 

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Die Reise nach Armenien

Rosen stechen durch das Tuch

Rosen stechen durch das Tuch

Rosarot an Blau

Rosarot an Blau

Agave

Agave

... trennten mit ihren Radreifen den immergrünen Berg auf, ...

… trennten mit ihren Radreifen den immergrünen Berg auf, …

Rosen stachen durch das Tuch, das zahme Bärenjunge mit dem grauen, altrussischen Schnäuzchen des gefoppten Dummkopf Iwan winselte, und sein Winseln schnitt ins Glas. Direkt vom Meer rollten frische Automobile heran, trennten mit ihren Radreifen den immergrünen Hang hinauf . . . Aus der Palmrinde quoll der graue Bast der Theaterperücken, und im Park schossen, wie zentnerschwere Kerzen, blühende Agaven jeden Tag um eine Daumenlänge in die Höhe.

Ossip Mandelstam – Die Reise nach Armenien

unen enkh, tündük, aitmatov und steppentöne

unen enkh, tündük, aitmatov und steppentöne

vom 27.03.2013 ( lou salome – blog )

„Und dieses Buch, es ist mein Körper,
Und dieses Wort, es ist meine Seele …“

„Ja, bitte, noch eine Schale Kumys!“
Kumys ist milchweiß und schmeckt säuerlich, prickelnd, mit mandelartigem Nachgeschmack. Das Nationalgetränk aus vergorener und geräucherter Stutenmilch schmeckt nicht nur mir. Nippend beobachte ich die Jurtensiedlung am Fuß grauer Felsen, die sie sich wie frische Champignonköpfe aus satten grünen Matten hervor schieben.
Leider müssen wir weiter. Kurze Zeit später stapfen wir mit unseren Pferden bergab, winken bunten flatternden Röcken zurück, fixieren unsere Blicke auf den Pfad und dann wieder weit voraus auf den blassblauen Spiegel des Issyk Kul. Der „Heiße See“. Er liegt mitten im Tian Shan, den „Himmelsbergen“ und ist der See, über den der berühmte kirgisische Dichter seinen „Weißen Dampfer“ ziehen ließ. Wir wandern durch Tschingis Aitmatovs Land.
Mehrere tausend Jahre zogen die Kirgisen als Nomaden durch die Berge, begleitet von einer praktischen Unterkunft, die in zwei Stunden auf-und abzubauen ist.
Der Jurte.
Aus einem kreisförmigen Scherengitter, sechs oder sieben Meter im Durchmesser, ragen Stangen schräg hoch zur Mitte und treffen sich im Tündük. Was für eine ausgeklügelte Konstruktion!
Matten aus Federgras sind rundum ans Holz gebunden, dicke Filzbahnen mit Kordeln und Tauen darüber festgezurrt. Teppiche über einer Plastikplane bedecken den Boden, Filzstreifen mit farbenprächtigen Ornamenten schmücken die Wände …

Also, obiger Text ist nach einer Reisebeschreibung entstanden. Ich selbst war noch nie in Kirgisien. Wenn man allerdings Bücher von Tschingis Aitmatov liest, hat man das Gefühl, sich auf weiter kirgisischer Ebene zu befinden. Man reitet unter silberner Mondsichel einer Herde Yaks entgegen, über dem Rücken der Pferde spürt man die federnde Steppe, die Sättel knarren und ächzen und aus der Ferne … still! … leise! hörst du auch die fernen Töne? Ob das Dschamilja und Danijar sind?

Wunderschön, wild und anmutend sind Aitmatov’s Texte. Klage und Sehnsucht spricht aus ihnen heraus. Und im „Ein Tag länger als ein Leben“ zitiert Aitmatov Grigor Narekazi, einen Mönch aus dem 10. Jahrhundert:

Und dieses Buch, es ist mein Körper,
Und dieses Wort, es ist meine Seele … .

Unen Enkh wurde 1958 in der Mongolei geboren. Nach einem Studium für angewandte und Bildende Kunst in Prag und Budapest lebt und arbeitet er seit 1988 als freier Künstler und Illustrator in Deutschland.
Nach öffnen des eingefügten Links bekommt man eine Jurteninstallation des Künstlers zu entdecken:

http://www.museum-biedermann.de/cms/upload/ausstellung/Back_To_The_Roots/Enkh_oT_breit.jpg

und hinter diesem Link verstecken sich weitere Werke des Künstlers:

http://www.enkh.de/#oben

Er war im vorletzten Jahr mit seiner Ausstellung in unserer Stadt. Es war hochinteressant, wie aus der Verarbeitung von Rosshaar, das Biegen von Eisendrähten und das Knoten von Hanfschnüren Installationen entstehen können.

jbs 2ooodreizehn

Altai Kai – Altai Argimak – Musikvideo

Augen in der Großstadt

"Du gehst dein Leben lang auf tausend Straßen;"

Du gehst dein Leben lang auf tausend Straßen

Augen in der Großstadt

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
da zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? vielleicht dein Lebensglück…
vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang, die
dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hast’s gefunden,
nur für Sekunden…
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück…
Vorbei, verweht, nie wieder.

Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Er sieht hinüber
und zieht vorüber …
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das?
Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.

Kurt Tucholsky 1930

aus: Kurt Tucholsky, Gedichte Rowohlt-Verlag, Seite 689<

Caroline Peters rezitiert „Augen in der Großstadt“ von Kurt Tucholsky

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten/frankfurter-anthologie/gedichtlesungen/frankfurter-anthologie-kurt-tucholsky-augen-in-der-grossstadt-12038079.html

aus:  Frankfurter Allgemeine – Frankfurter Anthologie – Bilder und Zeiten

das ( nicht gesprochene ) wort

Wörterleine

Luftwörter im Wind

das ( nicht gesprochene ) wort

 

könnten heiße, nicht

gesprochene worte schmelzen,

dann stünden wir

bis zu den knöcheln

im kochendem wasser

 

so aber

hängen sie

in der luft

tropfen

flattern

ruhelos

zwischen war

und ist

und wird

unsichtbar

sichtbar

 

überschlagen lautlos

die garantie für wege

ins glück

und zurück

 

warum?

nicht?

gleich?

 

vielleicht,

denke ich,

vielleicht hat niemand

die buchstaben

gesehen

wie sie sich

reiben

wie sie

klopfen

wie sie

prahlen

 

und dann

geht irgendwo der tag unter

auch hinter lagerhallen

und wenn du

die zeichen siehst

sie leichtfüßig fängst

und zusammensetzt

pulsiert das wort

wieder

gesprochen

versprochen!

 

jbs 2ooodreizehn